Bauer, Angela
Konflikte in Musikschulen
Erfahrungen und Wege zum konstruktiven Umgang
Musikschulen sind Orte der Begegnung, und wo Begegnung stattfindet, entstehen auch Konflikte.
Als Musikschulleiterin erlebe ich täglich Konflikte: zwischen pädagogischen Ansprüchen und organisatorischen Grenzen, zwischen individuellen Bedürfnissen und institutionellen Aufgaben. Konflikte gehören zu meiner Berufsrealität, sei es im Unterricht, in Teams, in Gesprächen mit Eltern oder in der Zusammenarbeit mit der Verwaltung.
Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, Konflikte nicht nur als Hindernisse zu sehen, die es zu überwinden gilt, sondern sie viel mehr auch als Wegweiser und Entwicklungschancen wahrzunehmen, für Einzelne ebenso wie für ganze Teams oder Institutionen. Wenn wir sie ernst nehmen und offen ansprechen, können sie Prozesse in Gang setzen, Missverständnisse klären und vor allem die vertrauensvolle Zusammenarbeit stärken.
Bevor ich die Konfliktfelder innerhalb einer Musikschule näher beschreibe, möchte ich kurz auf die Begriffe Meinungsverschiedenheit und Konflikt eingehen.
Meinungsverschiedenheit oder Konflikt?
Eine Meinungsverschiedenheit bezeichnet unterschiedliche bis gegensätzliche Meinungen oder Einschätzungen bei den Teilnehmenden einer Diskussion oder Debatte. Meinungsverschiedenheiten können zu heftigen Auseinandersetzungen mit hitzigen Wortwechseln, harten Wortgefechten oder gar Streit führen.1
Konflikte sind in jeder sozialen Gemeinschaft keine Ausnahme, sondern Normalität. Sie sind nicht grundsätzlich negativ zu bewerten, im Gegenteil: Sie gehören zu den notwendigen Begleiterscheinungen lebendiger Zusammenarbeit. Wo Menschen miteinander arbeiten, lernen und gestalten, treffen unterschiedliche Sichtweisen, Interessen und Bedürfnisse aufeinander. Diese Reibung ist nicht nur unvermeidbar, sondern oft auch der Ausgangspunkt für Entwicklung.2 „Konflikte sind eine unvermeidbare und für den sozialen Wandel notwendige Begleiterscheinung des Zusammenlebens in allen Gesellschaften.“3
Übertragen auf die Musikschule bedeutet das: Konflikte entstehen überall dort, wo pädagogische, künstlerische und organisatorische Ansprüche zusammenkommen. Das ist der Fall an den Berührungspunkten zwischen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern, Eltern, Verwaltung und Leitung. Eine vollständige Vermeidung von Konflikten ist daher weder realistisch noch wünschenswert. Sie würde Innovation, Austausch und Veränderung verhindern.
Wichtig ist also die Frage, wie wir mit Konflikten umgehen. Ziel einer professionellen Konfliktkultur in der Musikschule sollte nicht die Vermeidung von Konflikten, sondern das konstruktive Miteinander sein. Wir müssen also Wege finden, Spannungen offen, respektvoll und lösungsorientiert auszutragen. So können aus Konflikten produktive Lern- und Entwicklungsimpulse für alle Beteiligten entstehen, für einzelne Menschen ebenso wie für die Institution als Ganzes.4
Ziel einer professionellen Konfliktkultur in der Musikschule sollte nicht die Vermeidung von Konflikten, sondern das konstruktive Miteinander sein.
Nicht jede Meinungsverschiedenheit ist ein Konflikt. Während Meinungsverschiedenheiten durch Austausch und einfache Klärung oft rasch gelöst werden können, sprechen wir von einem Konflikt, wenn Positionen oder Bedürfnisse so stark gegensätzlich sind, dass sie Spannungen verursachen, blockieren oder das Miteinander belasten. Gerade in Musikschulen lohnt es sich, diesen Unterschied bewusst wahrzunehmen, um Konflikte nicht kleinzureden, aber auch nicht unnötig zu dramatisieren.
Zur Verdeutlichung des Unterschieds zwischen einer Meinungsverschiedenheit und einem Konflikt ein Beispiel aus dem Musikschulalltag: Im Kollegium einer Musikschule wird über die Gestaltung eines Schülerkonzerts diskutiert. Kollegin A bevorzugt ein klassisches Programm, Kollege B möchte moderne Popstücke einbeziehen. Die Diskussion bleibt zunächst sachlich, denn beide hören einander zu und finden einen Kompromiss. Einige Zeit später zeigen sich jedoch Spannungen: A fühlt sich mit ihren Ideen nicht ernst genommen, B glaubt, seine Beiträge würden systematisch übergangen. Was zunächst eine Meinungsverschiedenheit über Inhalte war, wird nun persönlich. Jetzt geht es um Anerkennung und Gerechtigkeit. Die Kommunikation kippt und die Stimmung im Team leidet.
Dieses Beispiel zeigt: Eine Meinungsverschiedenheit bleibt lösbar, solange sie offen angesprochen und auf der Sachebene bearbeitet wird. Ein Konflikt entsteht, wenn Emotionen und unausgesprochene Erwartungen ins Spiel kommen und die Beziehungsebene belastet wird.
Konflikte in der pädagogischen Arbeit
Lehrkraft und SchülerIn: Beziehung, Anspruch und neue Lernräume
Der klassische Instrumentalunterricht ist traditionell ein binäres System: Lehrkraft und Schülerin oder Schüler. Zwei Erfahrungswelten treffen aufeinander, oft mit asymmetrischer Machtverteilung. Das Rollenverständnis hat sich im Lauf der Zeit gewandelt: weg vom autoritären Vorbild, hin zur begleitenden Coach-Rolle. In der Praxis zeigt sich jedoch ein Spannungsfeld. Manche Schülerinnen und Schüler wünschen klare Führung, andere fordern Mitsprache. Lehrkräfte müssen heute nicht nur musikalisch, sondern auch beziehungspädagogisch hoch kompetent agieren.
Konflikte entstehen insbesondere, wenn Zielvorstellungen und Lernwege auseinanderdriften. Während ich beobachte, dass Lehrkräfte meist die langfristige Entwicklung im Blick haben, reagieren Schülerinnen und Schüler stärker auf kurzfristige Belastungen wie z. B. schulischer Stress oder fehlende Erfolgserlebnisse. Die Lehrkraft steht dann vor der Frage, wann sie fordern sollte und wann es klüger ist loszulassen.
1 sehr ausführlich und mit vielen Beispielen beschrieben in: Mai, Jochen: „Meinungsverschiedenheit: Definition, Beispiel, wie lösen?“, https://karrierebibel.de/meinungsverschiedenheit (Stand: 5.1.2026).
2 ebd.
3 Ropers, Norbert: Friedensentwicklung, Krisenprävention und Konfliktbearbeitung. Technische Zusammenarbeit im Kontext von Krisen, Konflikten und Katastrophen, Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), Eschborn 2002 S. 11.
4 vgl. Schrader, Lutz: „Was ist ein Konflikt?“, Bundeszentrale für politische Bildung, https://www.bpb.de/themen/kriege-konflikte/dossier-kriege-konflikte/54499/was-ist-ein-konflikt (Stand: 5.1.2026).
Lesen Sie weiter in Ausgabe 1/2026.


