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Thielemann, Kristin

Stürmische Zeiten

Konflikte nutzen und gestärkt daraus hervorgehen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2026 , Seite 18

Konflikte im Musikschulunterricht sind unbequem: Sie können den Unter­richtsfluss stören und Lehrkräfte aus dem Takt bringen – und manchmal um den Schlaf. Doch wer sie als Chance begreift, entdeckt in ihnen mehr als nur Reibung: nämlich Lern- und Entwick­lungsmöglichkeiten für sich selbst.

Haben Sie schon einmal einen Konflikt mit MusikschülerInnen oder deren Eltern erlebt, der Sie nachts wachgehalten hat? Wenn uns etwas so sehr beschäftigt, dass es uns um den Schlaf bringt, dringt es in einen Raum ein, der eigentlich für Ruhe und Erholung reserviert ist. Der Ort, an dem wir abschalten, zur Ruhe kommen. Doch manchmal ist nachts zwar alles still – nur nicht in uns. Die Gedanken an einen ungelösten Konflikt lassen uns nicht los. Was tun? Akupressurpunkte drücken, Melatoninspray, Baldriantropfen – oder gleich eine Schlaftablette? Oder den Moment nutzen, um die Gedanken an die konfliktbeladene Situation zuzulassen und durch Nachdenken zu einer Lösung zu kommen?
Was uns nachts wachhält, ist selten nur ein Gedanke. Es ist meist eine Emotion. Das Wort kommt nicht von ungefähr: Emotion stammt vom lateinischen emovere – „herausbewegen“.1 Etwas in uns ist aufgewühlt. Und diese Bewegung ist ein Signal: Hier ist etwas, das gesehen, verstanden oder verwandelt werden will.

Kein Fehler im System

Dass uns bestimmte Konflikte emotional so stark beschäftigen, ist aus psychologischer Sicht kein „Fehler im System“, sondern eine gesunde Reaktion. Starke Gefühle deuten auf ein Thema mit persönlicher Bedeutsamkeit hin. Konflikte bescheren uns nicht nur schlaflose Nächte, sondern begleiten uns auch tagsüber – bewusst oder unbewusst. Ungelöst können sie so stark werden, dass sie uns die Konzentration für vieles andere rauben.
Natürlich ist es naheliegend, sich zu fragen, wie ein Konflikt zu lösen ist. Doch steckt auch eine andere wichtige, oft unbeachtete Frage in einem Konflikt: Was kann ich mit diesem Konflikt lernen? Was kann ich entdecken? Wie kann ich mich weiterentwickeln? Wenn ich den Konflikt nicht als „Fehler im System“ betrachte und ihn stattdessen als Chance zur persönlichen wie fachlichen Entwicklung begreife, fällt die positive Einstellung zu ihm leichter.
Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget beschrieb, dass Lernen vor allem dann entsteht, wenn Menschen ein Ungleichgewicht zwischen dem, was sie erwarten, und dem, was sie erleben, wahrnehmen. Dieses Spannungsfeld, diese kognitive Dissonanz, ist der Motor für Wachstum: Sie fordert uns heraus, unsere bisherigen Sichtweisen mit denen anderer Menschen zu vergleichen, Vor- und Nachteile des Handelns abzuwägen und neue Wege zu finden. Auch der Konfliktforscher Peter T. Coleman zeigt, dass solche inneren und äußeren Spannungsfelder ein Entwicklungsmotor sein können – gerade dann, wenn sie lange festgefahren sind und sich scheinbar nicht mehr lösen lassen.2
Warum sollten also nicht auch in der Musikschule Konflikte zum Auslöser werden können, den eigenen Unterricht zu verbessern und die eigene Toolbox der Handlungsoptionen einer Frischekur zu unterziehen? So dachte ich über Konflikte, bis ich vor einiger Zeit wieder einmal mitten drin in einer Situation war, die mir den Schlaf raubte.

Wenn Welten aufeinander­prallen

Carl, neun Jahre alt, wurde zu meinem Trompetenunterricht angemeldet. Schon mit sechs Jahren hatte er Unterricht bei seinem Vater erhalten – einem blasmusikbegeisterten Amateurtrompeter. Gut gemeint war in diesem Fall jedoch nicht gut gemacht: Die vom Vater vermittelte Spielweise basierte auf zu viel Anspannung – mit entsprechenden Folgen für Klang und Ausdauer. Das Trompetespiel klang nicht nur schlecht, es fühlte sich auch so an. Kein Wunder also, dass Carl die Übeaufgaben seines Vaters zunehmend verweigerte.
Die Eltern setzten ihren Sohn stark unter Druck: Mit Drohungen, Strafen oder kleinen Belohnungen wollten sie ihn zum Üben bewegen – und erreichten damit das Gegenteil. Für Carl wurde das Trompetespielen zur Belastung, das Ziel, gemeinsam mit dem Vater in der Blaskapelle zu spielen, rückte in weite Ferne.
So kam ich ins Spiel: Die Eltern buchten Musikschulunterricht und erwarteten, dass ich Carl zu schnellen Fortschritten und motiviertem Üben bringe. „Bezahlt ist schließlich bezahlt!“, sagte der Vater zu Beginn. Ein Satz, der mir im Gedächtnis blieb – und über den ich damals nur müde lächeln konnte. Denn zum Unterricht gehören – abseits der Bezahlung – immer mindestens zwei. Zu diesem Zeitpunkt begriff ich noch nicht das ganze Ausmaß des familiären Spannungsfelds – mit hohen Erwartungen an Kind und Lehrkraft. Ich glaubte, einen zwar technisch ungeschulten, aber immerhin musikalisch vorgebildeten Schüler in einem engagierten Elternhaus zu haben – auf der Sonnenseite also. So kann man sich täuschen.
Schon bald sah ich mich mit zahlreichen Ansprüchen konfrontiert: Eltern, die regelmäßig im Unterricht erschienen und ausführlich von familiären Problemen erzählten; E-Mails des Vaters mit ständigen Fachfragen zur Trompetendidaktik; und ein Schüler, bei dem ich zunächst die Folgen der väterlichen Unterweisungsversuche korrigieren musste. Das häusliche Üben blieb bruchstückhaft, Noten gingen verloren oder wurden vergessen. Als der Vater schließlich fragte, ob er meine Notenbibliothek ausleihen und kopieren dürfe, war ich fassungslos. Nach stressigen Fahrten im Elterntaxi, mit kleinen Geschwistern im Schlepptau und permanenter elterlicher Begleitung bis vor den Unterrichtsraum fiel Carl die Konzent­ration schwer – seine Fortschritte blieben gering.
Diese komplexe Gemengelage verstellte mir zunächst den Blick auf mögliche Lösungen. Zwischen den Eltern und mir prallten – im Sinn des lateinischen Worts con­fligere („zusammentreffen, aneinandergeraten“) – zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen musikalischer Förderung aufeinander: auf der einen Seite die Eltern, die erwarteten, Unterrichtsteilnahme allein würde aus ihrem Kind einen motivierten jungen Musiker machen; auf der anderen Seite ich mit dem Anspruch, als Ermöglicherin, Musikerin und Pädagogin die Türen in die Welt der Musik zu öffnen und Kinder auf ihren individuellen Wegen zu begleiten.

1 Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, ­bearb. von Elmar Seebold, 25. Auflage, Berlin 2020.
2 vgl. Coleman, Peter T.: The Five Percent: Finding Solutions to Seemingly Impossible Conflicts, New York 2011. Coleman beschreibt dort die Dynamiken hochkomplexer und „unlösbar“ erscheinender Konflikte und wie die Auseinandersetzung mit solchen Konflikten transformative Entwicklung ermöglichen kann.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 1/2026.

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