Hosokawa, Toshio

12 Japanese Songs

for guitar

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Tokyo 2025
erschienen in: üben & musizieren 5/2026 , Seite 62

Toshio Hosokawas 12 Japanese Songs sind ein Glücksfall für das Gitarrenrepertoire des 21. Jahrhunderts: Einer der bedeutends­ten japanischen Komponisten, der schon mehrfach für Gitarre komponierte, hat sich erneut diesem Instrument zugewandt. Entstanden ist ein Zyklus, der als Ganzes mit einer guten halben Stunde Spieldauer nahezu eine Konzerthälfte füllt, aus dem aber auch einzelne Sätze gespielt oder Gruppen von Sätzen je nach Bedarf flexibel zusammengestellt werden können.
Ausgangspunkt sind zwölf japanische Kinder- und Wiegenlieder, die bis in die Edo-Zeit (1603-1868) zurückreichen und heute noch bekannt und beliebt sind. Hosokawa hat sie den Klangmöglichkeiten der Gitarre idiomatisch angepasst. Charakteristisch sind der häufige Einsatz von Flageoletts, was den ohnehin zarten, leisen und ruhigen Kompositionen eine märchenhafte Aura und poetische Dichte gibt. Hinzu kommen Fermaten unterschiedlicher Dauer, verschiedene Ausprägungen des Vibratos, Klangfarbenwechsel durch Anschlag am Schallloch oder Steg, stellenweise den Klang einer Koto, der japanischen Wölbbrettzither, imitierend.
Hosokawas Stil ist geprägt von traditioneller japanischer Musik, buddhistischem Denken, bildender Kunst Ostasiens und durch die Musik Isang Yuns und Tōru Takemitsus. Im Zentrum steht die Idee eines einzelnen, in sich nuancierten Tons und das Spannungsverhältnis von Klang und Stille. Entstanden ist so in Japanese Songs ein Durchschreiten eines Jahreskreises, beginnend mit Sakura (Kirschblüte) im Ap­ril, taktstrichlos notiert, wenige lang ausklingende Töne, die jeder eine eigene Qualität haben. Es folgt Frühlingsbächlein für den Mai in gleichmäßigen kontinuierlich fließenden Akkordzerlegungen. Tooryande für Juni, ein schlichtes Lied und genauso luftig und zart arrangiert. Der Jahresreigen endet im März mit einem Wiegenlied, das zumeist zwischen piano und pianissimo changiert und sich ins Nichts auflöst.
Komponiert wurden die Stücke, bis auf das etwas ältere Sakura, 2022 für den schwedischen Gitarristen Jacob Kellermann, der auch die Uraufführung spielte und auf seiner Homepage den Link zu einem Konzertmitschnitt der Songs bietet. Eine in Anlage und Spieltechnik vergleichbare Sammlung bearbeiteter Volkslieder für Gitarre solo legte der Spanier Miguel Llobet zu Anfang des 20. Jahrhunderts als Canciones Populares Catalanas vor. Einzelne seiner Charakterstücke haben sich bis heute im Repertoire gehalten. Hosokawas betörend schöne Liedsammlung besitzt ähnliche Voraussetzungen, sich zu etablieren. Vielleicht auch, weil sie Ruhe, Harmonie und Gelassenheit ausstrahlt – Eigenschaften, die wir in unseren unruhigen Zeiten nicht nur in der Musik suchen.
Jörg Jewanski

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