Behschnitt, Rüdiger

Auf der Suche nach den Werten

Der Bayerische Musikschultag in Aschaffenburg stellte die Frage „Was ist guter Musikschulunterricht?“ in den Mittelpunkt

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 6/2010 , Seite 40

Braucht man eigent­lich für die Ergeb­nis­se guten Musik­schul­un­ter­richts über­haupt Musik? Die­se eher skur­ril anmu­ten­de Fra­ge gewinnt plötz­lich an Plau­si­bi­li­tät, wenn man den Erfolg guten Musik­schul­un­ter­richts vor­nehm­lich in den so genann­ten soft skills ver­or­tet – als da wären die oft zitier­ten Eigen­schaf­ten wie Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit, Sozi­al­kom­pe­tenz, wenn nicht gar Intel­li­genz. Und tat­säch­lich trau­te sich Vik­tor Scho­ner, Künst­le­ri­scher Betriebs­di­rek­tor der Baye­ri­schen Staats­oper Mün­chen und ehe­ma­li­ger Schü­ler der Städ­ti­schen Musik­schu­le Aschaf­fen­burg, in sei­nem Kurz­re­fe­rat beim 33. Baye­ri­schen Musik­schul­tag aus­zu­spre­chen, was vie­le sich sonst nur hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand zu fra­gen trau­en: Kann man die­se Kom­pe­ten­zen nicht eben­so gut im Fuß­ball­ver­ein erler­nen? Rein­hart von Gut­zeit, Rek­tor der Uni­ver­si­tät Mozar­te­um Salz­burg, gelang es, die Pro­vo­ka­ti­on der Fra­ge mit sei­ner Ant­wort zu top­pen: „Ver­mut­lich ja!“
Wie defi­niert man also „Erfolg“ an der Musik­schu­le? Was ist typisch für die­se Ein­rich­tung? Oder, so die Fra­ge­stel­lung der Podi­ums­dis­kus­si­on an der Musik­schu­le Aschaf­fen­burg: „Was ist guter Musik­schul­un­ter­richt?“ In sei­nem ein­lei­ten­den Impuls­re­fe­rat hat­te Rein­hart von Gut­zeit betont, dass Musik­schu­le zual­ler­erst eben auch Schu­le sei. Daher las­sen sich auch Musik­schu­len unter den drei Kate­go­rien betrach­ten, die für jede Schu­le Gül­tig­keit haben: Unter­richt, Erzie­hung und Bil­dung. Der Unter­richt an Musik­schu­len ver­mit­telt instru­men­ta­le oder voka­le Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten; die Erzie­hung dient der Cha­rak­ter­bil­dung, wohin­ge­gen (musi­ka­li­sche) Bil­dung ver­tief­tes Wis­sen und ein Sys­tem der Wert­vor­stel­lun­gen zum Ziel hat. Von Gut­zeit hob her­vor, dass Bil­dung immer nur das Ergeb­nis einer Ent­wick­lung von innen her­aus sein kön­ne, eine Tat­sa­che, die auch in der deut­schen Spra­che zum Aus­druck kom­me: Die For­mu­lie­rung „Ich bil­de dich“ sei nicht mög­lich, mit der kor­rek­ten Ver­wen­dung „Ich bil­de mich“ wer­de jedoch genau die­ser As­pekt des selbst gesteu­er­ten Lern­im­pul­ses verdeutlicht.
Als Vor­aus­set­zun­gen für guten Musik­schul­un­ter­richt nann­te von Gut­zeit eini­ge wich­ti­ge Aspek­te: Musik­schu­le muss für alle da sein, wobei gera­de die Brei­ten­ar­beit mit höchs­ter Qua­li­tät zu erfol­gen hat. Musik­schul­un­ter­richt bedarf aus­ge­ar­bei­te­ter Kon­zep­te, dies zeigt sich gera­de in der Ana­ly­se von JeKi als einer Uto­pie, die genau an die­sem Man­gel zu schei­tern droht. Musik­schul­un­ter­richt ist anspruchs­voll und braucht pro­fes­sio­nell aus­ge­bil­de­te Lehr­kräf­te. „Musik­schu­le“, so Rein­hart von Gut­zeit, „ist eine ande­re Schule!“
Als drit­ter Red­ner vor der Podi­ums­dis­kus­si­on for­mu­lier­te Mar­tin Ull­rich, Prä­si­dent der Musik­hoch­schu­le Nürn­berg, eini­ge Wün­sche an Musik­schul­lehr­kräf­te: Sie soll­ten immer ihren künst­le­ri­schen Anspruch hoch­hal­ten, sie soll­ten nie­mals müde wer­den, sich auch um eine musik­fer­ne Kli­en­tel zu bemü­hen. Die Türen der Musik­schu­len müss­ten offen ste­hen für Hoch­schu­len und deren Stu­die­ren­de – Unter­richts­prak­ti­ka für Stu­die­ren­de an Musik­schu­len, gegen­sei­ti­ge Hos­pi­ta­tio­nen, Fort­bildungen für Musik­schul­lehr­kräf­te an den Hoch­schu­len, Super­vi­si­on und Run­de ­Tische von Hoch­schul- und Musik­schul­lehr­kräf­ten zum gemein­sa­men Gedan­ken­aus­tausch: alles nur Utopie?
Lei­der wur­den die span­nen­den inhalt­li­chen Steil­vor­la­gen der drei Refe­ren­ten vom Gesprächs­lei­ter der sich anschlie­ßen­den Podi­ums­dis­kus­si­on igno­riert. Die nun um drei wei­te­re Teil­neh­me­rIn­nen erwei­ter­te Run­de sprach wie­der ein­mal in ers­ter Linie über man­gel­haf­te Rah­men­be­din­gun­gen, feh­len­des Geld, igno­ran­te Poli­tik und klam­me Kom­mu­nal­haus­hal­te. Und wie­der war es Vik­tor Scho­ner von der Baye­ri­schen Staats­oper, der in erfri­schen­der Offen­heit und mit dem kla­ren Blick des Außen­ste­hen­den die auf­kom­men­de Lar­moy­anz mit der Fra­ge kon­ter­te, ob denn nicht in den ver­gan­ge­nen 30 bis 40 ­Jah­ren eine unglaub­li­che Ent­wick­lung, eine ­gera­de­zu ein­ma­li­ge Erfolgs­ge­schich­te des deut­schen Musik­schul­we­sens statt­ge­fun­den habe? Die durch­aus berech­tig­te Kri­tik aus dem Publi­kum, dass man lei­der nichts darü­ber erfah­ren habe, was denn nun kon­kret die unver­wech­sel­ba­ren Wer­te von Instru­men­tal­un­ter­richt sei­en, die die­sen etwa von der Wer­te­ver­mitt­lung im Sport abhe­ben, konn­te man­gels Zeit nicht mehr auf­ge­grif­fen wer­den. Eine ver­pass­te Chan­ce, die oft­mals ins Kraut schie­ßen­den Trans­fer-Ver­spre­chun­gen auf eine fun­dier­te Basis zu stellen.
Am Vor­mit­tag war Rein­hart von Gut­zeit mit der Carl-Orff-Medail­le des Ver­bands Baye­ri­scher Sing- und Musik­schu­len geehrt wor­den. Und auch wenn die zahl­rei­chen Fest­red­ner sich alle erdenk­li­che Mühe gaben: Erst beim abschlie­ßen­den Urwald­song, gesun­gen vom Koope­ra­ti­ons­pro­jekt Sing­klas­sen der Städ­ti­schen Musik­schu­le Aschaf­fen­burg und der Grü­ne­wald-Grund­schu­le, wuss­te man wie­der, wor­um es in der Musik­schu­le wirk­lich geht. Und dass die Kin­der von sol­chen Momen­ten noch lan­ge zeh­ren wer­den. Das ist guter Musikschulunterricht.

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