Busch, Barbara

50 Jahre Musikbetonte Grundschule Berlin

Gespräch mit Frank Lunte und Agnes Stein von Kamienski über ein bemerkenswertes Bildungsprogramm

Rubrik: Gespräch
erschienen in: üben & musizieren 5/2026 , Seite 56

2025 feierte das Programm Musik­betonte Grundschule sein 50-jähriges Bestehen: Einige Berliner Grundschulen erhalten seit Jahrzehnten zusätzliche Stunden zur musikalischen Förderung. Das Bildungsprogramm läuft über die gesamte sechsjährige Grundschulzeit, ist fest im Stundenplan verankert und wird jährlich mit einem gemeinsamen Konzert in der Berliner Philharmonie präsentiert. Frank Lunte und Agnes Stein von Kamienski engagieren sich für den Kooperationsausbau der Musik­betonten Grundschule und geben im Gespräch mit Barbara Busch Einblick hinter die Kulissen.

Was genau verbirgt sich hinter dem Förderprogramm Musikbetonte Grundschule?
Seit 1975 erhalten ausgewählte Berliner Grundschulen von der Senatsbildungsverwaltung zusätzliche Profilstunden, welche ausschließlich zur musikalischen Förderung verwendet werden. Das Programm erstreckt sich über die gesamte Grundschulzeit (in Berlin sechs Jahre) und mündet ab Klasse 3 – nach Anmeldung und Probezeit – in einen verpflichtenden Instrumentalunterricht, der in Kleingruppen stattfindet und eine zusätzliche Stunde im Ensemblespiel beinhaltet. Zu betonen ist, dass diese Profilstunden den regulären Fachunterricht Musik ergänzen – und nicht ersetzen!
Nachdem das Programm lange als Schulversuch eingestuft war, hat es sich inzwischen zu einem strukturbildenden Element der Berliner Schullandschaft entwickelt. Durch diese Verbindlichkeit haben die so genannten Musikbetonungs- bzw. Profilstunden denselben Status wie jedes andere Schulfach, was eine stabile Förderung garantiert. Neben zahlreichen schulinternen Veranstaltungen findet einmal im Jahr eine gemeinsame Veranstaltung von mittlerweile 17 Musikbetonten Grundschulen in der Berliner Philharmonie statt.

Inwiefern ist das Berliner Förderprogramm bundesweit einzigartig und nachhaltig?
Im Vergleich mit anderen musikalischen Förderprogrammen in Deutschland hat das Berliner Modell diverse Alleinstellungsmerkmale. Zuallererst die Implementierung als Schulfach in den allgemeinen Tagesablauf. Dieser zusätzliche Musikunterricht gehört zum Fächerkanon wie Mathematik, Sport oder Gesellschaftswissenschaften. Er genießt somit Bestandsschutz und darf dem Vertretungsunterricht nicht zum Opfer fallen. Des Weiteren garantiert die zwei Jahre längere Grundschuldauer in Berlin eine Ausbildungskontinuität im vertrauten Umfeld. Zudem ist die mittlerweile über 50 Jahre kontinuierliche Förderung durch die Berliner Senatsverwaltung ein singulärer Vorgang – trotz allgemeinen Spardrucks wurde das Netzwerk sogar noch ausgeweitet! Abertausende Berliner Kinder haben so im Laufe von fünf Jahrzehnten von diesem Programm profitiert. Sichtbar wird diese große Zahl alljährlich im gemeinsamen Konzert in der Berliner Philharmonie, an dem bis zu 500 Kinder (von insgesamt ca. 3500 Kindern pro Schuljahr) teilnehmen. Die Philharmonie-Konzerte selbst stellen ebenfalls ein Alleinstellungsmerkmal dar – ein Proben- und Konzerttag in diesem weltberühmten Konzertsaal bleibt den Kindern nachhaltig in Erinnerung.

Wie ist das Berliner Netzwerk der Musik­betonten Grundschulen entstanden und wie hat es sich seit 1974/75 entwickelt?
Bereits in der 1950er Jahren wurden die „Musischen Wochen“ ins Leben gerufen, um den kulturellen Wiederaufbau der Inselstadt Westberlin zu fördern. Es herrschte ein eklatanter Mangel an Nachwuchs im Bereich Musik, Schulorchester gab es kaum, auch nicht an den Oberschulen. Also setzte man in der Grundschule an und implementierte parallel eine soziale Komponente, die der vorzugsweisen Einbindung von Kindern aus sozial und ökonomisch benachteiligten Elternhäusern. Als erste Schule ging die Humboldthain-Grundschule im Bezirk Wedding an den Start. Im Schnitt ist danach alle drei Jahre eine Schule hinzugekommen, nach dem Fall der Mauer auch im Ostteil der Stadt. Die Schule auf dem Campus Rütli wurde nach den bundesweit in die Schlagzeilen geratenen Gewaltvorfällen in das Förderprogramm eingegliedert, was u. a. zu einer deutlichen Verbesserung der Situation an der Schule beitrug.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.

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