Halsey, Simon / mit Wiebke Roloff

Vom Kon­zept zum Kon­zert

Schott Master Class Chorleitung, mit 2 DVDs

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Schott, Mainz 2011
erschienen in: üben & musizieren 2/2012 , Seite 61

Das Wich­tigs­te schreibt der Autor gleich zu Anfang: „Ein Groß­teil mei­ner Arbeit besteht aus Ein­stu­die­run­gen, mit denen wahr­schein­lich nur weni­ge von Ihnen zu tun haben.“ Wie wahr – denn Simon Hal­sey, Diri­gent des Rund­funk­chors Ber­lin, stellt in sei­nem durch­aus gut gemach­ten Chor­lei­tungs­buch Vom Kon­zept zum Kon­zert ein Arbeits­feld vor, wel­ches in die­sem Umfang zu beackern in Deutsch­land wohl so gut wie nie­mand beru­fen ist. Und so muss man von Hal­seys Tour d’horizont zum umfas­sen­den Gebiet der Chor­di­rek­ti­on eini­ge Abstri­che machen; man muss Pas­sa­gen aus­las­sen oder den Trans­fer bewäl­ti­gen, die durch­aus zwin­gen­den und prak­ti­ka­blen Rat­schlä­ge in sei­nen eige­nen, oft müh­sa­men Bereich zu über­tra­gen.
Hadyns Schöp­fung, Brahms’ Requi­em, Lau­rid­sens O magnum mys­te­ri­um, Tip­pets A Child of Our Time – das sind in etwa die vom Autor abge­steck­ten Gren­zen, inner­halb derer sich der Leser zurecht­fin­den soll. Und spä­tes­tens bei Hal­seys detail­lier­ten Pro­ben­hin­wei­sen zu der schwe­ren Ges-Dur-a-cap­pel­la-Pas­sa­ge „Aufersteh’n, ja aufersteh’n“ aus Mah­lers 2. Sym­pho­nie für eine Auf­füh­rung mit den Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern wird manch ein Chor­lei­ter seuf­zen: Die­se Pro­ble­me möch­te ich ger­ne haben!
Die Rea­li­tät der Chor­ar­beit in Deutsch­land also wird wohl bewusst aus­ge­blen­det, obwohl der Deut­sche Chor­ver­band als Mit­her­aus­ge­ber fun­giert. Und die­ses Rea­li­täts­drei­eck reicht bekann­ter­ma­ßen von der Über­al­te­rung der meis­ten Chö­re über Finanz­pro­ble­me bis hin zur Ori­en­tie­rungs­un­si­cher­heit bei der Pro­gramm­aus­wahl.
Den­noch – Hal­seys Buch kann man durch­aus mit Gewinn lesen. Denn wesent­li­che Kern­punk­te ­einer „nor­ma­len“ Chor­ar­beit wer­den umfas­send dar­ge­stellt: Pro­gramm­pla­nung, detail­lier­tes Par­ti­tur­stu­di­um, Chor­psy­cho­lo­gie, Pra­xis der Pro­ben­ar­beit, Erstel­lung von Pro­ben­plä­nen – bei all die­sen Punk­ten stört am wenigs­ten, dass Hal­sey in der Art einer „Mas­ter­class“ sei­ne eige­nen Erfah­run­gen als Ori­en­tie­rung anbie­tet. Denn wer es schafft, die vie­len auto­bio­gra­fi­schen Ein­schü­be des Autors zu über­sprin­gen, kann – teils mit Ver­gnü­gen – für sei­ne eige­ne Arbeit pro­fi­tie­ren. Dabei sind dann auch die bei­gefüg­ten DVDs hilf­reich, wel­che Hal­sey als prak­tisch arbei­ten­den Diri­gen­ten zei­gen und somit den Text­teil des Buchs ver­an­schau­li­chen.
Eini­ge klei­ne Unge­reimt­hei­ten stö­ren. Auf Sei­te 184 emp­fiehlt Hal­sey: „Man beginnt, indem man einen Schlag vor­weg gibt.“ Die DVD doku­men­tiert lei­der das Gegen­teil, wenn Hal­sey bei Men­dels­sohns Neu­jahrs­lied par­tout zwei Vor­be­rei­tungs­schlä­ge gibt. Und der Ver­lag soll­te auf Sei­te 111 den unters­ten Ton des Anfangs­ak­kords im Key­board zum fis kor­ri­gie­ren. Den Olymp der Arbeit mit Pro­fi­chö­ren kann man dann auf der zwei­ten DVD sehen und hören, wenn Simon Ratt­le sich im Kon­zert der im Buch bespro­che­nen Ges-Dur-Pas­sa­ge aus Mah­lers 2. Sym­pho­nie annimmt.
Tho­mas Krä­mer