Fischer, Christian

Von der Begabten- zur Begabungsförderung

Potenziale eines dynamischen, multi­dimensionalen ­Begabungsverständnisses

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 3/2026 , Seite 18

Während man in der Begabungs­forschung in früherer Zeit vor allem die Begabtenförderung bezogen auf die Talententwicklung einzelner Kinder und Jugendlicher fokussierte, wird aktuell zunehmend die Begabungs­förderunghinsichtlich der Potenzial­entwicklung aller jungen Menschen in den Blick ­genommen. Dies schafft die Voraussetzungen für eine breite Spitze in der (musikalischen) Bega­bungs- und Leistungsentwicklung, wobei neben einem vertikalen Begabungsverständnis zunehmend ein horizontaler Begabungsbegriff, bezogen auf eine zukunftsorientierte Begabungsentfaltung, bedeutsam wird.

Im Forschungsverbund „Leistung macht Schule“ wird Begabung als leistungsbezogenes Entwicklungspotenzial eines Menschen betrachtet, das aus der individuellen Konstellation von Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmalen resultiert.1 Begabung kann bei entsprechender Disposition und langfristiger, systematischer Anregung, Begleitung und Förderung das Individuum in die Lage versetzen, „sinnorientiert und verantwortungsvoll zu handeln und auf Gebieten, die in der jeweiligen Kultur als wertvoll erachtet werden, anspruchsvolle Tätigkeiten auszuführen“.2
Dieses Begabungsverständnis zeigt sich auch in zentralen Paradigmen der Begabungsforschung, die sich mit Blick auf die Ausrichtung der Förderansätze differenzieren lassen.3 So fokussiert das Paradigma der kognitiven Begabtenförderung eine kleinere Gruppe besonders begabter Kinder und Jugendlicher in selektiven Förderprogrammen, bezogen auf die intellektuelle Exzellenzentwicklung (in musizierbezogenen Kontexten z. B. Programme für Jungstudierende). Dagegen richtet das Paradigma der individuellen Talententwicklung den Fokus auf eine domänenspezifische Gestaltung adaptiver Lernumgebungen, wobei Exzellenz als Ergebnis individueller Entwicklung betrachtet wird (z. B. adaptiver Instrumentalunterricht). Das Paradigma der differenzierten Begabungsförderung versteht Begabung als kontextabhängiges Potenzial bei allen Lernenden, wobei die Förderung durch Differenzierung und Individualisierung erfolgt (z. B. Formate wie JeKits – Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen). Das Paradigma der transformativen Begabungsentwicklung betrachtet Begabung als transformatives Potenzial für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung, welches Formate transformativer Bildung erfordert (z. B. Angebote wie Musaik – Grenzenlos musizieren).4

Vertikales Begabungsverständnis

Um eine Breite in der Spitze der Begabungs- und Leistungsentwicklung zu erreichen, gilt es mit Blick auf die diversen Förderansätze, zunächst die Begabungsförderung und Potenzialentwicklung zu fokussieren. Dabei wird die grundsätzliche Förderung der individuellen Lernpotenziale aller Kinder und Jugendlichen in unterschiedlichen Domänen verbunden mit dem Erkennen der individuellen Lernpotenziale bei allen jungen Menschen in förderlichen Lernumgebungen in den Blick genommen.
Dieser Ansatz ist gerade für Kinder aus benachteiligten Lagen oder mit Beeinträchtigungen relevant, da diese von einer potenzialorientierten Haltung profitieren, die bei jedem Kind Begabungen erwartet. Auf diese Weise kann verhindert werden, dass potenziell leistungsstarke bzw. leistungsfähige junge Menschen unerkannt bleiben und daher nicht gefördert werden.
Daneben ist es bedeutsam, Ansätze der Begabtenförderung und Talententwicklung zu gestalten, um eine diagnosebasierte individuelle Förderung von Kindern und Jugend­lichen mit besonderen Begabungen und speziellen Talenten zu ermöglichen. Des Weiteren ist es mit Blick auf die individuelle Zone der nächsten Begabungs- und Leistungsentwicklung wichtig, auch Ansätze der Exzellenzförderung und Expertiseentwicklung zu realisieren, um eine adaptive Förderung und individuelle Begleitung von jungen Menschen mit bereits gezeigten überdurchschnittlichen Leistungen zu verwirk­lichen.5

Horizontales ­Begabungsverständnis

Neben der vertikalen Orientierung ist auch eine horizontale Ausrichtung für einen zukunftsorientierten Begabungsbegriff relevant. Angelehnt an das Transformative Modell der Begabungs- und Leistungsentwicklung6 wurden dazu im Forschungsverbund „Leistung macht Schule“ „10 Perspektiven für ein zukunftsweisendes Begabungsverständnis“ gebündelt:7
1) Personorientiert: Person als Autor:in des eigenen Lebens in sozialer Verantwortung, das heißt, dem Menschen werden personale Würde und das Potenzial zugesprochen, sein Leben in zunehmender Selbstbestimmung und sozialer Verantwortung zu führen.
2) Multidimensional: Einbeziehung aller menschlichen Facetten und Talentdomänen, das heißt, alle Dimensionen der menschlichen Entwicklung sowie die vielfältigen Talentdomänen mit den jeweiligen Entwicklungsstufen werden berücksichtigt.
3) Dynamisch: Entwickelbar durch wachstumsorientierte Lernprozesse und Lernumgebungen, das heißt, Begabung kann sich durch förderliche Lernprozesse, anregende Lernumgebungen und eine wachstumsorien­tierte Haltung im Sinne des Growth Mindset entwickeln.
4) Potenzialorientiert: Fokussierung auf individuelle Fähigkeits- und Persönlichkeitspotenziale, das heißt, Begabung umfasst das leistungsbezogene Entwicklungspotenzial eines Menschen, das sich aus der individuellen Konstellation von Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmalen ergibt.
5) Ressourcenorientiert: Zusammenwirken der internen und externen Ressourcenpools, das heißt, Talente entwickeln sich durch günstige Wirkungen der internen und externen Ressourcen sowie durch deren Wechselwirkungen im Sinne des Lern- und Bildungskapitals.
6) Inklusiv: Bildungsgerechte Partizipation und Wertschätzung der Vielfalt von Potenzialen, das heißt, allen Lernenden wird eine chancengerechte Teilhabe an einer Bildung zur vollen Potenzialentfaltung ermöglicht, wobei die Vielfalt der Potenziale als Bereicherung wertgeschätzt wird.
7) Diversitätssensibel: Einbindung intrapersonaler und interpersonaler Vielfaltsdimensionen, das heißt, Begabung umfasst Dimensionen intrapersonaler Diversität (wie „Twice Exceptionals“8) ebenso wie extrapersonaler Diversität, wobei Vielfalt als Ressource betrachtet wird.
8) Emergent: Neue Qualitäten durch Dynamiken innerhalb der Person und von Gruppen, das heißt, Begabung ist ein Phänomen, bei dem das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile und aus der Wechselwirkung individueller und kollektiver Dynamiken neue Qualitäten entstehen.
9) Gemeinwohlorientiert: Ethisches Denken für ein verantwortliches Handeln zum Wohle aller, das heißt, Begabung impliziert ethisches Denken für ein verantwortliches Handeln – Talente werden dabei im Kontext einer solidarischen und globalen Gemeinschaft verstanden.
10) Transformativ: Wollen und Können für ein Wissen und Wirken in einer Welt im Wandel, das heißt, Begabung umfasst transformatives Wollen und adaptives Können für ein innovatives Wissen und nachhaltiges Wirken, um eine zukunftsfähige Welt im Wandel zu gestalten.

Für die Gestaltung musizierbezogener Begabungsförderung folgt daraus, dass musikalische Bildung konsequent potenzialorientiert und diversitätssensibel auf die individuelle Entwicklung aller Lernenden ausgerichtet sein sollte, um aus der Breite heraus Entfaltungsmöglichkeiten bis in die Spitze zu eröffnen. Dabei gilt es, breit zugängliche, differenzierte Lernangebote der Potenzialentwicklung mit diagnosebasierten Formaten der gezielten Talent- und Exzellenzentwicklung zu verbinden, sodass in adaptiven Lernumgebungen unterschiedliche Begabungsniveaus angemessen unterstützt werden. Zugleich sollte musikalische Förderung als dynamischer, gemeinschafts-, sinn- und gemeinwohlorientierter Prozess verstanden werden, der Persönlichkeitsentwicklung, kreative Entfaltung und gesellschaftliche Teilhabe im Sinne einer transformativen Bildung stärkt.

1 Leistung macht Schule – LemaS. Glossar: Begabung, 2020, https://lemas-forschung.de/glossar/begabung/ (Stand: 29.4.2026).
2 International Panel of Experts for Gifted Education – iPEGE: Professionelle Begabtenförderung: Empfehlungen zur Qualifizierung von Fachkräften in der Begabtenförderung, 2009, S. 17, https://www.oezbf.at/wp-content/uploads/ 2017/09/iPEGE_1_web.pdf (Stand: 29.4.2026).
3 Dai, David Yun: „Assessing and accessing high human potential: A brief history of giftedness and what it means to school psychologists“, in: Psychology in the Schools, 2009, 57 (10), S. 1514-1527, DOI: 10.1002/pits.22346.
4 Sternberg, Robert J.: „Transformational Giftedness in Action: Paths to Positive, Meaningful and Potentially Enduring Societal Change“, in: Roeper Review, 2024, 46(4), S. 292-303, https://doi.org/10.1080/02783193.2024.2392238.
5 iPEGE, 2009.
6 Fischer, Christian/Fischer-Ontrup, Christiane/Hallet, Wolfgang/Käpnick, Friedhelm/Perleth, Christoph/Weigand, Gab­riele: „Das transformative Modell der Begabungs- und Leis­tungsentwicklung (TMBL)“, in: Weigand, Gabriele u. a. (Hg.): Wege der Begabungsförderung in Schule und Unterricht. Transformative Impulse aus Wissenschaft und Praxis, Bielefeld 2024.
7 Fischer, Christian/Fischer-Ontrup, Christiane: „Transformative Begabungsförderung und adaptive Talententwicklung in innovativen Lernumgebungen für eine nachhaltige Zukunftsgestaltung“, in: Fischer, Christian u. a. (Hg.): Potenziale entwickeln – Schule transformieren – Zukunft gestalten: Beiträge aus der Begabungsforschung, Münster 2026.
8 Als „twice exceptional“ (zweifach außergewöhnlich) bezeichnet man Personen, die hochbegabt und gleichzeitig durch eine Entwicklungs-, eine Lern- oder Leistungsstörung oder auch eine körperliche Behinderung herausgefordert sind.

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