Chopin, Fryderyk

Bal­la­des op. 23, 38, 47, 52 / Impromp­tus / Pré­ludes op. 28, 45

Neue Kritische Gesamtausgabe, Urtext

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Peters, Frankfurt / Leipzig 2016
erschienen in: üben & musizieren 3/2017 , Seite 54

Tau­ben­blau, leuch­tend rot oder hell­grün? Wer nach Urtext­aus­ga­ben der Kla­vier­wer­ke von Fry­de­ryk Cho­pin sucht, fin­det eine rei­che Aus­wahl vor. Die Quel­len­la­ge die­ser Wer­ke ist kom­pli­ziert, aber weit­ge­hend geklärt. Neben den Auto­gra­fen exis­tie­ren in den meis­ten Fäl­len drei par­al­lel erschie­ne­ne Erst­aus­ga­ben, da Cho­pin die Rech­te für Frank­reich, Deutsch­land und Eng­land sepa­rat ver­ge­ben hat. Dazu kom­men zahl­rei­che hand­schrift­li­che Ein­tra­gun­gen Cho­pins in die Noten­aus­ga­ben sei­ner Schü­ler. Allein schon aus die­ser Auf­zäh­lung wird deut­lich, dass es kei­nen ein­deu­ti­gen Urtext geben kann. Um so span­nen­der ist die Fra­ge, wie die ver­schie­de­nen Herausgeber(teams) die ein­zel­nen Quel­len gewich­ten und in wel­cher Wei­se sie mög­li­che Vari­an­ten prä­sen­tie­ren.
Für die Neue Kri­ti­sche Gesamt­aus­ga­be der Edi­ti­on Peters haben sich meh­re­re pro­fun­de Ken­ner der Mate­rie zusammen­getan. Her­aus­ge­ber der hier bespro­che­nen Bän­de sind Jean-Jac­ques Eigel­din­ger (Pré­ludes), Jim Sam­son (Bal­la­den) sowie Chris­to­phe Gra­bow­ski und John Irving (Impromp­tus). Wäh­rend die durch­weg infor­ma­ti­ven und gut geschrie­be­nen Vor­wor­te in drei Spra­chen (eng­lisch, fran­zö­sisch, deutsch) abge­druckt wur­den, lie­gen die in allen Bän­den iden­ti­schen „Notes on edi­to­ri­al method and prac­tice“ (Bemer­kun­gen zur edi­to­ri­schen Vor­ge­hens­wei­se und Pra­xis) eben­so wie die Kri­ti­schen Kom­men­ta­re lei­der nur auf Eng­lisch vor.
Die für die pia­nis­ti­sche Pra­xis bedeut­sams­ten Ent­schei­dun­gen des Her­aus­ge­ber­teams sind:
1. Die Aus­ga­ben ent­hal­ten nur die aus den Quel­len beleg­ba­ren Fin­ger­sät­ze. Cho­pins sehr spär­li­che in den gedruck­ten Erst­aus­ga­ben ent­hal­te­nen Fin­ger­sät­ze sind in nor­ma­ler Schrift wie­der­ge­ge­ben, die etwas zahl­rei­che­ren aus den Schü­ler­ex­em­pla­ren kur­siv.
2. Häu­fi­ger als in ver­gleich­ba­ren Aus­ga­ben ste­hen alter­na­ti­ve Les­ar­ten in klei­ne­rem Druck direkt über oder unter den Noten­tex­ten. Dies erleich­tert es, an Stel­len mit unkla­rer Quel­len­la­ge eine eige­ne Ent­schei­dung zu tref­fen.
3. Beson­de­re Sorg­falt wur­de auf die Unter­schei­dung zwi­schen nor­ma­len und „lan­gen“ Akzen­ten ver­wen­det. Letz­te­re fin­den sich zahl­reich in unterschied­licher Aus­deh­nung in den hand­schrift­li­chen Quel­len und sind sehr leicht mit nor­ma­len Akzen­ten einer­seits und Decres­cen­do-Gabeln ande­rer­seits zu ver­wech­seln, obwohl sie eine ande­re Bedeu­tung haben. Nach den Wor­ten der Her­aus­ge­ber drü­cken sie ein Auf­wal­len der Emp­fin­dung („sur­ge“) aus, das je nach Kon­text unter­schied­lich um­gesetzt wer­den kann. Die­se Dif­fe­ren­zie­rung lässt vie­le Details in neu­em Licht erschei­nen.
Durch die­se her­vor­ra­gen­de Neu­aus­ga­be hat die Far­be hell­grün für mich wesent­lich an Attrak­ti­vi­tät gewon­nen.
Sig­rid Nau­mann