Busch, Barbara / Sebastian Herbst

Transformation und Kooperation

Perspektiven für die Musikhochschule der Zukunft

Rubrik: Hochschule
erschienen in: üben & musizieren 5/2026 , Seite 48

Wie müssen sich Musikhochschulen verändern, damit sie nicht in gesellschaftlicher Bedeutungslosigkeit versinken? Diese Frage mag im Raum stehen, wenn über die Zukunfts­­fähigkeit von Musikhochschulen nach­gedacht wird.

Die Zukunft der Musikhochschulen hängt maßgeblich von zwei Faktoren ab: Erstens stehen Musikhochschulen mehr denn je in der Verantwortung, gesellschaftliche Transformationen mitzugestalten. Zweitens entsteht Zukunftsfähigkeit nicht durch Exzellenz in einzelnen Professuren, im einzelnen Fach oder in der einzelnen Hochschule, sondern durch radikale Kooperation aller Beteiligten. Genau diese Notwendigkeit zum gemeinsamen Umdenken ist notwendig, zumal Musikhochschulen sicherlich nicht aufgrund fehlender Talente scheitern würden, sondern allenfalls an fehlender Veränderungsbereitschaft. Ausgehend von diesen Thesen wirft die Publikation Zukunft Musikhochschule!?1 einen differenzierten Blick auf die Entwicklung von Musikhochschulen im 21. Jahr­hun­dert. Dabei geht es nicht darum, Zukunft zu prognostizieren, sondern aktiv zu gestalten.

Historische Entwicklung und aktuelle Verortung

Die Beiträge des Sammelbands basieren auf Impulsen für Lehre, Forschung und Organisationsentwicklung, die im Nachklang des Berliner Symposiums „Fit für die Zukunft?“ zusammengetragen wurden und nun in einer umfassend weiterentwickelten Form vorliegen.2 Das in sechs Teile gegliederte Buch startet mit einem Blick zurück auf die Historie und in die Gegenwart, um darauf aufbauend zukunftsgerichtete Innovationen zu entwerfen. Um die Musikhochschule heute und in Zukunft zu gestalten, lohnen sich die Kenntnis historischer und organisations­pädagogischer Perspektiven ebenso wie bildungsräumliche Betrachtungen. Im zweiten Teil wird eine Bestandsaufnahme anhand von acht Spannungsfeldern gewagt, in denen sich die Entwicklung von Musikhochschulen vollzieht (siehe Tabelle).

Handlungsfelder und ­Veränderungsmanagement

Aufbauend auf Teil 1 und 2 richtet sich der Fokus in Teil 3 bis 5 explizit nach vorne. Diese drei Abschnitte entwerfen die Musikhochschule als Raum voller Möglichkeiten. Folgende Fragen werden dabei erörtert:

Welche Leitideen können Motor für die Zukunft sein?
Leitideen bündeln Haltungen und Haltung ist die Basis für Handeln. Leitideen sind also keine Theorie-Spielerei, sondern der Kompass für die Musikhochschule von morgen. Wenn die Nadel z. B. in Richtung Duales Prinzip ausgerichtet wird, könnte dies bedeuten, dass Team-Teaching, Interdisziplinarität, Projektlernen und Phasenvernetzung Kernmerkmale der Studiengänge und Hochschulen werden. Wenn man z. B. die transkulturelle Orientierung ernst nehmen würde, so könnte das bedeuten, dass Hochschulen Lernräume für die kreative Erkundung diverser musikalischer Praxen herstellen, dass sie monokulturelle Ausrichtungen von Seminarangeboten zugunsten von Vielfalt erweitern und Reflexionsräume bereitstellen, um eigene und musikbezogene Praktiken anderer kritisch zu überdenken.

Wer Musikhochschulen von innen kennt, weiß, wie schwer es oft ist, ein von vielen Traditionen (und auch Privi­legien) ­ge­prägtes System in Be­wegung zu bringen. Um mit den Widerständen gegen Veränderung arbeiten zu können, erscheinen mir ­partizipative Entwicklungsprozesse als unabdingbar. (Ursula Brandstätter)3

Wie entsteht ein klares Profil zwischen künstlerischer Qualität, pädagogischem Auftrag und gesellschaftlicher Wirkung?
Wenn Fächer bewusst in Querschnittsdisziplinen zusammenkommen, treten sie aus einer möglichen Isolation heraus, gewinnen an Relevanz und öffnen Räume, in denen Neues entstehen kann. Dann wird z. B. das Hochschulorchester zum Innovationslabor, die Fachdidaktiken und die Musikwissenschaft zu Vermittlerinnen zwischen Kunst, Unterricht und Forschung, das Elementare Musizieren eröffnet innerhalb der Musikhochschule und darüber hinaus Wege zu einer Musik für alle und die Musikvermittlung schlägt Brücken zwischen professioneller Musikpraxis und Gesellschaft.

Wie lassen sich Innovationen in der Lehre von innen heraus anstoßen?
Ein Großteil an Zeit und Energien fließt an jeder Bildungseinrichtung in die Lehre. Welche Kompetenzen brauchen Studierende heute, um in einer ungewissen Zukunft bestehen zu können und wie können diese Kompetenzen vermittelt werden? Die Lehre muss neu gedacht werden und Impulse setzen – experimentierfreudig und offen für Veränderung. Hochschuldidaktische Ansätze dafür sind vielfältig. Sie sind in gewisser Weise ebenfalls Haltungen und darin liegt ihre Kraft. Sie verändern nicht nur Unterricht, sondern die Hochschule als Ganzes – von innen heraus, getragen von allen, die an einem Haus arbeiten und lernen. Wer die Musikhochschule beispielweise als Community of Practice versteht, fordert traditionelle Lehrmethoden heraus und stellt die Gestaltung der Beziehung und Zusammenarbeit von Lehrenden und Studierenden ebenso wie die innerhalb des hierarchisch organisierten Kollegiums zur Diskussion.

Aus psychologischer Sicht ist es wichtig, eine positive Einstellung gegenüber Veränderungen zu kultivieren, ohne dabei die damit verbun­denen Ängste und Unsicherheiten zu ignorieren. (Daniel S. Scholz)4

Ein psychologischer Ausblick rundet alle Überlegungen ab, denn im abschließenden 6. Teil geht es um die Frage, wie wir mit Veränderungen umgehen – gerade dann, wenn sie nicht nur Chancen bringen, sondern zugleich auch Unsicherheit bewirken und Widerstand hervorrufen. Zukunft entsteht dort, wo wir Veränderung nicht nur aushalten, sondern gemeinsam gestalten – mit Offenheit, mit Haltung und mit dem Mut, Unsicherheit nicht als Hindernis, sondern als Ausgangspunkt zu begreifen.

Multiperspektivisches Denken statt fertiger Rezepte

Insgesamt kommen über 40 Autorinnen und Autoren zu Wort – mit Impulsen, die so vielfältig sind wie die Menschen dahinter. Sie stammen aus unterschiedlichen Disziplinen der Musikhochschulen, aus Kunst und Wissenschaft, aus Lehre, Forschung, Bibliotheken und Verwaltung, aus Leitungen und ­Verbänden. Mit dabei sind junge Stimmen ebenso wie erfahrene Kolleginnen und Kollegen, zudem Expertinnen und Experten von außerhalb, die neue Blickwinkel einbringen. Es werden zahlreiche Möglichkeiten aufgezeigt, Veränderungen systematisch anzustoßen, und Wege aufgezeigt, wie ein konstruktiver Umgang mit Veränderungen gelingen kann. Ganz bewusst setzt der Sammelband dabei auf agile Denkanstöße statt auf starre Vorgaben. Alle Beiträge sind explizit kurz und pointiert gehalten. Ja, es handelt sich um Impulse: keine fertigen Lösungen, auch keine Rezepte.

1 Busch, Barbara/Herbst, Sebastian (Hg.): Zukunft Musikhochschule!? Impulse für Lehre, Forschung und Organisa­tionsentwicklung, Mainz 2025, www.schott-music.com/de/ zukunft-musikhochschule-no779849.html (Stand: 9.7.2026).
2 Busch, Barbara/Herbst, Sebastian (Hg.): „Dokumentation: Fit für die Zukunft!? Arbeitsmaterialien und Einblicke zum Symposium ,Fit für die Zukunft!?‘ – 3. / 4. Mai 2024 in Berlin“, 2024, https://uebenundmusizieren.de/artikel/zukunft-im-blick (Stand: 9.7.2026).
3 Busch/Herbst, Zukunft Musikhochschule!?, S. 60.
4 ebd., S. 303.

Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 5/2026.

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