Heuser, Lennart

„Das Spiel ist unvernünftig“

In seinem Essay „Homo Ludens“ (1938) sucht der Kulturhistoriker Johan Huizinga nach dem Witz des Spiels

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 4/2026 , Seite 34

In seinem bedeutendsten Werk Homo Ludens – Vom Ursprung der Kultur im Spiel1 beschäftigt sich der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga mit der Frage, welche Bedeutung das Spiel für die Entwicklung von Kultur hat. Dafür definiert er zunächst wesentliche Eigenschaften des Spiels. Anschließend beleuchtet er verschiedene Facetten von Kultur und stellt dabei fest, dass erstaunlich viele kulturelle Praktiken Ähnlichkeiten mit einem Spiel haben. Den „spielenden Faktor“2 findet Huizinga unter anderem in den Bereichen Recht, Krieg, Wissen, Philosophie und Kunst. Auf diese Beobachtungen stützt sich die zentrale These des Werks, „daß Kultur in Form von Spiel entsteht, daß Kultur anfänglich gespielt wird“.3
Huizinga beschreibt, was das Spiel von allen anderen sozialen Aktivitäten unterscheidet: Das Spiel hat eine besondere Eigenschaft, die dafür sorgt, dass wir gerne und leidenschaftlich spielen. Wir fiebern beim Brettspiel dem Sieg entgegen oder hoffen, dass eine bestimmte Fußballmannschaft ein Tor schießt, obwohl es uns auch egal sein könnte. Diese Besonderheit nennt Huizinga den Witz des Spiels. Dieser Witz besteht eben darin, dass das Spiel unvernünftig ist. Wer spielt, muss dabei kein bestimmtes Ziel verfolgen, muss nicht rechtfertigen, warum er spielt oder warum er dabei begeistert, wütend oder enttäuscht ist, obwohl es doch nur ein Spiel ist. Das Spiel ist unvernünftig und erlaubt uns, ebenfalls unvernünftig zu sein.4 Darin unterscheidet es sich von nahezu allen anderen Lebensbereichen, in denen das Handeln in der Regel rational und zielgerichtet ist. Indem wir spielen, können wir uns laut Huizinga vergegenwärtigen, dass wir nicht bloß maschinengleich rationale Handlungen ausführen, sondern selbstbestimmt auch irrational handeln können.5 Das Spiel ermöglicht uns also die Erfahrung von Selbstwirksamkeit.

1 Huizinga, Johan: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Reinbeck 1956. Zitat: S. 11 f.
2 ebd., S. 189.
3 ebd., S. 57.
4 vgl. ebd., S. 11 ff.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 4/2026.

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