Bossen, Anja

Wie die EZB bei der Abschaf­fung musi­ka­li­scher Bil­dung hilft

Kommentar

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 4/2016 , musikschule )) DIREKT, Seite 01

Seit Beginn der Wirt­schafts­kri­se hat die Euro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) zum wie­der­hol­ten Mal den Leit­zins gesenkt – bei der jüngs­ten Sen­kung so stark, dass er sich mitt­ler­wei­le im Nega­tiv­be­reich befin­det. Ban­ken, die ihr Geld bei der EZB par­ken, müs­sen nun dafür „Stra­fe“ zah­len. Infol­ge­des­sen bekom­men auch Anle­ger, die ihr Geld bei Ban­ken gewinn­brin­gend anle­gen möch­ten, kei­ne Zin­sen. Doch was hat das mit Musik­päd­ago­gik zu tun?

In Deutsch­land tum­meln sich, nach­dem sich der Staat mehr und mehr von der Finan­zie­rung von Bil­dung und For­schung ver­ab­schie­det, immer mehr pri­va­te Stif­tun­gen auf die­sen Spiel­fel­dern. Die Stif­tungs­grün­der ver­bin­den in vie­len Fäl­len die Mög­lich­keit, sich als wohl­tä­ti­ge Mäze­ne dar­zu­stel­len, die der Gesell­schaft etwas Gutes tun (meist Kin­dern und Jugend­li­chen und gern unter dem Stich­wort der „Chan­cen­ge­rech­tig­keit“), mit einer für sie lukra­ti­ven Steu­er­erspar­nis durch die Stif­tungs­grün­dung. Pri­va­te Stif­ter statt demo­kra­tisch gewähl­ter Ent­schei­dungs­trä­ger bestim­men zuneh­mend, wer, was, wie, wie lan­ge und wo geför­dert wird.
Knapp 23000 Stif­tun­gen gibt es zur­zeit in Deutsch­land, davon im Bereich Musik 563, an die sich finan­zi­ell not­lei­den­de Insti­tu­tio­nen, Päd­ago­gen und Künst­ler wen­den und um Unter­stüt­zung von Vor­ha­ben buh­len kön­nen. Uni­ver­si­tä­ten und Musik­hoch­schu­len wären ohne Dritt­mit­tel aus Stif­tun­gen zumin­dest im Bereich der For­schung über­haupt nicht mehr arbeits­fä­hig.

Vie­le Stif­tun­gen finan­zie­ren sich pri­mär aus den Erträ­gen, die sie aus ihrem Stif­tungs­ka­pi­tal erwirt­schaf­ten. Auch vie­le Unter­neh­men, die bis­her als Spon­so­ren musi­ka­li­scher Pro­jek­te tätig waren, ste­hen zur­zeit wirt­schaft­lich nicht beson­ders gut da. Schon jetzt sind ers­te Aus­wir­kun­gen der EZB-Poli­tik zu spü­ren: Das finan­zi­el­le Stif­tungs­en­ga­ge­ment bei der Unter­stüt­zung von Pro­jek­ten wird man­cher­orts bereits ein­ge­schränkt, wodurch natür­lich auch Arbeits­mög­lich­kei­ten für Musik­päd­ago­gen weg­fal­len.

Wür­den musi­ka­li­sche Bil­dung und musik­päd­ago­gi­sche For­schung in dem Umfang staat­lich finan­ziert, in dem sie ihren Auf­trä­gen auch nach­kom­men kön­nen, könn­te der Staat in wirt­schaft­lich schlech­ten Zei­ten anti­zy­klisch gegen­steu­ern. So aber ist abseh­bar, dass durch die poli­tisch ver­ord­ne­te Armut des Staa­tes zusam­men mit der Wirt­schaft auch musi­ka­li­sche Bil­dung und musik­päd­ago­gi­sche For­schung in wei­ten Tei­len ein­bre­chen wer­den.