Krämer, Thomas

Kon­tra­punkt

Polyphone Musik in Selbst­studium und Unterricht

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2012
erschienen in: üben & musizieren 5/2012 , Seite 56

Ein wei­te­res Buch zu einer his­to­ri­schen Satz­tech­nik? Der Autor, Hoch­schul­leh­rer für Musik­theo­rie, möch­te sich von der Tra­di­ti­on der Kon­tra­punkt­leh­ren abset­zen, indem er die Stil­ko­pie, das Selbst­schreiben, als metho­di­schen Königs­weg in den Vor­der­grund stellt. Sys­te­ma­ti­sie­ren­de, musik­wis­sen­schaft­li­che Zugän­ge wer­den laut Vor­wort aus­ge­schlos­sen: Das Buch wur­de „für Musi­ker“ geschrie­ben und ist für das Selbst­stu­di­um gedacht.
Ein ambi­tio­nier­tes Unter­fan­gen – und tat­säch­lich beein­druckt die Kom­bi­na­ti­on aus stil­kund­lich ori­en­tier­ten Ana­ly­sen, satz­tech­nisch aus­ge­rich­te­ten Schreib­übun­gen und aus­führ­li­chen Unter­su­chun­gen an Ori­gi­nal­kom­po­si­tio­nen der jeweils unter­such­ten Gen­res und Epo­chen, die in die­ser Fül­le bis­her kein Kon­tra­punkt-Lehr­buch auf­weist. Zum beacht­li­chen Umfang von 488 Sei­ten trägt auch das Anlie­gen des Autors bei, Kon­tra­punkt in grö­ße­re Zusam­men­hän­ge und Ver­net­zun­gen mit Har­mo­nie­leh­re und Gene­ral­bass zu stel­len und ihn von der Rol­le einer iso­lier­ten Dis­zi­plin zu befrei­en. So gibt es einen Vor­kurs in All­ge­mei­ner Musik­leh­re und Exkur­se zu Tex­tie­rung, Har­mo­nie­leh­re und Gene­ral­bass, die den Rah­men weit ste­cken. Alle wich­ti­gen Gat­tun­gen der jewei­li­gen Stil­be­rei­che wer­den behan­delt. Mit zuneh­men­der Kom­ple­xi­tät nimmt aller­dings der rein ana­ly­sie­ren­de Anteil zu.
Alle Kapi­tel ent­hal­ten Auf­ga­ben: „klas­si­sche“ Satz­auf­ga­ben nach Fux’schem Vor­bild, Kor­rek­tur­auf­ga­ben feh­ler­haf­ter Vor­la­gen sowie Lücken­auf­ga­ben zu Ori­gi­nal­kom­po­si­tio­nen. Der Lösungs­teil umfasst 70 Sei­ten; aller­dings wer­den dem Leser als Lösun­gen zu den Lücken­auf­ga­ben von Ori­gi­nal­bei­spie­len meist unkom­men­tier­te Kom­plett­fas­sun­gen der Ori­gi­na­le gezeigt.
Der Auf­bau der Kapi­tel folgt strikt der anstei­gen­den Stim­men­zahl: Der Ein­stim­mig­keit wird brei­ter Raum gewährt, sodann wird jede Stim­men­zahl bis zur Sech­zehn­stim­mig­keit behan­delt, und zwar jeweils in ihren Aus­prä­gun­gen und typi­schen Gat­tun­gen vom 15. bis zum Ende des 19. Jahr­hun­derts. Dabei spie­len natur­ge­mäß die poly­fo­nen Kom­po­si­tio­nen der Renais­sance und des Barock die wich­tigs­te Rolle.
Das Gros der satz­tech­ni­schen Übun­gen folgt der seit Fux üb­lichen Sys­te­ma­tik der Kontrapunkt-„Gattungen“ vom Satz Note gegen Note über kür­ze­re und gemisch­te Noten­wer­te bis hin zum „flo­ri­dus“ in ver­schie­de­nen Kom­bi­na­tio­nen und anstei­gen­der Stim­men­zahl. Der ein­stim­mi­gen Linie wird beson­de­re Sorg­falt gewid­met. Dies führt bis­wei­len zu frag­wür­di­gen Ergeb­nis­sen, weil man­che melo­disch-rhyth­mi­schen Wen­dun­gen erst in Stimm­kom­bi­na­tio­nen ihren Sinn offen­ba­ren. Bedenk­lich erscheint auch der Ansatz, eine melo­disch beweg­te Ein­zel­stim­me eines poly­fo­nen Werks aus dem 16. Jahr­hun­dert als Aus­fi­gu­ra­ti­on einer ein­stim­mi­gen Gan­ze-Noten-Linie zu interpretieren.
Der Men­ge des Stoffs, die umfas­sen­de Berück­sich­ti­gung aller Gat­tun­gen und die Fokus­sie­rung auf satz­prak­ti­sche Aspek­te füh­ren zu recht knap­per Behand­lung ein­zel­ner Phä­no­me­ne, etwa beim Pale­stri­na-Stil, der nicht durch eini­ge ele­men­ta­re kon­tra­punk­ti­sche Anwei­sun­gen zu fas­sen ist, oder bei der vier­stim­mi­gen Fuge für Tas­ten­in­stru­men­te, die, obwohl als Königs­dis­zi­plin bezeich­net, auf nur sie­ben Sei­ten behan­delt wird. Auch auf eine sys­te­ma­ti­sche, tief­ge­hen­de Dar­stel­lung sti­lis­ti­scher Aspek­te (Figu­ren­leh­re, secon­da prat­ti­ca, laten­te Mehr­stim­mig­keit und ande­res) wird meist verzichtet.
Den „künst­li­chen“ Satz-Etü­den wer­den jeweils Bei­spie­le aus kom­po­nier­ter Musik der jewei­li­gen Gat­tung und Epo­che gegen­über­ge­stellt, wobei die qua­li­ta­ti­ven Unter­schie­de zwi­schen der „leben­di­gen“ Musik und der regel­kon­form aus­ge­führ­ten Ton­satz-Etü­de sehr deut­lich wer­den. Musi­ka­li­sche Qua­li­tät, schwer durch Regeln oder Stil­ana­ly­se fass­bar, tritt in den Ori­gi­nal­bei­spie­len auto­nom zu Tage, und zwi­schen die­sen und den kor­rek­ten Lösungs­ver­sio­nen der Ton­satz-Etü­den tut sich eine fühl­ba­re didak­ti­sche Distanz auf.
Zuneh­mend frag­lich wird das Prin­zip der Lücken­auf­ga­be an Ori­gi­nal­bei­spie­len bei Barock und Klas­sik: Zu einem wirk­li­chen Ver­ständ­nis der Melo­die­sti­le im Wan­del der Epo­chen und einem sou­ve­rä­nen kom­po­si­to­ri­schen Umgang mit ihnen wäre eine viel tie­fer­ge­hen­de Behand­lung der Stil­merk­ma­le nötig. Und so wir­ken Auf­for­de­run­gen wie „Schrei­be eine vier­stim­mi­ge Fuge für Or­gel über ein The­ma von Max Reger“ doch ein wenig treuherzig.
Fazit: Ein gut les­ba­res, umfang­rei­ches Lehr­buch, des­sen umfas­sen­der Anspruch oft Knapp­heit in Ein­zel­dar­stel­lun­gen zur Fol­ge hat und das des­halb eher für den Unter­richt als für das Selbst­stu­di­um geeig­net erscheint. Dem Autor ist es aber gelun­gen, Kon­tra­punkt aus sei­ner Rol­le als iso­lier­te Dis­zi­plin zu lösen und in kom­po­si­to­ri­sche Gesamt­zu­sam­men­hän­ge einzubinden.
Chris­toph Hempel