Lincke, Paul

Ber­li­ner Luft

Drei Berliner Lieder für Streichquartett, arr. von Ernst-Thilo Kalke

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Uetz, Halberstadt 2017
erschienen in: üben & musizieren 2/2020 , Seite 64

Was kann man sich als Ber­li­ner Hit-Schrei­ber mehr wün­schen, als dass das bes­te Orches­ter der Stadt (und viel­leicht der Welt) den eige­nen Hit regel­mä­ßig spielt und die­ser es zu so etwas wie der inof­fi­zi­el­len Hym­ne von Ber­lin geschafft hat? Paul Lincke ist die­ses Kunst­stück mit sei­nem Ever­green Ber­li­ner Luft gelun­gen: Wenn die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker all­jähr­lich Ende Juni zu ihrem Wald­büh­nen­kon­zert bit­ten, ist Linckes Marsch­lied der beschwing­te Aus­klang – ganz egal, wel­che schwe­ren klas­si­schen Bro­cken das Orches­ter vor­her auf die Büh­ne gewuch­tet hat oder wel­cher Welt­klas­se-Diri­gent auf dem Podi­um steht. Alle Zuhö­rer klat­schen und vie­le sin­gen die­se beschwing­te Ber­lin-Hym­ne mit, an der das Orches­ter sicht­lich Freu­de hat.
Es mag unzäh­li­ge Bear­bei­tun­gen von Paul Linckes kur­zem, 1904 ent­stan­de­nem Stück geben, das er zwar nicht für sei­ne bekann­tes­te Ope­ret­te Frau Luna kom­po­niert, spä­ter jedoch in die­se inte­griert hat. Und es spricht für die Qua­li­tät der Musik, dass Ber­li­ner Luft von einem Sin­fo­nie­or­ches­ter gespielt, einem Män­ner­chor into­niert oder als Gas­sen­hau­er gepfif­fen stets glei­cher­ma­ßen gut funk­tio­niert. Lincke hat dem klei­nen Gen­re­stück eine süf­fi­ge Melo­die und jede Men­ge Schwung mit­ge­ge­ben, den der poin­tier­te Text von Hein­rich Bol­ten-Baeckers natür­lich auf sei­ne Wei­se schon beinhal­tet.
Doch auch ohne Text und Gesang und sogar ohne Pfei­fen „funk­tio­niert“ Paul Linckes Welt­hit. Ernst-Thi­lo Kal­ke, ein Meis­ter der prä­gnan­ten Bear­bei­tung, hat Ber­li­ner Luft sowie zwei wei­te­re Lincke-Songs nun für Streich­quartett arran­giert – immer nahe am klas­si­schen Vie­rer-Sound, doch offen genug für Salon­mu­sik-Anklän­ge. Das Pol­ka­lied Nimm mich mit, nimm mich mit, in dein Käm­mer­lein und ein zwei­tes Marsch­lied aus Frau Luna, Lass den Kopf nicht hän­gen, schaf­fen die prä­gnan­te Ergän­zung zu einem kurz­wei­li­gen Ber­lin-Drei­er, der so rich­tig in Fahrt kommt, wenn die bei­den Gei­gen sin­gen, die Brat­sche ker­ni­ge Kon­tu­ren zeich­net und das Cel­lo auch ein­mal eine Num­mer grö­ßer denkt und den wuch­ti­gen Kon­tra­bass imi­tiert.
Par­ti­tur und Stim­men müss­ten dem Uetz-Ver­lag von Nach­wuchs-Streich­kräf­ten eigent­lich aus den Hän­den geris­sen wer­den, sind die drei Bear­bei­tun­gen Ernst-Thi­lo Kal­kes doch abso­lut über­schau­bar im Schwie­rig­keits­grad, jedoch um so dank­ba­rer für ein beherz­tes Zupa­cken in der musi­ka­li­schen Aus­ge­stal­tung. Es wäre inter­es­sant zu sehen, ob es die Zuhö­rer eines Kam­mer­mu­sik­abends denn auch in den Fin­gern „juckt“ und sie mit­klat­schen, wenn ein Streich­quar­tett nach klas­si­schem Pro­gramm­ab­lauf Ber­li­ner Luft als Zuga­be spielt.
Dani­el Knöd­ler