Karimi, Furugh

Musi­c­Gym

Effektiv üben und unterrichten – stressfrei musizieren

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Breitkopf & Härtel, Wiesbaden 2016
erschienen in: üben & musizieren 6/2016 , Seite 48

Die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten befas­sen sich inten­siv mit der kom­ple­xen Sen­so­mo­to­rik des Musi­zie­rens und haben, auch dank moder­ner Bild­ge­bungs­mög­lich­kei­ten des Gehirns, inzwi­schen immense Erkennt­nis­ge­win­ne erzie­len kön­nen. Aller­dings wis­sen wir auch, dass wir vie­les noch nicht wis­sen.
Klar ist, dass Musi­zie­ren­ler­nen mehr­di­men­sio­nal, in wech­sel­sei­ti­ger Beein­flus­sung kogni­ti­ver, affek­ti­ver und moto­ri­scher Ebe­nen erfolgt und dass Päd­ago­gik, Psy­cho­lo­gie, Medi­zin, Körper­arbeit, Trai­nings- und Neu­ro­wis­sen­schaf­ten bei musi­ka­li­schen Lern­pro­zes­sen inein­an­der­grei­fen. Inso­fern ist ein Buch aus dem päd­ago­gi­schen Erfah­rungs­schatz zur Unter­stüt­zung effek­ti­ven Übens und Unter­rich­tens und stress­frei­en Musi­zie­rens sehr will­kom­men.
Furugh Kari­mi, Flö­tis­tin, Sän­ge­rin und Päd­ago­gin, ver­tritt eine ganz­heit­li­che Flö­ten­päd­ago­gik und befasst sich seit vie­len Jah­ren mit ­Metho­den der Körper­arbeit in der Instru­men­tal- und Gesangs­päd­ago­gik sowie mit der Musik-Kine­sio­lo­gie. Übun­gen zu För­de­rung von Koor­di­na­ti­on, Hal­tung und Balan­ce, zum Auf­wär­men und zur Auftritts­sicherheit – vie­le davon bereits in ähn­li­cher Form bekannt aus Kin­der­sport, Atem- und Kör­per­ar­beit oder Phy­sio­the­ra­pie – sind kind­ge­recht auf­ge­ar­bei­tet und sehr anspre­chend illus­triert. So wer­den in der Tat vie­le Anre­gun­gen ­gebo­ten.
Aus wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve ist jedoch die kine­sio­lo­gi­sche Basis des Buchs kri­tisch zu sehen. Nun ist dies eine Grund­satz­dis­kus­si­on, die hier nicht auf­ge­rollt wer­den kann. Es soll­te aber an die­ser Stel­le noch­mals ange­merkt wer­den, dass es sich bei der ange­wand­ten Kine­sio­lo­gie und Vari­an­ten wie Edu-Kine­ste­tik und Brain Gym® um alter­na­ti­ve, wis­sen­schaft­lich nicht beleg­te Ver­fah­ren han­delt, die viel­fach auf sehr ver­ein­fa­chen­den ana­to­misch-phy­sio­lo­gi­schen Vor­stel­lun­gen von Gehirn und Kör­per beru­hen.
Der Nut­zen vie­ler die­ser Übun­gen lie­ße sich eben­so gut (oder bes­ser?!) aus Erkennt­nis­sen der Kin­der­sport- und Trai­nings­wis­sen­schaf­ten sowie aus der Phy­sio­the­ra­pie und der Musik­phy­sio­lo­gie erklä­ren. Hier ist bekannt, dass Koor­di­na­ti­ons­schu­lung viel­sei­tig, vari­an­ten­reich und die ver­schie­de­nen Sin­nes­sys­te­me inte­grie­rend zu gestal­ten ist, um die Ent­wick­lung all­ge­mei­ner und auf­ga­ben­spe­zi­fi­scher koor­di­na­ti­ver Fer­tig­kei­ten zu unter­stüt­zen. Die Wirk­sam­keit der im Buch zur „Gehirn­inte­g­ra­tion“ und „Befrei­ung der Energie­bahnen“ dar­ge­stell­ten Übun­gen wür­de man aus wissenschaft­licher Sicht anders begrün­den, als dies die Kine­sio­lo­gie tut.
Fazit: Das Musi­zie­ren ist eine solch kom­ple­xe, von vie­len indi­vi­du­el­len kör­per­li­chen, psy­cho­men­ta­len und emo­tio­na­len Fak­to­ren beein­fluss­te Auf­ga­be, dass eine rein kli­nisch-wis­sen­schaft­li­che Her­an­ge­hens­wei­se nicht aus­reicht. Sie muss durch ganz­heit­li­che Ansät­ze und men­ta­le Stra­te­gi­en ergänzt wer­den. Die Übun­gen im Buch grei­fen dies hilf­reich auf. Über die Basis­erläuterungen lie­ße sich aber treff­lich strei­ten.
Maria Schup­pert