Ito, Ayako
Erfahrungen als Ausgangspunkt
Pädagogische Reflexion über das Thema Geduld
Geduld wird als zentrale Kompetenz in der Instrumental- und Vokallehre vorausgesetzt. Ihr Fehlen kann Konflikte auslösen, hilft aber auch, die eigene Position zu hinterfragen, und kann zur Selbstreflexion führen. Welchen Nutzen hat Geduld überhaupt und wie geht man mit ihr um? Eine Betrachtung der Geduld aus eigenen interkulturellen Erfahrungen.
„Danke für deine Geduld.“ Diese lobenden Worte bekomme ich in meinem Unterrichtsalltag als Klavierlehrerin immer wieder von meinen Schülerinnen und Schülern oder deren Eltern zu hören. Geduld wird im Folgenden als mehrdimensionale Fähigkeit verstanden, die zeitliche, emotionale und interaktive Aspekte umfasst: die Fähigkeit zum Abwarten, das Aushalten unklarer Situationen sowie eine nachsichtige Haltung gegenüber anderen und sich selbst. Geduld gilt durchaus als eine grundlegende Fähigkeit, die von einer Lehrperson erwartet wird. Die Erziehungswissenschaftlerin Birgitta Fuchs konstatiert jedoch in ihrem Aufsatz „Über die Geduld“ aus dem Jahr 2007, dass „die pädagogische Geduld in den entsprechenden Professionalisierungstheorien nicht vorkommt und dass man sie als Eintrag in den aktuellen Nachschlagewerken der Pädagogik vergebens sucht“.1 Fuchs legt nahe, dass dies damit zusammenhängen könnte, dass man Geduld, verstanden als „Berufsqualifikation“, „kaum den trainierbaren Standards der Lehrerbildung zurechnen noch in einem Modul vermitteln kann“.2 „Geduld“ könne dann im Kompetenzkatalog der Lehrerbildung nicht systematisch genug weitergegeben werden.
Drei wichtige Facetten der Eigenschaft Geduld, die zum Weiterdenken anregen können, sollen im Folgenden dargestellt werden: Persönlichkeit, Wechselseitigkeit, Selbstregulation. Das erste Element ist die individuell sehr unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeit zur Frustrationstoleranz. Geduld hängt hier mit der persönlichen Disposition der Lehrkraft zusammen, zu der Bildung, Wissens- und Erkenntniserfahrungen sowie formelle und informelle kulturelle Prägungen und Lebenshaltungen beitragen. Das zweite Element betrifft das Gegenüber, für das die Geduld aufgebracht wird. Gegenüber Personen oder auch Problemstellungen wird je nach Kontext und Situation Geduld unterschiedlich eingesetzt. Das dritte Element ist die Anwendung von Geduld sich selbst gegenüber.
Aus diesen drei Elementen ergibt sich, dass die individuelle Verfassung und die kommunikativen Fähigkeiten wichtige Bereiche darstellen. Das bedeutet, die Geduld an sich lässt sich zwar nicht in einem standardisierten Bildungsprozess lernen, es können aber Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit der Geduld erarbeitet werden. Im Alltag der Instrumental- bzw. Musizierpädagogik3 wird die Breite der Geduldskala immer wieder ausgeschöpft. Dies begründet sich in erster Linie durch die individuelle Ausrichtung des Unterrichtsalltags. Die Lernenden bringen ihre individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten mit und auf deren Grundlage soll der Lehrende sie zu optimalen, auf sie abgestimmte Lernwege führen. Das Thema Geduld ist in diese komplexen Prozesse eingebettet, bei denen es jedoch darauf ankommt, Zielsetzungen und Methoden auszuwählen, sodass ein Übermaß an Geduld zugunsten neuer Handlungsmöglichkeiten vermieden werden kann.
Wendepunkt meiner Lehrhaltung
Während meines instrumentalpädagogischen Studiums in Deutschland begann ich, Klavier zu unterrichten. Bevor ich meine erste Schülerin unterrichtete, kam ich zu einem festen Entschluss: Ich wollte anders unterrichten, als ich in Japan unterrichtet worden war. Es ging mir in erster Linie darum, mit meinen SchülerInnen auf Augenhöhe zu kommunizieren und sie in dieser Haltung zu unterrichten. Mein Entschluss könnte die Vermutung nahelegen, der Unterricht in Japan sei autoritär und streng, aber das hängt von der subjektiven Wahrnehmung ab. Meine japanische Lehrerin war durchaus streng, aber auch sehr herzlich. Ein vorschnelles Urteil oder Vorurteil, das Drill oder lehrerzentrierten Unterricht pauschal dem japanischen oder gar dem asiatischen Unterricht zuschreibt, verstellt den Blick auf den Kontext.
1 Fuchs, Birgitta: „Über die Geduld“, in: Eykmann, Walter/ Seichter, Sabine (Hg): Pädagogische Tugenden, Würzburg 2007, S. 23-30, hier: S. 25. Fuchs macht darauf aufmerksam, dass die pädagogische Geduld in älteren Nachschlagewerken noch nachweisbar ist.
2 Fuchs, S. 24 f.
3 zum Begriff und Diskurs über die Musizierpädagogik siehe Krause-Benz, Martina: „Musizierpädagogik – Ein Begriff mit Potenzial und Perspektive“, in: üben & musizieren.research, 1. Jg., 2021, S. 17-34. https://uebenundmusizieren.de/ artikel/research_2021_krause-benz/ (Stand: 05.04.2026).
Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.

