Bartók, Béla

Mikro­kos­mos

Drei Bände

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Wiener Urtext Edition, Mainz/Wien 2016
erschienen in: üben & musizieren 5/2016 , Seite 57

1940 ist Bar­tóks Mikro­kos­mos erst­mals bei Boo­sey & Haw­kes in Lon­don erschie­nen. Heu­te ist die­ses Werk für uns ein einma­liges Kom­pen­di­um, wel­ches in sti­lis­ti­scher und satz­tech­ni­scher Hin­sicht her­vor­ra­gend in die Musik des frü­hen 20. Jahr­hun­derts ein­führt. Ein Meis­ter­werk, das aus dem Reper­toire des Kla­vier­un­ter­richts hin­sicht­lich sei­ner künst­le­ri­schen Aus­sa­ge und ­sei­ner zahl­rei­chen metho­disch-­di­dak­ti­schen Anre­gun­gen nicht mehr weg­zu­den­ken ist.
Nun hat die Wie­ner Urtext Edi­ti­on in gründ­li­cher Recher­che alle sechs Bän­de neu ver­legt, zusam­men­ge­fasst in drei umfang­rei­che Bän­de, wie es von Bar­tók ursprüng­lich vor­ge­se­hen war. Im Vor­wort gehen Micha­el Kube und Jochen Reut­ter aus­führ­lich auf die Ent­ste­hungs­ge­schich­te ein. Hin­wei­se zu Stu­di­um und ­Inter­pre­ta­ti­on vom renom­mier­ten Pia­nis­ten Peter Rog­gen­kamp ergän­zen die hoch­wer­ti­ge Aus­ga­be.
Rog­gen­kamp erläu­tert Bar­tóks Kla­vier­spiel, wie es von Zeit­ge­nos­sen und Schü­lern wahr­ge­nom­men wur­de, und geht zudem auf musi­ka­li­sche Para­me­ter wie Tem­po, Phra­sie­rung, Arti­ku­la­ti­on, Dyna­mik, Ago­gik und Aus­druck ein. Wich­tig sind sei­ne Hin­wei­se zu Fin­gersatz und Pedal­ge­brauch, wie Bar­tók sie sich vor­stell­te, und zu den neu­en Klang­tech­ni­ken. In einem mehr­spra­chi­gen Glos­sar wer­den die zahl­rei­chen Spiel­an­wei­sun­gen des Kom­po­nis­ten über­setzt.
Der Noten­text hält sich an die ursprüng­li­che Aus­ga­be inklu­si­ve klei­ner Kor­rek­tu­ren und ist sehr über­sicht­lich gestal­tet. Etwas Beson­de­res gibt es jeweils im Anhang. Dort fin­den sich Son­der­fas­sun­gen, die Bar­tók für sei­nen Sohn Peter anfer­tig­te. So fin­den wir im ers­ten Band die drei Stü­cke Wel­len, In sie­ben­bür­gi­scher Art und In orienta­lischer Art mit wei­te­ren Akzen­ten ver­se­hen, die Auf­schluss über die Gewich­tung der Phra­sie­rung geben. Der drit­te Band ent­hält im Anhang frü­he­re Fas­sun­gen der Chro­ma­ti­schen Inven­tion (3) und vom Marsch. Hier ist es sehr inter­es­sant, die Fas­sun­gen mit­ein­an­der zu ver­glei­chen, bekommt man so doch einen Ein­blick in den Wan­del des Ent­ste­hungs­pro­zes­ses.
Einen beson­de­ren Schatz bil­den die im Anhang B ent­hal­te­nen bis­her unver­öf­fent­lich­ten Stü­cke. Im ers­ten Band sind es zwei dori­sche Minia­tu­ren. Im zwei­ten dann eine Vor­form von Nr. 63, Gesumm, in lok­ri­scher Ton­art, hier auf H und in grö­ße­ren Noten­wer­ten, spä­ter in der Ori­gi­nal­ver­si­on in Lok­risch auf Fis und in schnel­le­ren Noten­wer­ten notiert. Aller­dings hät­te die­ses Stück in den ers­ten Band gehört. Ein Juwel ist dann noch eine zwei­sei­ti­ge Kom­po­si­ti­on mit Reso­nanz­tö­nen, in der Bar­tók zudem sei­ne von ihm bevor­zug­te Istri­sche Ton­ska­la ein­setzt. Die Stü­cke im Anhang las­sen sich wun­der­bar ergän­zen in Hin­sicht auf Tem­po, Dyna­mik, Artikula­tion und sind somit ein hervor­ragendes Mate­ri­al auch für den Kom­po­si­ti­ons­un­ter­richt.
Die­se Neu­aus­ga­be des Mikro­kos­mos ist abso­lut emp­feh­lens­wert und bie­tet auch denen, die das Werk schon ken­nen, reich­hal­ti­ge Anre­gun­gen zum Ver­tie­fen und Ver­glei­chen. Eine vor­bild­li­che Aus­ga­be.
Chris­toph J. Kel­ler