Hübbenet, Hannah von

Sei ein Film­kom­po­nist!

Wie Filmmusik in den Instrumentalunterricht einbezogen werden kann

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2016 , Seite 12

Die Beschäftigung mit Filmmusik im Instrumentalunterricht ist für uns InstrumentalpädagogInnen unabdingbar. Denn Filme sind ein Bestandteil der Lebenswelt unserer SchülerInnen und daraus resultierend auch die damit verknüpfte Klangwelt, die Filmmusik.

Häu­fig regen die Schü­le­rIn­nen selbst zur Beschäf­ti­gung mit Film­mu­sik im Unter­richt an. Wenn wir uns der Aus­ein­an­der­set­zung stel­len und das krea­ti­ve Poten­zi­al erken­nen, wel­ches über das rei­ne Nach­spie­len von Ame­lie, Pira­tes of the Car­ri­be­an, Eis­kö­ni­gin und Co. hin­aus­geht, wer­den wir einen für bei­de Sei­ten äußerst anre­gen­den und ergie­bi­gen Unter­richt gestal­ten kön­nen.
Das Ent­de­cken von Film­mu­sik kann abhän­gig von Alter und Vor­lie­ben auf unter­schied­li­che Arten gesche­hen: Bereits sehr jun­ge Schü­le­rIn­nen haben Spaß beim Erfor­schen und Expe­ri­men­tie­ren mit filmmusika­lischen Beson­der­hei­ten (z. B. kön­nen tie­fe Töne bedroh­lich klin­gen, schnel­le Ton­fol­gen sug­ge­rie­ren schnel­le Bewe­gun­gen, eine Dis­so­nanz sorgt für Span­nung usw.). Instru­men­tal­schu­len grei­fen die­ses ele­men­ta­re Inter­es­se häu­fig in Form von Klang­ge­schich­ten auf, in denen Kin­der klei­ne Ton­se­quen­zen zu Bil­dern erfin­den oder auch bestehen­de Sequen­zen Bil­dern zuord­nen und sie zu einer Geschich­te zusam­men­fü­gen kön­nen. Auf die­se Wei­se kann es spie­le­risch gelin­gen, sie an das Kom­po­nie­ren zu beweg­ten Bil­dern her­an­zu­füh­ren.
Sobald Kin­der etwas älter sind, sie ins Kino gehen und Fil­me schau­en, wächst auch ihr Inter­es­se an der Musik, die sie dort hören. Stü­cke oder/und Songs aus Fil­men wer­den oft von den Schü­le­rIn­nen selbst in den Unter­richt mit­ge­bracht. Als schnel­le, unkom­pli­zier­te und oft kos­ten­lo­se Quel­le dient hier häu­fig das Inter­net – es gilt aller­dings zu über­prü­fen, wel­che Noten wirk­lich ver­wen­det wer­den dür­fen und soll­ten.

Was macht die beson­de­re ­Bezie­hung von Schü­le­rIn­nen zur Film­mu­sik aus?

Die Grün­de, wes­we­gen Schü­le­rIn­nen sich im Unter­richt gern Film­mu­sik zuwen­den, sind viel­fäl­tig. Ein nicht unwe­sent­li­cher Antrieb ist, dass die­se Musik ein Teil ihrer pri­va­ten Lebens­welt ist. Dies lässt sich von der Musik von Bach, Bar­tók und Co. nicht unein­ge­schränkt behaup­ten. Film­mu­sik ent­de­cken und kon­su­mie­ren die Schü­le­rIn­nen selbst­stän­dig und in eige­ner Regie beim Schau­en von Fil­men und beim Anhö­ren des Sound­tracks. Sie ver­knüp­fen mit der Musik eige­ne Emo­tio­nen, sei es durch die Iden­ti­fi­ka­ti­on mit einem Film­cha­rak­ter oder auch durch die Ver­bin­dung der Bil­der bzw. der Geschich­te mit eige­nen Gefühls­wel­ten.
Ein gutes Bei­spiel hier­für ist Har­ry Pot­ter. In den Ver­fil­mun­gen trug nicht zuletzt die Musik von John Wil­liams einen gro­ßen Teil dazu bei, die Zuschau­er tief und nach­hal­tig in den Sog einer magi­schen Welt zu zie­hen. Häu­fi­ger noch als in der klas­si­schen Lite­ra­tur fin­den sie in der Film­mu­sik ein­gän­gi­ge Melo­di­en, die ihnen eben auch auf­grund der emo­tio­na­len Ver­knüp­fung schnell im Ohr hän­gen blei­ben. Bei der Kon­su­mie­rung von Film­mu­sik befin­den sich die Schü­le­rIn­nen oft nicht allein, son­dern sie erle­ben sie in der Gemein­schaft mit Klas­sen­ka­me­ra­den, Fami­lie oder Freun­den. Das ermög­licht ihnen einen unmit­tel­ba­ren Aus­tausch ihrer Ein­drü­cke. Häu­fig kommt es sogar vor, dass Schü­le­rIn­nen im glei­chen Alter zur glei­chen Zeit das glei­che Stück spie­len wol­len und sich dar­aus bei beson­ders belieb­ten Titeln eine Art Wett­be­werbs­dy­na­mik ergibt: Sie spie­len sich gegen­sei­tig vor, spie­len zusam­men, ver­glei­chen den jewei­li­gen Leis­tungs­stand.
Auch ist ent­schei­dend, dass Film­mu­sik kei­ner bestimm­ten Musik­gat­tung zuzu­ord­nen ist. Sie beinhal­tet alle Gen­res und kann neben einem klas­si­schen Orches­ters­core auch Pop­mu­sik, Jazz, Welt­mu­sik usw. umfas­sen. Hier­durch ver­mag sie vie­le ver­schie­de­ne Geschmä­cker anzu­spre­chen.

Wel­che unter­schied­li­chen Aspek­te bie­tet die Arbeit mit Film­mu­sik?

Es bie­tet sich an, Film­mu­sik im Instru­men­tal­un­ter­richt in einem wei­te­ren Kon­text zu betrach­ten: Wel­che Eigen­schaf­ten machen Musik über­haupt zu einer Film­mu­sik? Wel­che Arten von Film­mu­sik gibt es? Was sind Pro­zes­se beim Ent­ste­hen einer Film­mu­sik? Hier­aus fol­gen ers­te Erkennt­nis­se. Jede Form von Musik kann Film­mu­sik sein: sei es ein Orches­ter­stück, eine E-Gitar­re oder eine rück­wärts abge­spiel­te und mit gro­ßem Hall ver­se­he­ne Auf­nah­me von Glo­cken­läu­ten. Im Film ist Musik die drit­te Ton­e­be­ne, neben der Sprach- und Geräusch­ebe­ne. Als ers­te Ori­en­tie­rung unter­schei­den wir zwei For­men von Film­mu­sik:
1. Die Score-Musik, wel­che als dra­ma­tur­gi­sche Film­mu­sik kom­po­niert ist, das Gesche­hen beglei­tet und nur vom Zuschau­er wahr­ge­nom­men wird (auch als Off- oder nicht-die­ge­ti­sche Musik bezeich­net). Bei­spiel: In Ste­ven Spiel­bergs Der wei­ße Hai ver­stärkt die Musik von John Wil­liams mit dem mar­kan­ten Halb­ton in den Kon­tra­bäs­sen die herr­schen­de Anspan­nung beim Auf­tau­chen des Hai­es – für die Figu­ren im Film ist sie jedoch nicht hör­bar. Score-Musik kann unter­schied­li­che Posi­tio­nen gegen­über dem Bild ein­neh­men, unter ande­rem das Gesche­hen illus­trie­ren, ver­stär­ken oder einen Kon­tra­punkt set­zen.
2. Die Source-Musik, wel­che ihre Quel­le im Bild hat und auch in der Hand­lung zu hören ist (auch als On- oder die­ge­ti­sche Musik bezeich­net). Bei­spiel: Täg­lich um sechs Uhr mor­gens erschallt aus Bill Mur­rays Radio­wecker der Song I got you babe von Son­ny and Cher in dem Film Und täg­lich grüßt das Mur­mel­tier. Der Song hat sei­ne Quel­le im Bild (Radio­we­cker), wird sowohl vom Prot­ago­nis­ten wie auch vom Zuschau­er wahr­ge­nom­men und ist somit Teil der Hand­lung.

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