Hennenberg, Beate

Alle Men­schen sind grund­sätz­lich musikalisch

Gespräch mit Claudia Schmidt und Robert Wagner beim Hannoverschen Integrativen Soundfestival über Menschen mit Behinderungen an Musikschulen

Rubrik: Gespräch
erschienen in: üben & musizieren 3/2010 , Seite 42

Die Idee zu einem Integrativen Soundfestival entstand 2006 im Kreise von sozial engagierten Musikern und Kulturschaffenden der Musikschule Fürth und des Verbands deutscher Musik­schulen, denen das gleichberechtigte Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung ein Anliegen ist. Im Juli 2007 fand das erste Fürther Integrative Soundfestival (FIS#) statt. Mittler­weile strahlt das Festival ins ganze Land aus: Im Oktober 2008 wurde in Dortmund das Dortmunder Integrative Soundfestival (DIS#) durchgeführt, im Oktober 2009 fand HIS#, das Hannoversche Integrative Soundfestival, statt. Als Vordenker und Ideengeber sind regelmäßig Claudia Schmidt, Gründerin und Leiterin der integrativen Band „Just Fun“, und Robert Wagner, Leiter der Musikschule Fürth, dabei.

Was gestal­te­te sich beim dies­jäh­ri­gen Han­no­ver­schen Inte­gra­ti­ven Sound­fes­ti­val so auf­re­gend anders?
Clau­dia Schmidt: Schon dass über drei Jah­re hin­weg lücken­los die­se Inte­gra­ti­ven Fes­ti­vals in ver­schie­de­nen deut­schen Städ­ten durch­ge­führt wer­den konn­ten, ist auf­re­gend. Neu und anders war die Idee, den Kon­zer­ten, in wel­chen nam­haf­te Bands wie „Artos­sa“ oder „Jane“ gemein­sam mit Bands aus regio­na­len För­der­schu­len oder Werk­stät­ten spiel­ten, flan­kie­ren­de Work­shops beizugeben.
Robert Wag­ner: Was die Musi­ker anbe­langt, so sind die Wert­schät­zung für das Beson­de­re des jewei­li­gen Kolle­gen und die Begeg­nung auf Augen­hö­he wirk­lich jedes Mal auf­re­gend und neu.

Auch „Just Fun“ stand auf der Bühne…
Clau­dia Schmidt: Alle Band­mit­glie­der woll­ten unbe­dingt nach Han­no­ver rei­sen, auch wenn eine sol­che Tour logis­tisch immer eine Her­aus­for­de­rung ist. „Just Fun“ ist die inte­gra­ti­ve Big Band der Musik­schu­le Bochum, die sich 1989 zunächst „Die Noten­band“ nann­te, weil tat­säch­lich eini­ge Noten lesen konn­ten. Drei­ßig jun­ge Men­schen musi­zie­ren Rock, Pop, Sam­ba bis hin zu Welt­mu­sik. Sie zeich­nen sich nicht nur durch die unge­wöhn­li­che Beset­zung aus, indem Ras­seln, Drum­set, Key­board, Akkor­de­on, Melo­di­ka und Saxo­fon zum Equip­ment gehö­ren, son­dern vor allem dadurch, wie sie sich die Musik aneig­nen. Man­che spie­len nach Noten, vie­le nach Fin­ger­sät­zen, eini­ge nach Buch­sta­ben und Zah­len, aber auch nach Farb­punk­ten, und ein paar eher atmo­sphä­risch nach Gefühl und Vorstellung.

Ein kur­zes Beispiel?
Clau­dia Schmidt: Da gibt es viel­leicht einen Musi­ker in der Band, der eine Spas­tik hat und des­halb nicht ganz exakt auf dem Punkt ein­set­zen kann. Ich mache ihm dann ein Ange­bot und gebe ihm eine atmo­sphä­ri­sche Mög­lich­keit, indem ich ein Zeit­fens­ter ein­baue, über zwei oder vier Tak­te, in denen unten ein Groo­ve läuft.
In die­sem Zeit­fens­ter hat er die Chan­ce, sein Solo zu spie­len. Im Jazz gibt es vie­le freie Mög­lich­kei­ten. Das erfor­dert vom Band­lea­der ein gewis­ses Geschick im ele­men­ta­ren Arran­gie­ren. Man muss Songs unter­tei­len in Abschnit­te, Moti­ve und dar­in meist noch mal in einen melo­di­schen, rhyth­mi­schen und har­mo­ni­schen Bereich. Und natür­lich grei­fe ich Impul­se der Band­mit­glie­der auf. Von Anfang an pro­ben die Musi­ker gemein­sam mit ihrem indi­vi­du­el­len musi­ka­li­schen Kön­nen, wobei jene Prin­zi­pi­en zur Anwen­dung kom­men, die in jedem guten Unter­richt Bestand haben: Auf­ga­ben klar for­mu­lie­ren, von Gekonn­tem aus­ge­hen, mit allen Sin­nen arbei­ten, nicht zu vie­le Inhal­te gleich­zei­tig anfor­dern und ohne Umschwei­fe zum musi­ka­li­schen Han­deln kommen.

Das Prin­zip, das in der Band funk­tio­niert, lässt sich auch aufs Fes­ti­val über­tra­gen: Das gemein­sa­me Musi­zie­ren geschieht von Anfang an.
Robert Wag­ner: Ja, in den Pro­ben und vor allem dann in den Auf­trit­ten ver­bin­den sich die Ori­gi­na­li­tät und die per­sön­li­chen Poten­zia­le der ein­zel­nen Musi­ker über die Musik als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Da wer­den ein geleb­tes Mit­ein­an­der und der gegen­sei­ti­ge Respekt auch als musi­ka­li­sche Qua­li­tät sicht- und hör­bar. Da fängt Musik an zu leben, zu vibrie­ren. Es wird die Erfah­rung der Berei­che­rung durch inte­gra­ti­ve Bands für alle greif­bar. Denn, wie eine Musik­kri­ti­ke­rin über inte­gra­ti­ve Bands schreibt, die­se Bands pro­fi­tie­ren von ihrer hete­ro­ge­nen Zusam­men­set­zung: „Ori­gi­nel­le Klang­spek­tren, Struk­tur­ideen und die unge­bro­che­ne Authen­ti­zi­tät des musi­ka­li­schen Aus­drucks füh­ren zu einem Gesamt­ent­wurf, der nicht stim­mi­ger und packen­der sein könn­te.“ Jedes Sound­fes­ti­val beant­wor­tet die Fra­ge, in wel­cher Gesell­schaft wir leben wol­len, sozu­sa­gen exem­pla­risch auf musi­ka­li­scher Ebene.

Die Musi­ker, die in Han­no­ver auf­tra­ten, sind völ­lig ver­schie­den. Und doch ver­bin­det sie – wie zu spü­ren war – jen­seits von Alter, Her­kunft oder der musika­lischen Erfah­rung ein ganz star­ker Strang: die unbe­ding­te Lie­be zur Musik.
Clau­dia Schmidt: Die hete­ro­ge­ne Zusam­men­set­zung und die Authen­ti­zi­tät beim Musi­zie­ren sind Phä­no­me­ne, wel­che bewir­ken, dass immer mehr pro­fes­sio­nel­le Musi­ker Inter­es­se haben, in inte­gra­ti­ven Bands mit­zu­wir­ken. In mei­ner Band­ar­beit geht es mir nicht dar­um, wie lan­ge jemand ein Stück üben muss, bis er das kann. Da gibt es viel­leicht jeman­den, der aktu­ell zwei Töne auf sei­nem Instru­ment spie­len kann. Aber dann es gibt einen ande­ren, der bereits kom­pli­zier­te Ska­len spie­len kann. Die ein­zel­nen Musi­ker kön­nen von den Fähig­kei­ten der ande­ren ler­nen. Wenn jemand ein gutes Solo spielt, pro­fi­tiert die gan­ze Band davon. Wich­tig ist, es soll allen Spaß machen. Die gan­ze Päd­ago­gik funk­tio­niert nur über Bezie­hun­gen. Wenn der Leh­rer ein emo­tio­na­les Vor­bild ist, funk­tio­niert das. Aber nur dann. Der Leh­rer muss sich auf die Bezie­hung einlassen.

Die­se Aus­sa­ge lässt sich all­ge­mein auf das Instrumen­talspiel mit Men­schen mit Behin­de­rung übertragen?
Robert Wag­ner: Ja. Es geht hier nicht dar­um, ein Musik­werk von A bis Z so wie es ist abzu­spie­len, mög­lichst feh­ler­los. Son­dern dar­um, dass der Mensch eine Kom­position erhält, ein Lead Sheet, in dem Akkord­sym­bo­le oder eine Melo­die notiert sind. Meist hat er im Rah­men des Unter­richts gelernt mit dem Sheet umzu­ge­hen. Das heißt, für sich sel­ber Mög­lich­kei­ten zu fin­den, die Mit­gestaltung an der Umset­zung der Musik zu ermög­li­chen. Dazu braucht man die Bau­stein­mo­du­le, um zu erken­nen: Wo kann ich mich ein­brin­gen? Gibt es Alter­na­ti­ven zu schwie­ri­gen Pas­sa­gen? Die Noten­vor­la­ge ist ein­fach ein Angebot.
Clau­dia Schmidt: Wenn ich ein neu­es Stück heraus­suche, muss ich schau­en, wo der Kern der Kom­po­si­ti­on ist. Wir aus­ge­bil­de­ten Musi­ker hän­gen an den Tril­lern. Bei die­ser Arbeit zählt aber etwas ganz anderes.

Wer­ner Probst war der Vor­den­ker im Bereich inte­gra­ti­ve Musik­schul­ar­beit und Initia­tor des Modell­ver­suchs des Ver­bands deut­scher Musik­schu­len „Instru­men­tal­spiel mit Behin­der­ten und von Behin­de­rung Bedroh­ten“. Er schreibt: „Ein Kind, des­sen drin­gen­der Wunsch es ist, Kla­vier­spie­len zu erler­nen, obschon Fin­ger einer Hand defor­miert sind, wird das Kla­vier­spie­len erler­nen. Die Lehr­kraft muss sich etwas ein­fallen las­sen.“ Sie bei­de füh­ren sei­ne Arbeit im Rah­men des „Berufs­be­glei­ten­den Lehr­gangs Instru­men­tal­spiel für Men­schen mit Behin­de­rung an Musik­schu­len“ (BLIMBAM) fort?
Robert Wag­ner: In Deutsch­land enga­giert sich der Ver­band deut­scher Musik­schu­len für Men­schen mit Behin­de­rung, wel­che musi­zie­ren möch­ten. Die Initia­ti­ve grün­det auf der Über­zeu­gung von Probst, dass alle Men­schen grund­sätz­lich musi­ka­lisch sind, weil sie wie wir alle Musik erle­ben kön­nen. Mit sei­nem Modell­ver­such trat Probst in Bochum 1979 dafür den Beweis an und öff­ne­te eine Tür für die Men­schen, die bis dahin kei­nen Zugang zu Musik­schu­len gefun­den haben. Auf jeden Fall ist eine Musik­schu­le der rich­ti­ge Ort für alle Men­schen, denen Musik etwas gibt und die sich für Musik enga­gie­ren, unab­hän­gig von Her­kunft oder Bega­bung. Für uns an Musik­schu­len Leh­ren­de heißt das, eine Päd­ago­gik zu ent­wi­ckeln, die auf­baut; die aber auch den Abbau an Geis­tes- oder Kör­per­kraft men­schen­wür­dig beglei­tet. Ein Schub­la­den-Den­ken wäre hier völ­lig falsch.
Clau­dia Schmidt: An der Musik­schu­le in Bochum ist die indi­vi­du­el­le Betreu­ung behin­der­ter Men­schen fast zur Nor­ma­li­tät gewor­den: Rund 180 Schü­ler wer­den wö­chentlich in 60 Unter­richts­stun­den und zehn Ensem­ble­stun­den von 20 Leh­re­rin­nen und Leh­rern unter­rich­tet. Es könn­ten noch mehr Schü­ler sein, wenn nicht Spar­maß­nah­men der Stadt eine Aus­wei­tung der Abtei­lung momen­tan unmög­lich machen wür­den. Die­se Schü­ler neh­men wie alle ande­ren Instru­men­tal­un­ter­richt wahr, gehen in die musi­ka­li­sche Früh­erzie­hung oder spie­len in einer Band Gitar­re. Die Musik­schul­leh­rer arbei­ten mit kör­per­lich oder kogni­tiv beein­träch­tig­ten, mit sprach­be­hin­der­ten, schwer­hö­ri­gen, blin­den und ver­hal­tens­auf­fäl­li­gen Men­schen. Wir Lehr­kräf­te im Bochu­mer Modell sind teils an Hoch­schu­len aus­ge­bil­de­te Instru­men­tal­päd­ago­gin­nen und Instru­men­tal­päd­ago­gen, die zum gro­ßen Teil über eine Zusatz­aus­bil­dung ver­fü­gen, oder Son­der­päd­ago­gin­nen und Son­der­päd­ago­gen mit dem Fach Musik.
Robert Wag­ner: Die Zeit ist reif dafür, Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen den Weg in die Musik­schu­len zu öff­nen. Eigent­lich war die Zeit dafür reif, seit es die ers­ten Musik­schu­len gab. Aber immer wur­den Men­schen von ande­ren Men­schen getrennt. Mitt­ler­wei­le ist aner­kannt, dass jeder Mensch geför­dert wer­den kann. Probsts Initia­ti­ve hat Nach­fol­ge­be­we­gun­gen zur Fol­ge. Es wer­den sich Musik­schu­len gene­rell von ihrer Ange­bots­hal­tung her ändern müs­sen, wenn jetzt Men­schen mit Behin­de­rung zuge­las­sen sind. Nor­ma­ler­wei­se gab und gibt es ver­ein­zelt bis heu­te Auf­nah­me­prü­fun­gen, die auf Spit­zen­be­ga­bun­gen aus­ge­rich­tet sind. Wenn man die Musik­schul­idee so ver­steht, dass jedem Men­schen ein Ange­bot gemacht wird, dann sind Prü­fun­gen nicht mehr zeitgerecht.

Berich­ten Sie bit­te über die von Ihnen gelei­te­te Musik­schu­le in Fürth, die völ­lig neue Wege geht.
Robert Wag­ner: Im inte­gra­ti­ven Unter­richt – und ich unter­rich­te wöchent­lich 28 Stun­den – lege ich Wert auf indi­vi­du­ell ange­pass­te Unter­richts­for­men. Dort habe ich ein spe­zi­el­les Unter­richts­ma­te­ri­al zur Ver­fü­gung. Inzwi­schen habe ich zehn eigens für den Instru­men­tal­un­ter­richt mit Behin­der­ten aus­ge­bil­de­te Lehr­kräf­te ein­ge­stellt, wel­che der­zeit 83 Schü­ler mit Han­di­cap unter­rich­ten und hel­fen, etwai­ge Berüh­rungs­ängs­te mit der Musik­schu­le zu neh­men. Das Ziel ist nach Mög­lich­keit immer die Inte­gra­ti­on in bestehen­de Ensembles.

Jene zehn Lehr­kräf­te haben den berufs­be­glei­ten­den Lehr­gang zum Instru­ment­al­leh­rer für Men­schen mit Behin­de­rung an der Aka­de­mie Rem­scheid absol­viert. Wel­che The­men­be­rei­che betreu­en Sie bei­de dort?
Robert Wag­ner: Ja, die­se Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen haben für sich die­se Arbeit als wert­voll emp­fun­den und von sich aus die­sen Lehr­gang an der Aka­de­mie in Rem­scheid absol­viert. Bun­des­weit haben sich inzwi­schen rund 700 Musik­schul­leh­rer im Rah­men die­ses zwei­jäh­ri­gen Kur­ses wei­ter­ge­bil­det. Mei­ne Haupt­the­men dort sind das Arran­gie­ren, die Impro­vi­sa­ti­on, die musik­psy­cho­lo­gi­schen Grund­la­gen und die Idee, das Ange­bot der Musik­schu­len für alle Men­schen zu öff­nen. Ich stel­le ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­ti­ons­mo­del­le vor, also: Wie kommt der Kol­le­ge zu den Men­schen mit Behin­de­rung – denn die lau­fen nicht auf der Stra­ße her­um und wol­len ange­spro­chen wer­den. In einer nächs­ten Moti­va­ti­ons­pha­se sol­len die­se Men­schen ermun­tert wer­den, an sich sel­ber zu erpro­ben, ob die Musik zur per­sön­li­chen und indi­vi­du­el­len Sinn­fin­dung bei­trägt. Wenn sie das beja­hen, sol­len Musik­päd­ago­gen die­se Men­schen dort abho­len und ihnen die Teil­ha­be an ganz nor­ma­len Ange­bo­ten der Musik­schu­len zukom­men las­sen. Musik ist ja ein ganz beson­de­res Feld, weil der Glau­be an die eige­ne Unmu­si­ka­li­tät in vie­le Köp­fe gepflanzt wur­de. Men­schen, die das ver­in­ner­licht haben, geben die­sen Unglau­ben an ihre Kin­der wei­ter. Und wenn die­se ein Han­di­cap haben, umso ver­stärkt. Mit den Inte­gra­ti­ven Sound­fes­ti­vals wol­len wir Men­schen mit Behin­de­rung und Men­schen ohne Behin­de­rung und Pro­fi­mu­si­ker gemein­sam in Kon­zer­ten an die Öffent­lich­keit brin­gen und dort ihre Leis­tungs­fä­hig­keit der Öffent­lich­keit bewusst machen. Die­se Über­zeu­gungs­ar­beit ist Pio­nier­ar­beit, noch immer.
Clau­dia Schmidt: In mei­nen Semi­na­ren geht es um die Stim­me und den Ein­satz in ver­schie­de­nen Ensem­bles sowie um Bewe­gung. Wenn ein Päd­ago­ge in einer För­der­schu­le beginnt, muss er die Klas­se moti­vie­ren. Jeder soll zei­gen, was er aus­drü­cken möch­te. So kann er schlecht mit einer Kla­vier­stun­de begin­nen. Er muss her­aus­be­kom­men, wer hat Lust ein Instru­ment zu ler­nen? Wel­ches Instru­ment inter­es­siert wel­chen Schü­ler? So begin­ne ich ger­ne mit Bewe­gung und Tanz in der Klasse.

Aber Sie bei­de den­ken noch wei­ter. Wie sehen Ihre Visio­nen aus?
Clau­dia Schmidt: An der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät in Dort­mund gibt es im Fach­ge­biet Musik­erzie­hung und Musik­the­ra­pie in Reha­bi­li­ta­ti­on und Päd­ago­gik bei Behin­de­rung der Fakul­tät Reha­bi­li­ta­ti­ons­wis­sen­schaf­ten die berufs­be­glei­ten­de Zusatz­aus­bil­dung Zer­ti­fi­kat Intakt, und in die­sem Rah­men die tem­po­rä­re Kunst­aka­de­mie palaixbrut_takeover, die das Ziel hat, jun­gen, begab­ten Men­schen einen For­schungs- und Bil­dungs­raum zu eröff­nen. Dort bin ich für den Bereich Musik zustän­dig. Mehr als 85 Teil­neh­mer mit und ohne Be­hinderung haben sich in den Berei­chen Tanz, Thea­ter, Musik und Bil­den­de Kunst und Per­for­mance inno­va­tiv wei­ter­ge­bil­det. Das Pro­jekt ist gedacht für Men­schen, die nie an eine Musik­hoch­schu­le kom­men kön­nen, aber doch über so hohes künst­le­ri­sches Poten­zi­al ver­fü­gen, dass sie even­tu­ell ihr Geld damit ver­die­nen könn­ten. Hier steht der Inklu­si­ons­ge­dan­ke im Vor­der­grund, dass jedem ein pas­sen­des Ange­bot gege­ben wird, wel­ches ihm gerecht ist, das ihm zusteht. Die­ses Pro­jekt ist für mich logisch gedacht die Wei­ter­füh­rung der Musik­schul­ar­beit: Zuerst geht es dar­um, dass ein Ange­bot gemacht wird für Leu­te, die aus dem Ras­ter fal­len. Dann erfüllt die Musik­schu­le ihren Bil­dungs­auf­trag. Wenn dann jemand noch wei­ter­ma­chen möch­te, soll er die Chan­ce bekom­men, mit ande­ren Künst­lern zusam­men­zu­kom­men. Man muss also die Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen und natür­lich die Öffent­lich­keit dar­über infor­mie­ren, zu welch groß­ar­ti­gen Leis­tun­gen die­se Künst­ler fähig sind.
Robert Wag­ner: Behin­der­te Men­schen kön­nen sehr weit kom­men auf ihrem Instru­ment. Ob sie je ihr Geld damit ver­die­nen kön­nen, das kann man auch bei einem nicht behin­der­ten Pro­fi, der auf hohem Niveau Musik macht, nicht vor­aus­sa­gen. In unse­rer Für­ther Musik­schu­le gibt es neu­er­dings unter dem Pro­jekt­na­men „Beru­fung Musi­ker“ eine Initia­ti­ve des Bezirks Mit­tel­fran­ken, der die musi­ka­li­sche Aus­bil­dung behin­der­ter Men­schen an der Musik­schu­le Fürth unter­stützt: Zwi­schen 2009 und 2011 wird eine fun­dier­te musi­ka­li­sche Aus­bil­dung von acht Men­schen mit Behin­de­rung in den Dam­ba­cher Lebens­hil­fe-Werk­stät­ten ermög­licht. Deren Außen­ar­beits-Werk­statt­platz heißt eben Musik­schu­le. Und dort ler­nen sie den Beruf des Musi­kers: Sie bekom­men Unter­richt in Fächern wie Musik­theo­rie, Ensem­ble­spiel und Har­mo­nie­leh­re. Ein Pro­fi-Musi­ker soll ja, abge­se­hen vom Geld, sich vor allem einen musi­ka­li­schen Aus­druck erar­bei­ten, der den Namen Pro­fi ver­dient. Bei uns läuft das prak­tisch so ab, dass die Teil­neh­mer wäh­rend der zwei Aus­bil­dungs­jah­re jeweils an drei Vor­mit­ta­gen in der Woche von ihrer Ar­beit in der Werk­statt frei­ge­stellt wer­den und am Un­ter­richt an der Musik­schu­le Fürth teil­neh­men. Dafür stellt die Musik­schu­le neun spe­zi­ell aus­ge­bil­de­te Lehr­kräf­te ab.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 3/2010.