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Sommerfeld, Jörg

Zurück in die Zukunft

Die Instrumentalpädagogik im Jahr 2030 – eine Vision?

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 4/2016 , musikschule )) DIREKT, Seite 09

Es bleibt nur noch wenig Zeit als Musikschullehrer, denn 2034 erreiche ich tatsächlich das Rentenalter. Aber so richtig kann ich mich noch nicht auf den Ruhestand freuen, denn gerade in den vergangenen zehn Jahren von 2020 bis 2030 gab es noch so unglaublich viel Neues in meinem Beruf, dass ich gerne noch etwas länger gearbeitet hätte…

Die Ent­wick­lung begann in den 2020er Jah­ren. Einen ein­zel­nen Aus­lö­ser gab es damals nicht, es war ein Zusam­men­wir­ken ganz unter­schied­li­cher Impul­se. So dräng­ten etwa nach den Ver­än­de­run­gen in den Stu­di­en­gän­gen der Musik­hoch­schu­len nach und nach immer mehr hoch­qua­li­fi­zier­te Instru­men­ta­lis­tIn­nen in den Markt. Sie hat­ten einen musik­päd­ago­gi­schen Mas­ter­ab­schluss, nicht sel­ten sogar eine Promo­tion, und trotz­dem kei­ne Chan­ce auf eine Fest­an­stel­lung in Voll­zeit – um von den da­mals übli­chen Gehäl­tern und Hono­ra­ren gar nicht erst zu reden.
Ein zwei­ter wich­ti­ger Anstoß war die sich sehr plötz­lich ändern­de Erlass­la­ge in den Schu­len. Nach­dem Anfang des Jahr­tau­sends vie­le Musik­schu­len ihren Betrieb in Koope­ra­ti­ons­pro­gram­men eng mit dem Schul­sys­tem ver­wo­ben hat­ten, ent­stand eine gro­ße struk­tu­rel­le und finan­zi­el­le Abhän­gig­keit. Ohne Schul­ko­ope­ra­tio­nen waren Musik­schu­len nicht mehr finan­zier­bar und orga­ni­sier­bar, schon allein wegen der inzwi­schen fast über­all ent­stan­de­nen Ganz­tagsschulen war eine Zusam­men­ar­beit unum­gäng­lich.
Irgend­wann gab es dann den Fall, dass ein Instru­ment­al­leh­rer gegen­über Schü­le­rin­nen über­grif­fig wur­de. Des­sen Aus­wir­kun­gen konn­te anfangs nie­mand abse­hen. Wie sich näm­lich zeig­te, war die­ser Instru­ment­al­leh­rer über einen Hono­rar­ver­trag bei der Musik­schu­le beschäf­tigt, was die Bou­le­vard­pres­se zum „Hilfs­leh­rer­skan­dal“ mit immer mehr Bei­spie­len aus ganz Deutsch­land über Mona­te hin­weg mehr und mehr auf­bausch­te. Der letzt­lich dar­aus fol­gen­de Beschluss der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz zu außer­schu­li­schen Koope­ra­ti­ons­part­nern führ­te dazu, dass Musik­schu­len aller­höchs­te Anfor­de­run­gen an die päd­ago­gi­sche, fach­li­che und mensch­li­che Qua­li­tät ihres Per­so­nals stel­len und das auch doku­men­tie­ren muss­ten, etwa durch Wei­ter­bil­dun­gen und Zer­ti­fi­zie­run­gen. In eini­gen Bun­des­län­dern müs­sen seit­dem exter­ne Lehr­kräf­te im Schul­sys­tem, wie es die Inst­rumentalpädagogInnen sind, sogar mit Unter­richts­be­su­chen und Bewer­tun­gen durch die Schul­be­hör­den rech­nen.

Eine neue Stan­des­or­ga­ni­sa­ti­on

Die drit­te und viel­leicht die wesent­li­che trei­ben­de Kraft war der neue „Deut­sche Instru­men­tal- und Gesangs­leh­rer­ver­band“ (DIGV), den jün­ge­re Kol­le­gIn­nen dar­auf­hin grün­de­ten und der durch eini­ge klu­ge Ent­schei­dun­gen Kata­ly­sa­tor der nach­fol­gen­den Ent­wick­lun­gen wur­de.
Die­ser neue Ver­band stell­te das Sys­tem der Instru­men­tal­päd­ago­gik auf den Kopf. Oder vom Kopf wie­der auf die Füße, wie vie­le damals sag­ten. Der Slo­gan lau­te­te: „Fach­di­dak­tik ist Leh­rer­sa­che“. Die­se ein­fa­che For­mel brach­te es auf den Punkt und mobi­li­sier­te die fähigs­ten Köp­fe, ihr Wis­sen über das Was und Wie in der Inst­rumentalausbildung zu doku­men­tie­ren, zu tei­len und zu dis­ku­tie­ren. Es ging im neu­en Berufs­ver­band zunächst nicht um Tarif­ver­trä­ge oder eine Rechts­ver­tre­tung der Mit­glie­der, son­dern es ging um die Sache des Musik-Unter­rich­tens selbst. Mit gro­ßer Begeis­te­rung fan­den vie­le berufs­er­fah­re­ne Fach­leu­te und hoch­qua­li­fi­zier­te Berufs­an­fän­ge­rIn­nen hier ihr Forum. Die meis­ten Musik­hoch­schu­len haben damals erst sehr spät erkannt, dass sie mit ihren Stu­die­ren­den ja nur einen ganz klei­nen Aus­schnitt des Berufs­felds ken­nen. Ihre Fokus­sie­rung auf die Nach­wuchs­aus­bil­dung ver­hin­der­te, dass die sie den enor­men Wis­sens- und Kön­nens-Vor­sprung erfah­re­ner Lehr­kräf­te über­haupt wahr­nah­men.
Der neue Ver­band war von einem „reflek­tie­ren­den Prag­ma­tis­mus“ geprägt, ein Schlag­wort der Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten der dama­li­gen Zeit. Zuerst wur­de das Aller­nö­tigs­te ange­gan­gen: die Beschrei­bung der ver­schie­de­nen Fach­di­dak­ti­ken in moder­nen Lehr­plä­nen. Das Wis­sen um Zie­le und Mög­lich­kei­ten in den ver­schie­de­nen Fächern, ihre genaue und pra­xis­be­zo­ge­ne Beschrei­bung und vor allem die dar­auf ­abge­stell­te umfas­sen­de Noten­da­ten­bank brach­ten end­lich ein flä­chen­de­cken­des cur­ri­cu­la­res Ver­ständ­nis ins Sys­tem. Die Ver­la­ge muss­ten ihre Schü­ler­aus­ga­ben in die­ser Daten­bank detail­liert doku­men­tie­ren, um wei­ter­hin nen­nens­wer­te Ver­kaufs­zah­len zu errei­chen. Lehr­kräf­te konn­ten nun mit Lehr­plan und Noten­da­ten­bank sehr dif­fe­ren­ziert nach geeig­ne­tem Unter­richts­ma­te­ri­al für jede Grup­pe und jeden Schü­ler suchen.
Die neu­en Lehr­plä­ne wur­den fast schon basis­de­mo­kra­tisch von allen DIGV-Lehr­kräf­ten gemein­sam ent­wi­ckelt. Sie ent­hal­ten inzwi­schen Kom­pe­tenz­stu­fen­mo­del­le für die ver­schie­dens­ten Fächer, Unter­richts­for­men und Ensem­bles. Der Ver­band sorg­te nach und nach für eine immer bes­se­re empi­ri­sche Fun­die­rung die­ser meist von Prak­ti­kern ent­wi­ckel­ten Model­le. Vor allem die vie­len dar­auf bezo­ge­nen Emp­feh­lun­gen und pra­xis­be­zo­ge­nen Kom­men­tie­run­gen von Unter­richts­ma­te­ri­al führ­ten dazu, dass immer mehr Kol­le­gIn­nen ihren Unter­richt frei­wil­lig an den neu­en Plä­nen aus­rich­te­ten. Am Ende wur­den die neu­en Lehr­plä­ne zum Stan­dard erho­ben, der Ver­band deut­scher Musik­schu­len (VdM) stell­te sein Lehr­plan­werk ein und ver­wies auf das des neu­en Berufs­ver­ban­des.

Zer­ti­fi­zie­rung der Lehr­kräf­te

Enga­gier­te Köp­fe im DIGV erkann­ten schnell, dass die Anwen­dung eines Lehr­plan­werks allein noch kei­ne Garan­tie für guten Unter­richt war. Nach dem „Hilfs­leh­rer­skan­dal“ konn­ten sie jedoch erheb­li­che öffent­li­che Mit­tel bekom­men, um nach ­eige­nen Vor­stel­lun­gen eine Wei­ter­bil­dung und Zer­ti­fi­zie­rung von Lehr­kräf­ten zu ent­wi­ckeln. Mit die­sen Gel­dern konn­te man auf ein­mal inhalt­lich gestal­ten, Fort­bil­dun­gen orga­ni­sie­ren, fach­di­dak­ti­sche Tagun­gen und Kon­gres­se durch­füh­ren und vor allem den Unter­richt nach eige­nen Kri­te­ri­en eva­lu­ie­ren. Es ging nun über­all um die detail­lier­te Beschrei­bung und Ent­wick­lung der pro­fes­sio­nel­len Lehr­kom­pe­ten­zen, die in einem Zer­ti­fi­kat doku­men­tiert wer­den soll­ten.
Die damals sehr umstrit­te­ne Bestim­mung, dass nur Lehr­kräf­te mit min­des­tens sechs Jah­ren Berufs­er­fah­rung für die­se Zer­ti­fi­zie­rung in Fra­ge kamen, hat sich am Ende als genau rich­tig her­aus­ge­stellt. Nach eini­gen Jah­ren im Beruf kann man sich nun als eine Art „High-Impact-Tea­cher“ zer­ti­fi­zie­ren las­sen. Die Hür­den sind hoch, und schon die Zulas­sung zum Ver­fah­ren gilt inzwi­schen als Aus­zeich­nung. Aber die Chan­ce, nach eini­gen Jah­ren sei­ne sub­jek­ti­ve Berufs­er­fah­rung noch­mals zu über­prü­fen und wei­ter­füh­ren­de Metho­den auch zur Eva­lua­ti­on des eige­nen Unter­richts an die Hand zu bekom­men, setzt Dyna­mik und Moti­va­ti­on frei.
Dabei ist die Zer­ti­fi­zie­rung anspruchs­voll und zeit­auf­wän­dig. Über zwei Jah­re müs­sen Kan­di­da­ten mit aus­ge­wähl­ten Unter­richts­rei­hen in den unter­schied­lichs­ten Sze­na­ri­en ihr Kön­nen wei­ter­ent­wi­ckeln und doku­men­tie­ren. Video­gra­fie spielt dabei eine wich­ti­ge Rol­le und wur­de zum Stan­dard in der Unterrichts­beobachtung, als fast alle Smart­pho­nes mit 360-Grad-Kame­ras aus­ge­lie­fert wur­den. Zer­ti­fi­zier­te Instru­ment­al­leh­re­rIn­nen sind heu­te gefrag­ter denn je, vie­le von ihnen wer­den nun auch direkt in all­ge­mein bil­den­den Schu­len ange­stellt, nach­dem die Zer­ti­fi­zie­rung des DIGV im Jahr 2029 von der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz einem abge­schlos­se­nen Refe­ren­da­ri­at gleich­ge­stellt wur­de.
Der Beschluss der Kul­tus­mi­nis­ter­kon­fe­renz hat­te sei­nen Grund im Man­gel an geeig­ne­tem Musik­leh­rer­nach­wuchs, er war aber natür­lich bei den Schul­mu­si­kern hef­tig umstrit­ten. Es war bereits seit vie­len Jah­ren üblich, dass Schul­mu­si­ker im Klas­sen­mu­si­zie­ren oder in der Orches­ter­ar­beit auch Instru­men­tal­päd­ago­gik betrie­ben. Umge­kehrt ent­wi­ckel­ten vie­le Instru­men­tal­päd­ago­gen in den Kooperationsprogram­men eine Klas­sen­füh­rungs­kom­pe­tenz. Die Ent­schei­dung des DIGV, auch Schwer­punk­te aus dem Schul­fach Musik für eine Zer­ti­fi­zie­rung ein­zu­for­dern, erwies sich aus Sicht der Instru­men­tal­päd­ago­gen daher als rich­tig.

War es frü­her bes­ser?

Inzwi­schen hat die Instru­men­tal­päd­ago­gik ein ganz ande­res gesell­schaft­li­ches Gewicht als noch zu Beginn mei­ner Berufs­tätigkeit. Zur Pro­fes­sio­na­li­sie­rung vie­ler Lehr­kräf­te kam dann auch die poli­ti­sche Ein­sicht über die Wich­tig­keit des Fachs für die Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung. Nach ers­ten Ansät­zen im 20. Jahr­hun­dert hat eine auf­se­hen­er­re­gen­de Stu­die dann bewie­sen, wie viel an „Meta­kom­pe­tenz“ (eben­falls ein Schlüs­sel­wort der Bil­dungs­dis­kus­si­on zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts) von ver­sier­ten Instru­ment­al­lehr­kräf­ten ver­mit­telt wer­den kann. Die Stu­die doku­men­tier­te und beschrieb erst­mals die beson­de­ren Kom­pe­ten­zen der Instru­men­tal- und Gesangs­päd­ago­gen in der Übedikak­tik, und gera­de die­ser Aspekt wur­de dann auch zu einer der wich­tigs­ten Zertifizierungsgrund­lagen des DIGV.
Ins­ge­samt gibt es heu­te eine gro­ße Anzahl an Instru­ment­al­lehr­kräf­ten, die ver­gleich­bar viel ver­die­nen wie die Lehr­kräf­te im Regel­schul­sys­tem. Vie­le arbei­ten auch direkt in den Schu­len, etwa als Blä­ser­klas­sen­leh­re­rIn­nen oder Musik­leh­re­rIn­nen mit Instru­men­tal­be­fä­hi­gung, ganz ähn­lich wie das vor­her in den USA schon der Fall war. Jedoch ist der Berufs­ein­stieg nun schwie­ri­ger gewor­den. Hono­rar­ver­trä­ge und gering­fü­gi­ge Beschäf­ti­gun­gen gibt es kaum noch und vie­le Anstel­lun­gen sind ohne abge­schlos­se­nes Zer­ti­fi­kat gar nicht mehr zu bekom­men.
Um die weni­gen klei­ne­ren Stel­len ent­brennt immer wie­der ein hef­ti­ger Kampf, denn nur hier kann man sich die Berufs­erfahrung aneig­nen, die für die Zer­ti­fi­zie­rung des DIGV nötig ist. Es kam zu Beginn der Ent­wick­lung auch gar nicht so sel­ten zu betriebs­be­ding­ten Kün­di­gun­gen, wenn ein­zel­ne Musik­schul­lehr­kräf­te in den all­ge­mein bil­den­den Schu­len nicht mehr zuge­las­sen wur­den, weil sie zum Bei­spiel obli­ga­to­ri­sche Fort­bil­dun­gen nicht erfolg­reich abschlie­ßen konn­ten. Dadurch wur­den vie­le Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen gezwun­gen, sich selbst­stän­dig zu machen.
Ins­be­son­de­re von sol­chen Lehr­kräf­ten, die mit dem sich ver­än­dern­den Sys­tem nicht zurecht­ka­men, kam viel Kri­tik an den Ent­wick­lun­gen. Bei den Blä­ser­klas­sen­leh­rern etwa, die durch vie­le Aus­tausch­tref­fen und Vor­la­gen aus den USA schnell sehr dif­fe­ren­zier­te Lehr­plä­ne und Stan­dards ent­wi­ckel­ten, war die Rede von „Stadt­pfeif­er­gil­den“, die sich nun breit machen wür­den.
Die neu­en Lehr­plä­ne wur­den von man­chen Tra­di­tio­na­lis­ten als kunst­feind­lich und als Krea­ti­vi­täts­brem­se beschrie­ben. Aller­dings fand ich schon damals, dass nie­mand je den Beweis ange­tre­ten hat, dass ein lehr­plan­fer­ner Unter­richt vor­her bes­se­re Lern­er­geb­nis­se, krea­ti­ve­re Musik oder zufrie­de­ne­re Schü­ler erzeugt hät­te. Spä­tes­tens als sich eini­ge Jah­re spä­ter das Lai­en­mu­si­zie­ren expo­nen­ti­ell auf sein heu­ti­ges Niveau ent­wi­ckel­te, war auch die­se Diskus­sion been­det. Die vie­len Orches­ter, Chö­re und Bands brauch­ten ein­fach eine wirk­lich gut struk­tu­rier­te Aus­bil­dung in Schu­le und Musik­schu­le, um ihr heu­ti­ges Niveau zu errei­chen.

Vom Beruf zur Pro­fes­si­on

Ins­ge­samt ist die Instru­men­tal­päd­ago­gik heu­te dort ange­kom­men, wohin sich auch ande­re Berufs­grup­pen auf den Weg gemacht haben. Sie hat einen hohen inne­ren Orga­ni­sa­ti­ons­grad und eige­ne Ver­hal­tens­re­geln ent­wi­ckelt. Inzwi­schen sind es die Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen selbst, die Stan­dards des Fachs dis­ku­tie­ren. Ihr Ver­band DIGV tritt sehr selbst­be­wusst auch gegen­über dem Trä­ger­ver­band VdM oder den Musik­hoch­schu­len auf und ver­tritt instru­men­tal- und gesangs­päd­ago­gi­sche Inter­es­sen in poli­ti­schen Gre­mi­en.
Der Berufs­stand „Instrumentallehrer/in“ hat heu­te ein enorm hohes Anse­hen bei Eltern und Kin­dern, die Attrak­ti­vi­tät des Berufs auch für hoch­qua­li­fi­zier­te Lehr­kräf­te hat deut­lich zuge­nom­men. Die­se Ent­wick­lung gab es nicht nur in mei­nem Arbeits­be­reich, auch ande­re mach­ten sich auf die­sen Weg zur „Pro­fes­si­on“: Ich den­ke zum Bei­spiel an die Eman­zi­pa­ti­on der Pfle­ge­wis­sen­schaft vom Fach Medi­zin und die damit ver­bun­de­ne Auf­wer­tung die­ser Berufs­grup­pe.
Inter­es­sant ist auch, dass der Unter­gang des Abend­lan­des nicht ein­ge­tre­ten ist, den vie­le zu Beginn der digi­ta­len Revo­lu­ti­on vor­aus­ge­sagt haben. Wir haben heu­te wie vor drei­ßig Jah­ren die­sel­be Nach­fra­ge nach Instru­men­tal- und Gesangs­un­ter­richt. Digi­ta­le Musik­pro­duk­ti­on, der Ein­satz von Medi­en im Unter­richt, die pro­fes­sio­nel­le Aus­ein­an­der­set­zung mit frei­en Lern­platt­for­men und mit den immer wei­ter aus­ufern­den Foren und Netz­wer­ken der Ama­teure (frü­her „Dilet­tan­ten“ genannt), alles das gibt es. Jedoch hat sich die grund­le­gen­de Form des Musik­ler­nens kaum ver­än­dert und die belieb­tes­ten Instru­men­te sind immer noch mehr oder weni­ger die­sel­ben. Nur die Lern­aus­beu­te ist viel grö­ßer und – wie For­schung zei­gen konn­te – eben­so die Zufrie­den­heit bei Leh­re­rIn­nen und Schü­le­rIn­nen.
Aber es gibt auch sub­kul­tu­rel­le Gegen­strö­mun­gen, die das lehr­plan­freie, voll­stän­dig selbst­be­stimm­te Ler­nen wie­der beto­nen. Die Renais­sance des Auto­di­dak­ten als „Digi­tal Lear­ner“ oder die Musik des „Re-Punk“ sind da Bei­spie­le. Ver­mut­lich braucht eine Gesell­schaft ein­fach bei­des: eine Art Ursup­pe, aus der neue Gedan­ken und Strö­mun­gen ent­ste­hen, und ein hoch­struk­tu­rier­tes Bil­dungs­sys­tem, wie es mit der neu­en Instru­men­tal­päd­ago­gik ent­stan­den ist.