Hünemörder, Katrin

Vir­tu­el­le Chorwelten

Eine interaktive Plattform zur Stärkung von Teilhabe und Demokratie in Chören

Rubrik: Digital
erschienen in: üben & musizieren 6/2022 , Seite 40

Chöre, die während pandemiebedingter Einschränkungen durch digitale Lösungen den Kontakt mit ihren SängerInnen halten konnten, haben die Chorarbeit nach Aufhebung der Einschränkungen meist recht problemlos fortsetzen können. Dabei sind neben probenpädago­gischen Fragen neue gesellschaftliche Fragen aufgekommen: Wie wird unser Chor ein Ort der Demokratie? Welche Möglichkeiten der Beteiligung gibt es gerade für junge SängerInnen? Tun wir genug dafür, dass alle Zugang zu ­unserem Chor oder Verband haben?

Die Welt stand für vie­le Chor­sän­ge­rIn­nen Kopf, als es wäh­rend der Pan­de­mie plötz­lich hieß, Sin­gen sei ein gefähr­li­ches Hob­by. Da ana­lo­ges Zusam­men­tref­fen für lan­ge Zeit nicht ein­mal im Frei­en erlaubt war, muss­ten krea­ti­ve Lösun­gen her. Chor­lei­te­rIn­nen und Chor­ver­bän­de fan­den sehr viel­fäl­ti­ge For­men, um Chor­ar­beit wei­ter statt­fin­den zu las­sen: Neue Stü­cke wur­den in Video­kon­fe­ren­zen ein­ge­übt, Mit­sing-Datei­en wur­den über Mes­sen­ger­diens­te ver­schickt und tech­nisch ver­sier­te­re Chor­lei­te­rIn­nen grif­fen auf Pro­gram­me zurück, die syn­chro­ne Pro­ben online ermög­lich­ten. Dar­über hin­aus nutz­ten vie­le Chö­re die Zeit, um ihre Arbeit auf Social-Media-Kanä­len zu prä­sen­tie­ren. Letz­te­res bestä­tigt Vero­ni­ka Schmitt, Pro­jekt­ma­na­ge­rin der Deut­schen Chor­ju­gend für krea­ti­ve Lösun­gen wäh­rend der Pan­de­mie: „Vie­le Chö­re haben ihre Social-Media-Prä­senz extrem aus­ge­baut auf Insta­gram, Face­book, Twit­ter. Auf You­Tube ist auch viel pas­siert, es wur­den vie­le Split-Screen-Vide­os pro­du­ziert […]. Das war so ein biss­chen ein Ersatz für die Kon­zer­te – man singt zwar nicht zusam­men, aber das Ergeb­nis ist zusammen.“1
Neben der musi­ka­li­schen und pro­ben­päd­ago­gi­schen Arbeit dräng­ten sich aber auch wei­te­re Fra­gen zu gesell­schaft­li­chen The­men auf, die zu bun­des­wei­ten Ver­net­zun­gen und Wis­sens­aus­tau­schen führ­ten. So tra­fen sich bei­spiels­wei­se in den „digi­ta­len Inspi­re Ses­si­ons“ der Deut­schen Chor­ju­gend wöchent­lich teil­wei­se über ein­hun­dert Chor­lei­ten­de, um sich zu The­men wie „digi­ta­le Chor­ar­beit“, „Nach­hal­tig­keit im Chor“ oder „Kin­der­schutz und Kin­der­rech­te“ aus­zu­tau­schen. Eben­falls als gesell­schaft­li­cher Bei­trag ist der größ­te vir­tu­el­le Chor Deutsch­lands zu nen­nen, der unter ande­rem von der Deut­schen Chor­ju­gend initi­iert wur­de und tau­sen­de Stim­men zu einem musi­ka­li­schen State­ment für Viel­falt und Tole­ranz ver­ein­te. Mira Faltlhau­ser, Bun­des­vor­sit­zen­de der Deut­schen Chor­ju­gend, sag­te anläss­lich des World Voice Days im April 2021: „Jeder und jede hat eine Stim­me, um unse­re Gesell­schaft auf viel­fäl­ti­ge Art und Wei­se mit­zu­ge­stal­ten. Als Deut­sche Chor­ju­gend nut­zen wir unse­re Stim­men jeden Tag und sind laut für eine bun­te Gesell­schaft, denn zusam­men sin­gen wir stärker.“2
Und schließ­lich nahm im Rah­men des Bun­des­pro­gramms „Zusam­men­halt durch Teil­ha­be“ der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung Mit­te 2020 das Pro­jekt „re:mix – Jugend singt und mischt sich ein“ – eine Koope­ra­ti­on der Deut­schen Chor­ju­gend und media­le pfa­de, einem bun­des­weit agie­ren­den Ver­ein für poli­ti­sche Bil­dung und Medi­en­bil­dung – sei­ne Arbeit auf. Ziel des Pro­jekts war und ist es, durch inno­va­ti­ve digi­ta­le Metho­den Chö­re und Chor­ver­bän­de als Erfah­rungs­or­te geleb­ter Demo­kra­tie zu stär­ken, neue For­men der Betei­li­gung zu erpro­ben und zur Stär­kung innerverband­licher Demo­kra­tie und Teil­ha­be bei­zu­tra­gen. Die Geschäfts­füh­re­rin der Deut­schen Chor­ju­gend Anna Wie­be ist der Ansicht: „Es wäre geni­al, wenn wir in der Chor­ju­gend den Zustand errei­chen wür­den, dass Kin­der und Jugend­li­che in jede Ent­schei­dung, die ihren All­tag und ihre Rea­li­tät betrifft, ein­be­zo­gen werden.“3
Als eines der vie­len Pro­jekt­er­geb­nis­se sind die „vir­tu­el­len Chor­wel­ten“ ent­stan­den: eine mul­ti­me­dia­le Platt­form und Tool­box, auf der Chö­re und Chor­ver­bän­de gemein­sam ler­nen, inter­agie­ren und musi­zie­ren kön­nen, aber auch Unter­stüt­zung erhal­ten, wie sie ihre Chor­ar­beit z. B. in Social ­Media sicht­ba­rer machen oder sich bes­ser ver­net­zen und orga­ni­sie­ren kön­nen. Wie das genau aus­sieht, kann man sich unter www.virtuelle-chorwelten.de anschauen.

Inter­ak­ti­ve Chorleben-Welt

Die Chor­le­ben-Welt ist ein inter­ak­ti­ver digi­ta­ler Ort für Chö­re und Chor­ver­bän­de in topia.io, einer inter­ope­ra­blen Web­platt­form, auf der gemein­sam gespielt und gear­bei­tet sowie sich aus­ge­tauscht wer­den kann und eine gro­ße digi­ta­le Chor-Com­mu­ni­ty ent­ste­hen soll. Dort ver­sam­meln sich Chö­re und Sän­ge­rIn­nen, um Live­strea­mings von Kon­zer­ten mit­zu­er­le­ben, um neue Ideen für den Chor zu ent­wi­ckeln oder ein­fach nur um Zeit mit­ein­an­der zu ver­brin­gen. Gemein­sam und in Echt­zeit ist es mög­lich, die­se vir­tu­el­le Welt um eige­ne Objek­te, Zeich­nun­gen oder Medi­en zu erwei­tern. Chö­re und Chor­ver­bän­de sind ein­ge­la­den, der Chor­welt ihre eige­ne Far­be und Iden­ti­tät zu ver­lei­hen. Wäh­rend sich auf vie­len digi­ta­len Platt­for­men der Aus­tausch oft­mals nur auf die Nut­zung inner­halb der vor­ge­ge­be­nen Rah­men­be­din­gun­gen beschränkt, eröff­net die Chor­le­ben-Welt eine neue Form der Par­ti­zi­pa­ti­on: die Mit­ge­stal­tung der eige­nen digi­ta­len Lernumgebung.

Lern­rei­se Viel­falt und Teilhabe

Als Orte, wo Gemein­schaft gelebt und gefei­ert wird, leis­ten Chö­re einen gro­ßen Bei­trag zum Zusam­men­halt unse­rer Gesell­schaft. Durch Kon­zer­te und öffent­li­che Auf­trit­te besit­zen sie ein hohes Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­zi­al für ihr Publi­kum. Über die inhalt­li­che Aus­wahl des Reper­toires kön­nen Chö­re ihre Stim­me nut­zen, um sich an gesell­schaft­li­chen Dis­kur­sen zu betei­li­gen. Eine diver­se Zusam­men­set­zung der Grup­pe bie­tet nicht nur ihren Mit­glie­dern die Mög­lich­keit des Per­spek­tiv­wech­sels, son­dern sorgt auch für ein diver­se­res Publi­kum und damit einen Zugang zu Kul­tur und kul­tu­rel­ler Bil­dung für mehr Menschen.
Unter die­sem Gesichts­punkt wur­den neben der Chor­le­ben-Welt ver­schie­de­ne the­ma­ti­sche Lern­pfa­de für Chö­re ent­wi­ckelt. Ein Bei­spiel für einen sol­chen Lern­pfad ist die „Lern­rei­se Viel­falt und Teil­ha­be“. Die Lern­rei­se ist eine in der Platt­form topia erschaf­fe­ne Work­shop­welt rund um The­men wie Diver­si­tät, Inter­sek­tio­na­li­tät, Pri­vi­le­gi­en oder Dis­kri­mi­nie­rung und bie­tet Chö­ren eine Platt­form, Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie eine detail­lier­te metho­di­sche Anlei­tung, um sich eine eige­ne Hal­tung zu die­sen The­men zu erar­bei­ten und einen eige­nen klei­nen Akti­ons­plan für ein gutes Mit­ein­an­der im Chor und für die Gemein­schaft zu entwickeln.

1 Kol­be, Chris­ti­ne: „Zusam­men sin­gen wir stär­ker – auch remo­te“. Gespräch von Kat­rin Hüne­mör­der mit Vero­ni­ka Schmitt, 2021, media­le pfa­de, https://medialepfade.org/2021/08/rp21-veronika/ (Stand: 20.10.2022).
2 Mira Faltlhau­ser in einem Insta­gram-Post zum World Voice Day,16.04.2021, www.instagram.com/ p/CNuYrHVi12s (Stand: 20.10.2022).
3 Anna Wie­be, zit. nach dem Web­vi­deo „Die Chor­ju­gend – ein Demo­kra­tie Hot­spot“, https://youtu.be/HrCf2uDEuhQ&t=13s (Stand: 20.10.2022).

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