Seiber, Mátyás
Pastorale
for treble recorder and piano
Mátyás Seiber (1905-1960) war ein faszinierender und vielseitiger Musiker. Geboren in Budapest, heuerte er nach seinem Studium in seiner Heimatstadt bei Zoltán Kodály als Mitglied eines Tanzorchesters auf einem Überseedampfer an und lernte in New York erstmals Jazzmusik kennen. Dieser neue Stil begeisterte ihn so sehr, dass er sich intensiver damit befasste und in der Folge 1928 gar zum Leiter der weltweit ersten offiziellen Jazzklasse an einem Konservatorium berufen wurde; übrigens nicht in den USA, sondern in Frankfurt am Main. Aufgrund seines jüdischen Glaubens musste er 1935 nach England emigrieren, wo er ab 1942 in London Komposition unterrichtete.
Als Komponist schrieb er Werke für vielfältige Besetzungen, auch Filmmusik, und ließ dabei Einflüsse des Jazz, aber auch etwa Kodálys und Arnold Schönbergs hören. Seine Pastorale, die hier in einer neuen Ausgabe des Blockflötisten John Turner vorliegt, entstand 1941 für eine Besetzung mit Sopranblockflöte, Violine, Bratsche und Violoncello. 1952 erschien eine Erweiterung dieses Stücks im Druck, in der auf die Pastorale noch eine Burlesque folgte, gleichzeitig eine Version des Komponisten für (Quer-)Flöte und Klavier. Aus dieser Version extrahierte Turner nun die Klavierstimme, um eine neue Ausgabe der Pastorale für Sopranblockflöte und Klavier anbieten zu können – in der jede Note von Seiber stammt, wie der Herausgeber versichert, doch diverse Fehler der früheren Ausgabe verbessert und einige Änderungen, die Seiber 1952 vorgenommen hatte, eingearbeitet sind.
Damit macht Turner der Blockflöte ein sehr reizvolles Stück in kleiner Besetzung zugänglich: Eher impressionistisch als jazzig anmutend, basiert die Pastorale auf einem vor allem rhythmisch charakterisierten, fließenden Motiv, das sowohl in der Blockflöte als auch im Klavier immer wieder auftaucht, und zwar gewissermaßen in atmosphärisch verschiedenen Versionen: mal schneller, mal langsamer, mal entschiedener, mal träumerischer. Und mit immer anderen Fortführungen in den folgenden Takten.
Wer bei Pastoralen an 6/8-Takt und Weihnachten denkt, wird ein wenig enttäuscht: Der größte Teil des Stücks steht im 4/4-Takt, und weihnachtliche Assoziationen kommen bestenfalls in der träumerischen Atmosphäre der langen, fließenden Linien in der Blockflötenstimme auf. Dennoch eignet sich das etwa dreiminütige Werk gut als Vortragsstück – wenn auch nicht für AnfängerInnen.
In der Blockflötenstimme bestehen die Anforderungen vor allem in zahlreichen Vorzeichen in schnellen Läufen und auch artikulatorisch und dynamisch sollte ein Flötist fein differenzieren können, um dem Stück Farbe zu verleihen; ebenso wäre ein langer Atem vorteilhaft. Dazu ist der Klavierpart recht anspruchsvoll. Doch sicherlich sind beide Stimmen von etwas fortgeschritteneren SchülerInnen erlernbar – und das Endergebnis dürfte sowohl Spieler- als auch Lehrer-Herzen erfreuen.
Andrea Braun


