Schubert, Franz

3 Sona­ti­nen op. posth. 137

für Violine und Klavier D-Dur/a-Moll/g-Moll

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Peters, Frankfurt am Main 2009
erschienen in: üben & musizieren 3/2010 , Seite 62

Sel­ten hat eine vom Ver­le­ger ent­gegen den Inten­tio­nen des Kom­ponisten gewähl­te Gen­re-Bezeich­­nung die Rezep­ti­on von Musik der­art unvor­teil­haft beein­flusst wie im Fall der „Sona­ti­nen“ op. 137 von Schu­bert. 1816 schrieb Schu­bert drei Sona­ten für Kla­vier und Vio­li­ne. Im Druck beim Wie­ner Musik­ver­le­ger Anton Dia­bel­li erschie­nen die Wer­ke aber erst 1836, also sie­ben Jah­re nach des Kom­po­nis­ten Tod, unter der Opus­zahl 137 als „Drei Sona­ti­nen für Pia­no-For­te und Vio­li­ne“. Ver­mut­lich da sie rela­tiv leicht zu spie­len (aber auch da soll­te man sich nicht täu­schen las­sen!) und recht ein­gän­gig sind, ver­fiel Dia­bel­li auf die Idee, es sei ihrer Popu­la­ri­sie­rung und damit auch der Ver­kauf­bar­keit för­der­lich, sie zu Sona­ti­nen umzudeklarieren.
Nun haf­tet der Gat­tung der Sona­ti­ne ein Bei­geschmack unter­halt­sa­mer Leicht­ge­wich­tig­keit, auch didak­ti­schen Cha­rak­ters, ein Geschmäck­le von „Schü­ler­so­na­te“ an. Nichts wäre die­sen Wer­ken Schu­berts unan­ge­mes­se­ner. Es han­delt sich um voll­gül­ti­ge, rei­fe, meis­ter­lich aus­ge­führ­te Sona­ten, zugegebenerma­ßen wohl eher gedacht und geeig­net zur Auf­füh­rung in kam­mer­mu­si­ka­li­schem Rah­men denn auf gro­ßer Konzertbühne.
Erstaun­lich und beein­dru­ckend immer wie­der die Viel­falt, ja Gegen­sätz­lich­keit die­ses Opus 137. Auf das unbe­schwer­te, fröh­li­che, tem­pe­ra­ment­vol­le Werk in D‑Dur folgt die düs­te­re, ja durch­aus dra­ma­ti­sche Sona­te in a‑Moll, die bereits die spä­te­re Kla­vier­so­na­te op. 143 in der glei­chen Ton­art anzu­kün­di­gen scheint. Die drit­te im Bun­de in g‑Moll besticht durch eine eigen­tüm­li­che Mischung aus Weh­mut, Charme und tän­ze­ri­scher Eleganz.
An sich besteht kein Man­gel an Urtext-Edi­tio­nen des schu­bertschen Opus 137. Den gän­gi­gen und bewähr­ten Aus­ga­ben von Hen­le, Wie­ner Urtext, Bären­rei­ter usw. fügt Peters jetzt eine wei­te­re hin­zu. Bei­be­hal­ten wird – der Tra­di­ti­on hal­ber – die Bezeich­nung der Erst­aus­ga­be. Ver­zich­tet hat man auf jeg­li­che Art der gei­ge­ri­schen oder pia­nis­ti­schen Ein­rich­tung, also auf Fin­­gersatz- oder Bogen­strich­vor­schlä­ge, der Text bie­tet gewis­ser­ma­ßen „Schu­bert pur“.
Was die­se Aus­ga­be inter­es­sant macht, ist vor allem der akri­bi­sche Revi­si­ons­be­richt, in des­sen Ein­zel­an­mer­kun­gen die verschie­denen Quel­len – dar­un­ter im Fal­le der D‑Dur-Sona­te meh­re­re auto­gra­fe Manu­skrip­te – auf­ge­führt, mit­ein­an­der abge­gli­chen und in ihren Abwei­chun­gen doku­men­tiert sind. Eine Aus­ga­be also gewis­se­ner­ma­ßen für Pro­fis, die auf spiel­prak­ti­sche Anre­gun­gen ger­ne ver­zich­ten, statt­des­sen aber inter­es­san­te Ein­bli­cke in Arbeits­wei­se und Nota­ti­ons­ei­gen­art des Kom­po­nis­ten neh­men möchten.
Als unlös­ba­res Pro­blem erweist sich die Unter­scheid­bar­keit von Akzen­ten und Dimi­nu­en­do-Nadeln in Schu­berts Hand­schrift. Hier ist jeder Her­aus­ge­ber letzt­end­lich gehal­ten, nach eige­nem Ermes­sen zu ent­schei­den. Die Aus­ga­be als sol­che ist an sich un­tadelig, wenn auch im Druck­bild der Kla­vier­stim­me ein wenig eng geraten.
Her­wig Zack