Mertz, J. K.

Guitar works

Vol. 11: 12 Studies & Works / Vol. 12: Seven Opera Fantasies on Themes from Thea­trical Operas by Bellini, Doni­zetti & Verdi, hg. von Graziano Salvoni

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Chanterelle, Mainz 2025
erschienen in: üben & musizieren 3/2026 , Seite 63

Als sich der heute meist als Johann Kaspar Mertz bekannte Gitarrist und Komponist 1843 in Wien niederließ, ging die Hochblüte der Gitarre bereits zu Ende. Der fortschreitenden Romantik mit ihrer stetigen Erweiterung musikalischer Mittel hätte sie nur ihren intimen Klang entgegensetzen können. Mertz jedoch wollte mithalten mit den rauschenden Klangkaskaden, mit denen Pianisten brillierten, und er suchte die musikalische Sprache eines Carl Maria von Weber oder Robert Schumann auf die Gitarre zu übertragen. Dafür erweiterte er die Saitenanzahl der üblichen sechssaitigen Gitarre im Bassbereich auf bis zu zehn und schrieb unter anderem sieben höchst virtuose Opernfantasien über Themen bekannter italienischer Opern.
Seitenweise hat man Akkordzerlegungen in Vierundsechzigsteln, lange Passagen in Zweiunddreißigstel-Zwölftolen „con bravura“ und „brillante“ zu spielen, Terz- und Oktavreihen laufen endlos über das gesamte Griffbrett rauf und runter, bis Saiten und Finger qualmen. Der Schwerpunkt liegt klar auf virtuoser Figura­tion, musikalische Differenzierung tritt dabei in den Hintergrund. Wer sich dennoch an diese Werke wagen möchte, findet hier Material für Techniktraining auf Konzertniveau.
Der Herausgeber Graziano Salvoni hat die Manuskripte aus der sogenannten Boije-Sammlung in heutigen Notensatz übertragen, mit Fingersätzen versehen und die Töne der zusätzlichen Bässe eine Oktave höher gesetzt. Im Konzertbetrieb dürften diese nur auf äußerliche Brillanz ausgerichteten Opernfantasien weiterhin eine Randerscheinung bleiben.
Einige ausgewählte Etüden und kurze Charakterstücke aus derselben Sammlung sind spieltechnisch leichter, aber musikalisch zu wenig ansprechend. Für den Unterrichtsgebrauch haben sie kaum Mehrwert. Als Gitarrenlehrkraft greift man sinnvoller zu den didaktisch klarer angelegten Etüden op. 60 von Matteo Carcassi.
Erschienen sind beide Ausgaben in der Reihe „J. K. Mertz – Guitar Works“ als Band 11 und 12, anlässlich des 100. Jahrestags der Übergabe der umfangreichen Gitarrennoten-Sammlung aus dem Nachlass von Carl Oscar Boije af Gennäs (1849-1923) an die Staatliche Musikbibliothek Stockholm. Die ersten Bände der Mertz-Ausgabe wurden vor über 40 Jahren veröffentlicht. Ins Repertoire übergangen sind vor allem sechs Schubert-Lieder, die Mertz für Gitarre solo bearbeitete (Bd. 7), die Bardenklänge für Gitarre solo (Bd. 3 und 4) und seine Gitarrenduos (Bd. 8). Weitere musikalische Entdeckungen, die eine Fortführung der Reihe über ihren dokumentarischen Wert hinaus rechtfertigen würden, lassen sich in den beiden vorliegenden Bänden nicht finden. Positiv hervorzuheben sind der sauber gesetzte Notentext, das gut lesbare Layout sowie die beiden umfangreichen, quellengesättigten Vorworte.
Jörg Jewanski

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