Radlmaier, Steffen (Hg)

Mein Song

Texte zum Soundtrack des Lebens

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: ars vivendi, Cadolzburg 2017
erschienen in: üben & musizieren 2/2018 , Seite 23

"Can a song save your life?" lau­tet der Titel einer ame­ri­ka­ni­schen Komö­die von 2013. Und auch wenn wir um die Bedeu­tung von Musik im All­ge­mei­nen und von ein­zel­nen Songs im Beson­de­ren für unser Leben wis­sen, so wären wir uns wahr­schein­lich doch einig, dass es so wört­lich mit dem lebens­ret­ten­den ­Anteil eines Stücks Musik nun auch wie­der nicht gemeint sein kann. Oder doch? Sobald wir im von Stef­fen Radl­mai­er her­aus­ge­ge­be­nen Buch Mein Song die Geschich­te von Esther Beja­ra­no gele­sen haben, sind wir eines Bes­se­ren belehrt: Esther Beja­ra­no, 1924 in Saar­lou­is gebo­ren, wur­de als Jüdin 1943 von den Nazis ins KZ Ausch­witz depor­tiert und über­leb­te den Holo­caust nur, weil es ihr gelun­gen war, mit einem Akkor­de­on Teil des Lager­orches­ters zu wer­den. Das Lied Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami von Theo Mackeben und Hans Fritz Beck­mann, das sie immer wie­der spie­len muss­te, ret­te­te ihr tat­säch­lich das Leben. Nach der Befrei­ung aus dem KZ hat sie die­ses Lied nie wie­der gespielt.
71 mehr oder weni­ger bekann­te Per­so­nen erzäh­len in Stef­fen Radl­mai­ers Samm­lung, wel­ches Musik­stück für ihr Leben eine beson­de­re Bedeu­tung hat. Dabei geht es selbst­ver­ständ­lich und glück­li­cher­wei­se, anders als bei Esther Beja­ra­no, in der Regel nicht ums nack­te Über­le­ben. Aber eben doch meist um ein­schnei­den­de Erleb­nis­se mit Musik, die den Men­schen, die uns davon erzäh­len, bis heu­te in Erin­ne­rung geblie­ben sind.
Auch wenn der Begriff „Song“ in die­sem Buch eben­so Bei­spie­le aus der klas­si­schen Musik umfasst wie etwa Am Brun­nen vor dem Tore aus Schu­berts Win­ter­rei­se – genannt vom Schwei­zer Kaba­ret­tis­ten Franz Hoh­ler – oder sogar Brünn­hil­des Todes­ver­kün­di­gung aus der Wal­kü­re – das Lieb­lings­stück der Schrift­stel­le­rin Zsuz­sa Bánk –, so stammt doch, wie nicht anders zu erwar­ten, die über­wie­gen­de Mehr­heit der genann­ten Stü­cke aus dem Bereich der Pop- und Rock-Musik. Eine Erklä­rung dafür könn­te sein, dass wir – so jeden­falls legen es die Erzäh­lun­gen die­ses Buchs nahe – „unse­ren Song“ oft in einer Lebens­pha­se fin­den, in der wir uns zum ers­ten Mal exis­ten­zi­el­le Fra­gen stel­len und per­sön­li­che Lebens­kri­sen meis­tern müs­sen; sprich: in der Puber­tät.
Ers­ter Lie­bes­kum­mer, die Ent­de­ckung des eige­nen unper­fek­ten Kör­pers, Gefüh­le von Ein­sam­keit; oder auch genau das Gegen­teil, Glücks­ge­füh­le beim ers­ten Urlaub ohne Eltern, mit Freund oder Freun­din, ers­te Lie­be, ers­ter Kuss: In der Puber­tät trifft Rock- und Pop­mu­sik auf offe­ne Tore im Gefühls­le­ben und plötz­lich wird die­ser eine Song zum Ret­tungs­an­ker, Glücks­brin­ger und zu einer Erin­ne­rung, die uns oft ein Leben lang beglei­tet. „Wie Welt­angst, Welt­schmerz und Welt­be­geh­ren in den bes­ten Pop­songs zusam­men­ge­hen, ist ein Geschenk von noch-jun­gen Pop­künstlern an wirk­lich-blut­jun­ge Pop-Hörer“, for­mu­liert der Schrift­stel­ler Georg Klein. „Und im Gegen­zug ver­eh­ren die­se ihre Ido­le als Hel­den der immer län­ger gedehn­ten Lebens­zwi­schen­zeit Puber­tät.“ Der Schrift­stel­ler Klaus Modick zitiert zwar Leo­nard Bern­stein mit den Wor­ten, die Musik der Beat­les kön­ne sich mit der Schu­berts mes­sen, stellt jedoch im Gegen­zug klar: „In den Augen bzw. Ohren mei­ner Genera­ti­on konn­te Schu­bert sich aller­dings nicht mit den Beat­les mes­sen.“
Apro­pos: Die 71 Autorin­nen und Autoren in die­sem Buch nen­nen ins­ge­samt 76 „Songs“, die für ihr Leben bedeut­sam sind. Dopp­lun­gen ein­zel­ner Stü­cke gibt es kei­ne, immer­hin jedoch stam­men drei Songs von den Beat­les, die sich damit auf den zwei­ten Platz schie­ben. Den drit­ten Platz mit je zwei Nen­nun­gen tei­len sich die Rol­ling Stones, The Who und Bruce Springste­en. Und auch dies sicher kein Zufall: Unan­ge­foch­te­ner „Sie­ger“ mit fünf genann­ten Songs ist – Bob Dyl­an, Trä­ger des Lite­ra­tur-Nobel­prei­ses. „Ohne Bob Dyl­an wäre ich ein ande­rer gewor­den“, so der Schrift­stel­ler und Thea­ter­au­tor Fried­rich Ani. Und für Hel­mut Haberkamm war der Englisch­un­ter­richt plötz­lich der Zugang zu Bob Dyl­ans Tex­ten: „Auf ein­mal war Eng­lisch kein Schul­fach mehr, son­dern eine Hoch­span­nungs­lei­tung im Voka­bel­ge­wit­ter. Und ich war ange­schlos­sen ans Stark­strom­ka­bel der Spra­che.“
Die über­wie­gen­de Mehr­heit derer, die in die­sem Buch zu Wort kom­men, stam­men aus einer Genera­ti­on, in deren Jugend die Beat­les, Bob Dyl­an oder die Rol­ling Stones die Pop- und Rock­mu­sik domi­nier­ten. Die umfas­sen­de Ver­füg­bar­keit von Musik, wie sie heu­te üblich ist, gab es noch nicht. Das ein­zi­ge Radio stand im Wohn­zim­mer, die ers­te vom eige­nen Geld gekauf­te LP wur­de gehü­tet wie ein Schatz und die neue, bis dahin unge­hör­te Pop- und Rock­mu­sik bil­de­te den Sound zum Auf­be­geh­ren der 68er, zur Wut und zum Lebens­ge­fühl der Nach­kriegs­ge­nera­ti­on.
„Am Anfang war das Lied“, schreibt Her­aus­ge­ber Stef­fen Radl­mai­er. „Die aus­tra­li­schen Ur­einwohner zum Bei­spiel orientie­ren sich an Song­li­nes, unsicht­ba­ren Traum­pfa­den, die den Kon­ti­nent durch­zie­hen.“ Den „Sound­track des Lebens“, so der Unter­ti­tel, möch­te die­ses Buch erfahr­bar machen. Dank You­Tube und Spo­ti­fy kön­nen wir uns heu­te nicht nur lesend, son­dern auch hörend in „die Song-­Li­nes der moder­nen Zei­ten, Traum­pfa­de des kol­lek­ti­ven Bewusst­seins“ (Radl­mai­er) ein­klin­ken. Doch was wür­den Schü­le­rin­nen und Schü­ler heu­te auf die Fra­ge ant­wor­ten, wel­ches „ihr Song“ sei? Wären sie über­haupt in der Lage, den einen Song zu benen­nen, der län­ge­re Zeit über­dau­ert? Über den „Sound­track ihres Lebens“ ins Gespräch zu kom­men, wäre sicher­lich loh­nend und berei­chernd.
Rüdi­ger Beh­schnitt