Anzengruber, Katharina / Martin Losert / Andreas Berghofer (Hg.)
Ästhetik und Musikunterricht
Festschrift für Michaela Schwarzbauer
Die unscheinbare Konjunktion „und“ verbindet im Buchtitel zwei große Themen. Das weite Handlungsfeld von Forschen und Unterrichten mit der Ästhetik. Letztere nicht nur als die uns vertraute „Lehre vom Schönen“ verstanden, sondern als Theorie und Praxis der Wahrnehmung im umfassenden Sinne. Denn darum geht es hier in 24 Beiträgen: um Perspektiven einer anderen Ästhetik. Einer, die auch noch die letzten Feinheiten der menschlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten im Musischen bewusst machen will, um sie durch angemessen feingestalteten Unterricht zu Wahrnehmungsfähigkeiten werden zu lassen.
Die vorliegende Festschrift ist einer Frau gewidmet, die dank ihrer vielen Ideen und den entsprechenden Anstrengungen, sie in praktisches Lehren und Lernen umzusetzen, dem Musikunterricht echten Fortschritt gebracht hat. Die mittlerweile emeritierte Michaela Schwarzbauer forschte auf dem Gebiet der sogenannten Polyästhetik und integrativen Musikpädagogik und wurde damit zu einer prägenden Figur rund um die Universität Mozarteum Salzburg.
Die Polyästhetik ist ein kunstpädagogisches Konzept, das vor fast 60 Jahren in Hamburg an der Fachhochschule für Gestaltung entwickelt worden ist und den Geist der 68er-Bewegung atmet. Es beansprucht, alle bisher bekannten Ästhetik-Auffassungen zu erweitern, ja, zu überbieten: Multimediale Erziehung sowie freie, collageähnliche, das heißt frei gestaltete Ideenbeziehungen sollten das Bewusstsein für den Gesamtprozess „Wahrnehmung“ wecken und unbegrenzt steigern. Dieses Konzept war und ist erfolgreich, denn durch den musischen Bereich rollt bis heute eine Welle neuer Erkenntnisse und Praktiken.
Die Festschrift bietet etliche Beispiele dafür. Sie reichen von der neuen Deutung des Gradus ad Parnassum, einem musiktheoretischen Standardwerk (1725) von Johann Joseph Fux, bis zur Nutzung digitaler Techniken beim Komponieren von Musik in Verbindung mit Film und Text. Wahrnehmung, Lernen und Behalten werden auf neuronaler Ebene erklärt und ein höchst liebevoller Aufsatz erzählt von den Versuchen, Kindern das Geigespielen beizubringen; nicht nur technisch, sondern vor allem mit dem Ziel, sie zu ausdrucksvollem Spiel zu befähigen. Unter Einbeziehung aller dazugehörigen Emotionen und Assoziationen, die bewusst gemacht werden sollten, denn sie färben jede Wahrnehmung und jeden Ausdruck bei Lehrenden und Lernenden.
Wer das Buch gelesen hat, wird beides – seine Umgebung wie sein Innenleben – mit kritischer Aufmerksamkeit wahrnehmen und vielleicht manche vertrauten Interpretationen verwerfen oder neu deuten. Das aber heißt nichts anderes als: Die Lektüre lohnt sich.
Kirsten Lindenau


