Obermair, Romana / Peter Brugger

Zeit­rei­se durch die Musik für Kin­der

Erzählungen und Klaviermusik von fremden Ländern und Menschen, Barock/Klassik, mit CD und App

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Doblinger, Wien 2017
erschienen in: üben & musizieren 3/2018 , Seite 52

Das Buch ent­hält eine klei­ne Musik- und Kul­tur­ge­schich­te der Epo­chen Barock und Klas­sik, kind­ge­mäß erzählt und anspre­chend bebil­dert. Anre­gun­gen zum Malen, Such­bil­der und klei­ne Quiz-Auf­ga­ben machen die Beschäf­ti­gung mit der Mate­rie für Kin­der abwechs­lungs­reich. Man­ches wirkt aber auch ein wenig belie­big und mosa­ik­haft: So folgt auf die Erwäh­nung von Rous­se­aus Phi­lo­so­phie der neu­ent­deck­ten Kind­heit über­gangs­los eine Geschich­te über das Wun­der­kind Mozart, das in sei­ner Jugend wohl alles ande­re als ein kind­ge­mä­ßes Leben gehabt hat. Zwi­schen die Geschich­ten sind inhalt­lich pas­sen­de Musik­stü­cke ein­ge­streut.
Das Alter der Ziel­grup­pe ist nicht ganz ein­deu­tig: Die Spiel­an­re­gun­gen spre­chen eher Grund­schul­kin­der an, wäh­rend die geschicht­li­chen Tex­te und Fach­begriffe den Ver­ständ­nis­ho­ri­zont einer spä­te­ren Alters­grup­pe vor­aus­set­zen. Das Heft ist medi­al auf der Höhe der Zeit: Zusätz­lich zur bei­lie­gen­den Audio-CD kann eine App her­un­ter­ge­la­den wer­den, die Mate­ri­al und wei­te­re Funk­tio­nen ent­hält, unter ande­rem Links zu You­Tube.
So inter­es­sant und anspre­chend die Text­tei­le gestal­tet sind, so wenig erfreu­lich ist der musi­ka­li­sche Anteil. Der Begriff „Kla­vier­mu­sik“ im Unter­ti­tel führt auf eine fal­sche Fähr­te: Die zwi­schen die Geschich­ten ein­ge­streu­ten Mu­sikstücke sind meist kei­ne Ori­gi­nal-Kla­vier­­mu­sik, son­dern teil­wei­se recht schwe­re Kla­vier­be­ar­bei­tun­gen von Orches­ter- und Gesangs­kom­po­si­tio­nen. Es beginnt mit einem Kla­vier­aus­zug aus Vival­dis Jah­res­zei­ten, gefolgt von Sät­ze aus Hän­dels Feu­er­werks­mu­sik und auf zwei Sei­ten wird gar eine Anlei­tung zum Gene­ral­bass-Spiel gege­ben.
Aus zwei ver­stüm­mel­ten Sät­zen aus Bachs Kunst der Fuge wird ein Stück zusam­men­ge­setzt, die Vogel­fän­ger-Arie aus der Zau­ber­flö­te wird ohne Gesangs­text als Kla­vier­aus­zug dar­ge­stellt und es gibt sogar einen rich­tig schwe­ren Kla­vier­aus­zug einer zusam­men­ge­schnit­te­nen Fas­sung des ers­ten Sat­zes aus Beet­ho­vens c-Moll-Sin­fo­nie sowie ver­ein­fach­te Ver­sio­nen zwei­er Forel­len-Varia­tio­nen aus Schu­berts Kla­vier­quin­tett.
All dies wird im Klap­pen­text als „alters­ge­mä­ße Bear­bei­tun­gen“ bezeich­net. Nicht ein­mal auf der Audio-CD sind die abge­druck­ten Orches­ter­kom­po­si­tio­nen im Ori­gi­nal­klang zu hören, son­dern wur­den in den ver­kürz­ten Fas­sun­gen auf Kla­vier und Cem­ba­lo ein­ge­spielt. Die Fra­ge stellt sich, ob der­ar­ti­ge Ver­ein­fa­chun­gen wirk­lich kind­ge­mäß sind und Neu­gier und Inter­es­se wecken. Ist es nicht viel­mehr so, dass die „gro­ßen Ori­gi­na­le“ Kin­der viel mehr beein­dru­cken? Kin­der soll­ten vom Ein­druck der Musik über­wäl­tigt wer­den, nicht von Light-Ver­sio­nen.
Der Band ist als kurz­wei­li­ge, abwechs­lungs­rei­che Infor­ma­ti­on über zwei musik­ge­schicht­li­che Epo­chen für lese­freu­di­ge Kin­der inter­es­sant, aber als Mate­ri­al für den Kla­vier­un­ter­richt nicht emp­feh­lens­wert.
Chris­toph Hem­pel