© Peter-Cornelius-Konservatorium

Herzog, Leonie / Alina Seibel

Vorhang auf für den Ganztag

Gründung eines Kindermusiktheaters im Kontext des Ganztagsförderungsgesetzes

Rubrik: Musikschule
erschienen in: üben & musizieren 2/2026 , Seite 42

Am Peter-Cornelius-Konservatorium der Stadt Mainz – mit 4500 SchülerIn­nen die größte Musikschule in Rhein­land-Pfalz – entsteht seit Herbst 2025 eine neue Abteilung für Kindermusik­theater als niedrigschwelliges Angebot im Bereich der kulturellen Bildung für Grundschulkinder. Gleichzeitig leistet sie einen Beitrag zur Entlastung um­liegender Grundschulen bei der Gestal­tung ihrer Ganztagsangebote.

Die Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder in Deutschland ist mit dem Gesetz zur ganztägigen Förderung von Kindern im Grundschulalter (Ganztagsförderungsgesetz – GaFöG) bundesrechtlich verankert worden. Der gesetzliche Anspruch umfasst eine Betreuung von acht Stunden an fünf Wochentagen und gilt – mit Ausnahme von bis zu vier Wochen – auch während der Schulferien.1 Eingeführt wird der Rechtsanspruch schrittweise ab dem Schuljahr 2026/27 – zunächst nur für die neu eingeschulten Erstklässlerinnen und Erstklässler. In den Folgejahren wird das Angebot jahrgangsweise ausgeweitet, sodass ab dem Schuljahr 2030/31 schließlich alle Grundschulkinder einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung haben.2
Ob Eltern dieses Angebot in Anspruch nehmen, bleibt ihnen überlassen. Dennoch ist davon auszugehen, dass immer mehr Familien die erweiterten Betreuungsangebote nutzen werden. Für die meisten Grundschulkinder bedeutet dies, dass sie künftig einen Großteil des Tages – meist von 8 bis 16 Uhr – in der Schule verbringen.

GaFöG als Herausforderung für den (Musik-)Schulalltag

Diese Entwicklung stellt Kommunen und Schulen vor erhebliche Herausforderungen: Der personelle und organisatorische Mehraufwand ist enorm. Gleichzeitig gilt es, eine pädagogisch sinnvolle Ganztagsbetreuung zu gestalten, in der Kinder keinesfalls nur beaufsichtigt, sondern individuell gefördert werden. Musikschulen sollten auf diese Veränderungen reagieren und neue Konzepte entwickeln. Wenn Grundschulkinder bis in den späten Nachmittag in der Schule sind und abends nicht zu spät nach Hause kommen sollen, bleibt für den Musikschulunterricht häufig nur ein Zeitfenster zwischen 16.30 und 18 Uhr. Hinzu kommt, dass viele Kinder um diese Uhrzeit bereits ausgelastet und müde sind.
Vor diesem Hintergrund stellte sich das Peter-Cornelius-Konservatorium (PCK) die Frage, wie es einerseits die Mainzer Grundschulen entlasten und andererseits als größte Musikschule in Rheinland-Pfalz weiterhin eine breite musikalische Förderung für Kinder ermöglichen kann. Ein Ergebnis dieser Überlegungen ist unter anderem die Gründung einer neuen Abteilung für Kindermusiktheater. Aktuell befindet sich die neue Abteilung im Aufbau: Als Proben- und Aufführungsort wurden die benachbarten Räumlichkeiten eines ehemaligen Klavierhauses angemietet, die derzeit zu einem vollwertigen Theater mit Bühne, Vorhängen, Bestuhlung sowie Licht- und Tontechnik umgebaut werden. Finanziert wird der Umbau durch ein erfolgreiches Crowdfunding mit großzügiger Unterstützung der Volksbank Darmstadt Mainz.3
Zum 1. November 2025 starteten die ersten Gruppen, die bereits im Dezember ein kleines Weihnachtsmusical aufführten. Kostüme, Requisiten und Bühnenbild entstanden in der wöchentlich stattfindenden und das Angebot ergänzenden Kindermusiktheater-Werkstatt unter Anleitung von PCK-Lehrkräften. Die offizielle Eröffnung der Abteilung findet am 14. Juni 2026 im neuen Musiktheater-Raum statt.

Warum ausgerechnet ­Kindermusiktheater?

Ziel der Einrichtung der Kindermusiktheater-Abteilung ist die Schaffung eines neuen niedrigschwelligen Gruppenangebots, das möglichst vielen Grundschulkindern die Möglichkeit bietet, künstlerisch aktiv zu werden. Die Kinder können, müssen aber keine musikalischen Vorkenntnisse mitbringen. Ähnlich wie bei einem Kinderchor sind weder Notenkenntnisse noch der Besitz eines Instruments erforderlich.
Im gemeinsamen Erarbeiten eines Musicals finden selbst Kinder, die nicht besonders gerne singen, einen kreativen Zugang. Denn der Kern des Musiktheaters ist die Verbindung aller Kunstformen – eine Eigenschaft, die sowohl große Opernhäuser als auch das neue Mainzer Kindermusiktheater kennzeichnet. Neben Schauspiel, Tanz und Gesang erhalten die Kinder Einblicke in die Regiearbeit und können selbst Einfluss auf die Gestaltung ihrer Szenen nehmen. Auch die handwerkliche Seite des Musiktheaters kommt nicht zu kurz: In einer wöchentlich stattfindenden Werkstatt entwerfen und basteln die Kinder eigene Requisiten und Bühnenbilder. Dabei lernen sie unter anderem, wie Ausstattung und Requisiten die Handlung eines Musicals unterstützen können – etwa wie aus Pappkartons ein Kamin mit loderndem Feuer entsteht, durch den der Weihnachtsmann rutschen kann, oder wie man einen Pinsel richtig hält, damit er beim Malen unbeschädigt bleibt.
Die Probenarbeit verbindet theater- und gesangspädagogische Elemente. Neben der Vermittlung von Grundlagen im Bereich Schauspiel und Gesang liegt der Fokus insbesondere auf der Persönlichkeitsentwicklung. Die Kinder erlangen durch die Probenarbeit das notwendige Selbstbewusstsein, um auf der Bühne zu stehen. Sie entdecken ihre Stimme und Körpersprache als kreative Ausdrucksmittel und lernen, Emotionen und Geschichten lebendig darzustellen. Jedes Kind wird individuell gefördert und erhält die Möglichkeit, in seiner Rolle zu wachsen und sich als Teil eines Ensembles zu erleben. Die regelmäßigen Aufführungen bieten schließlich die wertvolle Gelegenheit, die eigenen Fortschritte vor Publikum zu präsentieren, Lampenfieber zu bewältigen und Selbstvertrauen zu entwickeln, während die Kinder gleichzeitig die Erfahrung machen, sich als Ensemble gegenseitig zu unterstützen und gemeinsam zu wachsen.

Kindermusiktheater im ­Ganztag

In den ersten beiden Wochen der Sommerferien 2026 wird die Kindermusiktheater-Abteilung das erste Angebot im Rahmen des Ganztags anbieten. Zehn Tage lang werden Mainzer Grundschulkinder die neuen Räume erobern. Jeder Tag soll mit einem gemeinsamen Warm-up starten. Anschließend rotieren die Kleingruppen durch die von PCK-Lehrkräften angebotenen Workshops: Schauspiel, Singen, Tanzen sowie Werkstatt. Die Stärkung bei einem gemeinsamen Mittagessen sowie Angebote zur Entspannung bei einer Traumreise oder zum gemeinsamen Spielen werden den Tag abrunden. Das Ferienangebot soll seinen Höhepunkt finden mit einer Musicalaufführung für Familie und Freunde am letzten Tag.
Ab dem Schuljahr 2026/27 wird das Kindermusiktheater in Zusammenarbeit mit umliegenden Grundschulen und dem Mainzer Jugendamt weitere Unterrichtsangebote für den Nachmittagsbereich sowie in den Schulferien anbieten. Der Unterricht im Ganztagsangebot findet dann wöchentlich á 60 Minuten statt. Die Kinder arbeiten in Kleingruppen zu bzw. in unterschiedlichen Sparten des Musiktheaters und bereiten sich auf zwei Auftritte im Jahr vor: Im Winter findet eine kleinere Aufführung mit Werkstattcharakter statt, vor den Sommer­ferien präsentieren die Gruppen in Zusammenarbeit mit weiteren Abteilungen des PCKs ein größeres Musical. Geprobt wird, bei vorhandener Kapazität in den Räumlichkeiten der Schulen. Alternativ können Grundschulen ihre Gruppen, begleitet durch eine Aufsichtsperson, zu Fuß zu den Proben ins PCK bringen. Auch Kinder, die keine Kooperationsschule besuchen, können die Unterrichtsangebote wahrnehmen.

1 Rheinland-Pfalz: Rechtsanspruch Ganztag, https://bildung.rlp.de/ganztagsschule/schwerpunkte/rechtsanspruch-ganztag (Stand: 13.1.2026).
2 ebd.
3 Volksbank Darmstadt Mainz: „Kindermusiktheater am PCK“, https://www.viele-schaffen-mehr.de/projekte/kindermusiktheater (Stand: 13.1.2026).

Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 2/2026.

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