© Artem Bruk

Splett, Luisa Sereina

Rei­se in die eige­ne Ver­gan­gen­heit

Reflexionen über meine Erlebnisse als Klavierschülerin

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2017 , Seite 24

Als Kind erlebt man gewisse Dinge sehr klar – andere ­wiederum bleiben nur bruchstückhaft in Erinnerung. Beim Schreiben dieses Artikels wurde mir immer ­wieder bewusst, wie subjektiv diese Erinnerungen und Ansichten sind. Trotzdem ist es interessant, sich zu fragen, was das für besondere Momente sind, die in Erinnerung bleiben: Warum haben es gewisse Informationen geschafft, immer noch präsent zu sein?

Anfän­ge – Win­ter­thur

Ich wuchs in einer Musi­ker­fa­mi­lie in Win­ter­thur in der Schweiz auf. Mein Vater war zwei­ter Kon­zert­meis­ter im Sin­fo­nie­or­ches­ter der Stadt Win­ter­thur und unter­rich­te­te am Kon­ser­va­to­ri­um, mei­ne Mut­ter war Sän­ge­rin und Musik­päd­ago­gin am Leh­rer­se­mi­nar in Zürich. Mei­ne frü­hes­te Kind­heit – schon im Bauch mei­ner Mut­ter – war geprägt von klas­si­scher Musik. Auf Fotos sehe ich, dass mein Vater mich mit sei­ner Gei­ge in den Schlaf gespielt hat, mei­ne Mut­ter hat mir vor­ge­sun­gen.
Ich war ein sehr lauf­fau­les Baby und konn­te sin­gen und spre­chen, lan­ge bevor ich gehen lern­te. Mei­ne ers­te Erin­ne­rung über­haupt ist, dass ich mit knapp zwei Jah­ren mei­nem Bru­der kurz nach des­sen Geburt ein Schlaf­lied vor­ge­sun­gen habe: Bajusch­ki, Baju.
Sobald ich groß genug war, um die Tas­ten des Flü­gels zu errei­chen, spiel­te ich dar­auf her­um. Den ers­ten Unter­richt erhielt ich mit knapp fünf Jah­ren an der Musik­schu­le in Win­ter­thur – ein Unter­richt, der auf Gehör und Noten­leh­re gleich­zei­tig auf­bau­te. Ich spiel­te Kin­der­lie­der, mal­te, impro­vi­sier­te und emp­fand das Kla­vier­spiel nie als Pflicht oder Stress, son­dern immer als Spiel. Gleich­wohl kann ich mich erin­nern, dass mei­ne Eltern Wert dar­auf leg­ten, dass ich jeden Tag übte – das gehör­te ein­fach zu mei­nem Tages­ab­lauf. Dass ich beson­ders begabt war, merk­te ich zu die­sem Zeit­punkt nicht. Das Kla­vier­spiel war für mich wort­wört­lich ein Spiel, ein Aus­pro­bie­ren auf Tas­ten.
Ein bekann­ter Kla­vier­pro­fes­sor des Kon­ser­va­to­ri­ums ­Zürich kam, als ich ein paar Mona­te Unter­richt hat­te, zu uns nach Hau­se. Ich soll­te ihm etwas vor­spie­len – sozu­sa­gen eine Kon­sul­ta­ti­on unter Musi­ker­kol­le­gen. Ich erin­ne­re mich genau dar­an, weil ich über­haupt nicht ner­vös war. Ich war mir nicht bewusst, dass dies eine erns­te Vor­spiel-Situa­ti­on war. Trotz­dem kann ich mich an das Gefühl erin­nern, als ich merk­te, dass es mei­nem Vater wich­tig war, dass ich gut spiel­te. Es war etwas, das ich zu die­sem Zeit­punkt nicht ver­stand: War­um soll­te er sich sor­gen um etwas, das für mich zu die­ser Zeit etwas so Selbst­ver­ständ­li­ches war? Sei­ne pro­ji­zier­te Besorgt­heit blieb mir viel mehr im Gedächt­nis als das Urteil des ­renom­mier­ten Pia­nis­ten: In zehn Jah­ren wür­de er mich unter­rich­ten, bis dahin sol­le das Mäd­chen so wei­ter­ma­chen wie bis­her.
Die­se Kon­sul­ta­ti­on hat­te ein übles und ein gutes Nach­spiel: Mein Leh­rer an der Musik­schu­le fass­te sie als per­sön­li­che Belei­di­gung sei­nes Unter­richts auf, und so wech­sel­te ich inner­halb der Musik­schu­le zu der Leh­re­rin, deren Unter­richt mich bis heu­te prägt. Ich ver­stand zu die­sem Zeit­punkt nicht, war­um ich zu einem ande­ren Leh­rer wech­seln soll­te – ich war sechs Jah­re alt und konn­te nur die Span­nung zwi­schen mei­ner Mut­ter und mei­nem Leh­rer spü­ren, wenn sie mich zum Unter­richt beglei­te­te. Die­sel­be Span­nung fühl­te ich auch in der ers­ten Stun­de bei der neu­en Leh­re­rin: Es war ein Sich-Her­an­tas­ten und Beäu­gen.
Ich den­ke heu­te oft über die Drei­ecks­be­zie­hung Eltern-Schü­ler-Leh­rer nach. Jetzt ste­he ich auf der Leh­rer­sei­te und ver­su­che, die Kin­der zu unter­rich­ten und dabei ein offe­nes Ohr für die Eltern zu haben. Wie es auf der ­Eltern­sei­te aus­sieht, die ihrem Kind den best­möglichen ­Instru­men­tal­un­ter­richt ermög­li­chen wol­len, kann ich bis­her nur erah­nen. Als Kind bekam ich nur mit, wenn etwas in die­ser Bezie­hung nicht klapp­te. Solan­ge alles in Ord­nung war, dach­te ich nicht wei­ter dar­über nach.
Ich emp­fand mei­ne Kla­vier­leh­re­rin als eine enorm wich­ti­ge Bezugs­per­son in mei­nem Leben. Jede Kla­vier­stun­de war ein Erleb­nis. Vie­le Din­ge, die ich damals so moch­te, mache ich auch heu­te mit mei­nen Schü­le­rin­nen und Schü­lern:
– Bil­der malen und dazu impro­vi­sie­ren, also auf dem Kla­vier Geschich­ten erzäh­len;
– Stü­cke, die man gut beherrscht, auf­neh­men, sozu­sa­gen zum Abschlie­ßen der Arbeit an dem Stück;
– mit ande­ren Schü­le­rin­nen und Schü­lern zusam­men in Ensem­bles spie­len.
Außer ihrem Unter­richt moch­te ich an mei­ner Kla­vier­leh­re­rin ihr krau­ses Haar, ihre Bunt­stif­te, ihre Schrift und ihren Walk­man, mit dem ich das auf­ge­nom­me­ne Stück jeweils noch­mals anhö­ren durf­te.
Mei­nen ers­ten Auf­tritt hat­te ich mit sie­ben Jah­ren anläss­lich einer Flü­gel-Aus­stel­lung. Ich war über­haupt nicht auf­ge­regt, son­dern fand es ein­fach nur toll zu spie­len. Die­ses Gefühl blieb, bis ich ca. zwölf Jah­re alt war. Das ers­te Mal mit Orches­ter spiel­te ich mit neun Jah­ren. Mei­ne Leh­re­rin war mit einem Gei­ger des Stadt­or­ches­ters ver­hei­ra­tet. Sie orga­ni­sier­te für mich eini­ge Musi­ker, die mich bei einem Musik­schul­vor­spiel beglei­te­ten. Es war enorm auf­re­gend für mich, ein Haydn-Kon­zert mit Beglei­tung zu spie­len. Ich erin­ne­re mich: Vor dem Kon­zert fühl­te ich mich so glück­lich, dass ich vor Freu­de auf der Stra­ße tanz­te. Wäh­rend des Spiels war ich gar nicht ner­vös und moch­te die schnel­len Läu­fe. Wor­um ich mich eher sorg­te, war, ob ich auf dem Saum mei­nes neu­en Klei­des sit­zen oder die­sen über den Stuhl stül­pen soll­te.
Mei­ne Leh­re­rin konn­te bei dem Kon­zert nicht dabei sein. Sie berich­te­te mir in der ers­ten Stun­de nach dem Kon­zert, ihr Mann hät­te ihr gesagt, der drit­te Satz sei zu schnell gewe­sen. An die­se Kri­tik kann ich mich viel bes­ser erin­nern als an das Lob aller Zuschau­er nach dem Kon­zert, zumal ich mir über­haupt nicht bewusst war, etwas falsch gemacht zu haben…
Zusam­men mit mei­nem klei­nen Bru­der Valen­tin hör­te ich vie­le Kas­set­ten über das Leben der Kom­po­nis­ten. Mit unse­ren Eltern hör­ten wir Opern auf alten Schall­plat­ten, die wich­tigs­ten The­men spiel­te uns Papa dann immer noch auf der Gei­ge vor. Außer Kla­vier und Gei­ge zu spie­len, san­gen wir zwei Geschwis­ter auch im Kin­der­chor, spä­ter im Jugend­chor. Wir musi­zier­ten, seit ich den­ken kann, zusam­men. Mit unge­fähr acht und zehn Jah­ren grün­de­ten wir unser ers­tes Kla­vier­trio zusam­men mit einer Klas­sen­ka­me­ra­din von Valen­tin. Die Trio­pro­ben lei­te­te unser Vater.
In ver­schie­de­nen For­ma­tio­nen nah­men wir auch an Wett­be­wer­ben teil. Aller­dings spür­te ich da immer eine gewis­se Skep­sis. Haupt­säch­lich lag das wohl wie­der an die­sem Gefühl, das von den Erwach­se­nen aus­ging: die­se gewis­se Besorgt­heit, dass etwas beson­ders gut klap­pen soll­te. Gleich­zei­tig gab es auch immer Unan­nehm­lich­kei­ten hin­ter der Büh­ne, Gerüch­te über Ver­bin­dun­gen von ande­ren Leh­rern zu Jury­mit­glie­dern, Star­al­lü­ren von ande­ren Kin­dern und deren Leh­rern und Eltern. Beim Schrei­ben fällt mir auf, wie stark sich Emp­fin­dun­gen und Gefüh­le von Erwach­se­nen auf die Kin­der über­tra­gen.
Musik war in mei­ner Kind­heit nicht vom All­tags­le­ben zu unter­schei­den – sie gehör­te dazu wie die Schu­le auch. Da ich nie viel Haus­auf­ga­ben zu erle­di­gen hat­te, konn­te ich auch genug üben. So durch­leb­te ich mei­ne Kind­heit und ver­dräng­te mei­ne Außen­sei­ter­rol­le in der Schu­le durch Lesen und Musik.

Teen­ager-Zeit – Win­ter­thur, Ran­ca­gua

Mit dem Ein­tritt ins Gym­na­si­um und Teen­ager­al­ter ver­schwand mei­ne Unbe­schwert­heit. Ande­re Din­ge rück­ten in den Vor­der­grund. Mir wur­de plötz­lich bewusst, dass ich vor­spiel­te – und mach­te prompt Feh­ler. Ab die­sem Zeit­punkt waren die Vor­spie­le anders, aber irgend­wie emp­fand ich sie trotz­dem nie als Last oder extrem nega­tiv. Es kam ein­fach Ner­vo­si­tät dazu. Als ich 15 Jah­re alt war, fand mei­ne Leh­re­rin, dass es an der Zeit sei, einen ande­ren Leh­rer zu suchen. Und so kam ich zu einem Hoch­schullehrer, der mich trotz mei­nes jun­gen Alters unter­rich­te­te. Der renom­mier­te Pro­fes­sor, der mich als Kind gehört hat­te, war unter­des­sen ins Aus­land gezo­gen.
Mit 15 kam ich also zu einem Leh­rer, der sonst Stu­die­ren­de unter­rich­te­te, selbst aber noch ziem­lich jung war. Bei ihm wuss­te ich nie, wor­an ich war, ob er fand, dass ich gut spiel­te oder schlecht… Natür­lich ver­miss­te ich in sei­nem Unter­richt die Herz­lich­keit und Ver­bun­den­heit, die ich bei mei­ner Leh­re­rin genos­sen hat­te. Ande­rer­seits ging es bei ihm immer um die Sache der Musik, um eine siche­re Tech­nik. Sein Unter­richt war gut und soli­de.
Mit 16 durf­te ich ein Aus­tau­sch­jahr in Ran­ca­gua (Chi­le) ver­brin­gen. Die­ses Jahr war von allem ande­ren als Musik geprägt, so unzäh­lig vie­le Ein­drü­cke, Erleb­nis­se, Erfah­run­gen stürz­ten auf mich ein. Es gab damals (1999/ 2000) noch kaum Inter­net, sodass ich wäh­rend die­ses Jah­res mit mei­nen Eltern ein­mal im Monat tele­fo­nier­te und ansons­ten Brie­fe schrieb. Ich nahm auch Klavier­unterricht, ­übte auf einem geborg­ten Key­board, spiel­te auch eini­ge Male vor. Aber da gab es viel wich­ti­ge­re Din­ge, z. B. Jungs, Aus­ge­hen, Tan­zen. Mein Kla­vier­leh­rer in die­sem Jahr war an der loka­len „casa de la cul­tu­ra“ ange­stellt. Ich ver­mu­te im Nach­hin­ein, dass er mir eigent­lich nicht viel bei­brin­gen konn­te, aber er war sehr herz­lich und moti­vier­te mich, immer zu üben und dran­zu­blei­ben.
Es ist eigen­ar­tig, dass ich mich an kei­ne ein­zel­ne Kla­vier­stun­de erin­nern kann, auch an kei­ne Metho­den oder Bege­ben­hei­ten in sei­nem Unter­richt. Ich ent­sin­ne mich, wo der Unter­richt statt­fand, wo das Kla­vier im Raum stand und wo der Leh­rer saß. Wahr­schein­lich war nichts an die­sem Unter­richt beson­ders schlecht oder gut, sonst könn­te ich mich bes­ser dar­an erin­nern. Es gehör­te zu mei­nem Wochen­plan, zwei­mal in die Kla­vier­stun­de zu gehen, und ich moch­te mei­nen Leh­rer – und das war es. Sehr wohl weiß ich aber, dass ich erstaunt war, dass es in einer Groß­stadt nur einen ein­zi­gen Flü­gel gab. Der stand nicht in der Musik­schu­le, son­dern im Rat­haus und wur­de nur für Schü­ler­kon­zer­te genutzt.
Ich fühl­te mich in der chi­le­ni­schen Kul­tur wohl wie ein Fisch im Was­ser. Als das Jahr zu Ende ging und ich zurück in die Schweiz rei­sen muss­te, war ich tod­un­glück­lich und woll­te nichts, als sobald wie mög­lich wie­der zurück­zu­keh­ren. Ich über­leg­te, Eth­no­lo­gie oder Sozio­lo­gie zu stu­die­ren. In der Schweiz fühl­te ich mich ein­ge­engt, mein Umfeld fand ich spie­ßig und kalt. Mein Kla­vier­leh­rer in Win­ter­thur nahm mich wie­der in sei­ne Klas­se auf. Wenn ich mir über­le­ge, wie ich damals zu ihm in den Unter­richt kam (far­bi­ge Nägel, selbst gefer­tig­te Schlag­ho­sen, Hem­den von mei­nem Vater, Rin­ge, etc.), muss ich ihn für sei­ne Geduld bewun­dern. Er misch­te sich nie in mein Leben ein, aber es kam des­halb auch sel­ten zu einem ermu­ti­gen­den Kom­men­tar oder Ähn­li­chem. Eigent­lich wuss­te ich ja nicht, was ich mit mei­nem Leben nach dem Abitur anfan­gen soll­te. Bei ihm war das Kla­vier Mit­tel­punkt im Unter­richt, Teen­ager­sor­gen blie­ben drau­ßen. Ich kann im Rück­blick auf die­se Zeit nicht mehr sagen, ob das damals für mich gut oder schlecht war. Tat­sa­che war, dass ich selbst ent­schei­den muss­te, wie es wei­ter­ge­hen soll­te.

(Jung-)studentin – Win­ter­thur, Zürich, San­tia­go de Chi­le

Kurz nach mei­ner Heim­kehr frag­te mich der Lei­ter des Schul­or­ches­ters in Win­ter­thur, ob ich nicht mit dem Orches­ter als Solis­tin auf­tre­ten wol­le. Ich spiel­te das Beet­ho­ven-Ron­do WoO6, das von Czer­ny auf­ge­peppt wor­den ist, und konn­te mit dem Orches­ter eine Ungarn­rei­se unter­neh­men und durch die Schweiz tou­ren. Dar­auf­hin beschloss ich, die Auf­nah­me­prü­fung am Konservato­rium in Zürich als Jung­stu­den­tin zu ver­su­chen. Für mich war das ein Test: Wür­de ich es schaf­fen, woll­te ich eine Aus­bil­dung zur Pia­nis­tin in Angriff neh­men, wenn nicht, dann eben nicht. Dass es für mich ein Schei­de­weg war, erzähl­te ich aber nie­man­dem.
Mein Leh­rer sah dem Gan­zen mit Skep­sis ent­ge­gen. Er selbst konn­te bei der Prü­fung nicht anwe­send sein und er wuss­te nicht, ob ich vor sei­nen stren­gen Kol­le­gen bestehen wür­de. Der Tag wur­de für mich wich­tig, gera­de auch wegen der Absenz mei­nes Leh­rers – nun woll­te ich auf mich allein gestellt erst recht bewei­sen, dass ich es schaf­fen wür­de. Ich bestand mit Aus­zeich­nung, also war die Ent­schei­dung gefal­len.
Nach der Prü­fung merk­te ich zum ers­ten Mal nach über zwei Jah­ren, dass mein Leh­rer sehr wohl etwas von mir als Pia­nis­tin hielt: Vor der nächs­ten Unter­richts­stun­de stell­te er mich einer Mit­stu­den­tin vor, samt loben­den Wor­ten über mei­ne Prü­fung. Sei­ne Aner­ken­nung war so sel­ten wie sei­ne Kri­tik. Ich erin­ne­re mich, dass ich ihn in einem spä­te­ren Jahr mei­nes Stu­di­ums dar­auf ansprach und ihn bat, mir mehr Feed­back zu geben. Es sei für mich schwie­rig, stets zu ver­su­chen, zwi­schen den Zei­len zu lesen, was er wohl über mei­ne Leis­tung den­ken möge. Er fiel auf die­se Bemer­kung hin aus allen Wol­ken, da er sich das offen­sicht­lich gar nicht über­legt hat­te. Auch bei ande­ren Leh­rern in ande­ren Län­dern erfuhr ich immer wie­der, wie müh­se­lig es war, ohne kon­kre­te Rück­mel­dun­gen zu arbei­ten. Wenn ich nach einer Woche stun­den­lan­gen Übens in den Instru­men­tal­un­ter­richt ging, erwar­te­te ich irgend­wie einen Kom­men­tar zu mei­ner Arbeit.
Nach dem Abitur kehr­te ich wie­der nach Chi­le zurück, um ein Jahr an der chi­le­ni­schen Uni­ver­si­tät in San­tia­go zu stu­die­ren. Mein Stu­di­en­platz am Kon­ser­va­to­ri­um in Zürich blieb mir erhal­ten. Eine schreck­li­che Leh­re­rin unter­rich­te­te mich in die­sem Jahr in San­tia­go. Wahr­schein­lich fand sie mich min­des­tens so schreck­lich wie ich sie. Sie ver­such­te, alle tech­ni­schen Pro­ble­me mit einer ein­zi­gen Metho­de aus­zu­mer­zen: trans­po­nie­ren. Anfangs fand ich das noch inter­es­sant, aber nach einer Wei­le leuch­te­te mir das über­haupt nicht mehr ein.
Ich wohn­te mit mei­ner Gast­schwes­ter des Aus­tau­sch­jah­res (Schau­spiel­stu­den­tin) und einer Freun­din (Film­stu­den­tin) zusam­men. Die Par­tys in unse­rer WG gehör­ten bei­na­he zur Tages­ord­nung. Mein Klei­dungs­stil wur­de jeden Tag extra­va­gan­ter, mei­ne Kla­vier­leh­re­rin immer schnip­pi­scher. Trotz­dem übte ich viel und spiel­te Kam­mer­mu­sik, unter ande­rem bei einer uralten Dame, die eine per­sön­li­che Freun­din von Clau­dio Arrau gewe­sen war. Sie konn­te mich moti­vie­ren, denn sie war wohl­wol­lend und lieb­te die Musik über alles, was sich auf ihre Stu­den­tin­nen und Stu­den­ten über­trug. Par­tys hin oder her, für mich war ab die­sem Jahr klar, dass ein Leben ohne Musik kei­ne Opti­on für mich sein wür­de. Ich leb­te in der Musik, durch mei­ne Adern floss Musik, der Instru­men­tal­un­ter­richt war „Mit­tel zum Zweck“: Durch ihn konn­te ich mei­ne Tech­nik ver­bes­sern, mein Reper­toire erwei­tern und immer mehr die Wer­ke spie­len, die ich auch spie­len woll­te.
Nach einem Jahr muss­te ich wie­der in die Schweiz, um in Zürich mei­ne Stu­di­en wie­der auf­zu­neh­men. An den Wochen­en­den arbei­te­te ich als Kell­ne­rin, ich hat­te auch Neben­jobs als Büro­hil­fe und ver­teil­te sogar als Han­dy ver­klei­det Fly­er in der Stadt, denn ich woll­te zurück nach Chi­le. 2004 schaff­te ich die Über­tritts­prü­fung in die Kon­zert­aus­bil­dung, beschloss aber trotz­dem, die Aus­bil­dung in Chi­le fort­zu­set­zen. Da ich nicht zurück zur Kla­vier­leh­re­rin woll­te, die ich erlebt hat­te, schrieb ich mich an einer ande­ren Uni­ver­si­tät in San­tia­go de Chi­le bei einer rus­si­schen Kla­vier­leh­re­rin ein. Die­se öff­ne­te mir eine neue Tür aus pia­nis­ti­scher Sicht, indem sie mei­ne Auf­merk­sam­keit ganz und gar auf den Klang lenk­te. Sie war herz­lich, auf­ge­schlos­sen, opti­mistisch und hat­te ein offe­nes Ohr für mich – wie auch für alle ande­ren Stu­die­ren­den.
Ich bewun­der­te sie als Frau, Pia­nis­tin und Leh­re­rin und ver­trau­te ihr voll und ganz. Auch der Metho­dik­un­ter­richt fand bei ihr statt. So lern­te ich die rus­si­sche Kla­vier­schu­le in Chi­le ken­nen. Rus­si­sche Gründ­lich­keit bei Erlan­gen von Tech­nik zusam­men mit süd­ame­ri­ka­ni­scher Leich­tig­keit des Seins – das schien mir eine gute Kom­bination zu sein. Ich fing selbst an zu unter­rich­ten, wur­de bald Assis­ten­tin mei­ner Leh­re­rin und auch ande­rer ­Kla­vier­do­zen­ten an der Uni und arbei­te­te von früh bis spät.

Aspi­ran­tin – St. Peters­burg

Gegen Ende des Stu­di­ums emp­fahl mir mei­ne Leh­re­rin, ihrem ehe­ma­li­gen Pro­fes­sor in St. Peters­burg vor­zu­spie­len, damit er mir Tipps zu einem wei­ter­füh­ren­den Stu­dium geben kön­ne. Ich fuhr im Juli 2006 zu ihm. Mir gegen­über blieb der Pro­fes­sor höf­lich distan­ziert, auch nach der über vier Stun­den dau­ern­den Kla­vier­stun­de (für die er auf gar kei­nen Fall auch nur einen Euro anneh­men woll­te). Sei­ner ehe­ma­li­gen Schü­le­rin, mei­ner Leh­re­rin, gegen­über sag­te er jedoch, dass er mich in sei­ne Kon­zert­klas­se auf­neh­men wol­le. Also flog ich nach mei­nem Abschluss in Chi­le im Febru­ar 2007 nach St. Peters­burg, um mich inner­halb von vier Mona­ten auf die Auf­nah­me­prü­fung vor­zu­be­rei­ten und Rus­sisch zu ler­nen, was Pflicht war für die Prü­fung.
Die Umstel­lung von Süd­ame­ri­ka nach Russ­land war sehr groß. Ich wohn­te im Stu­den­ten­heim für aus­län­di­sche Kon­ser­va­to­ri­ums­stu­den­ten, muss­te mir anfangs das Zim­mer tei­len, litt unter fixen Dusch­zei­ten, schim­me­li­gen Toi­let­ten und Wasch­räu­men, der eisi­gen Käl­te und einer neu­en Spra­che. Es war alles mit einer extre­men Anstren­gung ver­bun­den. Aber irgend­wie schaff­te ich es.
Die Kon­zert­aus­bil­dung (Aspi­ran­tu­ra) in Russ­land war mei­ne bes­te musi­ka­li­sche Aus­bil­dung, nicht nur wegen des tol­len Kla­vier­un­ter­richts, mei­nes Übens bis zum Umfal­len und der neu­en Freund­schaf­ten, son­dern auch, weil ich die rus­si­sche Spra­che lie­ben lern­te und das ­Kul­tur­ange­bot die­ser musi­ka­li­schen Hoch­burg voll aus­nutz­te. Außer­dem hat­te ich mir vor­ge­nom­men, so viel wie mög­lich von mei­nem Unter­richt zu pro­fi­tie­ren. Ich hos­pi­tier­te oft bei ande­ren Stu­den­ten und durf­te dann bald auch mei­ne Kom­men­ta­re dazu abge­ben. So gewann ich auch das schwie­rig zu erlan­gen­de Ver­trau­en mei­nes Pro­fes­sors.
Der Unter­richt bei ihm war immer sehr logisch auf­ge­baut. Sein Wis­sen und Kön­nen, das er mir ver­mit­tel­te, gin­gen ein­her mit einem Erfah­rungs­schatz von über drei­ßig­jäh­ri­ger Lehr­tä­tig­keit. Da ich ihm blind ver­trau­te und ver­such­te, so viel wie mög­lich von sei­ner Erfah­rung zu pro­fi­tie­ren, lern­te ich viel und schnell.
2007 ver­starb mein Vater, mein Pro­fes­sor in Russ­land wur­de sicher auch aus die­sem Grund zu einer Vater­fi­gur in mei­nem Leben. Auch er ging mit Lob äußerst spar­sam um. Zum Glück erzähl­te er aber mei­ner bes­ten Freun­din, die bei ihm seit frü­her Kind­heit Unter­richt hat­te, jeweils von sei­nen Ein­drü­cken über mein Spiel, und die­se teil­te es mir mit. Unter uns Freun­din­nen dis­ku­tier­ten wir oft dar­über, ob es Leh­ren­den all­ge­mein schwer­fällt, ein Feed­back zu geben, und ob es auch einen Ein­fluss hat, ob man Unter­richt bei einer Frau oder einem Mann hat. Ohne mich in die­ser Gen­der­fra­ge ver­lie­ren zu wol­len, glau­be ich aus Erfah­rung spre­chen zu kön­nen, dass man als jun­ge Frau mehr Feed­back braucht, und da Leh­re­rin­nen dies wis­sen und ken­nen, kön­nen sie schnel­ler – viel­leicht auch unbe­wusst – dar­auf reagie­ren.
Seit ich nach mei­nem Abschluss in St. Peters­burg in Ber­lin lebe, ver­su­che ich noch immer, min­des­tens ein­mal im Jahr zu mei­nem Pro­fes­sor nach Russ­land zu flie­gen und ihm vor­zu­spie­len. Von all mei­nen Leh­re­rin­nen und Leh­rern ist er der­je­ni­ge, dem ich am meis­ten ver­traue und bei dem ich weiß, dass er mir mit einer ein­zi­gen Unter­richts­stun­de alle Wei­chen in einem Stück so stel­len kann, dass ich allei­ne wie­der gut klar­kom­me.

Abschluss – Ber­lin

Zusam­men­fas­send kann ich sagen: Der Inst­rumen­tal­unterricht, den ich als Kind erhielt, war ein Teil mei­nes Lebens. Das instru­men­ta­le Ler­nen fand im Unter­richt, aber auch außer­halb statt, mei­ne ande­ren künst­le­ri­schen Tätig­kei­ten hat­ten auch immer einen Ein­fluss auf mein Kla­vier­spiel. Im Ver­lauf mei­nes Stu­di­ums wur­de der Kla­vier­un­ter­richt zur wich­tigs­ten Stun­de der Woche.
Das Ver­hält­nis zur jewei­li­gen Lehr­per­son war immer unglaub­lich wich­tig: Als Kind ging es um eine Gesamt­erscheinung der Per­son; als Stu­den­tin stand das Ver­trau­en in Bezie­hung zum instru­men­ta­len Ler­nen im Vor­der­grund, das heißt, sobald ich merk­te, dass das, was mir der Leh­rer oder die Leh­re­rin bei­brach­te, funk­tio­nier­te, ver­trau­te ich ihm bzw. ihr.
Den Instru­men­tal­un­ter­richt als abgeschot­teten Unter­richt jen­seits des Lebens zu betrach­ten, scheint mir unmög­lich. Der All­tag hat unmit­tel­ba­ren Ein­fluss auf jeg­lichen Inst­rumentalunterricht, und jede Lebens­si­tua­ti­on spielt im Instru­men­tal­un­ter­richt eine Rol­le.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 1/2017.