Kapuscinski, Arvid

Beglei­te­rin, Part­ne­rin und Solistin

Zur Ausbildung der linken Hand im Klavierunterricht

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Burkhard Muth, Fernwald 2020
erschienen in: üben & musizieren 2/2022 , Seite 59

Im Zen­trum des Buchs steht ein „Fas­zi­no­sum“: Kla­vier­wer­ke für die lin­ke Hand allei­ne. Der Ber­li­ner Pia­nist und Kla­vier­päd­ago­ge Arvid Kapu­scin­ski geht zunächst den Ursprün­gen die­ser in mehr als 1000 Kom­po­si­tio­nen gepfleg­ten pia­nis­ti­schen Spiel­art nach – vom Reiz der Vir­tuo­si­tät bis zu kriegs- oder spiel­be­ding­ten Ver­let­zun­gen. Er dis­ku­tiert den Ein­fluss der Hän­dig­keit im Zusam­men­spiel bei­der Gehirn­hälf­ten und macht anhand von zahl­rei­chen Noten­bei­spie­len die unter­schied­li­chen Rol­len der lin­ken Hand in baro­cken, klas­si­schen und roman­ti­schen Kla­vier­sät­zen für zwei Hän­de deutlich.
Das Kapi­tel „Links­hän­di­ge Kla­vier­mu­sik im Kla­vier­un­ter­richt“ beginnt mit der Ana­ly­se drei­er Kla­vier­schu­len und aus­ge­wähl­ter Kla­vier­stü­cke im Hin­blick auf Anfor­de­run­gen an die lin­ke Hand. Über Lehr- und Stu­di­en­wer­ke für die lin­ke Hand sowie (Spreiz-)Übungen u. a. von Hir­zel-Lan­gen­han spannt der Autor den Bogen zu pia­nis­ti­schen Aspek­ten wie „Klang­lich­keit, Finger­satz, Pedal­ge­brauch, Sprün­ge und Arpeg­gi­en“ im Kla­vier­satz für die lin­ke Hand alleine.
Anhand von Ori­gi­nal­stü­cken und Bear­bei­tun­gen ver­tieft er die­se The­ma­ti­ken etwas, bevor zwei klei­ne Exkur­se über Stü­cke für die rech­te Hand allei­ne oder für wahl­wei­se rech­te oder lin­ke Hand die Schrift abrunden.
Der in den „Schluss­be­trach­tun­gen“ for­mu­lier­te Anspruch, anhand spe­zi­fi­schen „Anschau­ungs­ma­te­ri­als“ ein „Pro­blem­be­wusst­sein“ für das Spiel mit der lin­ken Hand zu schaf­fen, ist gewiss erfüllt. Die Über­le­gun­gen des Autors, dass (Binnen)Spann­weiten bei weit- und voll­grif­fi­gen links­hän­di­gen Solo-Kla­vier­sät­zen beson­ders gefor­dert sind und dass Dehn­übun­gen mit ext­remen Sprei­zun­gen z. B. zwi­schen dem 3. und 4. Fin­ger prob­lematisch sein kön­nen, sind dabei durch­aus zentral.
Ergän­zend wäre es schlüs­sig gewe­sen, die „ana­to­mi­sche Beschaf­fen­heit der lin­ken Hand“, deren indi­vi­du­el­le Varia­bi­li­tät und die Kon­se­quen­zen für eine indi­vi­du­ell ange­mes­se­ne und gesun­de Spiel­tech­nik ein­ge­hen­der zu betrach­ten. Dem Sitz, den Tas­ten­kon­takt­punk­ten der Fin­ger sowie dem punk­tu­el­len Aus­wei­chen des Ober­kör­pers zur Sei­te und nach hin­ten kommt gera­de beim Kla­vier­spiel mit der lin­ken Hand allei­ne eine hohe Bedeu­tung zu, z. B. um ris­kan­te Win­kel im Hand­ge­lenk zu vermeiden.
Im Gan­zen eine anre­gen­de Lek­tü­re – auch für semi-pro­fes­sio­nel­le Pia­nis­tIn­nen –, die kalei­doskopartig Ein­bli­cke in das Kla­vier­spiel mit der lin­ken Hand (allei­ne) und sei­ne spe­zi­el­len Her­aus­for­de­run­gen gibt. Wert­voll sind dabei auch die zahl­rei­chen Ver­wei­se auf den Kon­text, u. a. auf die Dis­ser­ta­ti­on von Albert Sass­mann (2010).
Ulri­ke Wohlwender