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Lindmaier, Hannah

Balan­cie­ren zwi­schen Nähe und Distanz

Drei Perspektiven auf machtsensibles Verhalten im ­Instrumentalunterricht

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2021 , Seite 20

Macht ist zwischen Lehrenden und Lernenden im Instrumental- und Gesangsunterricht nicht symmetrisch verteilt. Wie können Lehrende sensibel mit ihren Handlungsprivilegien umgehen? Wie kann der Balanceakt gelingen, Beziehungen zu SchülerIn­nen so zu gestalten, dass vertrauensvolle und intensive musikalische Arbeit möglich ist und zugleich eine professionelle Distanz gewahrt wird, die vor kritischen Grenzüberschreitungen schützt?

Die Rol­len­ver­tei­lung zwi­schen Leh­ren­den und Ler­nen­den bedingt ein Macht­ge­fäl­le, das kenn­zeich­nend für päd­ago­gi­sche Bezie­hun­gen ist. Zum einen besteht ein not­wen­di­ger Kom­pe­tenz­un­ter­schied auf musi­ka­li­scher Ebe­ne: Leh­ren­de sind Exper­tIn­nen für Musik, für das Spie­len ihres jewei­li­gen Instru­ments oder für das Sin­gen, zum ande­ren ver­leiht ihnen ihre päd­ago­gi­sche Exper­ti­se Hand­lungs­macht, was die Gestal­tung nahe­zu aller Unter­richts­ele­men­te betrifft. Ler­nen­de auf der ande­ren Sei­te las­sen sich ver­trau­ens­voll auf die Lehr­per­son und ihren Unter­richt ein, bege­ben „sich gleich­sam in ihre Hände“.1 Dies steht in gewis­sem Wider­spruch zu einem part­ner­schaft­li­chen Arbei­ten auf Augen­hö­he, einem gemein­sa­men Ent­de­cken der indi­vi­du­el­len Zugän­ge zum Musi­zie­ren, das für gelin­gen­de Lern­pro­zes­se unab­ding­bar ist.2
Mit den Begrif­fen Nähe und Distanz rücken räum­li­che Dimen­sio­nen des Ver­hal­tens im Unter­richt ins Blick­feld. Ins­be­son­de­re über die­ses Nähe- und Distanz­ver­hal­ten und non­ver­ba­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men wie Mimik, Ges­tik oder Kör­per­hal­tung wer­den Bezie­hungs­aspek­te aus­ge­han­delt, also auch Macht­po­si­tio­nen und Sta­tus­fra­gen geklärt. Gleich­zei­tig sind die­se Ver­hal­tens­wei­sen auch Teil des metho­di­schen Unter­richts­han­delns. Die­se Mehr­deu­tig­keit soll in den nun fol­gen­den drei Per­spek­ti­ven auf räum­li­ches und kör­per­li­ches Ver­hal­ten und Wahr­neh­men exem­pla­risch aus­ge­lo­tet werden.

Posi­tio­nie­run­gen im Raum

Instru­men­tal­un­ter­richt unter Coro­na-Bedin­gun­gen: Ich sit­ze mit gut zwei Meter Abstand gegen­über von mei­nem acht­jäh­ri­gen Gitar­ren­schü­ler. Er bemüht sich, ein „frisch“ geüb­tes Kin­der­lied durch­zu­spie­len. Ab und zu ver­rut­schen die Fin­ger der lin­ken Hand, die Sai­ten schnar­ren oder ein fal­scher Ton erklingt. Er hält inne, kor­ri­giert sei­ne Posi­ti­on und – ver­gisst, an wel­cher Stel­le im Lied er ste­hen geblie­ben ist. Ich ver­su­che, ihn über die Ent­fer­nung hin­weg zu unter­stüt­zen, sin­ge ihm die nächs­te Phra­se vor, schla­ge ihm eine mög­li­che Ein­stiegs­stel­le vor, beschrei­be die Posi­ti­on des Takts auf dem Noten­blatt. Ich wün­sche mich an sei­ne Sei­te, könn­te ich ihm doch mit einer kur­zen Ges­te hel­fen, wie­der ins Spie­len zu fin­den, der Musi­zier­pro­zess wäre kaum unter­bro­chen. Ja, viel­leicht wäre sei­ne lin­ke Hand gar nicht ver­rutscht, hät­te er nicht für mich als Publi­kum gespielt, son­dern mit mir neben ihm, mit gemein­sa­mer Kon­zen­tra­ti­on auf die Musik und sei­ne Spielbewegungen.
In den ver­gan­ge­nen Mona­ten muss­ten wohl die meis­ten Instru­men­tal- und Gesangs­leh­ren­den neue, teils unge­wohn­te Posi­tio­nen in Rela­ti­on zu ihren Schü­le­rIn­nen ein­neh­men. Unter­richts­räu­me wur­den umge­stal­tet, fes­te Plät­ze mar­kiert. Schmerz­lich wird fest­ge­stellt, wie metho­disch und unter­richts­dra­ma­tur­gisch sinn­voll doch die ver­schie­de­nen Stand­or­te im Raum sind, die zuvor wie selbst­ver­ständ­lich ein­ge­nom­men wur­den; wie unpas­send die distan­zier­te Posi­tio­nie­rung einer Vor­spiel­si­tua­ti­on für inten­si­ve gemein­sa­me Arbeit sein kann. Gleich­zei­tig ver­schafft die Distanz den Ler­nen­den mehr Raum und Luft, eigen­stän­di­ges Musi­zie­ren wird ange­regt, viel­leicht fin­den weni­ger Unter­bre­chun­gen durch Leh­ren­de statt. Die­se sind weni­ger „nah dran“ und kön­nen dafür ganz­heit­li­cher wahr­neh­men. Coro­na bie­tet also auch die Chan­ce, krea­tiv nach Lösun­gen zu suchen, für die gewohn­heits­mä­ßig in gro­ßer Nähe unter­rich­tet wird – sei es, dass man etwas in Noten zeigt, eine Spiel­be­we­gung oder Hal­tung kor­ri­giert, gemein­sam an einem Ins­trument spie­len möch­te um etwa die Kom­ple­xi­tät eines Spiel­vor­gangs zu redu­zie­ren oder auch um etwas mit dia­gnos­ti­schem Blick genau sehen zu können.
Doch viel­leicht ist die übli­che Nähe im Instru­men­tal- und Gesangs­un­ter­richt gar nicht immer ange­nehm. Ich arbei­te mit IGP-Stu­die­ren­den in Didak­tik-Semi­na­ren häu­fig zu die­sem The­ma. Vie­le erzäh­len von unan­ge­neh­men Erfah­run­gen, die sie im Lau­fe ihrer musi­ka­li­schen Lern­we­ge gemacht haben. Ich spre­che nicht (unbe­dingt) von inten­dier­ten Grenz­über­schrei­tun­gen, son­dern von zum Teil harm­los anmu­ten­den Situa­tio­nen wie dem Mund­ge­ruch des Leh­rers, dem man nicht ent­kommt, oder dem Gefühl, dass die Leh­re­rin zu nahe sitzt, es sich aber unhöf­lich anfüh­len wür­de, den eige­nen Stuhl eini­ge Zen­ti­me­ter zur Sei­te zu rücken. Wes­halb kann sich die­se Nähe unan­ge­nehm anfüh­len, als wäre einem jemand „auf die Pel­le gerückt“? Und war­um kön­nen sich Schü­le­rIn­nen dem nicht ein­fach entziehen?

Von intim bis öffent­lich: ­mensch­li­che Distanzzonen

Der ame­ri­ka­ni­sche Anthro­po­lo­ge Edward T. Hall unter­such­te ab den 1960er Jah­ren das Raum­ver­hal­ten von Men­schen als Teil deren zwi­schen­mensch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on und nann­te die von ihm begrün­de­te For­schungs­rich­tung Proxemik.3 Sei­ne Unter­su­chun­gen führ­ten ihn unter ande­rem zu einem sehr bekannt gewor­de­nen Modell von vier Distanz­zo­nen, die den räum­li­chen Abstand von inter­agierenden Men­schen zuein­an­der beschrei­ben. Abhän­gig von Ver­traut­heit und Situa­ti­on neh­men Men­schen Posi­tio­nen in einer bestimm­ten Distanz zuein­an­der ein, eine unpas­sen­de Posi­tio­nie­rung kann als unan­ge­nehm emp­fun­den wer­den. Die­ses Distanz­emp­fin­den und Raum­ver­hal­ten ist kul­tu­rell erlernt, aber auch abhän­gig von sozia­lem Sta­tus, Geschlecht und Alter und indi­vi­du­ell durch­aus unterschiedlich.
Für die Situa­ti­on des Instru­men­tal­un­ter­richts ist beson­ders der per­sön­li­che Raum („per­so­nal space“) von Inter­es­se, der die bei­den nahen Distanz­zo­nen Intim­di­stanz und per­sön­li­che Distanz beinhal­tet. Als Richt­wert umfasst die per­sön­li­che Distanz Inter­ak­tio­nen, die ­inner­halb von 1,2 Metern Abstand und üb­licherweise zwi­schen Ver­wand­ten oder engen Ver­trau­ten erfol­gen; inner­halb der Intim­di­stanz von etwa einem hal­ben Meter fin­den z. B. Berüh­run­gen oder auch sehr ver­trau­te Gesprä­che statt.4

1 Anja Herold: „Zwi­schen Nähe und Distanz. Bezie­hun­gen im Instru­men­tal- und Gesangs­un­ter­richt“, in: Freia Hoff­mann (Hg.): Pani­sche Gefüh­le. Sexu­el­le Über­grif­fe im Instru­men­tal­un­ter­richt, Mainz 2006, S. 106. Die­ser Auf­satz bie­tet einen her­vor­ra­gen­den Über­blick über das Bedin­gungs­ge­fü­ge von Unter­richts­be­zie­hun­gen, gera­de auch im Hin­blick auf Macht­kon­stel­la­tio­nen und poten­zi­el­le Grenzverletzungen.
2 vgl. Wolf­gang Les­sing: „Para­do­xie als Regel. (Musik-) Päd­ago­gi­sche Anti­no­mien im instru­men­ta­len Grup­pen­un­ter­richt“, in: Nata­lia Ardi­la-Man­til­la/­Pe­ter Röbke/ Chris­ti­ne Stöger/Bianka Wüste­hu­be (Hg.): Herz­stück Musi­zie­ren. Instru­men­ta­ler Grup­pen­un­ter­richt zwi­schen Pla­nung und Wag­nis, Mainz 2016, S. 78 ff. Les­sing beschreibt die­sen Wider­spruch als Sym­me­trie­an­ti­no­mie, die es im Unter­richt im Blick zu behal­ten gilt und die vor allem in Momen­ten des gemein­sa­men Musi­zie­rens über­wun­den wer­den kann.
3 vgl. etwa Edward T. Hall: Die Spra­che des Rau­mes, Düs­sel­dorf 1976.
4 Die hier erwähn­ten Gren­zen der ein­zel­nen Distanz­zonen bezie­hen sich auf die nord­ame­ri­ka­ni­sche Mehr­heits­ge­sell­schaft, vgl. Edward T. Hall: „Pro­x­e­mics“, in: Cur­rent Anthro­po­lo­gy 9/1968, S. 92 ff., www.jstor.org/ stable/2740724 (Stand: 23.3.2020). Für unse­re mit­tel­eu­ro­päi­sche Regi­on ermit­tel­te er ähn­li­che Wer­te, wobei sei­ne For­schungs­me­tho­den und ‑ergeb­nis­se schon damals wis­sen­schaft­lich durch­aus umstrit­ten waren, vgl. etwa Mark Baldassare/Susan Fel­ler: „Cul­tu­ral Varia­tions in Per­so­nal Space: Theo­ry, Methods, and Evi­dence“, in: Ethos 3/1975, S. 481–503, www.jstor.org/ stable/639996 (Stand: 23.3.2020).

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