Adrians, Frauke
Gesellschaftlich relevant!?
Der Deutsche Musikrat lud zum Kongress „Musikalische Bildung im Ökosystem Musik“ nach Berlin
Fast 17 Millionen Deutsche machen laut Statistik des Deutschen Musikrats aktiv Musik, ob beruflich, in der Schülerband oder im Laienchor. Das sind eine Menge Menschen, aber was ist eigentlich mit den 66 übrigen Millionen? Lassen sich auch sie fürs aktive Musizieren gewinnen und von den positiven gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen überzeugen, die das Singen und die Instrumentalmusik mit sich bringen? Wenn, dann muss man bei den Wurzeln anfangen, davon ist man beim Deutschen Musikrat überzeugt. Folgerichtig lud der Verband im März zum zweitägigen Kongress „Musikalische Bildung im Ökosystem Musik“ ein. Rund 270 beruflich mit musikalischer Bildung Befasste und Gäste trafen sich in der Universität der Künste Berlin.
Unter den geladenen Rednerinnen und Rednern war auch Wolfram Weimer, Staatsminister für Kultur, der in dieser überschaubaren Runde einmal keine Buhrufe zu gewärtigen hatte. Weimer steuerte in seinem Grußwort am zweiten Konferenztag ja auch nichts Kontroverses bei und erkannte keine Preise ab. Stattdessen betonte er, Lehrkräfte in der musikalischen Bildung würden „einfach zu schlecht bezahlt“, und „die Lehrkräfte ächzen zu Recht“. Aus dem Kanzleramt heraus wolle er gemeinsam mit Bildungsministerin Karin Prien eine Initiative starten, um den Bereich der musikalischen Bildung zu stärken, „dafür will ich mich auf jeden Fall einsetzen“. Das hörten die Betroffenen gern, und auch, dass der Kulturstaatsminister auf die Worte der DMR-Präsidentin Lydia Grün einging – „Herr Weimer, Sie haben in uns einen starken Partner für das Ökosystem Musik, daher eine persönliche Bitte: Vertrauen Sie uns, vertrauen Sie in unsere Fachkompetenz und Expertise“ –, kam bei den Gastgebern gut an. Allerdings weiß Lydia Grün: Gelder, die einem Kulturbereich nicht nur versprochen, sondern tatsächlich ausgezahlt werden, die werden einem anderen Kulturbereich weggenommen.
Der freundliche, von gegenseitigem Zuhören geprägte Grundton des Kongresses tat den Vertreterinnen und Vertretern der gebeutelten Branche aber erkennbar gut. Von Dirk Brockmann, Biologieprofessor an der TU Dresden, der einen Vortrag lang Belege für das „Survival of the Nettest“ lieferte („Das Leben eroberte den Planeten durch Networking, nicht durch Kampf“), bis zum Singer/Songwriter und Inklusionsbotschafter Graf Fidi trugen die Redner und Podiumsdiskutanten in verschiedenen Schattierungen eine immer ähnliche Botschaft vor: Ja, es mag manchmal zäh und enttäuschend sein, und ja, man braucht Geduld, aber Beharrlichkeit und Freundlichkeit zahlen sich aus. Und natürlich: Vernetzung! Wenn man feststelle, dass man nicht der Einzige sei, der einen barrierefreien Zugang zur Musikhochschule brauche, könne man gemeinsam besser für den Einbau des notwendigen Fahrstuhls kämpfen, sagte Graf Fidi. Einfache Erkenntnis mit manchmal hart zu erstreitender Konsequenz: „Alle Normen und Rechte sind von Menschen geschaffen, sie können auch von Menschen geändert werden.“
Lesen Sie weiter in Ausgabe 3/2026.


