Jünger, Hans

Ori­en­tie­rung und Kompetenz

Musikschullehrkräfte in der allgemein ­bildenden Schule: das Hamburger OK-Modell

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 5/2015 , musikschule )) DIREKT, Seite 02

Das Hamburger OK-Modell beschreibt die unterschiedlichen Aufgaben musi­kalischer Bildung im Allgemeinen und des Schulfachs Musik im Besonderen. Es hilft, die jeweiligen Anforderungen an die Unterrichtenden zu bestimmen und die Arbeitsteilung zwischen Lehrkräften mit unterschiedlicher Ausbil­-dung zu klären.

Schul­mu­sik und Musikschule

Für Leo Kes­ten­berg war die Sache noch recht ein­fach: In sei­ner pro­gram­ma­ti­schen Schrift Musik­erzie­hung und Musik­pfle­ge, mit der er 1921 ein Gesamt­kon­zept für die musi­ka­li­sche Bil­dung in Preu­ßen vor­leg­te, ging er von einer kla­ren Arbeits­tei­lung zwi­schen „Schul­mu­sik“ und „Musik­schu­le“ aus. Kin­der­gär­ten, Volks­schu­len und Höhe­re Lehr­an­stal­ten soll­ten Kin­der und Jugend­li­che an die Musik im All­ge­mei­nen her­an­füh­ren, Pri­vat­mu­sik­leh­rer, Musik­schu­len und Kon­ser­va­to­ri­en soll­ten die Spe­zi­al­aus­bil­dung für Gesang oder Inst­rumentalspiel über­neh­men. Für jede der bei­den Auf­ga­ben soll­te es ent­spre­chend aus­­gebildete Lehr­kräf­te geben: den Stu­di­en­rat für Musik in der all­ge­mein bil­den­den Schu­le, die staat­lich geprüf­te Instru­men­tal- bzw. Gesangs­leh­re­rin in der Musikschule.1
Seit etwa 20 Jah­ren lässt sich ein Ver­schwim­men der Zustän­dig­kei­ten beob­ach­ten, ein ste­tig zuneh­men­der „grenz­über­schrei­ten­der Ver­kehr“, und zwar vor allem in eine Rich­tung: Immer mehr Musikschul­lehrkräfte fin­den ihr Tätig­keits­feld in der all­ge­mein bil­den­den Schu­le. Dabei las­sen sich zwei Kon­stel­la­tio­nen unterscheiden:
– In der einen über­neh­men Lehr­kräf­te Auf­gaben, auf die sie eigent­lich nicht vor­be­rei­tet sind: Musik­schul­lehr­kräf­te wer­den für den all­ge­mein bil­den­den Musik­un­ter­richt ein­ge­setzt, wo es an Schul­mu­si­kern fehlt. So war es z. B. in den 1990er Jah­ren, als eini­ge Bun­des­län­der die „ver­läss­li­che“ Halb­tags­grund­schu­le einführ­ten und schlag­artig den gewach­se­nen Leh­rer­be­darf in den mu­sischen Fächern abzu­de­cken hatten.2
– In der ande­ren Kon­stel­la­ti­on über­nimmt eine Insti­tu­ti­on Auf­ga­ben, die ihr tra­di­tio­nell nicht zukom­men: Die all­ge­mein bil­den­de Schu­le bie­tet Instru­men­tal- und Gesangs­un­ter­richt an und beschäf­tigt dafür Musik­schul­lehr­kräf­te. Ver­stärkt geschieht dies, seit die Ergeb­nis­se von PISA 2000 eine bun­des­wei­te Ganz­tags­schul­kam­pa­gne ange­sto­ßen haben und der aus­ge­wei­te­te Nach­mit­tags­un­ter­richt der all­ge­mein bil­den­den Schu­le in Kon­kur­renz zu den bis­he­ri­gen Unter­richts­zei­ten der Musik­schu­le getre­ten ist. Die­ses Pro­blem wird häu­fig dadurch gelöst, dass man das Musik­schul­an­ge­bot unter das Dach der Ganz­tags­schu­le holt.3
Die Skep­sis der Schul­mu­si­ker­ver­bän­de ­gegen­über die­ser Ent­wick­lung ist groß. Sym­pto­ma­tisch die Kon­tro­ver­se um die Deu­tungs­ho­heit über den Begriff Musik­un­ter­richt, die 2011 von Äuße­run­gen der dama­li­gen Arbeits- und Sozi­al­mi­nis­te­rin Ursu­la von der Ley­en aus­ge­löst wur­de. Als sie davon sprach, das von ihr gestar­te­te „Bildungspaket“4 sor­ge dafür, dass nun end­lich jedes Kind Musik­un­ter­richt bekom­men kön­ne, war die Empö­rung bei AfS und VDS groß – nicht etwa, weil zehn Euro im Monat viel zu wenig sind, son­dern weil die Minis­te­rin Instru­men­tal­un­ter­richt gemeint, aber „Musik­un­ter­richt“ gesagt hat­te: Die­ser Begriff sei dem vor­be­hal­ten, was Schul­mu­si­ker in der all­ge­mein bil­den­den Schu­le veranstalten.5
Sol­che Emp­find­lich­kei­ten sind wohl weni­ger Aus­druck einer Kon­kur­renz zwi­schen den bei­den Berufs­grup­pen Schul­mu­si­ker und Musik­schul­leh­rer als viel­mehr Sym­ptom für eine weit ver­brei­te­te Unsi­cher­heit über die Funk­tio­nen des Schul­fachs Musik. Seit Kes­ten­berg haben sich die Rahmen­bedingungen für musi­ka­li­sche Bildungs­angebote stark ver­än­dert. Den­noch hat es seit­her kei­nen Ver­such mehr gege­ben, die Auf­ga­ben für die ver­schie­de­nen Bil­dungs­trä­ger zu beschrei­ben. Zwar sind seit den 1970er Jah­ren eine gan­ze Rei­he musik­didaktischer Kon­zep­tio­nen vor­ge­legt wor­den, doch die­se sind in aller Regel auf den zwei­stün­di­gen Pflicht­un­ter­richt an der all­ge­mein bil­den­den Schu­le fokus­siert und blen­den alle übri­gen musik­erzie­he­ri­schen Akti­vi­tä­ten weit­ge­hend aus.
Erst im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt ist aus vie­len Dis­kus­sio­nen und Erpro­bun­gen im Rah­men der Ham­bur­ger Musik­leh­rer­aus­bil­dung ein Kon­zept ent­stan­den, das die musi­ka­li­sche Bil­dung als Gan­zes in den Blick nimmt. Das OK-Modell macht den Ver­such, von einem kon­struk­ti­vis­ti­schen Bil­dungs­be­griff aus­ge­hend zu skiz­zie­ren, wie Schu­len die Ler­nen­den beim musi­ka­li­schen Bil­dungs­pro­zess unter­stüt­zen können.6 Die­ses Modell kann dabei hel­fen, die Arbeits­tei­lung zwi­schen Schul­mu­sik- und Musik­schul­lehr­kräf­ten, ins­be­son­de­re bei der Zusam­men­ar­beit in der all­ge­mein bil­den­den Schu­le, näher zu bestimmen.

Ori­en­tie­rung und Kompetenz

Das Modell geht von drei Prä­mis­sen aus. Aus ihnen las­sen sich Auf­ga­ben ablei­ten, die sich einem Men­schen stel­len, der sich musi­ka­lisch bil­den will.
1. Musik, in wel­cher Form auch immer, berei­chert das Leben. Wer ein gutes Leben füh­ren will, muss sich also eine oder meh­re­re musi­ka­li­sche Tätig­kei­ten aneig­nen und sie aus­üben: Er muss in einem Chor sin­gen, in einer Band spie­len, ins Kon­zert gehen, CDs sam­meln usw.
2. Zur Aus­übung musi­ka­li­scher Tätig­kei­ten braucht man Kom­pe­ten­zen. Wer sich musi­ka­lisch betä­ti­gen will, muss also die ent­spre­chen­den Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten erwerben.
3. Man kann nicht alle musi­ka­li­schen Tätig­kei­ten erler­nen und aus­üben. Man muss also zwi­schen den Mög­lich­kei­ten wäh­len. Um aber eine Wahl tref­fen zu kön­nen, muss man die­se Mög­lich­kei­ten ken­nen ler­nen, das heißt die in Fra­ge kom­men­den Tätig­kei­ten ausprobieren.
Wenn man jeman­den dabei unter­stüt­zen will, sich musi­ka­lisch zu bil­den, kann man das auf fol­gen­de Arten tun:
1. Man kann ihn mit musi­ka­li­schen Tätig­kei­ten bekannt machen. Man kann ihn bei­spielsweise Instru­men­te aus­pro­bie­ren las­sen, damit er sich für oder gegen Instru­mentalunterricht ent­schei­den kann, oder man kon­fron­tiert ihn mit außer­eu­ro­päi­scher Kunst­mu­sik, um sei­nen musi­ka­li­schen Erfah­rungs­hin­ter­grund zu erweitern.
2. Man kann ihn bei der Aus­wahl musi­kalischer Tätig­kei­ten bera­ten. Wenn man bei ihm z. B. eine gute Stim­me, ein gutes Gehör und Spaß am Sin­gen feststellt,
kann man ihm eine Gesangs­leh­re­rin ver­mit­teln, und wenn er ger­ne tanzt, wird man ihm einen ent­spre­chen­den Tanz­kurs empfehlen.
3. Man kann ihm musi­ka­li­sche Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten ver­mit­teln, die er bei den von ihm gewähl­ten Tätig­kei­ten benö­tigt. Wenn er z. B. Trom­pe­ter oder Gei­ger wer­den will, kann man ihm das Noten­le­sen bei­brin­gen, und wenn er ger­ne in die Oper geht, kann man ihn über die Funk­ti­on von Leit­mo­ti­ven informieren.
4. Man kann ihm die Aus­übung des Gelern­ten ermög­li­chen, indem man ihm Gele­gen­heit zur Aus­übung der selbst gewähl­ten Tätig­kei­ten gibt. Man kann ihn z. B. in einem Chor mit­sin­gen las­sen oder in ein Kon­zert mitnehmen.
Die ers­ten bei­den Mög­lich­kei­ten – Bekannt­machen und Bera­ten – hän­gen eng mit­ein­an­der zusam­men und las­sen sich unter dem Begriff „Ori­en­tie­rung“ zusammen­fassen. Ent­spre­chen­des gilt für Erwerb und Anwen­dung von Fähig­kei­ten: Für die­se bei­den Auf­ga­ben steht das Schlag­wort „Kom­pe­tenz“. Die knapps­te Umschrei­bung der Funk­tio­nen musi­ka­li­scher Bil­dungs­an­ge­bo­te ist somit die Abkür­zung „OK“.

Pflicht und Wahl

Der wich­tigs­te Unter­schied zwi­schen den bei­den Bil­dungs­auf­ga­ben Ori­en­tie­rung und Kom­pe­tenz besteht dar­in, dass der Kom­pe­tenz­er­werb eine Wahl­ent­schei­dung vor­aus­setzt: Bevor sich jemand ernst­haft dar­um bemüht, musi­ka­li­sche Fähig­kei­ten zu erwer­ben, muss er die ent­spre­chen­de Tätig­keit aus­üben wol­len. Selbst­ver­ständ­lich kann man die Aneig­nung von Wis­sen und Kön­nen auch erzwin­gen – das geschieht ja tag­täg­lich in unse­ren Schu­len, wenn Schü­ler und Schü­le­rin­nen nicht aus Inter­es­se, son­dern wegen eines Schul­ab­schlus­ses ler­nen. In Bezug auf Schrei­ben, Rech­nen und ande­re lebens­not­wen­di­ge Fähig­kei­ten mag das auch legi­tim sein. Im Bereich der Musik jedoch gibt es kei­ne Recht­fer­ti­gung für erzwun­ge­nes Ler­nen, denn in unse­rer heu­ti­gen Gesell­schaft kann man von kei­ner musi­ka­li­schen Fähig­keit sagen, dass jeder sie braucht. Des­we­gen soll­te nach­hal­ti­ges, über blo­ßes Aus­pro­bie­ren hin­aus­ge­hen­des Musik­ler­nen grund­sätz­lich frei­wil­lig stattfinden.7
Ori­en­tie­rung dage­gen setzt kei­ne Wahl­ent­schei­dung vor­aus. Ganz im Gegen­teil: Ori­en­tie­rung ist die Vor­aus­set­zung für eine Wahl­ent­schei­dung, wenn die­se ver­nünf­tig, das heißt über­legt und begrün­det sein soll. Wer vor der Fra­ge steht, ob er Kla­vier ler­nen will, der muss zuvor erfah­ren, wie ein Kla­vier aus­sieht, wie es sich anhört, wie man dar­auf spielt, wofür man es ver­wen­den kann, was es kos­tet usw. Denn was man nicht kennt, dafür kann man sich nicht ent­schei­den. Des­halb ist es auch legi­tim, Kin­der und Jugend­li­che mit musi­ka­li­schen Mög­lich­kei­ten zu kon­fron­tie­ren, ohne dass sie danach ver­langt haben, z. B. in Situa­tio­nen wie dem schu­lischen Musik­un­ter­richt, an dem die Schü­ler viel­leicht bereit­wil­lig, aber jeden­falls nicht frei­wil­lig teilnehmen.
Ori­en­tie­rung als Pflicht, Kom­pe­tenz als Kür – da scheint die tra­di­tio­nel­le Arbeits­tei­lung, wie sie auch Kes­ten­berg sei­ner Kon­zep­ti­on zugrun­de leg­te, fast eine logi­sche Fol­ge zu sein: Die all­ge­mein bil­den­de Schu­le (die wegen der Schul­pflicht obli­ga­to­risch für alle ist) sorgt für das Ken­nen­ler­nen, die Musik­schu­le (die mehr oder weni­ger frei­wil­lig besucht wird) für das Kön­nen­ler­nen. Doch so ein­fach ist es nicht mehr und war es wohl auch nie.
Das liegt zum einen dar­an, dass an all­ge­mein bil­den­den Schu­len in den ver­gan­ge­nen vier­zig Jah­ren immer mehr und immer viel­fäl­ti­ge­re Wahl­an­ge­bo­te ein­ge­rich­tet wor­den sind. Immer schon gab es, zumin­dest an den Gym­na­si­en, Chor und Orches­ter, in denen man auf frei­wil­li­ger Basis musi­ka­li­sche Fähig­kei­ten anwen­den und musi­ka­li­sche Tätig­kei­ten aus­üben konn­te. Heu­te wer­den aber auch alle mög­li­chen ande­ren Ensem­bles ange­bo­ten: Big­bands und Rock-Bands, Sam­ba- und Flö­ten­grup­pen, Tanz- und Com­pu­ter-AGs usw.
Dazu kommt immer häu­fi­ger, oft in Ver­bin­dung mit den jewei­li­gen Ensem­bles, Ins­t­ru­men­tal- und Gesangs­un­ter­richt. Auch das gab es ver­ein­zelt schon frü­her, z. B. wenn ein Schul­mu­si­ker einer begab­ten, aber mit­tel­lo­sen Schü­le­rin Kla­vier­un­ter­richt gab. Heu­te leis­ten sich man­che Schu­len ein umfang­rei­ches Ange­bot an Grup­pen- und Ein­zel­un­ter­richt für Blas‑, Streich‑, Zupf‑, Tas­ten- und Schlag­in­stru­men­te, und zwar nicht nur als Schnup­per­kurs (wie im Pro­jekt JeKi, das z. B. im Ruhr­ge­biet und in Ham­burg Grund­schul­kin­der ers­te Erfah­run­gen mit dem Erler­nen eines Instru­ments machen lässt und damit der Ori­en­tie­rung dient), son­dern mit dem Anspruch auf ernst­haf­ten und nach­hal­ti­gen Kompetenzwerb.
Ande­rer­seits kön­nen auch Musik­schu­len und Pri­vat­mu­sik­lehr­kräf­te nicht immer davon aus­ge­hen, dass bei ihren Schü­le­rin­nen und Schü­lern eine Wahl statt­ge­fun­den hat. In vie­len Fäl­len dürf­ten es die Eltern sein, die für ihr Kind ent­schie­den haben. Das bedeu­tet, dass auch hier die Auf­ga­be der Ori­en­tie­rung ansteht, des Bekannt­machens mit den Mög­lich­kei­ten, des Aus­pro­bie­ren­las­sens, der Bera­tung als Unter­stüt­zung für eine eigen­stän­di­ge Ent­schei­dung. Die Lehr­kräf­te haben es also sowohl in der all­ge­mein bil­den­den Schu­le als auch in der Musik­schu­le mit sehr unterschied­lichen Unter­richts­si­tua­tio­nen zu tun, und sie müs­sen sich bei ihren didak­ti­schen Ent­schei­dun­gen immer fra­gen: Sind mei­ne Schü­le­rin­nen und Schü­ler zur Teil­nah­me ver­pflich­tet oder neh­men sie frei­wil­lig teil? Und was ist mein Ziel: dass sie etwas ken­nen oder dass sie etwas können?

Lehr­amt und Diplom

Instru­men­tal­un­ter­richt in der all­ge­mein bil­den­den Schu­le – das kann man durch­aus als Über­griff emp­fin­den, und zwar in bei­den Richtungen:
– Aus Sicht der Musik­schu­len und Pri­vat­mu­sik­lehr­kräf­te ist es ein Ein­bruch in die eige­ne Domä­ne, und für die­je­ni­gen, die dort ihren Lebens­un­ter­halt ver­die­nen, stellt die staat­li­che Kon­kur­renz mög­li­cher­wei­se ein öko­no­mi­sches Pro­blem dar: In der Regel ist der Instru­men­tal­un­ter­richt in der all­ge­mein bil­den­den Schu­le kos­ten­güns­ti­ger als Pri­vat­mu­sik­un­ter­richt, oft sogar kostenlos.
– Aus Sicht der Schul­mu­sik­lehr­kräf­te kann es als Bedro­hung emp­fun­den wer­den, wenn in der all­ge­mein bil­den­den Schu­le schlech­ter bezahl­te Musik­schul­lehr­kräf­te ein­ge­setzt wer­den, ins­be­son­de­re dann, wenn sie dort feh­len­des Per­so­nal erset­zen sol­len und mit all­ge­mein bil­den­dem Musik­un­ter­richt beauf­tragt wer­den: Die Schul­trä­ger könn­ten auf die Idee kom­men, dass man Musik­un­ter­richt auch bil­li­ger haben kann, als wenn man teu­re Schul­mu­sik­lehr­kräf­te beschäftigt.
Aus Sicht der Nut­zer musi­ka­li­scher Bil­dungs­an­ge­bo­te steht aller­dings eine ande­re Fra­ge im Vor­der­grund: Wer erteilt wel­chen Unter­richt und wie qua­li­fi­ziert ist er für die­se Aufgabe?
Schon für Kes­ten­berg war es ein vor­ran­gi­ges Anlie­gen, dass die Lehr­kräf­te an ihrem jewei­li­gen Platz hin­rei­chend für ihre Auf­ga­ben aus­ge­bil­det waren.8 Er initi­ier­te die Ein­rich­tung von Aus­bil­dungs­stät­ten, die Ent­wick­lung von Stu­di­en­gän­gen und den Erlass von Prü­fungs­ord­nun­gen für Schul­mu­sik und Musik­päd­ago­gik. Damit hat er wesent­lich dazu bei­getra­gen, dass es heu­te gut qua­li­fi­zier­te Lehr­kräf­te für alle Berei­che der musi­ka­li­schen Bil­dung gibt. Jetzt muss nur noch dafür gesorgt wer­den, dass die­se Lehr­kräf­te auch an den rich­ti­gen Stel­len ein­ge­setzt werden.
Die Zuord­nung der Schul­mu­si­ker zur all­ge­mein bil­den­den Schu­le, der Diplom­musikerzieher zur Musik­schu­le ent­spricht heu­te nicht mehr der tat­säch­li­chen Arbeits­tei­lung zwi­schen den Insti­tu­tio­nen. Kri­te­ri­um für die Aus­wahl der Lehr­kraft muss die kon­kre­te Auf­ga­be des jewei­li­gen Bil­dungs­an­ge­bots sein.

Auf­ga­be: Orientierung

Unter­richts­si­tua­tio­nen, in denen es vor­ran­gig um Ori­en­tie­rung geht, erfor­dern eine Lehr­kraft, die sich einen brei­ten Über­blick über musi­ka­li­sche Mög­lich­kei­ten ver­schafft hat. Dabei ist zwi­schen zwei Funk­tio­nen von Ori­en­tie­rung zu unterscheiden:
– Ori­en­tie­rung als Ent­schei­dungs­hil­fe: Wenn es dar­um geht, Schü­le­rin­nen und Schü­lern bei der Ent­schei­dung für oder gegen die Aneig­nung musi­ka­li­scher Tätig­kei­ten zu hel­fen, muss die Lehr­kraft mit den in unse­rer Gesell­schaft in Fra­ge kom­men­den musi­ka­li­schen Pra­xen hin­rei­chend ver­traut sein und auch die Metho­den beherr­schen, die man braucht, um Schü­le­rin­nen und Schü­ler mit die­sen Pra­xen bekannt zu machen.
– Ori­en­tie­rung als Erfah­rungs­hin­ter­grund: Wenn es dar­um geht, den musi­ka­li­schen Hori­zont der Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu erwei­tern und ihr „Bild von Musik“9 aus­zu­dif­fe­ren­zie­ren, muss die Lehr­kraft dar­über hin­aus auch alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten von Musik ken­nen und zei­gen können,
z. B. nicht-abend­län­di­sche und außer­eu­ro­päi­sche Volks‑, Kunst- und Popmusik.
Ori­en­tie­rung fin­det meist im Pflicht­un­ter­richt statt, an dem die Schü­le­rin­nen und Schü­ler nicht frei­wil­lig teil­neh­men. Da es sich dabei in der Regel um Klas­sen­un­ter­richt han­delt, die Lehr­kraft es also mit gro­ßen Lern­grup­pen zu tun hat, muss sie die Metho­den des Class­room Manage­ment beherrschen.
Wenn es um Ori­en­tie­rung als Erfah­rungs­hin­ter­grund geht, wer­den die Schü­le­rin­nen und Schü­ler oft mit „unpo­pu­lä­rer“ Musik kon­fron­tiert, das heißt mit Musik, der sie kein spon­ta­nes Inter­es­se ent­ge­gen­brin­gen. Des­halb muss die Lehr­kraft wis­sen, wie man Kin­der und Jugend­li­che zur Aus­ein­an­der­set­zung mit Unbe­kann­tem und Fremd­ar­ti­gem motiviert.
Zwei­fel­los wird man auf die­se Auf­ga­ben am geziel­tes­ten durch ein Schul­mu­sik­stu­di­um vor­be­rei­tet. In man­chen „O‑Situationen“ der ers­ten Art (Ori­en­tie­rung als Ent­schei­dungs­hil­fe) kann es aller­dings auch hilf­reich sein, Spe­zia­list für eine bestimm­te musi­ka­li­sche Pra­xis zu sein. Das trifft z. B. für das soge­nann­te Instru­men­ten­ka­rus­sell zu, eine Ver­an­stal­tungs­form, die sowohl an all­ge­mein bil­den­den wie an Musik­schu­len bekannt ist: Alle Schü­le­rin­nen und Schü­ler dür­fen nach­ein­an­der ver­schie­de­ne Musik­in­stru­men­te aus­pro­bie­ren und wer­den in Bezug auf ihre Vor- und Nach­tei­le bera­ten. Hier soll­te im Ide­al­fall jedes Instru­ment von einer ent­spre­chen­den Instru­ment­al­lehr­kraft vor­ge­stellt wer­den. Ähn­lich liegt der Fall bei dem Ham­bur­ger Pro­jekt „Jedem Kind ein Instru­ment“: In der 2. Klas­se ler­nen die Grund­schul­kin­der ver­schie­de­ne Instru­men­te ken­nen, um sich am Schul­jah­res­en­de für eines ent­schei­den zu kön­nen. Die­ser Unter­richt wird zwar von einer Schul­mu­sik­lehr­kraft orga­ni­siert, für die nöti­gen Fach­kennt­nis­se sind aber die unter­schied­li­chen Instru­ment­al­lehr­kräf­te zustän­dig, die übers Jahr ver­teilt in die Klas­se kommen.

Auf­ga­be: Kompetenz

Unter­richts­si­tua­tio­nen, in denen es vor­ran­gig um nach­hal­ti­gen Kom­pe­tenz­er­werb geht, erfor­dern nicht so sehr den brei­ten Über­blick (wie es in „O‑Situationen“ der Fall ist), son­dern vor allem ver­tief­te Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten, und zwar auf zwei Ebenen:
– Einer­seits muss die Lehr­kraft die jewei­li­ge Tätig­keit beherr­schen, etwa ein bestimm­tes Instru­ment gut spie­len können.
– Ande­rer­seits muss sie das metho­di­sche Know-how besit­zen, um Schü­le­rin­nen und Schü­lern beim ziel­ge­rich­te­ten Auf­bau der ent­spre­chen­den Fähig­kei­ten hel­fen zu können.
Kom­pe­tenz­er­werb für selbst gewähl­te Tätig­kei­ten fin­det in unter­schied­li­chen So­zialformen statt, im Ein­zel- oder Grup­pen­un­ter­richt wie z. B. Instru­men­tal­un­ter­richt, aber auch in gro­ßen Lern­grup­pen wie z. B. Chor oder Tanz­kurs. Jede die­ser Unter­richts­for­men ver­langt von der Lehr­kraft spe­zi­fi­sche metho­di­sche Fähigkeiten.
Das gilt vor allem auch in Bezug auf die Lern­mo­ti­va­ti­on. Zwar soll­te im Fach Musik ein Kom­pe­tenz­er­werb, der über Aus­pro­bie­ren und Schnup­per­kurs hin­aus­geht, grund­sätz­lich frei­wil­lig stattfinden.10 Doch auch dann, wenn man von einem prin­zi­pi­el­len Ein­ver­ständ­nis der Schü­le­rin­nen und Schü­ler mit den Lern­in­hal­ten aus­ge­hen kann, muss die Lehr­kraft moti­vie­ren kön­nen. Aller­dings geht es nicht, wie bei Ori­en­tie­rung als Erfah­rungs­hin­ter­grund, dar­um, Vor­be­hal­te gegen­über dem Frem­den abzu­bau­en, son­dern – fast im Gegen­teil – um Aus­dau­er bei der Beschäf­ti­gung mit dem Bekann­ten. Zum Kompetenz­erwerb gehört näm­lich auch Üben und Trai­nie­ren – Hand­lun­gen, die nicht immer als Ver­gnü­gen emp­fun­den wer­den. Hier braucht die Lehr­kraft ein Metho­den­re­per­toire, um mit Abwechs­lung und Humor Lan­ge­wei­le und Über­druss ver­mei­den zu können.
Gleich ob Musik­schu­le oder all­ge­mein bil­den­de Schu­le: für qua­li­fi­zier­ten Instrumental‑, Gesangs- und Tanz­un­ter­richt benö­tigt man Musik­schul­lehr­kräf­te. Sie sind Exper­ten auf ihrem jewei­li­gen Gebiet. Bei der Lei­tung von Chö­ren, Orches­tern, Bands kom­men sowohl Musik­schul­lehr­kräf­te als auch Schul­mu­si­ker in Fra­ge, sofern sie sich auf Ensem­ble­lei­tung spe­zia­li­siert haben.

Musik­schul­lehr­kräf­te und ­all­ge­mein bil­den­de Schule

Was kön­nen Musik­schul­lehr­kräf­te zum Musik­un­ter­richt der all­ge­mein bil­den­den Schu­le bei­tra­gen? Die­se Fra­ge kann nun vor dem Hin­ter­grund des Ham­bur­ger OK-Modells fol­gen­der­ma­ßen beant­wor­tet werden:
– Im Wahl­be­reich (das heißt auf frei­wil­li­ger Basis) wer­den Instru­men­tal­spiel, Gesang und Tanz als Ein­zel- und als Grup­pen­un­ter­richt ange­bo­ten. Die­ser Unter­richt wird von ent­spre­chend qua­li­fi­zier­ten Musik­schul­lehr­kräf­ten erteilt.
– Im Wahl­be­reich wer­den außer­dem Chor, Orches­ter, Band und Tanz­ensem­ble ange­bo­ten. Die­se Ensem­bles wer­den von ent­spre­chend qua­li­fi­zier­ten Musik­schul- oder Schul­mu­sik­lehr­kräf­ten geleitet.
– Im Pflicht­un­ter­richt wer­den die Schü­le­rin­nen und Schü­ler unter ande­rem mit ver­schie­de­nen Instru­men­ten bekannt gemacht, die sie erler­nen kön­nen. Hier­bei ­arbei­ten Musik­schul­lehr­kräf­te (als Spe­zia­lis­ten für das jewei­li­ge Instru­ment) und Schul­mu­sik­lehr­kräf­te (als Spe­zia­lis­ten für Class­room Manage­ment) im Tan­dem zusammen.
Auf die übri­gen Auf­ga­ben des Schul­fachs Musik sind Musik­schul­lehr­kräf­te nicht vor­be­rei­tet: Wenn Schul­klas­sen mit nord­afri­ka­ni­scher Pop­mu­sik oder mit den Funk­tionen der Film­mu­sik bekannt gemacht wer­den sol­len, braucht man Schul­mu­sik­lehr­kräf­te. Auch die Bewer­tung von Schü­ler­leis­tun­gen oder die Erar­bei­tung von Cur­ri­cu­la erfor­dert eine ent­spre­chen­de Aus­bil­dung. Musik­schul­lehr­kräf­te soll­ten es ableh­nen, mit Auf­ga­ben betraut zu wer­den, für die sie nicht qua­li­fi­ziert sind.
Das ist leich­ter gesagt als getan. Schu­len sind lei­der nicht sel­ten in der Situa­ti­on, dass sie abwä­gen müs­sen, was schlech­ter ist: den Musik­un­ter­richt aus­fal­len zu las­sen oder eine nicht dafür qua­li­fi­zier­te Lehr­kraft damit zu beauf­tra­gen. Außer­dem gibt es erfah­rungs­ge­mäß immer wie­der „Natur­ta­len­te“, die eine Schul­klas­se ange­mes­sen auf einen Opern­be­such vor­be­rei­ten kön­nen, auch wenn sie „nur“ Inst­rumentalunterricht gelernt haben; es gibt ja auch gele­gent­lich Schul­mu­si­ker, die akzep­ta­blen Trom­pe­ten­un­ter­richt ertei­len, ohne ein Stu­di­um der Instru­men­tal­päd­ago­gik absol­viert zu haben.
Doch Not­fall­si­tua­tio­nen und Aus­nah­me­ta­len­te eig­nen sich nicht als Leit­li­nie. Grund­sätz­lich soll­te man, gera­de im Bil­dungs­be­reich, ver­lan­gen, dass die dort Täti­gen für ihre Tätig­keit hin­rei­chend aus­ge­bil­det sind. Wird die­se For­de­rung erfüllt, besteht kein Grund zur Eifer­sucht zwi­schen Schul­mu­si­kern und Musik­schul­lehr­kräf­ten, und einer guten Zusam­men­ar­beit zum Wohl von Kin­dern und Jugend­li­chen steht nichts im Wege.

1 vgl. Leo Kes­ten­berg: Musik­erzie­hung und Musik­pfle­ge, Leip­zig 1921, S. 30 ff., 53 ff.
2 Jüngs­tes Bei­spiel für die­se Ent­wick­lung ist ein Kon­zept des bran­den­bur­gi­schen Bildungsminis­teriums, das die all­ge­mein bil­den­den Schu­len ermu­tigt, Musik­schul­leh­rer als Ersatz für feh­len­de Schul­mu­si­ker zu beschäf­ti­gen: Land Bran­den­burg. Minis­te­ri­um für Bil­dung, Jugend und Sport: Lehr­kräf­te an Musik- und Kunst­schu­len: Chan­cen für Unter­richt an Bran­den­burgs öffent­li­chen Schu­len, Pres­se­infor­ma­ti­on vom 18.12.2014, www.mbjs.brandenburg.de//sixcms/detail.php/bb1.c.385325.de (Stand: 24.8.2015).
3 Der Deut­sche Musik­rat hat 2004 ein Positions­papier zu „Musik in der Ganz­tags­schu­le“ ver­ab­schie­det, in dem die Koope­ra­ti­on von all­ge­mein bil­den­der Schu­le und Musik­schu­le pro­pa­giert wird: Deut­scher Musik­rat: Musik in der Ganz­tags­schu­le. Posi­ti­ons­pa­pier, 2004, www.musikrat.de/ musikpolitik/tagungen-kongresse/musik-in-der-ganztagsschule.html (Stand: 24.8.2015).
4 Gemeint ist das Gesetz zum Bil­dungs- und Teil­ha­be­pa­ket von 2011, das für hil­fe­be­dürf­ti­ge Kin­der und Jugend­li­che unter ande­rem einen Zuschuss von monat­lich zehn Euro für die Teil­ha­be am sozia­len und kul­tu­rel­len Leben vor­sieht: Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Arbeit und Sozia­les: Bil­dungspaket, 2011, www.bildungspaket.bmas.de (Stand: 24.8.2015).
5 „Der Begriff ,Musik­un­ter­richt’ ist ver­band­lich und bil­dungs­po­li­tisch ganz ein­deu­tig defi­niert. […] ­(Er meint) aus­schließ­lich den all­ge­mein bil­denden Unter­richt an den ver­schie­de­nen Schul­for­men, zu des­sen Ertei­lung man sich mit einem Lehr­amts­stu­di­um qua­li­fi­ziert.“ Jür­gen Terhag/Ortwin Nimcz­ik: „Bil­dung – Musik – Kul­tur: Zu­kunft gemein­sam gestal­ten. 1. Bun­des­kon­gress Musik­un­ter­richt 2012“, in: AfS aktu­ell 33/2012, S. 33.
6 vgl. Hans Jün­ger: Das OK-Modell. Tätig­keits­ori­en­tier­te Musik­päd­ago­gik, 2014, www.ok-modell-musik.de (Stand: 24.8.2015).
7 Hier muss zumin­dest erwähnt wer­den, dass es eine Aus­nah­me von die­ser Regel gibt: Beim Er­werb der soge­nann­ten „Zeit­fens­ter­kom­pe­ten­zen“ ist Frei­wil­lig­keit nach­ran­gig, denn die­se Fähig­kei­ten kön­nen ab einem bestimm­ten Alter kaum noch erlernt wer­den. Das betrifft den Gebrauch der Stim­me und das musi­ka­li­sche Gehör sowie den Gebrauch des Bewe­gungs­ap­pa­rats und das „Rhyth­mus­ge­fühl“. Daher ist es in Kin­der­gar­ten, Grund­schu­le und Beob­ach­tungs­stu­fe legi­tim, die Kin­der not­falls mit extrinsi­schen Mit­teln zum Sin­gen und Tan­zen zu motivieren.
8 vgl. Kes­ten­berg, S. 82 ff.
9 Eine For­mu­lie­rung von Her­mann J. Kai­ser: „Von ‚musi­ka­li­scher Bil­dung‘ zum ‚Bild von Musik‘“, in: Musik­fo­rum 3/2004, S. 10–15.
10 Aus­nah­me: „Zeit­fens­ter­kom­pe­ten­zen“ (Anm. 7).