Bartók, Béla

15 Unga­ri­sche ­Bau­ern­lie­der

für Klavier

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle/Editio Musica Budapest, München/Budapest 2017
erschienen in: üben & musizieren 5/2018 , Seite 54

Béla Bar­tók war zusam­men mit Zol­tán Kodá­ly der ers­te, der in Ungarn Volks­mu­sik­for­schung be­trieb und mit dem Fono­gra­fen durchs Land reis­te, um den Schatz an Lied­gut und Tanz­wei­sen der bäu­er­li­chen Bevöl­ke­rung zu doku­men­tie­ren. Aus Melo­die­auf­zeich­nun­gen, die zwi­schen 1910 und 1912 ent­stan­den, ent­wi­ckel­te Bar­tók in den Jah­ren 1914 bis 1918 in meh­re­ren Etap­pen sei­nen die Ori­gi­na­le raf­fi­niert har­mo­ni­sie­ren­den Kla­vier­zy­klus 15 Unga­ri­sche Bau­ern­lie­der, der sich wie­der­um in meh­re­re Abtei­lun­gen unter­glie­dert: die direkt anein­an­der anschlie­ßen­den Vier alten Wei­sen, ein Scher­zo, die berühm­te 7/8-Takt-Bal­la­de nebst Varia­tio­nen und schließ­lich eine Grup­pe von Alten Tanz­wei­sen.
Den Titel des Werks recht­fer­tig­te Bar­tók mit fol­gen­dem Kom­men­tar: „Die­se Lie­der wer­den von der Her­ren- und Bür­ger­klas­se nicht gesun­gen, sind sogar der­sel­ben meis­ten­teils unbe­kannt… Bei­gefügt sei, dass die­se Lie­der Schöp­fun­gen der Bau­ern unga­rischer Natio­na­li­tät und den Nach­bar­völ­kern gänz­lich unbe­kannt sind.“
Die Neu­aus­ga­be der 15 Unga­ri­schen Bau­ern­lie­der in der Urtext­edition des Hen­le-Ver­lags ist dem in Vor­be­rei­tung befind­li­chen Band der Bar­tók-Gesamt­aus­ga­be ent­nom­men. Vom geän­der­ten Druck­bild abge­se­hen zeigt der Noten­text kei­ne gra­vie­ren­den Abwei­chun­gen gegen­über der Erst­aus­ga­be bei der Uni­ver­sal Edi­ti­on aus dem Jahr 1920. Man fin­det nur eini­ge die Spiel­pra­xis erleich­tern­de Ände­run­gen in der Nota­ti­on: ein­mal eine „ottava“-Versetzung, um extrem tie­fe Noten leich­ter les­bar zu machen, und häu­fig ergän­zen­de Vor- und Auf­lö­sungs­zei­chen, um harmo­nische Irr­tü­mer beim Inter­pre­ten aus­zu­schlie­ßen. Hilf­reich sind auch die bei­gefüg­ten Fin­ger­sät­ze von Dénes Vár­jon, zumal dort, wo Bar­tók sehr weit­grif­fi­ge Akkor­de for­dert.
Lesens­wert ist das instruk­ti­ve Vor­wort des Her­aus­ge­bers, des renom­mier­ten Bar­tók-For­schers László Som­fai, der die ver­gleichs­wei­se lang­wie­ri­ge Ent­ste­hungs­ge­schich­te der 15 Unga­ri­schen Bau­ern­lie­der beschreibt. Erfreu­lich ist es wei­ter­hin, dass der Spie­ler am Schluss des Ban­des ein Ver­zeich­nis der von Bar­tók arran­gier­ten Melo­di­en und der zuge­hö­ri­gen, über­wie­gend humo­ris­ti­schen Tex­te erhält.
Wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards ent­spricht die Beschrei­bung der benutz­ten schrift­li­chen und gedruck­ten Quel­len, zu denen bei die­sem Werk zusätz­lich Auf­nah­men ein­zel­ner Stü­cke hin­zu­kom­men, die der Kom­po­nist in den Jah­ren 1927 und 1936 auf Wel­te-Mignon-Rol­len bzw. Schall­plat­ten hin­ter­ließ. Aus ihnen erge­ben sich teils stark abwei­chen­de Tem­pi gegen­über den Metronom­angaben in der Erst­edi­ti­on, die dem Spie­ler von heu­te einen Fin­ger­zeig geben kön­nen: Man darf sie als eine nicht schrift­lich fixier­te, aber durch die Kon­zert­pra­xis ent­stan­de­ne revi­dier­te Fas­sung der ursprüng­li­chen Tem­po­vor­stel­lung des Kom­po­nis­ten wer­ten.
Ger­hard Die­tel