Röbke, Peter

Musi­zie­ren im ­kun­ter­bun­ten Dschun­gel­or­ches­ter

Was ist guter Instrumentalunterricht vor dem Hintergrund des JeKi-Projekts? – Teil II

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2010 , Seite 44

Das Projekt "Jedem Kind ein Instrument" beschäftigt weiterhin viele unserer Leserinnen und Leser. In der vergangenen Ausgabe veröffentlichten wir unter dem Titel "Der musikalische Ernstfall" den ersten Teil eines Vortrags, den Peter Röbke im Rahmen von JeKi-Tagungen in NRW und Hessen gehalten hat. Lesen Sie nun die Fortsetzung.

Von dem jetzt erreich­ten Punkt aus ist die zen­tra­le Fra­ge in Bezug auf JeKi nun nicht mehr defen­siv: „Wie rea­li­sie­ren wir die tra­di­tio­nel­le instru­men­ta­le Unter­wei­sung unter extrem schlech­ten Bedin­gun­gen, das heißt mit gro­ßen Grup­pen, vie­len unter­schied­li­chen Instru­men­ten und einer extrem unter­schied­li­chen Schü­ler­kli­en­tel?“, son­dern offen­siv: „Eröff­net uns die sozia­le und päd­ago­gi­sche Aus­gangs­si­tua­ti­on nicht auch die Chan­ce, JeKi wenigs­tens im Ansatz zu einer musi­ka­li­sche Pra­xis­ge­mein­schaft wer­den zu las­sen, zu einem musi­ka­li­schen Mit­ein­an­der, in denen sich das Ler­nen als zuneh­men­de Par­ti­zi­pa­ti­on ent­fal­tet?“
Wenn wir die Fra­ge­stel­lung so ver­än­dern, dann bedeu­tet das nicht, dass damit das Bemü­hen um einen guten instru­men­ta­len Grup­pen­un­ter­richt sus­pen­diert wäre (und auch nicht das um eine Fle­xi­bi­li­tät der Unter­richts­for­men). Allein, wir blei­ben nicht mehr bei die­ser Fra­ge ste­hen, gehen „bey­ond didac­tics“ und ent­zie­hen uns ein wenig dem unge­heu­er nega­ti­ven Bal­last der Grup­pen­un­ter­richts­de­bat­te. Und der Per­spek­ti­ven­wech­sel wirft dann ganz neue Fra­gen auf:
Neh­men wir an, das Ken­nen­ler­nen der Inst­rumente im ers­ten JeKi-Jahr wür­de sich am Cur­ri­cu­lum des Ham­bur­ger Teams um Chris­toph Schön­herr ori­en­tie­ren: „Es geht nicht allein dar­um, das Instru­ment zu sehen und vor­ge­führt zu bekom­men, son­dern um das Erfor­schen und Erle­ben sei­ner viel­fäl­ti­gen Klang­mög­lich­kei­ten (sowohl im kon­ven­tio­nel­len als auch im expe­ri­men­tel­len Bereich) bei gleich­zei­ti­ger För­de­rung und Stär­kung des musi­ka­li­schen Aus­drucks- und Gestal­tungs­wil­lens. So wird aus der rei­nen Infor­ma­ti­on (‚die­se Instru­men­te gibt es‘) eine sinn­ge­ben­de Erfah­rung (‚die­se Instru­men­te haben mit mir zu tun‘).“1 Dann wäre es fatal, wenn sich die Kin­der nach die­sem Ein­stieg im mehr oder weni­ger tra­di­tio­nel­len Instru­men­tal­un­ter­richt (und sei die­ser auch in der Grup­pe) wie­der­fän­den, in einer Ver­an­stal­tung, wo in Bezug auf die Spiel­tech­nik des Instru­ments plötz­lich „ernst gemacht wird“, in dem Sin­ne, dass viel­leicht der Zusam­men­hang von musi­ka­li­scher Inten­ti­on und musi­ka­li­schem Aus­druck und instru­men­ta­lem Hand­werk zer­reißt… Mir scheint es also ganz wich­tig, dass sich nicht plötz­lich der Instru­men­tal­un­ter­richt in den Vor­der­grund drängt (dass sozu­sa­gen nach der Ein­stim­mungs­pha­se der „eigent­li­che“ Unter­richt beginnt), son­dern dass sich der Instru­men­tal­un­ter­richt immer in einer Hilfs- und Zulie­fe­rungs­funk­ti­on für das gemein­sa­me Musi­zie­ren begreift. Also nicht Haupt­fach „Gei­ge“ und Ergän­zungs- oder gar Neben­fach „Orches­ter“, son­dern genau anders­her­um!

1 Anke Dieterle/David Dieterle/Frauke Haase/Kai Jacobs/Christoph Schön­her­r/Hans-Georg Spie­gel: Jedem Kind ein Instru­ment. Unter­richts­ma­te­ria­li­en, Band 1, Stutt­gart 2008, S. 2.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 4/2010.