Pfann, Walter
Die Klaviersonaten Beethovens
Spiegel eines Lebens
Walter Pfann fügt der umfangreichen Literatur über die Klaviersonaten von Beethoven ein Buch hinzu, das die Werke in erster Linie als Wiederspiegelung von Beethovens Leben und der zeitgeschichtlichen Umstände ihrer Entstehung betrachten und deuten will. Diese Absicht steht in der Nachfolge des 1903 publizierten einflussreichen Buchs Vie de Beethoven von Romain Rolland, das allerdings von Pfann nicht erwähnt wird. Pfann sieht in den Sonaten Beethovens nicht nur „Spiegelungen seines sowohl äußeren wie auch seines geistigen Lebens“; teilweise erscheinen sie ihm geradezu „wie Bekenntnisse oder therapeutische Hilfsmittel, mit denen Beethoven seine diversen Lebenskrisen immer wieder meisterte“. Mit dieser Ausrichtung will er Spielern und Hörern Anregungen zu einem vertieften Verstehen der Werke bieten.
Entstehungs- und Druckgeschichte, biografische Zeugnisse (leider übernimmt der Autor viele Zitate aus Sekundärliteratur ohne Angabe der Primärquellen), Hinweise zu den Widmungsträgern bilden die Grundlage für die mit pointiert charakterisierenden Überschriften versehenen Ausführungen zu jeder Sonate. Hinzu kommen Abbildungen von Porträts und Gemälden mit Szenerien, die atmosphärisch dem jeweiligen Ausdrucksgehalt nahestehen.
Mit Ausnahme der letzten Sonate op. 111 beschließt jeden Werkkommentar ein knappes „Fazit“. Im „Fazit“ über die Sonate op. 27/2 liest man beispielsweise: „Es sind wahrscheinlich Gefühle der Niedergeschlagenheit und der Frustration über die vermutlich einvernehmliche, jedoch von außen zerstörte Liebesbeziehung zwischen ihm [Beethoven] und Julie Guicciardi sowie Empfindungen von verletztem Stolz und unbändiger Wut über eine, zumindest nach Beethovens Auffassung, überlebte Gesellschaftsform, die sich in der Mondscheinsonate in genialer Weise musikalisch Luft verschaffen.“
In der Einleitung entwirft Walter Pfann eine „Typologie der Klaviersonate“, die aus vier Haupttypen besteht: „Spielsonate“, „Serioso-Typus“, „Konzertsonate“ und „Ideen-Sonate“. Ihnen ordnet er die einzelnen Werke in mehr oder minder deutlicher Ausprägung zu.
Pfann verbindet seine inhaltlich ausgerichteten Interpretationen der Sonaten mit Beschreibungen ihrer musikalischen Verlaufsformen, die auch Zusammenhänge der Sätze eines Werkes einbezieht. Zusätzlich fügt er acht „Exkurse in die Formenlehre“ ein, die sich mit wichtigen Formmodellen in Beethovens Sonatenschaffen beschäftigen. Dadurch ergeben sich zum Teil Überschneidungen mit den Ausführungen zu den einzelnen Sonaten.
In der Darstellung der in den Sonaten aufgespürten lebensgeschichtlichen Gehalte finden sich überzeugende und erhellende, oft mit Bildern und poetisierenden Umschreibungen versehene, allerdings auch zahlreiche fragwürdige Deutungen. Viele von ihnen haben hypothetischen Charakter, was der Autor keineswegs leugnet, sondern häufig einräumt mit Formulierungen wie „vielleicht“, „möglicherweise“, „vermutlich“, „wahrscheinlich“, „natürlich reine Spekulation“, „kann man nur vermuten“, „verführerisch, wenn auch letztendlich nicht beweisbar“.
Gelegentlich versteigt er sich in überspannte Fantasievorstellungen. So etwa bei der „Waldsteinsonate“ op. 53, deren Durchführung angeblich „erinnert an aufgebrachte Menschenmengen, die von allen Seiten zusammenströmen, um ihre Rechte nachdrücklich einzufordern“. Im Rondothema des Finales derselben Sonate hört er „die schemenhaften Reminiszenzen an Kindheit und Jugend“ und die Oktavglissandi erscheinen ihm als „wahre Rutschpartien von den Hängen des Rheinufers“. Auch die Etikettierung der Hammerklaviersonate op. 106 als „ein Kernstück vieler philosophisch ambitionierter Pianisten“ löst Irritationen aus. Über die Sinnhaftigkeit solcher Aussagen kann man geteilter Meinung sein.
Ulrich Mahlert


