Dartsch, Michael / Judith Lenz
#patenschaftaufohrenhöhe
Patenschaften zwischen Jugendlichen als Chance zur Nachwuchsgewinnung
Die Ergebnisse der MiKADO-Musik-Studie zum Nachwuchsmangel im künstlerisch-pädagogischen Bereich haben seit der Pressekonferenz im November 2025 viel Beachtung erfahren. Die Lücke zwischen Bedarf an Lehrkräften und Anzahl von Absolvierenden in den kommenden Jahren gibt Anlass zur Sorge, aber auch zum Nachdenken über Lösungsstrategien. Die Initiative #patenschaftaufohrenhöhe ist ein „Best practice“-Beispiel, um das Problem anzugehen.
Die quantitative Bezifferung des Nachwuchsmangels durch die MiKADO-Musik-Studie1 bestätigte eine schon seit einigen Jahren geäußerte Vermutung.2 Auch wenn die Studie nichts völlig Neues ans Licht gebracht hat, so ist doch gerade aus den konkreten Zahlen ein gewisser Drive entstanden, ein Aufhorchen in Presse und Öffentlichkeit sowie ein Impuls zum Handeln in der Fachszene. Dieser Handlungsimpuls bedarf jedoch einer fundierten Analyse der Ursachen. Hierauf zielte MiKADO-Musik in der Hauptsache ab. Dafür wurden 50 Interview-Studien und zwei statistische Untersuchungen gebündelt, an denen insgesamt 50 Studierende und 19 Lehrende deutscher und zum Teil auch österreichischer Hochschulen beteiligt waren.3
Nachwuchsmangel: Ursachen und Empfehlungen
In der Studie zeigte sich, dass man weniger von einer bestimmten Ursache für den Nachwuchsmangel als von einem Geflecht von Bedingungen auszugehen hat. So sind auch einseitige Schuldzuweisungen verfehlt. Alle beteiligten Instanzen tragen auf ihre Weise zum Mangel bei, haben aber auch je eigene Möglichkeiten, ihm abzuhelfen. Und so wie sich das Problem im Zusammenspiel verschiedener Ebenen verstärken kann, scheint auch ein Zusammenarbeiten an der Behebung der Misere angezeigt. In diesem Sinne empfehlen die AutorInnen des zusammenfassenden wissenschaftlichen Artikels zur Studie als übergreifende Stellschraube die Einrichtung eines gemeinsamen Gremiums und halten es dabei für entscheidend, „dass ein solches Forum nicht allein kulturpolitisch besetzt ist, sondern Hochschulen, Studieninstitute, Musikschulen und Verbände systematisch beteiligt“.4
Damit sind die wichtigen Instanzen benannt: Vor allem sind es die Hochschulen beziehungsweise Studieninstitute, die Musikschulen und die Politik. An diese drei Adressen gehen denn auch die Empfehlungen der AutorInnen. Zentrale Ursachen liegen zunächst in den konkreten Arbeitsbedingungen, die sowohl in den Interview-Studien als auch in einer der statistischen Untersuchungen – einer Online-Befragung musikalisch aktiver SchülerInnen und Studierender – durchweg kritisch bewertet werden. Zu denken ist hier etwa an die Vergütung, die Arbeitszeiten, die fehlenden Aufstiegsmöglichkeiten, manche Arbeitsbedingungen und die Belastung, die der Beruf mit sich bringt.5 Doch gibt es durchaus Personen, die den Beruf trotz dieser Rahmenbedingungen positiv sehen und sich mit den künstlerisch-pädagogischen Aufgaben identifizieren. Dies kann gelingen, wenn erfahren wird, dass sich künstlerische und pädagogische Aspekte produktiv miteinander verbinden lassen6 und wenn dem künstlerisch-pädagogischen Feld ein eigener, auch gesellschaftlicher Wert zugesprochen wird.7
Gleichwohl ist ein Unterschied in der Wertschätzung des Künstlerischen und des Künstlerisch-Pädagogischen, der sich nicht nur an Hochschulen, sondern auch an Musikschulen finden lässt, ein weiterer gewichtiger Ursachenfaktor für den Mangel.8 Zu den Empfehlungen an Hochschulen gehört es daher, diese Hierarchie in Gremiensitzungen zu reflektieren.9 Oft genug wird unhinterfragt davon ausgegangen, dass für junge Menschen eine künstlerische Laufbahn in jedem Falle attraktiver sei als das Unterrichten.10 Besonders dann, wenn eine besondere Begabung konstatiert wird, scheint es außer Frage zu stehen, dass die Förderung in Richtung einer ausschließlich künstlerischen Karriere zu gehen hat. Dies betrifft denn auch die Frühförderinstitute der Hochschulen. So zeigt sich in der Online-Befragung, „dass Pre-College-Formate oder ein Jungstudium eher zu einem Musikstudium mit künstlerischer Ausrichtung führen“.11 Bedenkt man, dass weiterhin ein statistischer Zusammenhang zwischen pädagogischen Erfahrungen bei Jugendlichen und der Entscheidung für ein instrumental- oder gesangspädagogisches Studium zutage tritt,12 so liegt die Empfehlung nahe, pädagogische Impulse oder Erfahrungsmöglichkeiten in die Programme von Frühförderinstituten einzubeziehen.13
Wird nun diese Empfehlung in der Kooperation von Hochschulen und Musikschulen umgesetzt, so wird auch die weitere Empfehlung einer verstärkten Vernetzung der Hochschulen mit den Musikschulen14 mitberücksichtigt und es kann eine Win-win-Situation entstehen. Dies zeigt die Vernetzungsinitiative #patenschaftaufohrenhöhe,15 die hier vorgestellt werden soll.
Vernetzungsinitiative #patenschaftaufohrenhöhe
Die Idee der Vernetzungsinitiative #patenschaftaufohrenhöhe erscheint einfach und doch war sie in ihrer Konzeption ein Novum, als sie im Juni 2024 durch das Detmolder Jungstudierenden-Institut (DJI), die Städtische Musikschule Hamm und die Johann Wilhelm Wilms Musikschule Leichlingen gegründet wurde. Im Zentrum steht die Vernetzung von Jungstudierenden als PatInnen mit gleichaltrigen MusikschülerInnen.
Zum Alltag von Jungstudierenden gehört seit jeher, dass sie von ihren DozentInnen und ProfessorInnen – gewissermaßen als PatInnen – an die Hand genommen und in die Welt der Musikhochschule und des Musikbusiness begleitet werden. Sie sammeln wichtige Erfahrungen für ihr weiteres künstlerisches Leben genau in diesem Lebensabschnitt, der prägend für ihr ganzes Leben sein wird. SchülerInnen, die als Jungstudierende selbst Hilfe und Beratung erfahren, können in #patenschaftaufohrenhöhe diese Erfahrungen durch einen Rollentausch innerhalb der eigenen Generation an besonders interessierte Kinder und Jugendliche im Privatunterricht oder an Musikschulen weitergeben.
Pädagogisches Handeln und die Übernahme einer Vorbildrolle als PatIn machen Freude. (Auch) Kinder und Jugendliche wachsen am Gefühl, als PatIn Verantwortung übernehmen zu dürfen und ihr bisher erlangtes Wissen und ihre Erfahrung weitergeben zu können. Und die Patenkinder bekommen eine konkrete Bezugsperson aus einem Frühförderinstitut und können so die Musikhochschule, das Gebäude, die Atmosphäre, den Fächerkanon, die Lehrenden, die Studiengänge und vieles mehr niedrigschwellig kennenlernen. Es ist schön, wenn man als Mensch Zugewandtheit erfährt und an die Hand genommen wird. Gleichaltrige sprechen zudem die gleiche Sprache, wodurch die Kommunikation einfacher wird. Im musikalischen Kontext begegnet man sich auf Ohrenhöhe. Dabei werden Kreativität, Teamfähigkeit und Sozialkompetenz gefördert.
Begegnen können sich aber nicht nur die Jugendlichen, sondern auch die Erwachsenen aus Musikschule, Privatunterricht und Musikhochschule. Das ist ebenso zentral, denn für die Arbeit gegen den Nachwuchsmangel ist es wichtig, gut informiert zu sein. Die Patenschaftsinitiative bietet daher die Gelegenheit, aus erster Hand zu erfahren, wie an Musikschulen gearbeitet und mit Leistungsanspruch umgegangen wird, was das Studium an der Musikhochschule beinhaltet und was für ein Berufsleben im Bereich der Musik wichtig ist. Wechselseitige Hospitationsmöglichkeiten ermöglichen Einblicke und lassen einen die jeweils „andere“ Welt besser verstehen. Jugendliche und Erwachsene, die sich über #patenschaftaufohrenhöhe vernetzen, können sich auch online über didaktisch-methodische (z. B. Übemethoden) und andere aktuelle Themen per Chat bzw. Konferenz austauschen.
Vernetzen, Mitmachen und Mitgestalten
Im Herbst 2025 sind der Vernetzungsinitiative #patenschaftaufohrenhöhe zwei Musikhochschulen beigetreten: das Institut für künstlerische Nachwuchsförderung folkwang junior in Essen und die Robert Schumann Hochschule Düsseldorf mit Schumann Junior. Angeschlossen haben sich auch der DTKV-Landesverband NRW, zahlreiche Musikschulen des Verbands deutscher Musikschulen (VdM), eine französische Partnermusikschule, die Düsseldorfer Schule für Ballett und Musical tanzIMPULS sowie die European Youth Orchestra Academy (EYOA) unter der Schirmherrschaft des europäischen Parlaments.
Die Initiative lebt von Vernetzung und möchte sich bundesweit ausdehnen, um flächendeckend einen Beitrag zur Nachwuchsgewinnung zu leisten, fachlichen Austausch auf kurzen Wegen zu ermöglichen und den Teilnehmenden vielfältige Kontakte, Aktivitäten und Erfahrungen zu eröffnen. Der Beitritt ist kostenlos und die Initiative kann individuell von jeder Institution so genutzt werden, wie es für die eigene Infrastruktur vor Ort am besten und leichtesten erscheint. Folgende Aktivitäten illustrieren das Spektrum der Möglichkeiten, die Initiative mit Leben zu füllen:
– Patenkinder der Musikschulen haben ein Kompaktwochenende des Detmolder Jungstudierenden-Instituts mit mannigfaltigen Angeboten besucht.
– Ein Student des Fachs Orchesterleitung hat im Orchesterprojekt einer Musikschule dirigieren und assistieren dürfen – eine großartige Erfahrung!
– Ein Jungstudent des Fachs Klavier hat in einem Konzert der Musikschule Hamm den Solopart eines Mozart-Klavierkonzerts übernommen.
– Eine Teilnehmerin von #patenschaftaufohrenhöhe ist 1. Preisträgerin 2025 der „Jugend musiziert“-Sonderkategorie Musikpädagogik, die im Regionalwettbewerb Hamm erstmalig angeboten wurde.
– Der DTKV-Landesverband NRW plant, im November 2026 ein Konzert der besonderen Art als erstes Landeskonzert im Palais Wittgenstein in Düsseldorf zu veranstalten. Hier soll im Konzert „DTKV Musikpädagogik klingt exzellent!“ in Zusammenarbeit mit der Fachgruppe Vernetzung des DTKV NRW und der Initiative #patenschaftaufohrenhöhe die Musikpädagogik im Vordergrund stehen. Im moderierten Gesprächskonzert sollen neben den auftretenden jugendlichen PreisträgerInnen auch die DozentInnen zu Wort kommen und interessante Einblicke in ihr musikpädagogisches Wirken in Unterricht und Wettbewerbsvorbereitung gewähren.
Zuversicht durch Patenschaft
Zum Sommersemester 2026 standen neue Patenschaften zwischen Kindern und Jugendlichen an. So sind z. B. die junge Pianistin Hanako (15) von Schumann Junior und die Klavierschülerin Anzhi (12) eine Patenschaft eingegangen. Frida (13) und Youting (14), beide wohnhaft am Niederrhein, freuten sich ebenfalls auf ihre Vernetzung am DJI. Und früh übt sich: Patenkind Vincent (8) konnte es kaum abwarten, seinen Paten Hugo (8) von folkwang junior kennenzulernen. Beim ersten Treffen der Kinder in Essen stand das Musizieren für die beiden im Vordergrund. Nach einer Improvisation hatten sie mit vierhändigem Prima-vista-Spiel viel Freude. Für das nächsten Treffen möchten die beiden jungen Klavierbegeisterten vierhändige Spielliteratur zu Hause vorbereiten, die sie dann gemeinsam proben können.
Der Nachwuchs lebt und hat Ideen! Sieht man die vielfältigen Aktivitäten, die zwischen und mit den Jugendlichen verwirklicht werden, so kann dies durchaus Anlass zur Zuversicht geben. Im Miteinander der Jugendlichen liegt die Chance, Freude am musikpädagogischen Handeln zu entdecken und zu entwickeln. Musikhochschulen im ganzen Bundesgebiet können diese Chance nutzen. Sie sind eingeladen, der Vernetzungsinitiative #patenschaftaufohrenhöhe beizutreten und Nachwuchsgewinnung zu ermöglichen. Die Verortung der Nachwuchsgewinnung in der betroffenen Generation gibt Kindern und Jugendlichen die Gelegenheit, die eigene Zukunft durch selbstwertstärkendes musikpädagogisches Handeln aktiv mitzugestalten.
1 MiKADO steht für „Mangel an Nachwuchs im Künstlerisch-pädagogischen Bereich an Ausbildungsinstituten in Deutschland und Oesterreich“.
2 vgl. Sobirey, Wolfhagen: „Mind the Gap! Gedanken zum Mangel an qualifizierten BewerberInnen an Musikschulen“, in: üben & musizieren, 38. Jg., 2021, Heft 5, S. 42-45; Buchsbaum, Christina: „Fünf nach zwölf: Musiklehrkräfte dringend gesucht: Wege aus dem Mangel“, in: üben & musizieren, 41. Jg., 2024, Heft 6, S. 14.
3 Bradler, Katharina/Dartsch, Michael/Heß, Carmen/Lessing, Wolfgang/Welte, Andrea/Weuthen, Kerstin: „MiKADO-Musik: Anlass und Konzeption“, in: üben & musizieren.research, Sonderausgabe MiKADO-Musik, 2026, S. 1-34, hier: S. 9, https://uebenundmusizieren.de/artikel/research_mikado-musik_anlass (Stand: 16.4.2026).
4 Bradler, Katharina/Dartsch, Michael/Heß, Carmen/Lessing, Wolfgang/Oeben, Melanie/Welte, Andrea/Weuthen, Kerstin: „MiKADO-Musik – Methodik, Modell und Implikationen“, in: üben & musizieren.research, Sonderausgabe MiKADO-Musik, 2026, S. 35-91, hier: S. 87, https://uebenundmusizieren.de/ artikel/research_mikado-musik_methodik (Stand: 16.4.2026).
5 ebd., S. 41.
6 ebd., S. 45-47.
7 ebd., S. 61-63.
8 ebd., S. 47-50.
9 ebd., S. 84.
10 Dartsch, Michael/Lessing, Wolfgang: „‚Die Latte nicht so hoch hängen…‘. Das instrumentalpädagogische Studium und Berufsfeld aus der Perspektive von Hauptfachlehrenden an Musikhochschulen“, in: üben & musizieren.research, Sonderausgabe MiKADO Musik, 2026, S. 368-398, hier: S. 392-393, https://uebenundmusizieren.de/artikel/research_mikado-musik_dartsch_lessing (Stand: 17.4.2026).
11 Dartsch, Michael/Götz, Felix/Höpfl, Claudia/Merz, Anna/Schunter, Julian: „MiKADO-Musik Survey. Eine quantitative Studie mit Schülerinnen und Studierenden in Deutschland und Österreich zu Ursachen des künstlerisch-pädagogischen Nachwuchsmangels“, in: üben & musizieren.research, Sonderausgabe MiKADO-Musik, 2026, S. 92-122, hier: S. 116, vgl. S. 102, https://uebenundmusizieren.de/artikel/research_mikado-musik_dartsch_goetz_hoepfl_ merz_schunter (Stand: 16.4.2026).
12 ebd., S. 106.
13 Bradler/Dartsch/Heß/Lessing/Oeben/Welte/Weuthen, S. 82-83.
14 ebd., S. 81, 83.
15 vgl. Lenz, Judith, www.patenschaftaufohrenhoehe.de (Stand: 20.5.2026).
Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 4/2026.


