Koch, Jan-Peter / Constanze Rora / Katharina Schilling-Sandvoß (Hg.)

Musik­kul­tu­ren und Lebens­welt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Shaker, Aachen 2018
erschienen in: üben & musizieren 6/2018 , Seite 53

Im März 2016 lud die Gesell­schaft für Musik­päd­ago­gik zusam­men mit dem Insti­tut für euro­päi­sche Eth­no­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Köln zu einem Kon­gress ein, der sich dem viel­fäl­tig ver­äs­tel­ten The­ma „Musik­kul­tu­ren und Lebens­welt“ zuwand­te. In den zwan­zig Bei­trä­gen, die der vor­lie­gen­de Band ver­ei­nigt, kann man sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, wie kom­plex die The­ma­tik der Ver­an­stal­tung war, wie viel­schich­tig die über­ge­ord­ne­ten Begrif­fe „Musik­kul­tur“ und „Lebens­welt“ schon für sich selbst sind. Inso­fern wun­dert es kaum, dass sich die anschlie­ßen­den Fra­gen etwa mit den The­men­fel­dern des „Eige­nen im Frem­den“ bzw. des „Frem­den im Eigen“ befass­ten.
Auf sei­ne Wei­se knüpft Andre­as Kloths Bei­trag „Wie­der­ent­de­ckung, Neu­erfin­dung und Über­nah­me deut­scher Kul­tur. Die Trans­for­ma­ti­on russ­land­deut­scher Chö­re auf der Krim“ an die The­ma­tik des Kon­gres­ses an. Mit Fein­füh­lig­keit für die kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de sowie für den lebens­welt­li­chen Wan­del vor Ort und die jewei­li­ge poli­ti­sche Lage ergibt sich hier ein Gesamt­bild, das drei Chö­re im Schnitt­punkt sich über­la­gern­der Kul­tu­ren und indi­vi­du­el­ler Erwar­tun­gen prä­sen­tiert.
Einen beson­ders viel­schich­ti­gen Bei­trag leis­tet Danie­la Lau­fer, der es gelingt, die not­wen­di­ge metho­do­lo­gi­sche Besin­nung auf ihr The­ma mit dem Emp­fin­den und Spür­sinn einer gelern­ten Son­der­pädgo­gin zu ver­bin­den. In ihrem Bei­trag „Aus eige­ner Per­spek­ti­ve – Zur musi­ka­li­schen Lebens­welt von Men­schen mit Behin­de­rung“ gewährt sie Ein­bli­cke in die Bio­gra­fie der nam­haf­ten Musi­ker Tho­mas Quast­hoff, Felix Klie­ser und Rory Burn­si­de.
Quast­hoff, so schil­dert die Autorin, gelingt es mit Hil­fe sei­nes uner­müd­li­chen Eltern­hau­ses ein Leben zu füh­ren, als gäbe es die eige­ne Kör­ber­be­hin­de­rung nicht. 1988 gewinnt der Bass­ba­ri­ton den ARD-Wett­be­werb und nimmt anschlie­ßend eine bewun­der­te Sän­ger-Kar­rie­re auf. Klie­ser hat von Geburt kei­ne Arme, kann sich aber den­noch auf dem Kon­zert­po­di­um als Hor­nist durch­set­zen; gepaart mit größ­ter Musi­ka­li­tät und Ener­gie ermög­li­chen ihm tech­ni­sche Umbau­ten sei­nes Instru­ments die musi­ka­li­sche Lauf­bahn. Rory Burn­si­de steht seit vie­len Jah­ren als Gitar­rist und Sän­ger der Band „Rude­ly Inter­rup­ted“ auf der Büh­ne und fasst die eige­ne Situa­ti­on mit den Wor­ten zusam­men: „Wir musi­zie­ren mensch­licher, weil wir kei­ne voll funk­tio­nie­ren­den mensch­li­chen Maschi­nen sind.“ Womit er den viel­schich­ti­gen The­men­kreis „Musik­kul­tu­ren und [ganz per­sön­li­che] Lebens­welt“ tref­fend cha­rak­te­ri­siert.
Wei­te­re Bei­trä­ge zum vor­lie­gen­den Band leis­ten Andrea Bieß­mann, Georg Brun­ner, Alex­an­der Cvet­ko, Clau­dia Maria Cvet­ko, Marc Godau, Tho­mas Greu­el, Chris­to­fer Jost, Oli­ver Kaut­ny, Susan­ne Kit­tel, Jan-Peter Koch, Ansel­ma Lan­zen­dör­fer, Klaus Näu­mann, Con­stan­ze Rora, Katha­ri­na Schil­ling-Sand­voß, Ralf-Oli­vi­er Schwarz, Chris­toph Stan­ge, Mari­chen van der West­hui­zen und Chris­ti­na Zenk.
Albrecht Goe­bel