© Ulrike Bergmann-Seifert

Krieger, Severin

Wie, Sie unter­rich­ten hier?“

Kooperationen aus der Alltagsperspektive von ­Musikschullehrenden

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 6/2019 , Seite 06

Mit dem Begriff Kooperation verbinden wir häufig hervorragende Ideen in der Theorie und viel zu viel Stress im tatsächlichen Alltag. Einige Schwierigkeiten lassen sich ent­schärfen, wenn alle Beteiligten auf Transparenz des gesamten Arbeits­prozesses sowie auf Reduktion un­nötiger Arbeitsschritte achten.

Koope­ra­tio­nen zwi­schen Musik­schu­le und diver­sen Bil­dungs­part­nern gehö­ren im Berufs­all­tag vie­ler Musik­schul­lehr­kräf­te bereits zur Selbst­ver­ständ­lich­keit. Nicht immer sind die Erfah­run­gen posi­tiv. In ihrem Arti­kel „(Ko)Operation gelun­gen – Lehr­kraft tot“1 warnt Micaë­la Grohé auch von Sei­ten all­ge­mein­bil­den­der Schu­len vor gefähr­li­cher Arbeits­über­las­tung und Frus­tra­ti­on. Dabei sind die Chan­cen und poten­zi­el­len Syn­er­gie­ef­fek­te bei erfolg­rei­chen Koope­ra­tio­nen enorm.2 Woher kom­men also die Vor­be­hal­te? Wel­che Kon­flikt­po­ten­zia­le zei­gen sich im Musik­schul­all­tag? Der fol­gen­de Bei­trag soll einen Blick auf die Schwie­rig­kei­ten und Chan­cen von Koope­ra­tio­nen aus der Per­spek­ti­ve eines Musik­leh­ren­den ermög­li­chen und eini­ge all­ge­mei­ne Lösungs­vor­schlä­ge bie­ten. Die Erfah­run­gen spei­sen sich aus der Arbeit im Ele­men­tar­be­reich in Kin­der­ta­ges­stät­ten und sind wei­test­ge­hend auf schu­li­sche Koope­ra­ti­ons­part­ner über­trag­bar.
Wer außer­halb des Musik­schul­ge­bäu­des unter­rich­tet, kennt mit Sicher­heit die­se oder ähn­li­che täg­li­che Gedulds­pro­ben:
– Kein Schlüs­sel: Sie fin­den den Unter­richts­raum ver­schlos­sen vor. Kei­ne Mit­ar­bei­ter sind in der Nähe und in der Musik­schul­ver­wal­tung weiß nie­mand die Num­mer des Haus­ser­vices. Müs­sen und dür­fen Sie den Unter­richt absa­gen?
– Exkur­si­on: Sie war­ten im vor­be­rei­te­ten Unter­richts­raum ver­geb­lich auf Ihre Schü­le­rIn­nen. Erst auf Nach­fra­ge wird klar, dass alle Grup­pen außer Haus sind (wegen Exkur­si­on, Wald­wo­chen, Som­mer­fest o. Ä.). Die Fahrt hät­ten Sie sich auch spa­ren kön­nen!
– Dop­pel­be­le­gung: Zu Ihrer Über­ra­schung fin­den Sie im Unter­richts­raum eine frem­de Grup­pe vor und erfah­ren, dass neu­er­dings zu die­ser Zeit hier Tur­nen, Bas­teln, Tan­zen o. Ä. statt­fin­den wird. Wer hat das ent­schie­den?
– „Haben Sie ganz kurz Zeit?“: Zwi­schen Tür und Angel wer­den Sie wäh­rend der Unter­richts­zeit auf orga­ni­sa­to­ri­sche The­men ange­spro­chen, die Sie in die­sem Moment weder beant­wor­ten kön­nen noch wol­len. Ist es unhöf­lich, den Fra­gen­den abzu­wim­meln?
Sol­che und ähn­li­che Situa­tio­nen stö­ren einen rei­bungs­lo­sen Unter­richts­ab­lauf oder ver­hin­dern ihn gar kom­plett. Im zen­tra­len Musik­schul­ge­bäu­de mit eige­nem Unter­richts­raum wür­de das kaum pas­sie­ren. Außer Haus zu unter­rich­ten, erscheint dage­gen wie ein anstren­gen­der und unnö­ti­ger Mehr­auf­wand. Dabei bie­ten Koope­ra­tio­nen mit Kin­der­ta­ges­stät­ten und Schu­len beson­de­re Chan­cen:
– Die Kin­der kön­nen vor und nach den Musik­stun­den in ihrem All­tag besucht wer­den, wodurch ein viel bes­se­res Ver­ständ­nis für Tages­ab­läu­fe, Stim­mun­gen und pas­sen­de musi­ka­li­sche Ange­bo­te ermög­licht wird.
– In Zusam­men­ar­beit mit Erzie­he­rIn­nen und Leh­re­rIn­nen kann gegen­sei­ti­ges Feed­back neue Sicht­wei­sen auf die eige­ne Arbeit wer­fen und anders­her­um die stim­mi­ge Wei­ter­füh­rung der Unter­richts­stun­den im All­tag der Kin­der sicher­stel­len.
– Sie errei­chen womög­lich Kin­der, die sonst nie zur Musik­schu­le kom­men wür­den.
– Als Musik­fach­kraft kön­nen Fort­bil­dun­gen für Erzie­he­rIn­nen und Leh­re­rIn­nen viel­leicht ein zusätz­li­ches Arbeits­feld eröff­nen.
– Grund­sätz­lich kön­nen neue päd­ago­gi­sche Hand­lungsfelder fri­sche Ide­en brin­gen und das eige­ne Unter­rich­ten berei­chern.
Doch jede Koope­ra­ti­on erzeugt immer auch zusätz­li­che Arbeit, vor allem in Form von Orga­ni­sa­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on. Am deut­lichs­ten trifft es Lehr­kräf­te, die neu in bereits bestehen­de Koope­ra­tio­nen ein­stei­gen.

1 vgl. Micaë­la Grohé: „(Ko)Operation gelun­gen – Lehr­kraft tot. Zu Risi­ken und Neben­wir­kun­gen von Koope­ra­tio­nen zwi­schen Schu­len und außer­schu­li­schen Part­nern“, in: musik­schu­le )) DIREKT 5/2015, S. 8–9.
2 vgl. Jür­gen Ober­schmidt: „Facet­ten der Koope­ra­ti­on zwi­schen all­ge­mein bil­den­den Schu­len und Musik­schu­len“, 2015, www.kubi-online.de/artikel/facetten-kooperation-zwischen-allgemein-bildenden-schulen-musikschulen (Stand: 1.9.2019).

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 6/2019.