© Guido Werner

Buder, Claudia

Entfaltung

Von der Kunst des Wandels

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2026 , Seite 06

Wie kein anderes Instrument ist das Akkordeon mit der Entwicklung unserer Gesellschaft verknüpft. Wie entfaltet sich die Gegenwart? Jede Falte zählt! Ein Blick mit dem Akkordeon in die Gestaltung des musikalischen Lebens.

Also, wie viele Falten hat das Akkordeon?1 Ist das überhaupt eine relevante Frage?2 Nun, es gibt jedenfalls eine bewährte Übe­methode, die Akkordeonspielende auffordert, eine zu erlernende Passage so oft in akkurater Art und Weise zu wiederholen, wie das Akkordeon Balgfalten hat. Schleicht sich bei Falte sieben beispielsweise ein Fehlerteufel ein, gilt es, wieder von vorne zu beginnen. Nein, das Gesicht dabei nicht in Falten legen, sondern die Falten des Balges bewegen! Denn die Bewegung des Balges ermöglicht eine kontrollierte Steuerung des Luftstroms. Ohne Balg kein Ton! Und schon sind wir beim Herz des Akkordeons angekommen: Der Balg ist die Seele des Instruments.

Atmen

„Das Akkordeon verströmt einen intensiven Duft – den Duft aller Peripherien der Welt, eine Mischung aus Tanz und Elend. […] Das Akkordeon atmet ein und aus wie eine Lunge, der Atem beseelt es. So ist ein Prinzip von Menschlichkeit in seinem Mechanismus verborgen, eine vielleicht erschreckende Sen­sibilität, die es zum erotischen und pathetischen Instrument macht, fügsam der Symbiose in den Armen dessen, der es spielt.“ (Salvatore Sciarrino, übersetzt von der Autorin)3 Mit einem Hauch von einem Hauch vermag es die Ohren zu kitzeln und kann im nächsten Augenblick mit erschreckender Brutalität die ächzende Kraft des Lebens in den Raum schleudern. „Wissen Sie, warum ich dieses Monster so sehr liebe? Weil es atmet.“4 Sofia Gubaidulina zeigt, dass dieses Monster5 die gewohnte Ordnung sprengt und mit seiner Ungewöhnlichkeit über sich selbst hinausweist.

Durchschlagen

Wie hat sich das Akkordeon durch die Zeit geschlagen? Geboren am 6. Mai 1829 in Wien,6 schwappte es mit der Erfindungswelle der Industrialisierung als Produkt seiner Zeit in die Welt hinein und löste einen unerhörten Wandel aus: Musik für jedermann!7 Relativ einfach zu spielen, tragbar und erschwinglich, ermöglichte das Akkordeon mit seinen Akkorden einen leichten Zugang zu klingenden Welten. Das Akkordeon demokratisierte die Musik, verbreitete sich in allen Gesellschaftsschichten und gelangte mit den Migrationsströmen in das pulsierende Leben der unterschiedlichen Kontinente. Doch was politisch eine Tugend ist – Teilhabe für alle –, wurde dem Ansehen des Ins­truments zum Verhängnis: Musik, die jeder spielen kann, ohne große Vorkenntnisse, kann keine Kunst sein! Als universeller Klangerzeuger neuer Massenkulturen war es aber nicht aufzuhalten – geliebt und gehasst, vertraut und fremd, mit durchschlagender Stimmzunge in eine frei schwingende Zukunft.
Zukunft? Ein erkennender Blick zurück lohnt, denn er zeigt, dass unser musikgeschichtlich betrachtet junges Instrument mit uralten Ahnen verbunden ist.8 Die nunmehr fast 200 Jahre wandeln sich in 3000 Jahre, denn das Prinzip der freischwingenden Durchschlagzunge wohnt einem der ältesten chinesischen Musikinstrumenten inne – der Mundorgel Sheng.9 Auch hier schwappte es: Der chinesische Typus der Mundorgel gelangte im 8. Jahrhundert nach Japan und hielt dort als Shō Einzug in die höfische Musik Gagaku,10 einer Musik, die seitdem am japanischen Kaiserhaus gespielt wird und somit auf eine ununterbrochene Tradition von ca. 1300 Jahren verweisen kann.11 Im Westen also proletarisch, im Osten aristokratisch? Der Streifzug durch die Jahrtausende von der uralten Vorfahrin zum jungen Nachfahren zeigt die unterschiedliche Entwicklung von Kulturen und damit verbunden: des Hörens!12

1 Wer nach einer präzisen, mit schlüssiger Systematik gegliederten Beschreibung des Akkordeons sucht, wird hier fündig: Kaupenjohann, Ralf: Das Akkordeon. Eine kurze ­Darstellung der heutigen, in der Bundesrepublik Deutschland gebräuchlichen Instrumententypen, Bochum 1987.
2 Zur Anzahl der Balgfalten gibt es bislang keine vertiefenden Analysen. Die Zahl (übrigens meistens 16 bis 19) steht in Abhängigkeit zur Größe des Instruments. Es exis­tieren aber Angaben zur Balgfertigung. Sie sind im ersten und einzigen Buch zu finden, welches sich u. a. mit der Technik des Akkordeons und den dazugehörigen wissenschaftlichen Grundlagen auseinandersetzt: Richter, Gotthard: Akkordeon. Handbuch für Musiker und Instrumentenbauer, Leipzig 1990.
3 „La fisarmonica emana un profumo intenso, quello di tutte le periferie del mondo, un misto di balli e miseria. […] La fisarmonica inspira ed espira, come un polmone, il fiato la anima. Dunque un principio di umanità è racchiuso nel suo meccanismo, una sensibilità forse, spaventosa, che la rende strumento erotico e patetico, docile alla simbiosi tra le braccia di chi suona.“ Sciarrino, Salvatore: Komponistenkommentar zu Vagabonde blu für Akkordeon solo (1998), in: Partitur, Mailand 2001.
4 Kurtz, Michael: Sofia Gubaidulina. Eine Biografie, Stuttgart 2001, S. 195.
5 Monster, etymologisch: monstrare (lat.) = zeigen, weisen.
6 Die sog. Geburtsurkunde ist der Tag der Patenterteilung in Wien. Hier das originale Patent: https://www.tuwien.at/tu-wien/organisation/zentrale-bereiche/archiv/universitaetssammlungen/privilegiensammlung/priv-reg-nr-1757-cyrill-karl-und-guido-demian-accordion (Stand: 1.7.2026).
7 Arm oder reich, gelehrt oder ungebildet, mächtig oder ohnmächtig. Wie im Jedermann – Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes von Hugo von Hofmannsthal, Berlin 1911.
8 Schaal, Hans-Jürgen: „Die Großmutter des Akkordeons. Über die chinesische Mundorgel Sheng“, 2010, www.hjs-jazz.de/?p=00259 (Stand: 1.7.2026).
9 Informationen zur Bauweise: Richter, S. 17-18 sowie Gimm, Martin: „Zur chinesischen Mundorgel (Sheng) und Erfindung des Harmoniums“, in: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 162. Jg., 2012, Heft 1, S. 197-198.
10 Garfias, Robert: Music of a Thousand Autumns. The Tōgaku Style of Japanese Court Music, Berkeley 1975.
11 Für Interessierte zwei klingende Empfehlungen: Reigakusha/Shiba, Sukeyasu: Gagaku Suites, Celestial Harmonies, 2002 (Audio-CD, 78 Min.) und in weiterführender Verbindung mit dem Akkordeon: Hosokawa, Toshio/Gagaku (trad.): Deep Silence, Mayumi Miyata (Shō), Stefan Hussong (Akkordeon), Wergo, 2004 (Audio-CD, 76 Min.).
12 Ein philosophischer Gruß von West nach Ost: „Der Ton der Tempelglocke / von jenseits der Bucht: / dass er verklingt, macht ihn so schön“, in: Hausmann, Manfred [Pseud. Toyotama Tsuno]: Gelöstes Haar. Japanische Gedichte von Toyotama Tsuno, Frankfurt am Main 1964, S. 45. Und von Ost nach West: „Das Leben dauert nicht ewig; es ist flüchtig und vergeht, und gerade deshalb ist es schön“ (Toshio Hosokawa), zit. nach: Sparrer, Walter-Wolfgang: Stille und Klang, Schatten und Licht. Gespräche mit Toshio Hosokawa, Hofheim 2012, S. 108.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 4/2026.

Page Reader Press Enter to Read Page Content Out Loud Press Enter to Pause or Restart Reading Page Content Out Loud Press Enter to Stop Reading Page Content Out Loud Screen Reader Support