Fritzen, Anne

Was hört man, wenn die Grille schweigt?

Die Musikpädagogin Satis Coleman (1878–1961) als frühe Vertreterin einer ökologischen Musikpädagogik

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 5/2026 , Seite 38

Satis Coleman (1878-1961) gehört zu den markantesten Stimmen der amerikanischen Musikpädagogik der 1920er und 1930er Jahre. An der Lincoln School des Teachers College der Columbia University, dem damals wohl landesweit einflussreichsten Zentrum für innovative und progressive Lehrerbildung, entwickelt sie einen Ansatz, der Musik und Musizieren nicht isoliert versteht, sondern als lebendige Verbindung von Klang, Körper, Natur und Welterkundung. Kinder sollen Instrumente bauen, improvisieren, tanzen – und dabei die Welt begreifen, in der sie leben.
Der zitierte Ausschnitt aus ihrem Buch Your Child’s Music (1939)1 ist ein Kernstück dieser Philosophie. Was Coleman hier fordert, ist keine Hörschulung im technischen Sinne, sondern Teil einer affektiv-ethischen Grundhaltung: die Natur mit den Ohren zu lieben. Hierbei sollen Kinder nicht belehrt, sondern in eine Aufmerksamkeit hineingeführt werden. Diese naturnahe Grundhaltung ist für Coleman kein romantischer Rückzug, sondern pädagogisches Programm. Sie lehrt in einer Zeit, in der sich die amerikanische Naturschutzbewegung – unter anderem beeinflusst von Theodore Roosevelt – für die Entstehung von Nationalparks einsetzt und so ein neues Bewusstsein für die Schönheit und Verletzlichkeit nicht-menschlicher Lebenswelten schafft.
Was Coleman 1939 skizziert, hat heute, über achtzig Jahre später, eine verblüffende Nähe zu dem, was aktuell in der musikpädagogischen Literatur unter dem Begriff eco-literacy diskutiert wird: die Fähigkeit, ökologische Zusammenhänge wahrzunehmen, sich selbst in Beziehung zur Umwelt zu setzen und kreative Antworten auf ökologische Krisen zu entwickeln. In diesem Zusammenhang nennt der amerikanische Musikpädagoge Daniel J. Shevock in seiner Eco-literate Music Pedagogy (2018) vier Dimensionen:
1. lokale Verwurzelung: Musikunterricht beginnt mit der bewussten Wahrnehmung von Klängen der unmittelbaren Umgebung – mit dem Bach vor der Tür, den Vögeln auf dem Schulhof, dem Rauschen des Windes in den Bäumen.
2. Musik und Natur als verbundene Erfahrung: Nicht-menschliche Klänge werden nicht nur gehört, sondern aktiv musikalisch aufgegriffen, z. B. durch Imitation, Improvisation und Kompositionsansätze.
3. Sensibilisierung durch Praxis: Ökologisches Bewusstsein entsteht durch ritualisiertes, ortsverwurzeltes Musizieren, das auch den Eigenwert von nicht-menschlichen Klängen anerkennt.
4. Verbindung von Lokalem und Globalem: Das sinnlich Erfahrene aus dem unmittelbaren Umfeld wird mit übergreifenden ökologischen Fragen (Klimawandel, Artensterben, Bodenverlust) in Beziehung gesetzt.2

1 Coleman, Satis N.: Your child’s music, New York 1939, S. 95.
2 vgl. Shevock, Daniel J.: Eco-literate Music Pedagogy, New York 2018, S. 10.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.

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