© privat

Thielemann, Kristin

Auftritte als Begegnung gestalten

Über den Umgang mit Leistungsdruck bei (Musikschul-)Vorspielen

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 3/2026 , Seite 30

Applaus für eine tolle Leistung zu bekommen, ist ein schönes Gefühl. Aber in der Unterrichtspraxis begegnen uns immer wieder SchülerInnen, denen nicht wohl bei dem Gedanken ist, im Rampenlicht zu stehen, oder die die Teilnahme an Musikschulkonzerten sogar verweigern. Die Angst vor dem Vorspielen kann bis zum Abbruch des Unterrichts führen.

Vorspiele an Musikschulen sind fest verankert – manchmal sogar so selbstverständlich, dass kaum jemand hinterfragt, ob alle jungen Musikerinnen und Musiker sich damit wohlfühlen und in ihrer musikalischen und persönlichen Entwicklung davon profitieren. Wer nicht auftreten möchte, gilt schnell als zurückhaltend oder als „noch nicht so weit“. Aber vielleicht steckt dahinter etwas anderes: das Bedürfnis, sich nicht fremdbewerten zu lassen oder einem Leistungsvergleich auszusetzen.1
Es ist Samstag, kurz vor den Sommerferien: Musikschulvorspiel. Die achtjährige Mara, mit rosa Kleidchen und farblich passenden Haarschleifen sichtlich herausgeputzt, tritt vor das Publikum, um ein kleines Musikstück vorzuspielen. Die Eltern, die bereits eine Stunde vor dem Konzert mit dem Kind in der Musikschule waren, ihm das Kleid zurechtzupften und nervös auf mich und ihre Tochter einredeten, sitzen nun in der ersten Reihe, das Smartphone gezückt, bereit, den Auftritt als Videobeweis mit nach Hause zu nehmen. Für wen findet diese Veranstaltung eigentlich statt?, frage ich mich in diesem Moment. Für die Schülerin, die über sich hinauswächst, weil das Musikschulkonzert sie zu konzentriertem Üben motiviert hat? Oder für die Eltern, die in diesem Moment bestätigt bekommen, dass die investierte Zeit, das Geld und vielleicht auch die familiäre Unterstützung Früchte tragen?
Auftritte können bereichern. Sie können aber auch Vergleiche nähren – „besser als“ oder „schlechter als“ – und damit eine Form der Bewertung erzeugen, die verletzen kann statt zu motivieren. Das spüren schon die jüngsten SchülerInnen.2 Hier wird ein sensibler Punkt berührt: der Spagat zwischen künstlerischer und persönlicher Förderung und der Gefahr, Kinder zu reinen LeistungsträgerInnen im Schaufenster zu machen.
Dabei ist es wichtig, die Vielfalt an Persönlichkeiten und Bedürfnissen zu berücksichtigen. Manche Kinder blühen auf, wenn sie spüren, dass alle Augen auf sie gerichtet sind. Andere hingegen fühlen sich in diesem Moment wie unter einem Brennglas, in dem jede Unsicherheit noch größer wirkt. Dazwischen liegen noch viele Schattierungen. Alles ist legitim. Alles hat seinen Platz in der Musikschule. Im Zentrum des Handelns von Lehrenden stehen die Lernenden, ihr Wohlergehen und die damit verbundene gesunde persönliche wie musikalische Entwicklung. Doch im Zuge dieser Entwicklung können sich unterschiedliche Erwartungen im Umfeld des Kindes zeigen – etwa seitens der Eltern, der Lehrperson oder des Kindes selbst.

Bühne neu denken

Angesichts der nicht nur positiven Folgen von Musikschulvorspielen frage ich mich: Wie können Auftrittsformate aussehen, die nicht nur für extrovertierte Bühnentalente funktionieren, sondern auch für die anderen – für stille Künstlerseelen, für Menschen, die Auftrittsängste in sich tragen, die sich keiner Fremdbewertung oder Leistungsvergleichen aussetzen möchten oder die rein für das persönliche Glück unter Ausschluss der Öffentlichkeit musizieren möchten? Gibt es die Möglichkeit, geschützte Räume zu schaffen, in denen musikalisches Teilen ohne Leistungsdruck erfahrbar ist?

1 Entwicklungspsychologisch werden Lernen und Entwicklung als aktive, subjektiv konstruierte Prozesse verstanden, die nicht linear verlaufen und nicht allein durch äußere Anforderungen gesteuert werden können; vgl. Lessing, Wolfgang: „Psychologische Hintergründe“, in: Busch, Barbara (Hg.): Grundwissen Instrumentalpädagogik. Ein Wegweiser für Studium und Beruf, Wiesbaden 2021.
2 Dass diese Form von Außenbewertung und die Folgen einer negativen Evaluation durch andere Lampenfieber in eine Auftrittsangst mit allen negativen Folgen für den Lernweg verwandeln kann, zeigt Helmut Figdor: „Warum habe ich Lampenfieber? Ein psychoanalytischer Beitrag zum besseren Verständnis der eigenen Gefühle“, in: üben & musizieren, 1/2025, S. 12-16 sowie 4/2025, S. 50-53.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 3/2026.

Page Reader Press Enter to Read Page Content Out Loud Press Enter to Pause or Restart Reading Page Content Out Loud Press Enter to Stop Reading Page Content Out Loud Screen Reader Support