Eikmeier, Corinna

Bewe­gungs­qua­li­tät und Musi­zier­pra­xis

Zum Verhältnis von Feldenkrais-Methode und musikalischer Improvisation

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Musikverlag Burkhard Muth, Fernwald 2016
erschienen in: üben & musizieren 3/2017 , Seite 51

Haben Sie schon ein­mal in un­gewohnten Kör­per­po­si­tio­nen Ihr Instru­ment gespielt oder gesun­gen – z. B. mit nur einer Gesäß­ba­cke auf dem Stuhl – und dabei beob­ach­tet, was sich an Ihrem Klang und Spiel­fluss ändert? Und womög­lich bemerkt, dass solch dyna­mi­sche Hal­tungs- und Bewe­gungs­for­men eben­so wie Impul­se vom Atem, vom Bauch-Becken oder Bein aus Ihr Musi­zie­ren frei­er machen, leich­ter, gelös­ter, expres­si­ver? Dann befin­den Sie sich ganz nah an den Labor­räu­men der Cel­lis­tin, Impro­vi­sa­to­rin und Fel­den­krais­leh­re­rin Corin­na Eik­mei­er, die in ihrer Dis­ser­ta­ti­ons­schrift die Wech­selwirkungen von Kör­per­be­we­gun­gen und Musi­zier­wei­sen unter­sucht und für einen spie­le­risch-expe­ri­men­tel­len Umgang mit Kör­per, Klang und Musik plä­diert.
Das Beson­de­re des Ansat­zes liegt dar­in, dass eine gro­ße Kör­per­schu­lungs­form – die Fel­den­krais-Metho­de – und ihr zen­tra­les Merk­mal – das Impro­vi­sie­ren mit Bewe­gun­gen zur Stei­ge­rung von Bewusst­heit und Leich­tig­keit – direkt auf das Musik­ma­chen, vor allem das Impro­vi­sie­ren mit Instru­ment und Stim­me bezo­gen unter­sucht wird. Das Erpro­ben und Erspü­ren alterna­tiver Bewe­gun­gen, so das erfri­schen­de Ergeb­nis der Arbeit, för­dert die Spon­ta­nei­tät des Musi­zie­rens. Eben­so ist musi­ka­li­sche Impro­vi­sa­ti­on, vor allem das freie Impro­vi­sie­ren mit weni­gen Vor­ga­ben in der Lage, ein­ge­fah­re­ne (mit­un­ter hem­men­de) spiel­tech­ni­sche Bewe­gungs­mus­ter zu fle­xi­bi­li­sie­ren, den musi­ka­li­schen Aus­druck zu stei­gern und unse­re musi­ka­lisch-kör­per­li­chen Gren­zen zu erwei­tern.
Vor dem Hin­ter­grund eige­ner Erfah­run­gen behan­delt Corin­na Eik­mei­er ihr The­ma auf eben­so pra­xis­be­zo­ge­ne wie wis­sen­schaft­lich fun­dier­te Wei­se, sodass expe­ri­men­tier­freu­di­ge Lese­rIn­nen eine Men­ge prak­ti­sche Anre­gun­gen und wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se zugleich erhal­ten; und dies nicht nur auf den 406 Sei­ten des Buchs, son­dern dar­über hin­aus in einem eben­so umfang­rei­chen Online-Teil, der die qua­li­ta­ti­ve For­schungs­me­tho­de und ihr Daten­ma­te­ri­al doku­men­tiert.
Fun­diert und vor­be­rei­tet wird die empi­ri­sche Unter­su­chung, die sich wohl­tu­end vor fal­scher Ver­all­ge­mei­ne­rung hütet, durch ein Kapi­tel zu Aspek­ten der Impro­vi­sa­ti­on als „Auto­po­ie­se“ in der Gegen­wart, in dem die „Kunst des Unvor­her­seh­ba­ren“ defi­niert und unter ver­schie­de­nen Gesichts­punk­ten the­ma­ti­siert wird, frei­lich ohne in his­to­risch-sti­lis­ti­scher Band­brei­te behan­delt zu wer­den.
Fel­den­krais för­dert frei­es impro­vi­sa­to­ri­sches Musi­zie­ren (und eben­sol­ches Inter­pre­tie­ren), musi­ka­li­sches Impro­vi­sie­ren begüns­tigt freie, gelös­te Spiel­be­we­gun­gen; und bei­des ist gut für die mensch­li­che und musi­ka­li­sche Ent­wick­lung – so könn­te man die Arbeit zusam­men­fas­sen. Eine weg­wei­sen­de Publi­ka­ti­on aus der Wie­ner Schu­le der Instrumental­pädagogik, die nach­drücklich emp­foh­len sei.
Wolf­gang Rüdi­ger