Gaertner, Max

Apps im Instru­men­tal­un­ter­richt

Gedanken zu einer allgemeinen Methodik der Verwendung Neuer Medien

Rubrik: Digital
erschienen in: üben & musizieren 3/2020 , Seite 32

Computer und Smartphones sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken und werden auch im Bildungsbereich immer häufiger eingesetzt. Es existieren unzählige Apps – Kurzform für Applikation = Programme, die man herunter­laden und auf (mobilen) Endgeräten installieren kann – mit Inhalten für alle Interessen und Fachbereiche. Grund genug, den Bereich der Musik-Apps und ihre Anwendung im Instrumental­unterricht einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Moder­ne Tech­nik hat den Bereich der Musik­pro­duk­ti­on in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten in vie­ler­lei Hin­sicht revo­lu­tio­niert. Ursprüng­lich waren die berühm­ten Stu­di­os für Elek­tro­ni­sche Musik nur gro­ßen Rund­funk­an­stal­ten vor­be­hal­ten und die sper­ri­gen Gerä­te nah­men gan­ze Räu­me ein. Mit der Zeit schrumpf­ten Syn­the­si­zer & Co. immer wei­ter und waren somit auch für Pri­vat­per­so­nen zugäng­lich. Die jüngs­ten Ent­wick­lun­gen führ­ten dazu, dass nahe­zu alle erdenk­li­chen Instru­men­te, Effek­te und Klän­ge elek­tro­nisch simu­liert wer­den kön­nen und als Appli­ka­ti­on für Com­pu­ter, Smart­pho­nes und Tablets erhält­lich sind. Das digi­ta­le Ton­stu­dio passt heu­te auf jede Fest­plat­te und ist für jeden zugäng­lich, unab­hän­gig von exter­nem Input und sozia­lem Back­ground.
Vie­le der Ange­bo­te sind kos­ten­frei erhält­lich oder für gerin­ge Beträ­ge zu erwer­ben. Das macht den Bereich der Musik-Apps zu einem span­nen­den Feld für Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen und bie­tet vie­le inter­es­san­te Ein­satz­mög­lich­kei­ten. Wie man die neu­en tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten in den Instru­men­tal­un­ter­richt inte­grie­ren kann und wel­che Metho­den zur Anwen­dung kom­men kön­nen, soll Inhalt die­ses Arti­kels sein.
Aus der Coro­na-Pan­de­mie kann man eini­ge wich­ti­ge Schlüs­se zie­hen, die auch den Bereich der Neu­en Medi­en betref­fen:

1. Musik­un­ter­richt, der tra­di­tio­nell von Ange­sicht zu Ange­sicht statt­fin­det, ist durch nichts zu erset­zen. Men­schen brau­chen per­sön­li­chen Kon­takt und auch der Instru­men­tal­un­ter­richt pro­fi­tiert im höchs­ten Maß davon.
2. Egal wie tech­ni­kaf­fin man grund­sätz­lich ist – ein gewis­ses tech­ni­sches Grund­wis­sen ist auch für Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen essen­zi­ell und kann in man­chen Situa­tio­nen von gro­ßer Wich­tig­keit sein.
3. Neue Medi­en bie­ten ein enor­mes Poten­zi­al, sei es für den direk­ten Aus­tausch im Online­un­ter­richt, für die Über­sen­dung von Video-Anlei­tun­gen oder im Rah­men von musi­ka­li­schen Ein­zel­übun­gen und Expe­ri­men­ten.

Musik­päd­ago­gIn­nen müs­sen also ange­sichts des tech­ni­schen Ange­bots nicht um ihre Exis­tenz fürch­ten, son­dern soll­ten Neue Medi­en als will­kom­me­ne Ergän­zung des Instru­men­tal­un­ter­richts betrach­ten, von der sowohl die Lehr­kräf­te als auch die Schü­le­rin­nen und Schü­ler pro­fi­tie­ren kön­nen. Häu­fig wer­den in Arti­keln rund um das The­ma Neue Medi­en kon­kre­te Apps und deren Funk­tio­nen im Detail vor­ge­stellt. Im schnell­le­bi­gen digi­ta­len Zeit­al­ter wer­den jedoch nahe­zu täg­lich neue Inhal­te pro­du­ziert und das App-Ange­bot ver­än­dert sich stän­dig. Sinn­vol­ler (und zeit­lo­ser) erscheint daher, zunächst eine all­ge­mei­ne Metho­dik der Ver­wen­dung Neu­er Medi­en zu ent­wer­fen, die dann im Ein­zel­fall auf das jewei­li­ge App-Ange­bot ange­wen­det wer­den kann.

Tech­ni­sche Vor­aus­set­zung

Die Arbeit mit Apps im Instru­men­tal­un­ter­richt erfor­dert grund­sätz­lich kei­ne beson­de­ren Inves­ti­tio­nen. Not­wen­dig ist ledig­lich, dass ein Smart­pho­ne oder Tablet mit Inter­net­zu­gang zur Ver­fü­gung steht. Der Zugang zum Inter­net ist hier jedoch nur kurz­zei­tig not­wen­dig, wäh­rend die gewünsch­te App her­un­ter­ge­la­den wird. Im Ide­al­fall haben sowohl Lehr­kraft als auch Schü­ler oder Schü­le­rin ein mobi­les End­ge­rät zur Ver­fü­gung, damit tech­ni­sche sowie musi­ka­li­sche Pro­zes­se par­al­lel statt­fin­den kön­nen und der Schü­ler oder die Schü­le­rin, wie im klas­si­schen Instru­men­tal­un­ter­richt auch, von Erläu­te­run­gen, Beob­ach­tun­gen oder Imi­ta­ti­on pro­fi­tie­ren kann.
Da es bei der Arbeit mit Musik-Apps nicht nur um das Abspie­len, son­dern auch um das Auf­neh­men von Klän­gen geht, muss der Blick neben der Wie­der­ga­be- auch auf die Auf­nah­me­qua­li­tät gerich­tet wer­den. Grund­sätz­lich gilt: Die Qua­li­tät der Mik­rofone und Laut­spre­cher moder­ner Smart­phones und Tablets ist beacht­lich und ers­te Schrit­te kön­nen daher beden­ken­los ohne wei­te­res Equip­ment erfol­gen. Möch­te man die Klang­qua­li­tät schritt­wei­se ver­bes­sern, kann man ein exter­nes Mikro­fon und Laut­spre­cher bzw. Kopf­hö­rer ein­set­zen.
Im Grup­pen­un­ter­richt oder beim gemein­sa­men Spie­len von Lehr­kraft und Schü­ler kön­nen Misch­pul­te ein­ge­setzt wer­den, um einen Audio-Mix aller ver­wen­de­ten Gerä­te zu erzeu­gen.
Häu­fig ent­ste­hen Kon­zep­te zum Ein­satz von Musik-Apps im Instru­men­tal­un­ter­richt durch Gesprä­che mit Kol­le­gIn­nen oder wenn in Fach­ma­ga­zi­nen auf bestimm­te Pro­gram­me und deren Funk­tio­nen auf­merk­sam gemacht wird. Ent­spre­chen­de Stra­te­gi­en kön­nen jedoch auch ganz intui­tiv ent­wor­fen wer­den, denn nahe­zu jedes musik­päd­ago­gi­sche Kon­zept kann mit­hil­fe Neu­er Medi­en umge­setzt wer­den. Da auf­grund der Aktua­li­tät kei­ne aus­führ­li­che Lite­ra­tur zum The­ma exis­tiert, ist eine geziel­te Inter­net­re­cher­che sowie der Besuch im AppSto­re (Apple) oder Goog­le Play­Store (Andro­id) durch­aus hilf­reich.

Inhal­te

Musik-Apps kön­nen auf ver­schie­de­ne Wei­se in den Instru­men­tal­un­ter­richt ein­ge­bun­den wer­den. Die Mög­lich­kei­ten sind hier so viel­sei­tig wie die ange­bo­te­nen Appli­ka­tio­nen. Eini­ge Bei­spie­le:

Noten: Mit­hil­fe von Noten-Apps kön­nen Sie zu jeder Zeit eine gan­ze Biblio­thek unterm Arm tra­gen und sowohl detail­lier­te Ein­tra­gun­gen in Doku­men­te vor­neh­men als auch in Kon­zert­si­tua­tio­nen von der fern­ge­steu­er­ten Umblät­ter­funk­ti­on pro­fi­tie­ren.
Musik­bei­spie­le: Strea­ming-Diens­te ver­sor­gen Sie jeder­zeit mit Audio- und Videobei­spie­len nahe­zu aller Wer­ke der Musik­ge­schich­te, die Sie spon­tan in den Unter­richt ein­flie­ßen las­sen kön­nen.
Kom­po­si­ti­on: Schü­le­rIn­nen kön­nen mit­hil­fe von Musik-Apps ers­te Kom­po­si­ti­ons­ide­en in die Tat umset­zen und sich das Ergeb­nis dank digi­ta­ler Simu­la­ti­on direkt anhö­ren.
Expe­ri­men­tie­ren: Die elek­tro­ni­sche Musik­sze­ne befasst sich schon lan­ge mit der Ent­wick­lung neu­er Instru­men­te, die nicht auf klas­si­scher Tona­li­tät sowie Spiel­wei­sen auf­bau­en. Die­se Gen­res bie­ten Schü­le­rIn­nen und Lehr­kräf­ten krea­ti­ve Spiel­räu­me, die eine will­kom­me­ne Abwechs­lung zu Etü­den und tech­ni­schen Übun­gen dar­stel­len kön­nen.
Into­na­ti­on: Mit­tels Stimm­ge­rät-Apps kön­nen Schü­le­rIn­nen sowohl vor­be­rei­tend als auch wäh­rend des Spiels jeder­zeit ihre Into­na­ti­on über­prü­fen.
Gehör­bil­dung: Eine umfang­rei­che Aus­wahl an Apps zur Gehör­bil­dung ermög­licht es, Schü­le­rIn­nen (z. B. als Haus­auf­ga­be) mit regel­mä­ßi­gen Übun­gen zur tona­len und rhyth­mi­schen Gehör­bil­dung zu ver­sor­gen.
Loops: Loop-Sta­ti­ons neh­men kur­ze Sequen­zen (soge­nann­te „Loops“) auf und spie­len die­se immer wie­der ab. Soge­nann­tes „Over­dub­bing“ beschreibt das schritt­wei­se Hin­zu­fü­gen neu­er Ton­spu­ren, die über­ein­an­der geschich­tet wie­der­ge­ge­ben wer­den. Auf­ein­an­der auf­bau­en­de Loops, die sich zu einer umfang­rei­chen Kompo­sition zusam­men­set­zen kön­nen, schu­len sowohl spiel­tech­ni­sche Prä­zi­si­on als auch Krea­ti­vi­tät.
Auf­nah­men und Selbst­ana­ly­se: Das Auf­neh­men des eige­nen Spiels und die anschlie­ßen­de Ana­ly­se von sowohl Audio- als auch Video­ma­te­ri­al schult die Selbst­wahr­neh­mung und kann zur Vor­be­rei­tung auf Vor­spie­le und Wett­be­wer­be die­nen.
Play-alongs erstel­len: Zahl­rei­che Noten wer­den mitt­ler­wei­le mit Play-along-CDs gelie­fert, die eine musi­ka­li­sche Beglei­tung zu Etü­den und Solo­stü­cken bereit­hal­ten. Mit­hil­fe von Apps zur Musik­pro­duk­ti­on kön­nen die Schü­le­rin­nen und Schü­ler sich hier selbst krea­tiv betä­ti­gen und eige­ne Play-alongs zu aktu­ell im Unter­richt behan­del­ten Stü­cken pro­du­zie­ren.
Song­wri­ting im Grup­pen­un­ter­richt: Zahl­rei­che Musik-Apps eig­nen sich durch die Kom­bi­na­ti­on aus digi­ta­len Instru­men­ten und der Mög­lich­keit, Instru­men­tal­klän­ge sowie Stim­men auf­zu­neh­men, her­vor­ra­gend zum Schrei­ben eige­ner Songs. Durch Frei­ga­be eines Pro­jekts für meh­re­re Nut­zer kann dies auch in Grup­pen­ar­beit zusam­men mit ande­ren Schü­le­rIn­nen oder der Lehr­kraft gesche­hen.

Umset­zung

Je intui­ti­ver die Musik-Apps in den Unter­richt ein­ge­bun­den wer­den, des­to bes­ser. Natür­lich stellt die­ser Bereich für die meis­ten Lehr­kräf­te Neu­land dar, in der Regel pro­fi­tiert der Schü­ler jedoch davon, wenn der Unter­richt hier und da mit klei­nen Übun­gen ver­se­hen wird und die digi­ta­le Kom­po­nen­te weder beson­ders posi­tiv noch nega­tiv her­vor­ge­ho­ben wird.

Vor­be­rei­tung: Von abso­lu­ter Wich­tig­keit ist, dass der Ein­satz von Musik-Apps gut vor­be­rei­tet wird. Ver­zö­ge­run­gen durch tech­ni­sche Fehl­funk­tio­nen oder inhalt­li­che Pro­ble­me haben schnell einen Ver­lust der Auf­merk­sam­keit des Schü­lers oder der Schü­le­rin zur Fol­ge.
Wäh­rend des Unter­richts: Wäh­len Sie den Ein­satz Neu­er Medi­en mit Bedacht und las­sen Sie ihnen so viel wie nötig, aber so wenig wie mög­lich Auf­merk­sam­keit zukom­men. Smart­pho­ne und Tablet kön­nen ein über­aus wert­vol­ler Bestand­teil des Ins­trumentalunterrichts sein, aber eben nur einer von vie­len.
Haus­auf­ga­ben: Hat der Schü­ler ein eige­nes mobi­les End­ge­rät zur Ver­fü­gung, besteht die Mög­lich­keit, Auf­ga­ben für die Zeit zwi­schen den Unter­richts­stun­den zu for­mu­lie­ren. Die Ergeb­nis­se kön­nen dann ent­we­der in der nächs­ten Unter­richts­stun­de prä­sen­tiert oder aber im Vor­hin­ein an die Lehr­kraft über­mit­telt wer­den. Der digi­ta­le Aus­tausch via Cloud oder E-mail bie­tet hier kom­for­ta­ble Lösun­gen, bedarf jedoch einer regel­mä­ßi­gen Betreu­ung durch Ant­wort oder Durch­sicht über­mit­tel­ter Arbei­ten, deren zeit­li­cher Umfang nicht zu unter­schät­zen ist. Hier einen geeig­ne­ten Mit­tel­weg zu fin­den, bedarf einer aus­gie­bi­gen Expe­ri­men­tier­pha­se, die auch sehr von den indi­vi­du­el­len Vor­lie­ben der Lehr­kraft abhängt.
For­mat Online-Unter­richt: Gera­de in Zei­ten der Coro­na-Pan­de­mie spie­len Online-Les­sons not­ge­drun­gen eine vor­ran­gi­ge Rol­le. Auch hier bie­ten ent­spre­chen­de Apps umfang­rei­che Mög­lich­kei­ten der Inter­ak­ti­on mit den Schü­le­rIn­nen. Neben Instru­men­tal­un­ter­richt per Video-Chat kön­nen auch in Schü­ler­grup­pen krea­ti­ve Arbei­ten wie digi­ta­le Kon­zer­te, Video­col­la­gen oder Kom­po­si­ti­ons­pro­jek­te ent­ste­hen.
Team­work: Neue Medi­en sind für vie­le Musik­päd­ago­gIn­nen Neu­land und sicher bestehen gewis­se Beden­ken hin­sicht­lich des Ein­sat­zes von Musik-Apps im Instru­men­tal­un­ter­richt. „Digi­tal Nati­ves“, Kin­der, die im Zeit­al­ter des Inter­nets gebo­ren wur­den, ver­fü­gen oft über weit­aus mehr prak­ti­sche Erfah­rung im Umgang mit mobi­len End­ge­rä­ten und Apps. Las­sen Sie sich davon jedoch nicht abschre­cken. Offen­heit gegen­über Tipps und Rat­schlä­gen sei­tens Ihrer Schü­le­rIn­nen wirkt sich posi­tiv auf das Unter­richts­kli­ma aus. Die Qua­li­tät der musi­ka­li­schen Inhal­te und Ihres Fach­wis­sens hängt nicht von digi­ta­len Hilfs­mit­teln ab.
Eltern: Set­zen Sie in jedem Fall auf eine offe­nen Zusam­men­ar­beit mit den Eltern. Bespre­chen Sie Ihr Vor­ha­ben, Apps ein­zu­set­zen, und erklä­ren Sie die päd­ago­gisch-musi­ka­li­schen Vor­tei­le für den Instru­men­tal­un­ter­richt. Soll­ten Beden­ken bestehen, dass die Zeit am Smart­pho­ne oder Tablet mög­li­cher­wei­se zum Sur­fen miss­braucht wird, besteht die Mög­lich­keit, durch ent­spre­chen­de Ein­stel­lun­gen die Tätig­keit auf eine App zu beschrän­ken.

Der Ein­satz von Musik-Apps im Instru­men­tal­un­ter­richt kann ein gro­ßer Gewinn sowohl für Schü­le­rIn­nen als auch für Lehr­kräf­te sein. Die inhalt­li­che Gestal­tung ori­en­tiert sich enger am musik­päd­ago­gi­schen Fach­wis­sen der Lehr­kraft, als vie­le viel­leicht ver­mu­tet hät­ten. Doch Neue Medi­en stel­len ein zeit­ge­mä­ßes Mit­tel dar, um die Inhal­te abwechs­lungs­reich zu trans­por­tie­ren. In jedem Fall zahlt sich Offen­heit gegen­über die­sem neu­en Unter­richts­kon­zept aus – und es bleibt mit Span­nung zu erwar­ten, wie sich der Instru­men­tal­un­ter­richt der Zukunft gestal­tet.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 3/2020.