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Herbst, Sebastian

Musik­schu­len in Koope­ra­ti­on

Systematische Konzeptionierung und ­reflexive Modifikations­bereitschaft als ­Voraussetzung gelingender Kooperationen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 6/2019 , Seite 10

Musikschulen und deren Lehrende kooperieren in vielfältiger Weise mit unterschiedlichen Bildungspartne­rInnen. Welche Aspekte gilt es aber zu berücksichtigen, damit Koopera­tio­nen für alle Beteiligten zufriedenstellend sind? Durch eine differenzierte Betrachtung von Kooperation sowie unter Berücksichtigung ausgewählter Ergebnisse empirischer Forschung soll dies am Beispiel von Schulkoopera­tionen diskutiert werden.

Eine erfolg­ver­spre­chen­de Initi­ie­rung und Gestal­tung von Koope­ra­tio­nen zwi­schen Musik­schu­le und Schu­le sowie die sinn­vol­le Dis­kus­si­on über deren Gelin­gens­be­din­gun­gen set­zen vor­aus, sich zunächst der Bedeu­tung und der ver­schie­de­nen Facet­ten von Koope­ra­ti­on bewusst zu sein. Häu­fig kommt dies lei­der viel zu kurz: „Koope­ra­tio­nen zwi­schen all­ge­mein bil­den­den Schu­len und Musik­schu­len […sind] Phä­no­me­ne, wel­che in den meis­ten Fäl­len eher prak­ti­ziert als theo­re­tisch aus­führ­lich geplant und reflek­tiert werden.“1 Mei­nes Erach­tens liegt hier der Ursprung aller Pro­ble­me in Koope­ra­tio­nen, sodass ich in die­sem Bei­trag eine Sys­te­ma­tik von Koope­ra­ti­on ent­fal­ten möch­te, die bei der Pla­nung und Refle­xi­on von Koope­ra­tio­nen zur Unter­stüt­zung her­an­ge­zo­gen wer­den kann (sie­he Abbil­dung). Mit Hil­fe aus­ge­wähl­ter Ergeb­nis­se empi­ri­scher For­schung wer­den dabei Fra­gen zu struk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen von Koope­ra­tio­nen zwi­schen Musik­schu­le und Schu­le sowie Bedin­gun­gen für das Unter­rich­ten im Tan­dem in inter­pro­fes­sio­nel­len Teams dis­ku­tiert, aus denen sich dar­über hin­aus Hin­wei­se für die Gestal­tung einer koope­ra­ti­ven Aus- und Wei­ter­bil­dung ablei­ten las­sen.

Koope­ra­ti­on und ­Koope­ra­ti­ons­for­men

In Abgren­zung zu den Begrif­fen „Netz­werk“, der die Bezie­hungs­struk­tur zwi­schen Per­so­nen oder Insti­tu­tio­nen fokus­siert, sowie „Ver­net­zung“, der den akti­ven Pro­zess der Kon­takt­an­bah­nung meint, defi­nie­ren Danie­la Schlei­fen­baum und Vanes­sa Walt­her Koope­ra­ti­on als „eine Zusam­men­ar­beit, das heißt ein gemein­sa­mes, zeit­lich befris­te­tes oder dau­er­haf­tes Han­deln zwi­schen zwei oder meh­re­ren Akteu­ren bzw. Ein­rich­tun­gen zur Verfolgung/Erreichung eines kol­lek­ti­ven Zwecks/Ziels“,2 wobei ein bestimm­tes Hand­lungs­pro­blem den Aus­lö­ser einer Zusammen­arbeit darstellt.3 Als Vor­aus­set­zung für eine sol­che Zusam­men­ar­beit sehen sie „Kom­mu­ni­ka­ti­on“, „gemein­sa­me Ziel­set­zung“, „Ko­ordination“, „Tole­ranz“, „Ver­trau­en“, „Hilfs- und Teil­be­reit­schaft“, „gemein­sa­me Ressour­cenbeschaffung und -tei­lung“ und die „Ein­hal­tung auf­er­leg­ter Weisungen“.4 Schlei­fen­baum und Walt­her dif­fe­ren­zie­ren Koope­ra­tio­nen zudem hin­sicht­lich
– Kon­takt­form,
– Koope­ra­ti­ons­ebe­ne,
– Kooperations­richtung,
– Koope­ra­ti­ons­cha­rak­ter,
– Form der Zusam­men­ar­beit sowie
– Koope­ra­ti­ons­in­ten­si­tät.
Dies soll im Fol­gen­den in Anleh­nung an die Autorin­nen und am Bei­spiel von Koope­ra­tio­nen zwi­schen Musik­schu­le und Schu­le näher aus­ge­führt werden.5

Kon­takt­form und ­Koope­ra­ti­ons­ebe­ne
Hin­sicht­lich der Kon­takt­form kön­nen Koope­ra­tio­nen bila­te­ral zwi­schen zwei Akteu­ren oder mul­ti­la­te­ral zwi­schen meh­re­ren Akteu­ren erfol­gen. Dabei las­sen sich ver­schie­de­ne Koope­ra­ti­ons­ebe­nen unter­schei­den. Wäh­rend sich insti­tu­tio­nel­le Koope­ra­tio­nen durch eine län­ger­fris­ti­ge und durch for­ma­le Abspra­chen gesi­cher­te Zusam­men­ar­beit von Insti­tu­tio­nen aus­zeich­nen, wird in auf­ga­ben­be­zo­ge­nen Koope­ra­tio­nen anlass­be­zo­gen punk­tu­ell und zeit­lich begrenzt zusam­men­ge­ar­bei­tet. Im Rah­men per­so­nel­ler Koope­ra­tio­nen kommt es hin­ge­gen auf der Ebe­ne der Mit­ar­bei­te­rIn­nen zu Koope­ra­tio­nen mit infor­mel­lem Cha­rak­ter, die eben­falls län­ger­fris­tig erfol­gen kön­nen.
Bei Koope­ra­tio­nen von Musik­schu­le und Schu­le han­delt es sich meis­tens um bila­te­ra­le Koope­ra­tio­nen, die in ihrem Grund­ver­ständ­nis den Logi­ken der Insti­tu­tio­nen folgen.6 Sinn­vol­ler erschei­nen jedoch Koope­ra­tio­nen in einem sozi­al­raum­ori­en­tier­ten Ver­ständ­nis, in denen sich die Insti­tu­tio­nen als Teil der Bil­dungs­land­schaft ver­ste­hen und nicht die Ins­titutionen selbst, son­dern die Lebens­wel­ten von Schü­le­rIn­nen bei einer Ver­knüp­fung von for­ma­lem, non-for­mel­lem und infor­mel­lem Ler­nen im Mit­tel­punkt ste­hen. In die­sem Fall ori­en­tie­ren sich die Ange­bo­te in beson­de­rer Wei­se an den Schü­le­rIn­nen, um deren Teil­ha­be­mög­lich­kei­ten an musi­ka­li­scher Bil­dung zu ver­bes­sern – und die­ses Den­ken führt zur Ent­gren­zung der Insti­tu­tio­nen als Erwei­te­rung der jewei­li­gen Perspektive.7 Das Übe­haus in Essen-Kray,8 die Pro­gram­me „Regio­na­le Bildungsnetzwerke“9 und „Kul­tur­agen­ten für krea­ti­ve Schulen“10 oder auch Andre­as Doer­nes Ide­en für ein Musizierlernhaus11 gehen bereits in die­se Rich­tung.

1 Anna-Maria Mey­er-Cle­mens: Koope­ra­ti­on zwi­schen all­ge­mein bil­den­der Schu­le und Musik­schu­le. Theo­rie und Pra­xis – Bedin­gun­gen – Eva­lua­ti­on, Mar­burg 2006, S. 94.
2 Danie­la Schleifenbaum/Vanessa Walt­her: Koope­ra­tio­nen auf dem Prüf­stand. Wie die päd­ago­gi­sche Pra­xis die Zusam­men­ar­beit wahr­nimmt und gestal­tet, Bie­le­feld 2015, S. 44.
3 vgl. ebd., S. 22.
4 vgl. ebd., S. 23.
5 vgl. ebd., S. 33–39.
6 vgl. Tho­mas Busch: „Von der Koope­ra­ti­on zu einer ­sozi­al­räum­lich ori­en­tier­ten musi­ka­li­schen Bil­dungs­land­schaft – was bedeu­tet das?“, in: Sil­ke Schmid (Hg.): Musikunterricht(en) im 21. Jahr­hun­dert. Begeg­nun­gen – Ein­bli­cke – Visio­nen, Augs­burg 2015, S. 33.
7 vgl. ebd., S. 33–41.
8 www.uebehaus.de
9 www.regionale.bildungsnetzwerke.nrw.de/Regionale-Bildungsnetzwerke/index.html
10 www.kulturagenten-programm.de/startseite/aktuelles
11 vgl. Andre­as Doer­ne: Musik­schu­le neu erfin­den. Ide­en für ein Musi­zier­lern­haus der Zukunft, Mainz 2019.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 6/2019.