Fladt, Hartmut

Arten und Unar­ti­ges

Modi des Sprechens und Schreibens über Mu­sik

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2019 , Seite 23

Wir können Musik fühlen und nachfühlen, über Musik denken und nachdenken, folglich über Musik reden, und wir können, wenn es gut geht, auch über Musik schreiben. Das sind dann Versuche der Objektivierung von verschiedens­ten Arten der Subjektivität, in denen eine wundersame Mischung aus Emotionalem und Kognitivem, von Fühlen und Wissen, von gewussten Gefühlen und gefühltem Gewussten herrscht.

Kön­nen wir über Musik füh­len? Oder füh­len wir von Musik? Füh­len wir in Musik? Denkt und fühlt Musik selbst in uns, ist sie ein uns bis­wei­len fremd gegen­über­tre­ten­der komp­lexer Spei­cher von gesam­mel­tem sinn­li­chen Wis­sen? Spie­gelt Musik in unse­rem sub­jek­ti­ven und immer zugleich inter­sub­jek­ti­ven ­Rezep­ti­ons­ver­mö­gen einen kogni­ti­ven wie emo­tio­na­len Sinn, Plau­si­bi­li­tä­ten, ja Logi­zi­tä­ten (den Begriff fin­de ich adäqua­ter als den belas­te­ten der „Logik“), aber eben­so eine sinn­li­che Unmit­tel­bar­keit bis hin zum direk­ten kör­per­li­chen – grob gesagt – Über­rum­pelt­wer­den, dazu sehr viel Fan­tas­ti­sches, sinn­voll Unsin­ni­ges, krea­tiv Absur­des?

Alta, wovon redst du über­haupt? Haupt­sa­che geil und geht ab.

Das über­hö­re ich erst ein­mal. Die­ses viel­fa­che In-Fra­ge-Stel­len ist mein meta­pho­ri­sches Fei­gen­blätt­chen des wis­sen­schaft­li­chen Spre­chens über Phä­no­me­ne, die nur in immer wie­der zu erneu­ern­den Annä­he­run­gen an ihre wun­der­ba­re Viel­falt beschrie­ben wer­den kön­nen. Aber: Sie kön­nen. Und das muss nicht nur wis­sen­schaft­lich sein. Ohne sprach- und bild­ge­präg­tes, zugleich kör­per­li­ches meta­pho­ri­sches Den­ken und Füh­len von und in Musik wäre ihre Rezep­ti­on unzu­läng­lich. Und dass Meta­pho­rik auch wis­sen­schaft­lich zu erfas­sen ist, soll­te zu den Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten gehö­ren.

Lei­der kann ich Sie nicht ver­ste­hen. Könn­ten Sie mir das erklä­ren?

Gern, ver­su­chen wir’s mal. Das Sich-Ret­ten in die Mys­tik eines Unsag­bar­keits­to­pos wäre für mich eine beque­me Kapi­tu­la­ti­on, die in der Geschich­te der ästhe­ti­schen Theo­ri­en nur zu oft im bewusst irra­tio­na­len (schö­nes Oxy­mo­ron) Gerau­ne ver­sumpf­te. Sich den Mühen einer – an Hegel ori­en­tier­ten – „Anstren­gung des Begriffs“ aus­zu­set­zen, kann ein viel rei­che­res Den­ken und Füh­len in und über Musik gene­rie­ren. Alle die­se Interdepen­denzen von Spra­che, Den­ken und Musik sind in 2500 Jah­ren Phi­lo­so­phie und, mit ihr eng ver­bun­den, Musik­theo­rie immer neu gedacht und beschrie­ben wor­den:
1. in der anti­ken Leh­re von Ethos und Affekt, exem­pla­risch bei Pla­ton und Aris­to­te­les;
2. in den uni­ver­si­tär seit dem Hoch­mit­tel­al­ter für alle (!) Fächer grund­le­gen­den „artes libe­ra­les“, dem sprach­ge­bun­de­nen Tri­vi­um und dem zahl­ge­bun­de­nen Qua­dri­vi­um, zu dem die Musik zählt, die aber – als sprach­ver­to­nen­de – auch mit dem Tri­vi­um ver­knüpft ist;
3. in der medi­zi­nisch begrün­de­ten „Humo­ral­pa­tho­lo­gie“ der Tem­pe­ra­men­ten- und Affek­ten-Leh­re, exem­pla­risch schon seit Tinc­to­ris’ Com­ple­xus effec­tu­um musi­ces;
4. in den Theo­ri­en einer sich eman­zi­pie­ren­den „abso­lu­ten Musik“ seit dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert;
5. unter den Prä­mis­sen eines sich – immer im Ver­bund mit ästhe­tisch-künst­le­ri­schen Frage­stellungen – eman­zi­pie­ren­den wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­ses inter­de­pen­den­ter „Fächer“, die nicht mehr in den Gren­zen von „Dis­zi­pli­nen“ befan­gen sind;
6. bis hin zu den gegen­wär­ti­gen durch­aus kon­tro­ver­sen – und gera­de dar­um sehr frucht­bar-anre­gen­den – neurowissenschaft­lichen Ansät­zen.

Lie­ber Herr Pro­fes­sor, das brau­che ich schrift­lich, mit Pri­mär- und Sekun­där­li­te­ra­tur!

Die­se fast ein­schüch­tern­de Fül­le des Den­kens über Musik und des begriff­lich-reflek­tie­ren­den Sich-Annä­herns an unter­schied­lichs­te Arten von Musik ver­bin­det sich mit der sinn­li­chen Erfah­rung die­ser Musik, die so wis­sen­schafts­ge­schicht­lich gespie­gelt ist – und die wir uns durch die fast unbe­grenzt zur Ver­fü­gung ste­hen­de media­le Omni­prä­senz im digi­ta­len Zeit­al­ter durch weni­ge Clicks vor Ohren füh­ren kön­nen.

Digi­tal und Click ham­wa verstann’, aba was soll der Rest?

Was tun? Also, ein kur­zes „Cre­do“ mei­ner ganz per­sön­li­chen Erfah­run­gen des Redens und Schrei­bens über Musik: lie­ber über- als unter­for­dern; dabei nie eine Regres­si­on des „Stam­melns“; beharr­lich ein­ge­streu­te Erkennt­nis­se und Begriff­lich­kei­ten von Material­grundlagen und musi­ka­li­schen Ver­fah­rens­wei­sen, aber auch von den Wir­kungs­wei­sen, wie Musik emo­tio­nal auf­ge­nom­men wird – sie sind ja eben­so selbst­ver­ständ­lich, wie wir auch in die Spra­che hin­ein­wach­sen; das alles wird gern nicht nur gehört, son­dern auch zur Kennt­nis genom­men, und es kann sich zur Er-Kennt­nis ver­dich­ten.
Über eine Motet­te von Josquin, einen R&B-Song der Stones, eine Fuge von Bach, Volks­mu­sik aus Sar­di­ni­en, Hip­Hop, Film­mu­sik, eine kom­ple­xe Kom­po­si­ti­on von Lige­ti kann, nein, muss ich auf sehr unter­schied­li­che Wei­se mit den ja eben­falls sehr unter­schied­li­chen Ziel­grup­pen spre­chen. Alle die­se musi­ka­li­schen Gebil­de haben auf den ver­schie­de­nen Ebe­nen für alle Grup­pen sehr unter­schied­li­che Anknüp­fungs­punk­te von Unmit­tel­bar­keit, die auf ihren gespei­cher­ten Hör­ge­wohn­hei­ten und Prä­fe­ren­zen basie­ren; dort muss ich sie „abho­len“. Dazu eini­ge Bei­spie­le einer „erkennt­nis­theo­re­ti­schen Popu­lar-Meta­pho­rik“:
– Die „Gewalt der Meta­phern“ domi­niert nicht nur beim umgangs­sprach­li­chen Reden und Schrei­ben über Musik. Exem­pla­risch dafür „Kopf und Bauch“: bis in seriö­ses­te Arti­kel über erha­bens­te Gegen­stän­de fin­den wir Kör­per­me­tapho­rik jeg­li­cher Art – und dass auch Kom­po­nis­tIn­nen sogar einer sehr neu­en Neu­en Musik sich kaum dage­gen weh­ren kön­nen – war­um auch? –, kann ich nicht nur aus eige­ner Anschau­ung bezeu­gen.
– Für wen schrei­be ich? Auf wen muss/darf ich über­haupt Rück­sicht neh­men? Wel­che Ima­gi­na­ti­on von poten­zi­ell Lesen­den bestimmt mei­ne Schreib­wei­se, mein Voka­bu­lar, mei­nen Satz­bau, die Ziel­rich­tung mei­ner Argu­men­ta­ti­on?
– In wel­chem media­len Kon­text steht das? Muss ich da über­haupt argu­men­tie­ren, und das auch noch ziel­ge­rich­tet?
– Ich? Wer bin ICH, als ein für Sie in einer mu­sikpädagogischen Zeit­schrift für künst­le­risch-päd­ago­gisch-wis­sen­schaft­lich ver­ant­wort­li­che Mul­ti­pli­ka­to­rIn­nen Schrei­ben­der?
– Was von mei­nem viel­fäl­tig und umwe­gig ange­leg­ten, ja ange­häuf­ten Wis­sen darf oder muss ich akti­vie­ren, damit Sie mit einem neu erwor­be­nen mul­ti­pli­ka­to­ri­schen Pfund wuchern kön­nen? Ist die­ses für mich selbst­ver­ständ­lich gewor­de­ne Wis­sen und mei­ne sehr per­sön­li­che Umge­hens­wei­se damit für Sie ver­ständ­lich, akzep­ta­bel, viel­leicht sogar über­zeu­gend? Wie ver­trägt es sich mit Ihrem Wis­sen, Ihren Über­zeu­gun­gen?
Wie locker und zugleich infor­ma­tiv muss ein Pro­gramm­heft­text für die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker sein, der aber vor das beson­de­re Prob­lem gestellt ist, dass es sich hier um Kon­zer­te jener exqui­si­ten Phil­har­mo­ni­ker han­delt, die auf ihr Pro­gramm alle nur denk­ba­ren Grenz­über­schrei­tun­gen zum Jazz und zu impro­vi­sier­ter (oder aber schlag­zeug­do­mi­nier­ter) Musik gesetzt haben? Wenn ich im Rah­men der „Lan­gen Nacht der Wis­sen­schaf­ten“ für radio eins in Ber­lin über Pop­mu­sik spre­che, benö­ti­ge ich eine ande­re Spra­che – die aber immer noch wis­sen­schaft­lich fun­diert ist – als bei mei­ner wöchent­li­chen musi­kana­ly­ti­schen Live-Sen­dung bei die­sem Sen­der; ein Vor­trag für eine 8. Klas­se in der Schu­le muss eben­so ver­ant­wor­tungs­voll „kor­rekt“, aber anders struk­tu­riert sein als ein sol­cher im Muse­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on über den Gol­de­nen Schnitt in der Musik und den ande­ren Küns­ten, der auch publi­ziert wird.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 4/2019.