Keller, Christoph J.

Meta­mor­pho­sen

für Klavier

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Inventio, Braunschweig 2005
erschienen in: üben & musizieren 4/2006 , Seite 69

Die Meta­mor­pho­sen wur­den bereits 1992 für Akkor­de­on kom­po­niert und 1993 für Kla­vier ein­ge­rich­tet. Im Ver­gleich zur ursprüng­li­chen Fas­sung wur­den nur gering­fü­gi­ge Ände­run­gen vor­ge­nom­men wie z. B. die Aus­las­sung dyna­mi­scher Zei­chen auf lie­gen­den Klän­gen, die auf dem Kla­vier nicht aus­führ­bar sind, oder die Hin­zu­fü­gung von detail­lier­ten Pedal­zei­chen. Der Titel weist auf ein zen­tra­les The­ma jeder kom­po­nier­ten Musik hin: das der musi­ka­li­schen Ent­wick­lung, der (uner­war­te­ten) Umge­stal­tung und Varia­ti­on,
ohne sich jedoch einer kon­struk­ti­ven Stren­ge unter­wer­fen zu müs­sen.
Aus­gangs­punkt ist ein „Klang“, der sich in einer gleich­mä­ßi­gen rhyth­mi­schen Ach­tel­be­we­gung auf­baut, gewis­ser­ma­ßen dahin­ge­haucht in schwe­ben­den, vor­nehm­lich wei­ten, mit Unter­stüt­zung des Pedals gestal­te­ten Inter­val­len, die eine eige­ne und doch tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne expres­si­ve Ton­spra­che ent­wi­ckeln. Er ver­wan­delt sich über sie­ben Sät­ze (Gesang, Ver­zer­rung, Rück­ge­sang…) hin zu einer kla­ren, gefes­tig­ten har­mo­nisch-melo­di­schen Gestalt, einem in Quart- und Quint­klän­gen ruhig dahin­schrei­ten­den Cho­ral.
Auf dem Weg dort­hin gibt es in den ein­zel­nen Sät­zen melo­di­sche, rhyth­mi­sche, har­mo­ni­sche und aus die­sen musi­ka­li­schen Para­me­tern kom­bi­nier­te Ent­wick­lun­gen. Vir­tuo­se Ele­men­te fin­den sich in der „Bur­les­ke“, die mit ihrem der­ben Cha­rak­ter einen deut­li­chen Gegen­satz zu den ande­ren Sät­zen bil­det und auf den ers­ten Blick wesent­lich höhe­re spiel­tech­ni­sche Anfor­de­run­gen zu stel­len scheint. Doch liegt hier alles gut in der Hand und erscheint oft bekannt, da har­mo­ni­sche und melo­di­sche Pas­sa­gen bereits in den vor­he­ri­gen Sät­zen gegrif­fen und vor allem gehört wur­den, sodass der mitt­le­re Schwie­rig­keits­grad der Stü­cke hier nur leicht über­schrit­ten wird. Das Ursprüng­li­che bleibt in allen Sät­zen immer erkenn­bar „wobei die jewei­li­gen Satz­be­zeich­nun­gen Hin­wei­se auf Form, Cha­rak­ter, Stim­mung oder Klang­bild geben“, wie es der Kom­po­nist im Vor­wort tref­fend beschreibt.
Im Wun­der­land besteht aus 20 Cha­rak­ter­stü­cken mit bild­haf­ten Titeln (Zau­ber­klän­ge, Abend­stim­mung, Lich­ter­glanz…), die einen deut­li­chen Bezug zu den ver­wen­de­ten kom­po­si­to­ri­schen Bau­stei­nen auf­wei­sen (varia­ble und zusam­men­ge­setz­te Metrik, moda­le und freie Tona­li­tät, erwei­ter­te Klang­mög­lich­kei­ten) und die Fan­ta­sie, den Klang­sinn und die Expe­ri­men­tier­freu­de auf eine erfri­schen­de Wei­se anre­gen. So lie­gen den „Zau­ber­klän­gen I-IV“ bestimm­te Inter­val­le zu Grun­de (in den Noten auch ange­ge­ben), die im Zusam­men­spiel mit dem Pedal­ein­satz für einen los­ge­lös­ten, schwe­ben­den Klang und zau­ber­haf­ten musi­ka­li­schen Aus­druck sor­gen. Hier­bei wei­sen genau­es­te Tem­po- und Dyna­mik­an­ga­ben in Ver­bin­dung mit den Pedal­zei­chen deut­lich auf die gewünsch­te musi­ka­li­sche Gestal­tung hin.
Im Gegen­satz hier­zu ste­hen die „Rhyth­mus­spie­le I- III“. Sie sind kon­kret greif­bar, haben Ecken und Kan­ten, wei­sen gleich­zei­tig auch sub­ti­le Klang­un­ter­schie­de auf, die durch den Ein­satz von Hän­de-, Bei­ne-, Deckel­klop­fen etc. her­vor­ge­ru­fen wer­den und die im Wech­sel mit leich­tem Pas­sa­gen­spiel ste­hen. Hin­ter ähn­li­chen Titeln ste­hen gleich­zei­tig auch ver­gleich­ba­re musi­ka­li­sche Aus­drucks­wei­sen, die Gegen­über­stel­lun­gen pro­vo­zie­ren und kom­po­si­to­ri­sche Ent­wick­lungs­pro­zes­se deut­lich wer­den las­sen. So z. B. im „Lich­ter­glanz“ und in den „Stern­schnup­pen“, die mit Hil­fe der Reso­nanz­tech­nik für eine mär­chen­haf­te Stim­mung sor­gen. Zwi­schen­durch sind wie aus wei­ter Fer­ne erklin­gen­de impres­sio­nis­ti­sche und expres­sio­nis­ti­sche Züge wahr­nehm­bar, um jedoch gleich wie­der zu ver­schwin­den, der Ent­wick­lung einer eige­nen musi­ka­li­schen Spra­che den Vor­rang gebend.
Bei­de Kom­po­si­tio­nen ste­hen im mitt­le­ren bis geho­be­nen Schwie­rig­keits­grad und sind her­vor­ra­gend edi­tiert. Sie sind in musi­ka­li­scher und spiel­tech­ni­scher Hin­sicht viel­sei­tig und anre­gend, wobei eine expres­si­ve Klang­lich­keit im Vor­der­grund steht, deren Aus­drucks­kraft unbe­dingt Auf­merk­sam­keit ver­dient.
Romald Fischer