© Jane Dunker_Lichtfilm

König, Bernhard

Respekt vor dem „Gewor­den­sein“

Singen mit Senioren und Komponieren für alte Stimmen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 6/2017 , Seite 06

Die musikalische Arbeit mit alten Menschen ist so vielfältig wie die Voraussetzungen, die SeniorInnen mitbringen. Ob Experimentalchor, Seniorenheim oder Hospiz: Die Ausgangsbedingungen für die eigene Tätigkeit könnten unterschiedlicher nicht sein.

Mama, der Anruf­be­ant­wor­ter ist voll!“ Wir befin­den uns auf einem Klau­sur­wo­chen­en­de für Musik­ver­mitt­ler, als mei­ne Kol­le­gin Moni­ka Win­ter­son die­ser Anruf ihres Soh­nes erreicht: Das Band sei voll mit Anmel­dun­gen begeis­ter­ter Senio­ren, die ihrer Freu­de über unser Ange­bot Aus­druck geben und nun unbe­dingt dabei sein möch­ten. Die Kol­le­gin bit­tet ihren Sohn, alle Anru­fer zu notie­ren und die Auf­zeich­nun­gen zu löschen, um Platz für neue Nach­rich­ten zu schaf­fen. Zwei Stun­den spä­ter dann ein erneu­ter Hil­fe­ruf aus Köln: Der Anruf­be­ant­wor­ter sei schon wie­der voll.
Es ist Mit­te Novem­ber 2010 und der Aus­lö­ser die­ses unge­wohn­ten Ansturms auf das Tele­fon unse­res Köl­ner Büros für Kon­zert­päd­ago­gik war eine klei­ne Notiz in der Wochen­end­aus­ga­be einer loka­len Tages­zei­tung: „Sin­gen ab sieb­zig: Expe­ri­men­tal­chor für Alte Stim­men. Anmel­dung zum Schnup­per­tref­fen unter 0221“ usw. Kein Foto wohl­ge­merkt, kein Arti­kel, bloß ein dür­rer, zwei­zei­li­ger Ver­an­stal­tungs­hin­weis. Leicht zu über­se­hen – und doch, ganz offen­kun­dig, auf­fäl­lig genug, um von die­ser gut infor­mier­ten und kul­tur­hung­ri­gen Kli­en­tel wahr­ge­nom­men zu wer­den: Bin­nen weni­ger Tage wer­den sich über 120 sing­be­geis­ter­te Senio­ren bei uns ange­mel­det haben, beim hun­derts­ten Inter­es­sen­ten wer­den wir schwe­ren Her­zens eine War­te­lis­te ein­füh­ren müs­sen. Schon aus rein prag­ma­ti­schen Grün­den: In unse­rem Proben­domizil, dem Foy­er der Köl­ner Phil­har­mo­nie, ste­hen uns „nur“ 100 Stüh­le zur Ver­fü­gung. Nie­mand von uns hat­te mit einem sol­chen Ansturm gerech­net.

Die Schön­heit „fal­ti­ger“ Stim­men

Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te die­ses Chors reicht weit zurück. Bereits wäh­rend mei­nes Kom­po­si­ti­ons­stu­di­ums in den frü­hen 1990er Jah­ren hat­te ich begon­nen, mich künst­le­risch mit „alten Stim­men“ zu beschäf­ti­gen. Ich quar­tier­te mich für drei Wochen in einem Alten­heim ein, führ­te Inter­views und füg­te sie zu einem O-Ton-Hör­spiel zusam­men. Dabei fas­zi­nier­te mich von Anfang an die Expres­si­vi­tät und Ein­zig­ar­tig­keit die­ser „fal­ti­gen“, mal dün­nen oder brü­chi­gen, mal vol­len und war­men Stim­men. Für eine direk­te dia­lo­gisch-musi­ka­li­sche Zusam­men­ar­beit, die über das blo­ße Doku­men­tie­ren hin­aus­ge­gan­gen wäre, fehl­te mir zum dama­li­gen Zeit­punkt das metho­di­sche Hand­werks­zeug – doch mei­ne Neu­gierde war geweckt.
Gele­gen­heit, ein sol­ches Hand­werks­zeug zu ent­wi­ckeln, bot sich in den fol­gen­den Jah­ren reich­lich. Zusam­men mit eini­gen Kol­le­gen grün­de­te ich nach dem Stu­di­um ein kon­zert­päd­ago­gi­sches „Ser­vice-Unter­neh­men“, das Kon­zert­häu­ser, Orches­ter und Bil­dungs­ein­rich­tun­gen in ganz Deutsch­land mit maß­geschneiderten Ange­bo­ten ver­sorg­te. Dazu zähl­ten neben vie­len ande­ren Akti­vi­tä­ten immer wie­der Work­shops für Chorimprovisa­tion, neu­es Musik­thea­ter oder expe­ri­men­tel­len Gemein­de­ge­sang, in denen gemein­sam Musik erfun­den wur­de. Früh fiel mir dabei auf, dass – wo immer dies in genera­ti­ons­ge­misch­ten Grup­pen geschah – die älte­ren Semes­ter häu­fig beson­ders auf­ge­schlos­sen und expe­ri­men­tier­freu­dig waren. Die Idee spe­zi­el­ler Senio­ren­pro­jek­te lag da nahe – doch in der „jugend­fi­xier­ten“ kon­zert­päd­ago­gi­schen Sze­ne war damals noch kein Raum für der­lei Ange­bo­te. Wann immer ich im Gespräch mit Auf­trag­ge­bern vor­sich­tig auf die Ziel­grup­pe der über 70-Jäh­ri­gen zu spre­chen kam, ern­te­te ich ver­ständ­nis­lo­ses Kopf­schüt­teln: Alte haben wir doch mehr als genug in unse­ren Kon­zer­ten sit­zen – war­um da noch eige­ne kon­zert­päd­ago­gi­sche Maß­nah­men ergrei­fen?
So war es ein beson­de­rer Glücks­fall, dass die Stutt­gar­ter Addy-von-Holtz­brinck-Stif­tung mir 2010 den Auf­trag für ein mehr­jäh­ri­ges künst­le­ri­sches For­schungs­pro­jekt erteil­te, das – anders als die Mehr­zahl mei­ner sons­ti­gen Auf­trä­ge – dies­mal nicht auf ein spek­ta­ku­lä­res Kon­zert-Event oder auf die Rekru­tie­rung von Kon­zert­pu­bli­kum ziel­te, son­dern des­sen Ziel­set­zung schlicht lau­te­te: Kom­po­nie­re für alte Men­schen. Erfin­de Musik für sie und mit ihnen. Pro­bie­re aus, was geht.
Gemein­sam mit dem Stif­tungs­ku­ra­to­ri­um ent­wi­ckel­te ich ein mehr­stu­fi­ges Pro­jekt, das sich an drei ver­schie­de­nen Orten drei höchst unter­schied­li­chen Daseins­for­men von „Alter“ wid­met: In einem gro­ßen Stutt­gar­ter Alten­heim mit mehr als 150 Bewoh­nern. In einem klei­nen Hos­piz mit acht sta­tio­nä­ren Plät­zen. Und, last not least, in unse­rem Köl­ner Expe­ri­men­tal­chor, des­sen ers­te Ankün­di­gung auf so unver­hofft gro­ßes Echo gesto­ßen ist.

Orga­ni­sa­to­ri­sche Anlauf­schwie­rig­kei­ten

Obwohl wir bei­lei­be kei­ne Anfän­ge­rIn­nen mehr sind, beschleicht uns alle vor unse­rem ers­ten Chorter­min lei­se Ner­vo­si­tät. „Wir“ – das sind außer mir vier hoch­mo­ti­vier­te Kol­le­gin­nen, die alle­samt aus ganz unter­schied­li­chen Grün­den den Wunsch ent­wi­ckelt haben, sich musi­ka­lisch mit die­ser Ziel­grup­pe zu beschäf­ti­gen. Die Jazz­sän­ge­rin Alex­an­dra Nau­mann und die Flö­tis­tin und Kon­zert­päd­ago­gin Ortrud Kegel wer­den mit mir zusam­men den Köl­ner Chor lei­ten. Ein par­al­lel dazu ent­ste­hen­der, klei­ne­rer Chor-„Ableger“ im nahe gele­ge­nen Trois­dorf wird von der Kan­to­rin Bri­git­te Rau­scher und der Musik­päd­ago­gin Moni­ka Win­ter­son betreut. Alles in allem also eine bun­te Trup­pe mit einer krea­ti­ven Viel­falt an Kom­pe­ten­zen und Arbeits­an­sät­zen.
Das rasan­te tele­fo­ni­sche Feed­back hat nicht getäuscht: Trotz Teil­nah­me­be­gren­zung und War­te­lis­te fin­den sich über 100 neu­gie­ri­ge Sän­ge­rin­nen und Sän­ger zur ers­ten Schnup­per­pro­be ein. Kaum einer kann sich unter dem Begriff „Expe­ri­men­tal­chor“ etwas vor­stel­len, die meis­ten haben eine kon­ven­tio­nel­le Chor­ar­beit nach Noten erwar­tet und sind eini­ger­ma­ßen über­rascht, als wir sie zur Begrü­ßung auf­for­dern, sich nicht in vier Stim­men zu sor­tie­ren, son­dern Männ­lein und Weib­lein bunt zu mischen. Es wird nicht die ein­zi­ge Über­ra­schung blei­ben: Ohne grö­ße­re Umschwei­fe kon­fron­tie­ren mei­ne Kol­le­gin­nen und ich die stau­nen­de Grup­pe mit frei­me­tri­schen Kanons, Klang­far­ben­im­pro­vi­sa­tio­nen, Flüs­ter- und Sprech­stü­cken.
Ich kann nicht ver­heh­len, dass in die­sem etwas bra­chia­len und gänz­lich unpäd­ago­gi­schen Ver­zicht auf jeg­li­che scho­nen­de und ver­trau­ens­bil­den­de Hin­füh­rung durch­aus auch ein Stück Berech­nung steckt: Viel­leicht, so der anfäng­li­che Hin­ter­ge­dan­ke, wird unser Chor auf die­se Wei­se von ganz allein auf eine etwas prak­ti­ka­ble­re Grö­ße schrump­fen. Eine Hoff­nung, die sich glück­li­cher­wei­se nicht erfül­len wird. Nur sehr weni­ge las­sen sich von unse­rem stark expe­ri­men­tel­len Ein­stieg abschre­cken. Statt­des­sen: viel Begeis­te­rung über all die neu­en Erfah­run­gen.
Neue Erfah­run­gen sam­meln auch wir – vor allem, was die kon­ti­nu­ier­li­che Arbeit mit einer Grup­pe von die­ser Grö­ße betrifft. Rein musi­ka­lisch ler­nen wir die Qua­li­tä­ten eines gro­ßen Chors schnell zu schät­zen – orga­ni­sa­to­risch stellt er uns vor man­che Her­aus­for­de­rung. Etwa beim The­ma „Kom­mu­ni­ka­ti­on“: Rund ein Drit­tel unse­rer Senio­ren haben zu Beginn der Pro­ben noch kei­nen eige­nen Inter­net­zu­gang, gleich­zei­tig sind wir als Chor ohne fes­ten Pro­ben­ort und mit häu­fi­gen Aus­weich­quar­tie­ren auf eine stän­di­ge, funk­tio­nie­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on ange­wie­sen, deren tele­fo­ni­sche Abwick­lung uns in die­ser Grö­ßen­ord­nung mas­siv über­for­dern wür­de. Mit Hil­fe von „E-Mail-Paten­schaf­ten“ lässt sich das Pro­blem kurz­fris­tig lösen, im Lauf der Zeit wer­den dann eini­ge Sän­ge­rIn­nen die Gele­gen­heit ergrei­fen, sich erst­mals im Leben eine eige­ne Mail­adres­se zuzu­le­gen.
Ein zwei­tes Pro­blem: das gegen­sei­ti­ge Ken­nen­ler­nen. Jeg­li­che Vor­stel­lungs­run­de wür­de den zeit­li­chen Rah­men spren­gen und ange­sichts die­ser Fül­le an Namen und Gesich­tern wenig Effekt haben. So füh­ren wir statt­des­sen eine „Los­trom­mel“ ein, aus der zu Beginn jeder Pro­be die Namen von vier Cho­ris­ten gezo­gen wer­den. Die­se vier dür­fen sich der Grup­pe kurz vor­stel­len, sodass im Lauf der Zeit immer mehr Namen ein Gesicht, immer mehr Gesich­ter einen per­sön­li­chen Hin­ter­grund erhal­ten.

Kin­der­lie­der und Ergo­the­ra­pie

Sich mit­ein­an­der bekannt machen: An mei­nem zwei­ten Pro­jekt­schau­platz lässt sich das nicht „mal eben“ neben­her, im Rah­men eines kurz­wei­li­gen Fünf-Minu­ten-Ritu­als erle­di­gen. Sich gegen­sei­tig ken­nen zu ler­nen und Ver­trau­en auf­zu­bau­en ist hier die Arbeit vie­ler Wochen.
Das Stutt­gar­ter Genera­tio­nen­zen­trum Son­nen­berg umfasst neben dem sta­tio­nä­ren Alten­heim­be­reich auch eine ambu­lan­te Tages- und Kurz­zeit­pfle­ge sowie 30 ange­schlos­se­ne Woh­nun­gen für ein auto­no­mes „betreu­tes Woh­nen“. Vor allem aber – und dies wird mei­ner Arbeit ent­schei­den­de Impul­se geben – ver­eint es Senio­ren­heim und Kin­der­gar­ten unter einem Dach. Ein wei­te­rer Vor­teil für mei­ne Arbeit: Das Haus ist bis­lang musi­ka­lisch „unter­ver­sorgt“, zugleich tref­fe ich bei den fest ange­stell­ten Mit­ar­bei­te­rIn­nen auf gro­ße Auf­ge­schlos­sen­heit und Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft.
Eine wirk­lich kon­ti­nu­ier­li­che Arbeit ist für mich aus Bud­get- und Zeit­grün­den nicht mög­lich. Statt­des­sen besu­che ich das Haus alle vier bis sechs Wochen an fünf auf­ein­an­der­fol­gen­den Tagen. Ange­sichts der begrenz­ten Zeit und der vie­len Bewoh­ner und Betreu­ungs­for­men stellt sich da schnell die Fra­ge, wo mei­ne eige­ne Arbeit über­haupt ange­sie­delt sein soll. In der Anfangs­pha­se bie­te ich etwas wahl­los mal hier, mal da ein „of­fenes Sin­gen“ an – doch als Ver­mitt­ler von Neu­em, Unbe­kann­tem oder Unge­wohn­tem sto­ße ich auf die­se Wei­se schnell an mei­ne Gren­zen.
Sobald ich ver­su­che, die ein­ge­tre­te­nen Volks­liedpfade auch nur mini­mal zu ver­las­sen, ern­te ich Stirn­run­zeln oder gar offe­ne Ableh­nung. So beglei­te ich in der Anfangs­zeit unzäh­li­ge Male Am Brun­nen vor dem Tore und Kein schö­ner Land (nach einer Wei­le wage ich eine klei­ne Revo­lu­ti­on und erwei­te­re das haus­ei­ge­ne Stan­dard­re­per­toire um Mein klei­ner grü­ner Kak­tus), ver­bu­che das Gan­ze als ver­trau­ens­bil­den­de Maß­nah­me und hal­te unter­des­sen Aus­schau nach wei­te­ren Gestal­tungs­spiel­räu­men.
Die­se erge­ben sich, als ich begin­ne, aktiv an bereits bestehen­de Ange­bo­te anzu­do­cken. An die wöchent­li­che Gym­nas­tik­stun­de etwa, in deren Rah­men die fest ange­stell­ten Ergo­the­ra­peu­tin­nen und ich uns mit wach­sen­dem Ver­gnü­gen die Bäl­le zuwer­fen: Dass sie hier, im Kreis sit­zend, zu aller­lei selt­sa­men Din­gen ange­lei­tet wer­den, ist den Senio­ren seit Jah­ren ver­traut. Dass nun zu den Bewe­gungs­übun­gen auch noch Töne, Rhyth­men und Geräu­sche hin­zu­kom­men, sorgt für will­kom­me­ne Auf­lo­cke­rung und wird – so lan­ge man es nicht „Musik“ nennt – pro­blem­los akzep­tiert.
Als sehr frucht­bar erweist sich zudem ein regel­mä­ßi­ges For­mat namens „Mon­tags­spaß“, das der geziel­ten Begeg­nung zwi­schen Senio­ren und Kin­dern gewid­met ist. Schnell wer­den die Kin­der­gar­ten­kin­der zu mei­nen wich­tigs­ten Under­co­ver-Agen­ten in Sachen Musik­ver­mitt­lung: Wann immer ich einen neu­en musi­ka­li­schen Impuls set­zen möch­te, berei­te ich die ent­spre­chen­den Spiel­re­geln und musi­ka­li­schen Fer­tig­kei­ten zunächst im Kin­der­gar­ten gründ­lich vor, bevor ich dann im inter­ge­ne­ra­ti­ven Rah­men auch die Senio­ren dar­an teil­ha­ben las­se. Die Akzep­tanz ist, gemes­sen am sons­ti­gen engen Musik­ge­schmack, beacht­lich: Unser „Montagsspaß“-Repertoire reicht mitt­ler­wei­le von der ge­sungenen Namens­run­de über ver­schie­de­ne stimm­li­che Geräuschim­pro­vi­sa­tio­nen, Diri­gier­spie­le und Non­sens-Lie­der bis zum Der-Kuckuck-und-der-Esel-Rap mit cho­ri­scher Beat­box-Beglei­tung.

Lei­der etwas ­über­en­ga­giert“

Auch in Köln ist der Fun­ke über­ge­sprun­gen – in bei­de Rich­tun­gen: Die Begeis­te­rungs­fä­hig­keit und Freu­de „unse­res“ Chors steckt unser Lei­tungs­team von Pro­be zu Pro­be mehr an. Zugleich wird aber auch deut­lich, dass es einen erheb­li­chen Spa­gat bedeu­ten wird, die völ­lig unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen unse­rer Sän­ge­rIn­nen unter einen Hut zu bekom­men: Man­che von ihnen brin­gen jahr­zehn­te­lan­ge Chor­er­fah­rung mit, ande­re haben noch nie zuvor mehr­stim­mig gesun­gen. Man­che lesen rou­ti­niert vom Blatt, ande­re las­sen sich bereit­wil­lig auf das Aben­teu­er ein, im Anschluss an die Chor­pro­ben von ­Ortrud Kegel in die Geheim­nis­se der Noten­schrift ein­ge­führt zu wer­den.
Auf gro­ße Begeis­te­rung stößt von Anfang an die aus­gie­bi­ge Stimm­bil­dung, ange­lei­tet von den bei­den Gesangs­pro­fis Alex­an­dra Nau­mann und Bri­git­te Rau­scher. Mei­nen eige­nen Bei­trag sehe ich vor allem im kom­po­si­to­ri­schen Bereich ange­sie­delt. Für die ers­te regu­lä­re Chor­pro­be habe ich einen kon­ven­tio­nell gesetz­ten, vier­stim­mi­gen Alte-Stim­men-Tan­go geschrie­ben, der – sti­lis­tisch irgend­wo zwi­schen Come­di­an Har­mo­nists und Wise Guys ange­sie­delt – ein Stück musi­ka­li­scher Alters­dis­kri­mi­nie­rung beschreibt:

Unser klei­ner, aber fei­ner Kir­chen­chor
hat seit Kur­zem einen neu­en Herrn Kan­tor.
Der ist jung, dyna­misch und sehr moti­viert,
aber lei­der etwas über­en­ga­giert,
vor allem, wenn es um die net­te
und adret­te
Sopra­net­te geht,
die bei ihm immer in der aller­ers­ten Rei­he steht,
dort him­melt er sie an,
weil sie hoch sin­gen kann
und ver­mut­lich auch noch ein­fach so
als Mann.

Im Ver­lauf von vier Stro­phen wird ein „Auf­stand der Alten“ beschrie­ben, die ihren Chor­lei­ter aus päd­ago­gi­schen Grün­den im Stich las­sen, um ihn so davon zu über­zeu­gen, dass eine ein­zel­ne „jun­ge Sopra­net­te“ noch kei­nen funk­tio­nie­ren­den Chor aus­macht.

Uns­re alten Stim­men
sind hier wohl nicht so recht will­kom­men.
Drum haben wir uns
heut Abend ein­mal frei genom­men.
Indem wir uns die Pro­be schen­ken,
tun wir den Alters­durch­schnitt sen­ken
mit Effi­zi­enz und Garan­tie:
Nur er und sie,
so jung war die­ser Chor noch nie,
ist das nicht toll?!

Im „wirk­li­chen Leben“ unse­res eige­nen Köl­ner Chors wird schnell deut­lich, dass der Text zwar auf all­ge­mei­ne Erhei­te­rung und viel Anklang stößt – dass ich aber auf musi­ka­li­scher Ebe­ne mein The­ma ver­fehlt habe. Viel zu schwer ist dem über­am­bi­tio­nier­ten „Herrn Kom­po­si­teur“ sein ers­ter Ver­such gera­ten – der Bass zu tief, die Mit­tel­stim­men zu komp­liziert – und auch die eigent­li­che Ziel­set­zung des gesam­ten Unter­neh­mens ist hier noch nicht ein­ge­löst: Statt uns gemein­sam auf die Suche nach einer „Ästhe­tik der alten Stim­men“ zu bege­ben, ver­brin­gen wir viel Pro­ben­zeit damit, tra­di­tio­nel­len Vor­bil­dern nach­zu­ei­fern. Und so sind es fürs Ers­te eher die frei­en Ein­sing­übun­gen, in denen schon jetzt von Zeit zu Zeit das erhoff­te „unnachahm­liche“ künst­le­ri­sche Poten­zi­al auf­schim­mert.

Spit­zen­en­sem­ble im Spei­se­saal

Es sind viel­be­schäf­tig­te Men­schen mit vol­len Ter­min­ka­len­dern, mit denen wir es in unse­rem Köl­ner Expe­ri­men­tal­chor zu tun haben. Der eine kann nur punk­tu­ell zu unse­ren Pro­ben erschei­nen, weil er so viel auf Rei­sen ist, die ande­re berich­tet stolz, dass sie soeben begon­nen hat, Alp­horn zu ler­nen. Ganz anders im Alten­heim: Wer hier lebt, hat immer Zeit. Die Höhe­punk­te des Tages bestehen in der mor­gend­li­chen Bin­go-Run­de und in der Ver­le­sung des Spei­se­plans fürs Mit­tag­essen. Der Reich­tum liegt in der Ver­gan­gen­heit – und hat häu­fig mit Musik zu tun.
Der 80-jäh­ri­ge Herr R. hat als Jugend­li­cher Gei­ge gespielt. Nach dem frü­hen Tod sei­ner Mut­ter zog er mit sei­nem Vater auf den Bau­ern­hof von des­sen neu­er Frau. Die­se ver­lei­de­te ihm sys­te­ma­tisch das Gei­gen­spiel, indem sie erklär­te, ein sol­ches Instru­ment habe auf einem Hof nichts ver­lo­ren. Irgend­wann ergriff der jun­ge R. vor Wut sei­ne Gei­ge und zer­trüm­mer­te sie, indem er sie mit vol­ler Wucht auf den Küchen­tisch schlug. Seit­her sind über sechs Jahr­zehn­te ver­gan­gen. Im Rah­men mei­ner Besu­che habe ich mehr­fach ver­sucht, Herrn R. zum Gei­ge­spie­len zu über­re­den – ver­geb­lich. Anders sieht die Sache aus, als eine jun­ge Gei­gen­stu­den­tin die Über­zeugungsarbeit über­nimmt: Herr R. lässt sich bezir­zen, nimmt zum ers­ten Mal seit sechs­ein­halb Jahr­zehn­ten wie­der eine Gei­ge in die Hand, spielt ein paar Töne – und hat sicht­lich Spaß dar­an.
Auch Herr G. hat bereits in jun­gen Jah­ren begon­nen, ein Instru­ment zu ler­nen. Anders als sein Alten­heim­ge­nos­se R. ist er dem Akkor­de­on sein Leben lang treu geblie­ben, bis ihm vor zwölf Jah­ren ein Schlag­an­fall den lin­ken Arm lähm­te. Gemein­sam wagen wir einen ers­ten Ver­such – doch da ich weder Akkor­deo­nist bin noch über ergo­the­ra­peu­ti­sche Kennt­nis­se ver­fü­ge, bin ich schnell mit mei­nem Latein am Ende. Zum Glück fin­det sich im Umfeld des Alten­heim-Per­so­nals ein Ergo­the­ra­peut, der in jun­gen Jah­ren selbst Akkor­de­on gespielt hat und bereit ist, Herrn G. „unter die Arme zu grei­fen“.
Ein auf­ein­an­der ein­ge­spiel­tes Team wie in Köln steht für mei­ne Stutt­gar­ter Akti­vi­tä­ten zunächst nicht zur Ver­fü­gung. Doch je bes­ser ich die Bewoh­ner hier ken­nen ler­ne und je mehr sich die Hand­lungs­op­tio­nen dadurch zu dif­fe­ren­zie­ren begin­nen, umso wich­ti­ger wird es, Bünd­nis­part­ner zu gewin­nen. Den Stu­di­en­gang für Ele­men­ta­re Musik­päd­ago­gik an der Stutt­gar­ter Musik­hoch­schu­le zum Bei­spiel, dem ich mei­ne bei­den stu­den­ti­schen Assis­ten­tin­nen zu ver­dan­ken habe. Mit viel Sen­si­bi­li­tät brin­gen sich Patri­zia Bir­ken­berg und Bet­ti­na Wacker­b­arth als Ad-hoc-Musi­ke­rin­nen und Instru­ment­al­leh­re­rin­nen ein – und, wo nötig, eben auch als char­man­te „Über­zeu­ge­rin­nen“.
Eine wei­te­re, sehr viel unge­wöhn­li­che­re Koope­ra­ti­on wird durch Kon­tak­te zur frei­en Musik­sze­ne ermög­licht. In Zusam­men­ar­beit mit der Stutt­gar­ter Ver­an­stal­ter­initia­ti­ve „Musik der Jahr­hun­der­te“ und mit finan­zi­el­ler För­de­rung durch ein Musik­ver­mitt­lungs­pro­gramm der Kul­tur­stif­tung des Bun­des ist es gelun­gen, eine zeit­lich begrenz­te Zusam­men­ar­beit mit einem Spit­zen­en­sem­ble der zeit­ge­nös­si­schen Vokal­mu­sik in die Wege zu lei­ten. So legen die Neu­en Vocal­so­lis­ten nun also mehr­fach einen Zwi­schen­stopp im Spei­se­saal des Genera­tio­nen­zen­trums Son­nen­berg ein, um sich dort – zwi­schen Urauf­füh­run­gen und CD-Auf­nah­men in aller Welt – sin­gend, hor­chend und expe­ri­men­tie­rend auf das Aben­teu­er „alte Stim­men“ ein­zu­las­sen. Eines der „High­lights“: eine fünf­mi­nü­ti­ge cho­ral­ar­ti­ge Impro­vi­sa­ti­on mit einem stark demenz­kran­ken Bewoh­ner, des­sen Tenor­stim­me sich völ­lig mühe­los in die frei­en Akkord­fol­gen der Pro­fi­sän­ge­rIn­nen fügt.

Das ers­te ­Expe­ri­men­tal­stück

Zurück nach Köln. Für unse­ren Expe­ri­men­tal­chor hat sich eine ers­te Auf­tritts­ge­le­gen­heit erge­ben, eine „Poli­ti­sche Nacht­mu­sik“ im Rah­men des Evan­ge­li­schen Kir­chen­tags. Wir berei­ten ein Stück für Nach­rich­ten­spre­che­rin und impro­vi­sie­ren­den Chor vor. Chris­tia­ne Wedel, eine pro­fes­sio­nel­le WDR-Spre­che­rin, liest tages­ak­tu­el­le Nach­rich­ten, der Chor reagiert dar­auf mit zuvor fest­ge­leg­ten und ein­ge­üb­ten Impro­vi­sa­ti­ons­mo­del­len: gesun­ge­ne Echos von Poli­ti­ker­na­men und ande­ren Schlüs­sel­be­grif­fen zum Bei­spiel, die – in Kom­bi­na­ti­on mit den nüch­tern vor­ge­tra­ge­nen Nach­rich­ten­tex­ten – fast zwangs­läu­fig eine gewis­se Komik ent­wi­ckeln. Am Tag der ers­ten Pro­be für die­ses Stück han­delt eine aktu­el­le Mel­dung von seis­mo­gra­fi­schen Mes­sun­gen. Wir picken uns den Begriff „Erd­be­ben­mess­sta­ti­on“ her­aus und machen sei­ne Sil­ben und Buch­sta­ben zum Aus­gangs­ma­te­ri­al für ver­schie­de­ne Impro­vi­sa­ti­ons­spie­le.
14 Tage spä­ter hat das Wort „Erd­be­ben“ eine völ­lig neue Bedeu­tung erhal­ten. Die japa­ni­sche Ost­küs­te ist vor weni­gen Tagen von der größ­ten Kata­stro­phe der Nach­kriegs­zeit heim­gesucht wor­den. Nie­man­dem von uns steht der Sinn nach irgend­wel­chen sati­risch ange­hauch­ten Nach­rich­ten-Spie­le­rei­en. Statt­des­sen legt sich auf unse­ren Vor­schlag hin jeder Cho­rist einen kur­zen Satz zurecht, mit dem er sei­ne urei­gens­ten Gedan­ken und Gefüh­le zu den Gescheh­nis­sen in Japan aus­drückt. Anschlie­ßend impro­vi­sie­ren wir auf Grund­la­ge weni­ger ein­fa­cher Regeln eine etwa zehn­mi­nü­ti­ge Gedenk­mu­sik. Viel Stil­le, spar­sa­me Kla­vier­klän­ge, sach­lich vor­ge­tra­ge­ne Nach­rich­ten aus Fuku­shi­ma und eine Chor­par­tie, in der sich die sub­jek­ti­ven Gedan­ken, Sor­gen und Für­bit­ten der Cho­ris­ten zu viel­stim­mi­gen Akkor­den mischen. „Objek­tiv“ betrach­tet sicher nicht viel mehr als ein Aus­druck kol­lek­ti­ver Hilf­lo­sig­keit – für uns selbst aber eine bewe­gen­de Erfah­rung, die den Chor wei­ter zusam­men­wach­sen lässt. Ein Chor-Ehe­paar kün­digt an, befreun­de­ten Chor­sän­gern aus Tokio noch am glei­chen Abend per Mail von unse­rem musi­ka­li­schen Geden­ken berich­ten zu wol­len.

Der Kom­po­nist als Zusam­men­set­zer

Auch im Stutt­gar­ter Genera­tio­nen­zen­trum Son­nen­berg sol­len irgend­wann „Kom­po­si­tio­nen“ ent­ste­hen. Aber was kann die­ser Begriff hier bedeu­ten? Und was habe ich (der ich kein The­ra­peut oder Kul­tur­ge­rago­ge bin) an die­sem Ort über­haupt zu suchen? Im Kon­text eines Alten- und Pfle­ge­heims „kom­po­nie­ren“ zu wol­len, ent­puppt sich als Grat­wan­de­rung. Kri­tische Anfra­gen an ein sol­ches Vor­ha­ben las­sen sich aus ver­schie­de­nen Rich­tun­gen stel­len. Von der einen Sei­te: Hat das über­haupt irgend­ei­nen künst­le­ri­schen Mehr­wert oder geht es hier bloß noch um Beschäf­ti­gungs­the­ra­pie? Von der ande­ren Sei­te: Was haben die Alten­heim­be­woh­ner, was hat die Insti­tu­ti­on von all dem kon­zep­tio­nel­len und finan­zi­el­len Auf­wand, der hier betrie­ben wird?
Die Schnitt­men­ge bei­der kri­ti­schen Anfra­gen könn­te lau­ten: War­um die­ser hoch­tra­ben­de Anspruch? Soll­te man nicht lie­ber die Kir­che im Dorf las­sen und die­se Akti­vi­tä­ten als das beschrei­ben, was sie wirk­lich sind: eine ziem­lich luxu­riö­se Form von Frei­zeit- und Akti­vie­rungs­an­ge­bot für Men­schen mit stark ein­ge­schränk­ter Mobi­li­tät und schwin­den­den geis­ti­gen und kör­per­li­chen Fähig­kei­ten?
Doch es geht hier nicht nur um ter­mi­no­lo­gi­sche Spitz­fin­dig­kei­ten. Die Selbst­ver­or­tung als „Kom­po­nist“ hilft mir, zugleich auch die eige­ne Rol­le kla­rer zu fas­sen. Zum Bei­spiel, indem ich eini­ge grund­le­gen­de handwerk­liche Prin­zi­pi­en mei­nes Berufs auf die­ses neue Tätig­keits­feld über­tra­ge.
Als Kom­po­nist habe ich gelernt, zu Beginn einer Arbeit zunächst sys­te­ma­tisch deren Rah­men­be­din­gun­gen aus­zu­lo­ten und ein bestimm­tes „Mate­ri­al“ zu defi­nie­ren, von dem ich bei allen wei­te­ren Schrit­ten aus­ge­hen wer­de. Vie­le die­ser Vor­be­din­gun­gen – in der Fach­spra­che der Neu­en Musik spricht man auch von „Para­me­tern“ – wer­den mir von außen vor­ge­ge­ben: durch die Ton­um­fän­ge der betei­lig­ten Musik­in­stru­men­te, durch die kon­kre­te Auf­füh­rungs­si­tua­ti­on (z. B. die Raum­akus­tik) oder auch durch die Vor­ge­schich­te der betref­fen­den musi­ka­li­schen Gat­tung.
Im Alten­heim habe ich es mit einem sehr kom­ple­xen Bün­del sol­cher vor­ge­ge­be­nen „Para­me­ter“ zu tun: Neben den Sach­zwän­gen und Vor­ga­ben der Insti­tu­ti­on sind es vor allem die Akteu­re, die mir den Rah­men mei­ner Arbeit dik­tie­ren. Ihre kör­per­li­che Ver­fas­sung, ihr Musik­ge­schmack, ihre bio­gra­fi­schen Erfah­run­gen, der Grad ihrer Auf­ge­schlos­sen­heit und geis­ti­gen Beweg­lich­keit – dies alles muss ich zunächst als „gesetzt“ betrach­ten. Im Extrem­fall bedeu­tet dies: Wenn mein Gegen­über alle Arten von Musik außer dem deut­schen Volks­lied ablehnt, so ist dies zu akzep­tie­ren und mein Auf­trag kann ange­sichts sei­nes hohen Alters nicht mehr dar­in bestehen, mich mis­sio­na­risch für irgend­ei­ne musi­ka­li­sche Sti­lis­tik stark zu machen. Oder, in den Wor­ten einer Hos­piz­pa­ti­en­tin: „Ich bin 81 und habe nicht mehr lan­ge zu leben, da habe ich das ver­damm­te Recht, starr­köp­fig zu sein.“
Als Kom­po­nist habe ich aber auch gelernt, mich mit dem Vor­ge­fun­de­nen allein nicht zu begnü­gen: Wenn ich ein Streich­quar­tett schrei­be, soll es anders klin­gen als die Streich­quar­tet­te, die zuvor von ande­ren geschrie­ben wur­den. Wie aber passt die­ser Anspruch mit dem Respekt vor dem „Gewor­den­sein“ mei­nes Gegen­übers zusam­men? Wie kann eine sol­che Ziel­set­zung aus­se­hen?
Anders als bei einem The­ra­peu­ten lei­tet sie sich nicht von irgend­wel­chen Krank­heits­bil­dern oder Hei­lungs­zie­len her. Anders als beim Kom­po­nie­ren für den Kon­zert­saal hat sie nichts mit „Ori­gi­na­li­tät“ oder künst­le­ri­scher Posi­tio­nie­rung zu tun. Wor­um es geht, ist stets das ein­zel­ne Gegen­über: Sein in Jahr­zehn­ten gewach­se­nes Aus­drucks­po­ten­zi­al, sei­ne Bio­gra­fie und sei­ne kör­per­li­chen Han­di­caps sind nicht nur Aus­gangs­punkt, son­dern zugleich auch Ziel­punkt mei­ner Arbeit. „Gelun­gen“ ist eine sol­che Kom­po­si­ti­on in dem Moment, wo sie ein ästhe­ti­sches Umfeld zu bie­ten ver­mag, das die­sem expres­si­ven Poten­zi­al maxi­ma­le Wir­kung und maxi­ma­le Stim­mig­keit ver­leiht. Wo zum Bei­spiel die eins­ti­ge Sopra­nis­tin, die ihre Lieb­lings­stü­cke heu­te nur noch in tie­fer Bari­ton­la­ge zu brum­men ver­mag, den eige­nen Gesang nicht mehr als defi­zi­tär erlebt, son­dern wo die­ser Gesang in einen Kon­text ein­ge­bet­tet ist, der ihn als ästhe­tisch not­wen­dig und ein­zig­ar­tig erstrah­len lässt.
Denn auch dies habe ich als Kom­po­nist gelernt: Dif­fe­renz als Berei­che­rung zu ver­ste­hen, gezielt nach dem „Beson­de­ren“ zu suchen. Wäre ich ein tra­di­tio­nel­ler Chor- oder Ensem­ble­lei­ter, dann wür­de sich mein Ehr­geiz dar­auf rich­ten, die größt­mög­li­che Annä­he­rung an ein vor­ge­ge­be­nes musi­ka­li­sches Ide­al zu errei­chen: mög­lichst „schö­nen“ Gesang, mög­lichst „rich­ti­ge“ Töne, mög­lichst kla­re und jugend­li­che Stim­men. Mei­ne Rol­le als Kom­po­nist hilft mir, glaub­haft und mit gro­ßer Neu­gier­de nach dem Gegen­teil zu suchen: der maxi­ma­len Normab­wei­chung. Ich habe kei­nen Grund, die Kurz­at­mig­keit oder Hei­ser­keit oder gedank­li­che Sprung­haf­tig­keit mei­nes Gegen­übers als Defi­zit emp­fin­den zu müs­sen, son­dern ich darf mich per defi­ni­tio­nem für sie begeis­tern. Mei­ne hand­werk­li­che Auf­ga­be besteht dar­in, die­se Begeis­te­rung so zu kana­li­sie­ren, dass sie sich auf mein Gegen­über und auf etwai­ge Zuhö­rer über­trägt.
Wobei es sol­che Zuhö­rer geben kann, aber nicht zwangs­läu­fig geben muss. Noch ein­mal „vor Publi­kum“ zu sin­gen – das kann für die eine ein Traum sein, für den ande­ren eine Hor­ror­vor­stel­lung. Vie­les von dem, was ich im Ver­lauf die­ses Pro­jekts kom­po­niert habe oder noch kom­po­nie­ren wer­de, fin­det als „Kam­mer­mu­sik“ hin­ter ver­schlos­se­nen Türen statt. Dies gilt vor allem für den drit­ten Schau­platz des Pro­jekts „Alte Stim­men“ (der hier, weil sei­ne aus­führ­li­che Dar­stel­lung den Rah­men die­ses Tex­tes bei Wei­tem spren­gen wür­de, nur kurz erwähnt sei): das Hos­piz Stutt­gart, das ich seit Novem­ber 2010 eben­falls regel­mä­ßig alle vier bis fünf Wochen ­besu­che. Hier ver­bie­tet sich jede Form von Öffent­lich­keit; die Kom­po­si­tio­nen, die hier ent­ste­hen, rich­ten sich an eini­ge weni­ge, manch­mal nur an einen ein­zi­gen Men­schen: an Ster­ben­de und ihre Ange­hö­ri­gen.
„Kom­po­nie­ren“ heißt auf Deutsch „zusam­men­set­zen“. Kom­po­nie­ren im Alten­heim kann bedeu­ten: sich zusam­men­zu­set­zen. Genau hin­zu­hö­ren. Ein wenig Eige­nes hin­zu­er­fin­den. Und das Vor­ge­fun­de­ne mit dem Hin­zu­er­fun­de­nen am Ende so zusam­men­zu­set­zen, dass Stim­mig­keit ent­steht – und Schön­heit. Nicht mehr und nicht weni­ger.


Die­ser Bei­trag ist ent­nom­men aus: Hans Her­mann ­Wickel/Theo Har­togh: Pra­xis­hand­buch Musi­zie­ren im Alter. Pro­jek­te und Initia­ti­ven. © Schott 2011, Mainz

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