Harris, Paul

Simul­ta­nes Ler­nen

Das Erfolgsrezept für nachhaltig motiviertes Lernen und Lehren in der Musikpädagogik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Faber Music / Edition Peters, London 2016
erschienen in: üben & musizieren 4/2016 , Seite 50

Mit Simul­ta­nem Ler­nen tritt ein neu­er Begriff in die Instru­men­tal­päd­ago­gik, der nahe­legt, dass hier­mit auch ein neu­es Kon­zept oder eine neue Theo­rie instru­men­ta­len Ler­nens ein­ge­führt wer­den soll. Das ist aber nicht unbe­dingt der Fall; denn die hier ver­mit­tel­ten Grund­la­gen ent­spre­chen durch­aus einem heu­te weit­ge­hend eta­blier­ten Unter­richts­ver­ständ­nis.
Den­noch ent­hält die­ses „Erfolgs­re­zept“ vie­le beher­zi­gens­wer­te prak­ti­sche Hin­wei­se zum Umgang mit Schü­le­rIn­nen, zum Üben, zur Unter­richt­pla­nung und fle­xi­blen Unter­richts­ge­stal­tung. Das Modell ori­en­tiert sich dabei an dem for­mal nach gra­des und levels struk­tu­rier­ten bri­ti­schen Sys­tem. Aber die Abkehr vom Unter­rich­ten bloß rich­ti­ger Töne soll wie­der die Freu­de an der Musik in ihr Recht set­zen, indem die Viel­falt der musi­ka­li­schen und päd­ago­gi­schen Aspek­te mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den, um so einen „ganz­heit­li­chen, abge­run­de­ten Musi­ker“ her­vor­zu­brin­gen. Betont wird dabei das anfäng­li­che Ler­nen ohne Noten, die Bedeu­tung der Impro­vi­sa­ti­on, die Fokus­sie­rung auf selbst ange­lei­te­te For­men des Übens sowie eine Viel­falt ver­schie­de­ner Lern­ak­ti­vi­tä­ten, die von Anfang an dar­auf zie­len, dass es um musi­ka­li­sche Erfah­run­gen geht.
Ob dazu aller­dings der Begriff des Simul­ta­nen Ler­nens taugt, mag dahin­ge­stellt blei­ben. Denn es geht um die Ver­net­zung der Lern­in­hal­te und Akti­vi­tä­ten, nicht um deren Gleich­zei­tig­keit. Aber das Logo „Simul­ta­nes Ler­nen“ wird gera­de­zu wer­be­stra­te­gisch ein­ge­führt und erscheint fast auf jeder Sei­te in die­sem kur­zen Ein­füh­rungs­text und ver­spricht Erfol­ge, die alle – Leh­rer, Schü­ler, Eltern – glück­lich und zufrie­den machen. Das Kon­zept schließt alles ein, was gut und tren­dig ist: Aspek­te des Acht­sam­keits­trai­nings, die Ori­en­tie­rung am mind map­ping, aktu­el­le Lern­prin­zi­pi­en wie Eigen­ak­ti­vi­tät, ener­gie­ge­la­de­ne Stim­mung und natür­lich Ganz­heit­lich­keit.
Beim Lesen erfah­ren wir, dass Simul­ta­nes Ler­nen posi­tiv, inte­gra­tiv, pro-aktiv, ver­netzt, nach­hal­tig und kol­la­bo­ra­tiv sei. Dabei wird nie so ganz klar, ob es sich dabei nun um eine Metho­de (eher nicht), eine neue Theo­rie (phi­lo­so­phy of edu­ca­ti­on, S. 8), eine neue Form des Unter­rich­tens (S. 72), eine Geis­tes­hal­tung (S. 8) bzw. eine Lebens­ein­stel­lung (S. 82) han­delt. Man könn­te schlicht sagen, es geht um eine Form der Unter­richts­ge­stal­tung, die moder­nen For­de­run­gen musi­ka­li­schen Ler­nens ent­spricht. Die kon­kre­ten Anga­ben sind anre­gend und machen die Lek­tü­re durch­aus loh­nend.
Der erzäh­len­de, locke­re Stil mit Auf­ga­ben und Arbeits­vor­la­gen erleich­tert die Lek­tü­re, wäre da nicht die­ser pene­tran­te Wer­be­stil, bei dem auch nur auf eige­ne Arbei­ten des Autors ver­wie­sen wird. Das beein­träch­tigt das Erschei­nungs­bild die­ses Kon­zepts, das sich wie eine Wer­be­bro­schü­re liest: Fol­ge den Prin­zi­pi­en des Simul­ta­nen Ler­nens und du wirst ein glück­li­cher Mensch und guter Leh­rer – satis­fac­tion gua­ran­te­ed.
Wil­fried Gruhn