© JeKits-Stiftung

Ardila-Mantilla, Natalia

Blei­ben­de Ein­drü­cke hin­ter­las­sen

Wie JeKits eine nachhaltige Wirkung erzielen kann (Teil 1)

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 5/2018 , musikschule )) DIREKT, Seite 06

Wie kann JeKits bleibende Eindrücke hinterlassen? Wie können JeKits-Lehrende und -Verantwortliche dafür sorgen, dass die in JeKits gemachten Erfahrungen nachwirken und sich in der Zukunft entfalten?1

Wenn ich die­se Fra­gen höre, dann spü­re ich ein star­kes Unbe­ha­gen. Die Fra­ge nach der Wir­kung von Bil­dungs­an­ge­bo­ten hat in der Päd­ago­gik eine lan­ge Tra­di­ti­on, und es ist eine Tra­di­ti­on des Schei­terns. Ob wir für die Schu­le oder fürs Leben ler­nen, dar­über schei­den sich in der Päd­ago­gik die Geis­ter. Ob der Instru­men­tal­un­ter­richt tat­sächlich zum guten Leben bei­trägt, ob er wirk­lich die Aneig­nung lebens­not­wen­di­ger Kom­pe­ten­zen för­dert, wis­sen wir nach der Bas­ti­an-Stu­die und ihren Fol­gen nicht wirklich.2 Außer­dem muss ich hier an die wun­der­ba­re – und für die Päd­ago­gik ­ver­häng­nis­vol­le – Unbe­re­chen­bar­keit des Men­schen den­ken, die Heinz von Foers­ter mit der Meta­pher der tri­via­len und nicht tri­via­len Maschi­nen groß­ar­tig auf den Punkt gebracht hat. Men­schen, so von Foers­ter, unter­schei­den sich von tri­via­len Maschi­nen dar­in, dass bei Ein­ga­be eines bestimm­ten Inputs der Out­put unvor­her­seh­bar ist: Wenn ich bei einem Men­schen einen päda­gogischen Impuls set­ze, ist es unmög­lich zu wis­sen, was er dar­aus machen wird.3
Wie soll ich ange­sichts die­ser Tat­sa­che behaup­ten, irgend­et­was – z. B. JeKits – könn­te unter irgend­wel­chen Bedin­gun­gen nach­hal­ti­ge Wir­kung erzie­len? Trotz­dem glau­be ich tat­säch­lich, dass JeKits bereits blei­ben­de Ein­drü­cke bei Schü­lern, Lehr­kräf­ten und Insti­tu­tio­nen hin­ter­lässt und dass es sich lohnt, dar­über nach­zu­den­ken, auf wel­che Wei­se das pas­siert bzw. pas­sie­ren kann.
Nach­hal­tig­keit ist ein brei­tes, viel­schich­ti­ges The­ma. In die­sem Text wird der Fokus auf vier Teil­as­pek­te die­ser The­ma­tik gelegt: vier „Dimen­sio­nen des Blei­bens“, die mei­nes Erach­tens ein wir­kungs­mäch­ti­ges Bezie­hungs­ge­flecht im Sys­tem JeKits dar­stel­len. Der Lese­rin sei gera­ten, sich stets den inne­ren Zusam­men­hang die­ser vier Dimen­sio­nen in Erin­ne­rung zu rufen.

1. „Bil­dung ist, was bleibt“ – der Modus des Ästhe­ti­schen

Zu Beginn stel­le ich eine pro­vo­kan­te Fra­ge: Muss über­haupt etwas blei­ben? Bis jetzt hat JeKits näm­lich die Rele­vanz der Gegen­wart („Vom Lau­ern auf dem Moment“) betont.4 Reicht es denn nicht, wenn Schü­le­rin­nen und Schü­ler im JeKits-Unter­richt erfüll­te Momen­te erle­ben?
Das sehen wohl doch nicht alle so. Dazu Anja Bos­sen: „Grund­sätz­lich begrü­ße ich den Ansatz, Kin­dern, die sonst auf­grund einer nicht för­der­li­chen Hal­tung ihrer Eltern nie­mals mit dem Musi­zie­ren in Berüh­rung gekom­men wären, einen Zugang zu einem Instru­ment zu ermög­li­chen. Nur: Was pas­siert eigent­lich nach ‚JeKi‘? Was nützt es den Kin­dern, eine kur­ze sinn­stif­ten­de Erfah­rung gemacht zu haben, wenn sie die­se Erfah­rung nicht fort­set­zen kön­nen, weil sie kei­nen Platz an der Musik­schu­le bekom­men, die Eltern das Musi­zie­ren nicht wei­ter unter­stüt­zen oder schlicht­weg das Geld für anschlie­ßen­den Instru­men­tal­un­ter­richt oder ein eige­nes Instru­ment fehlt?“5
Ich möch­te die­sen Fra­gen ein geflü­gel­tes Wort ent­ge­gen­set­zen: „Bil­dung ist das, was übrig bleibt, wenn man alles ver­ges­sen hat, was man gelernt hat“, soll der Phy­si­ker Wer­ner Hei­sen­berg gesagt haben. Was soll aber vom Musik­un­ter­richt blei­ben? Ich wer­de jetzt nicht über die häu­fig ver­spro­che­nen Effek­te von Musik­un­ter­richt spre­chen: Team­fä­hig­keit, Krea­ti­vi­tät, Aus­dau­er… Natür­lich kön­nen sich Schü­le­rin­nen und Schü­ler sol­che Kom­pe­ten­zen im ­JeKits-Unter­richt aneig­nen – im Mathe­­ma­tik- oder Reli­gi­ons­un­ter­richt aber wohl auch. Was denn sonst? An die­ser Stel­le möch­te ich den Blick auf etwas rich­ten, das sich in den fol­gen­den Aus­sa­gen von drei JeKits-Tanz­schü­le­rin­nen mani­fes­tiert:
– „Mir hat das Tan­zen Spaß gemacht, weil wir haben uns so schön bewegt, und die Musik war ein­fach rich­tig schön.“
– „Man macht das ja auch nicht jeden Tag oder so.“
– „Beim Tan­zen lass ich mich immer trei­ben, und wenn ich die Musik höre, blei­be ich dann im Takt, und mir hat das rich­tig Spaß gemacht.“6
Die Rede ist hier nicht von Trans­fer­ef­fek­ten, son­dern davon, sich selbst und Musik im Modus des Ästhe­ti­schen erlebt zu haben. Was mei­ne ich damit? Der Erzie­hungs­wis­sen­schaft­ler Heinz-Elmar Ten­orth behaup­tet: „Wer […] allein mehr Wis­sen ver­mit­teln will, der ver­steht die Auf­ga­be der Schu­le nicht. Die Schu­le hat Schü­lern Modi des Welt­zu­gangs zu ver­mit­teln, nicht in ers­ter Linie Wissen.“7
Aus­ge­hend von der Vor­stel­lung, dass wir uns der Welt auf unter­schied­li­che Wei­sen nähern, bestimmt Ten­orth die Ver­mitt­lung sol­cher „Modi der Weltbegegnung“8 als Kern­auf­ga­be der Schu­le: Dem­nach soll­te die Schu­le Kin­dern und Jugend­li­chen Mög­lich­kei­ten bie­ten, ver­schie­de­ne Modi – im Fach Musik: den Modus des Ästhe­tisch-Expres­si­ven – sys­te­ma­tisch zu erpro­ben, ein Bewusst­sein für ihre Funk­tio­nen zu ent­wi­ckeln und Inter­es­sen dies­be­züg­lich zu verfolgen.9 Das hie­ße für JeKits, zu ermög­li­chen, dass Schü­le­rin­nen und Schü­ler etwas machen, was sie „nicht jeden Tag“ tun, und Musik anders begeg­nen, als sie ihr jeden Tag im Super­markt und in Video­spielen begeg­nen.
Was heißt aber in die­sem Zusam­men­hang „anders“? Dazu Georg Picht: „In einer musi­ka­li­schen Bil­dung, die die­sen Namen ver­dient, ent­wi­ckelt sich jene wache Sen­si­bi­li­tät, jene sub­ti­le Beweg­lich­keit der Emp­fin­dung und jener Sinn für geis­ti­ge Ord­nung, für weit­ge­spann­te Ana­lo­gi­en und für die uner­mess­li­che Fern­wir­kung der lei­ses­ten Erschüt­te­run­gen, an denen man den geis­ti­gen, den gebil­de­ten Men­schen erkennt.“10 Ich wür­de mir einen JeKits-Unter­richt wün­schen, der sol­che Fähig­kei­ten för­dert. Wie lie­ße sich das umset­zen? Ich möch­te ger­ne die Auf­merk­sam­keit auf eine für mich zen­tra­le und oft ver­nach­läs­sig­te Kom­po­nen­te des Musi­zie­rens rich­ten: die kör­per­li­che.
Der Modus des Ästhe­ti­schen ist ein Modus des Sinn­li­chen: Er hat mit der Emp­find­sam­keit und Beweg­lich­keit der Sin­ne zu tun. Wir haben es aber in Deutsch­land mit einer lan­gen Tra­di­ti­on der Kör­per­feind­lich­keit im Musik­un­ter­richt zu tun: Der Kör­per ist etwas, das man in der mit­tel­eu­ro­päi­schen Tra­di­ti­on der musi­ka­li­schen Bil­dung ent­we­der zähmt und trai­niert (in der Instru­men­tal­päd­ago­gik) oder zuguns­ten der Ver­nunft aus­schal­tet und aus­blen­det (in der Schul­mu­sik). Wir ver­su­chen immer wie­der, nur mit dem Kopf und mit den Fin­gern Musik zu machen, nicht mit den Hüf­ten, dem Bauch, den Augen, dem Atem, dem Herz.
Ästhe­ti­sche Erfah­run­gen ermög­li­chen heißt für mich:
– am Anfang der Unter­richts­stun­de die Sin­ne mit Wahr­neh­mungs­übun­gen zu wecken,
– Rhyth­men nicht zu lesen und nach­zu­klat­schen, son­dern sich trei­ben zu las­sen und sich im Takt zu bewe­gen,
– kör­per­sprach­lich mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren, gemein­sam zu atmen, sich mit den Augen Impul­se zuzu­wer­fen,
– der Stil­le immer wie­der bewusst zu lau­schen,
– die Stim­me in all ihrer Viel­falt ein­zu­set­zen und Wel­ten damit zu erschaf­fen,
– im Klang zu ver­sin­ken, Sounds zu ent­decken, die Mög­lich­kei­ten der eige­nen Oh­ren ken­nen­zu­ler­nen und
– Bewe­gungs­drang und Spiel­lust als Aus­drucks­quel­le zu ver­ste­hen.
Womög­lich gibt es doch Kris­tal­li­sa­ti­ons­mo­men­te: jene beson­de­ren Momen­te, um die es eigent­lich im Musik­un­ter­richt geht und auf die Musik­leh­re­rin­nen lau­ern. Aber die für den Modus des Ästhe­ti­schen typi­sche Hal­tung der kör­per­li­chen Prä­senz und der Beweg­lich­keit der Emp­fin­dung kann auch stets im Unter­richt vor­ge­lebt und geschult wer­den.
An die­ser Stel­le muss ich jedoch auf eine Fal­le auf­merk­sam machen, die alle Bemü­hun­gen zunich­te machen kann. In den Rat­schlä­gen für ange­hen­de Orches­ter­lei­ter des JeKits-Mate­ri­al­pools ist zu lesen: „Ich rate dir, dich auf Kin­der ein­zu­las­sen ohne hohe musi­ka­li­schen [sic] Erwar­tun­gen, aber mit viel Spielfreude.“11
Spiel­freu­de und musi­ka­li­scher Anspruch wer­den in der Instru­men­tal­päd­ago­gik häu­fig gegen­ein­an­der aus­ge­spielt. „Ich rate dir zur Spiel­freu­de“ heißt auto­ma­tisch: „Ver­giss dei­ne musi­ka­li­schen Erwar­tun­gen“. Aber wenn man sich einen Unter­richt mit den zuvor genann­ten Eigen­schaf­ten vor­stellt, ist es dann über­haupt mög­lich, zwi­schen Spiel­freu­de und musi­ka­li­schem Anspruch zu unter­schei­den? Sind all die­se Din­ge nicht hand­fes­te musi­ka­li­sche Kom­pe­ten­zen, die als Lern­zie­le in JeKits ver­folgt wer­den kön­nen? Außer­dem: Impli­ziert die Beach­tung des Kör­pers nicht auch ein Bewusst­sein für Bewe­gungs­qua­li­tä­ten, etwa für die Durch­läs­sig­keit der Spiel­be­we­gun­gen? Ja, von Spiel­tech­nik ist hier die Rede. Spiel­tech­nik zu erler­nen, heißt, die Emp­fin­dungs- und Bewe­gungs­mög­lich­kei­ten des Kör­pers ken­nen­zu­ler­nen und zu erwei­tern – und das ist vom aus­drucks­vol­len, leben­di­gen Musi­zie­ren nicht zu tren­nen. Spiel- und Aus­drucks­be­we­gun­gen bedin­gen ein­an­der. In die­sem Sin­ne rate ich JeKits-Lehr­kräf­ten zur Spiel­freu­de und zu einem hohen – aber auch brei­ten – musi­ka­li­schen Anspruch, der die Qua­li­tä­ten des Ästhe­ti­schen mit ein­schließt.
Wie kann also der JeKits-Unter­richt nach­hal­ti­ge Wir­kung erzie­len? Nicht nur, wenn er „auf den Moment lau­ert“, son­dern auch, wenn er durch die Schu­lung des musi­ka­li­schen Kör­pers und der dar­aus fol­gen­den Schär­fung der musi­ka­li­schen Sen­si­bi­li­tät Mög­lich­kei­ten bie­tet, sich und der Welt im Modus des Ästhe­ti­schen zu begeg­nen.

2. Was sowie­so bleibt – infor­mel­les Musik­ler­nen

Was wird nach dem JeKits-Unter­richt sowie­so blei­ben? Das musi­ka­li­sche Leben unse­rer Schü­le­rin­nen und Schü­ler. War­um? Die Lern­er­fah­run­gen, die sie im Musik­un­ter­richt machen, machen nur einen Bruch­teil ihres musi­ka­li­schen Ler­nens aus. Der Groß­teil davon mit vie­len prä­gen­den Lern­er­fah­run­gen – auch bei Pro­fis, die vie­le Jah­re in musi­ka­li­schen Bil­dungs­ein­rich­tun­gen ver­brin­gen – fin­det außer­halb der Schu­le und des Unter­richts statt: durch „wil­des Ler­nen“, wie Peter Röb­ke und ich das in der Ver­gan­gen­heit genannt haben.12 Trotz­dem nei­gen Instru­ment­al­lehr­kräf­te dazu, Schü­le­rin­nen und Schü­ler – ins­be­son­de­re im Anfän­ger­un­ter­richt – als musi­ka­lisch völ­lig uner­fah­re­ne Men­schen zu betrach­ten. Wir begrei­fen Pro­gram­me wie JeKits als eine Mög­lich­keit für Kin­der, die „sonst nie­mals mit dem Musi­zie­ren in Berüh­rung gekom­men wären“. Das ist ein­fach falsch: Alle Men­schen – auch Grund­schul­kin­der – haben ein musi­ka­li­sches Leben. Ich lebe z. B. mit einem Sechs­jäh­ri­gen, der gera­de JeKits- und Musik­schü­ler ist, und wenn ich mich fra­ge, wel­che Musik bei ihm blei­ben­de Ein­drü­cke hin­ter­lässt, muss ich an Sound­tracks von Kin­der­sen­dun­gen, an sei­nen Lieb­lings­sän­ger, an Kar­ne­vals­lie­der und Ähn­li­ches den­ken.
Als mein Sohn vor unge­fähr zwei Jah­ren mit der Musi­ka­li­schen Früh­erzie­hung begann, stand irgend­wann das Stück Schneck im Haus auf dem Programm:13

Die­ses Stück hat sicher­lich kei­ne blei­ben­den Ein­drü­cke hin­ter­las­sen: Weder die mu­sikalische Struk­tur noch sein Inhalt bie­ten irgend­wel­che Anknüp­fungs­punk­te zum Leben mei­nes Soh­nes oder zu sei­ner Musik. Peter Röb­ke schreibt: „Ich wün­sche mir eine Päd­ago­gik, die Schü­lern nicht deren Wur­zeln aus­reißt, um sie dann – qua­si in einer musik­päd­ago­gi­schen Stun­de Null – einem for­ma­len Sys­tem unter­wer­fen zu kön­nen, in dem der Zusam­men­hang von Musik und Spiel­fä­hig­keit zerreißt…“14
Wenn von JeKits etwas blei­ben soll, dann müs­sen sich Lehr­kräf­te der Tat­sa­che bewusst sein, dass JeKits nicht der Beginn des musi­ka­li­schen Lebens ihrer Schü­le­rin­nen und Schü­ler ist und dass eben­die­se Schü­le­rin­nen und Schü­ler in JeKits nur dann etwas ler­nen wer­den, wenn der Unter­richt auf irgend­ei­ne Wei­se an ihre musi­ka­li­schen Erfah­run­gen anknüpft. War­um? Ler­nen heißt nicht, neue Din­ge in sich hin­ein­zu­stop­fen, als ob man eine Blumen­vase wäre. „Men­schen ler­nen durch den Aus­bau, die Dif­fe­ren­zie­rung und Ver­än­de­rung ihrer Erfah­run­gen“, schreibt der sys­te­mi­sche Päd­ago­ge Rolf Arnold.15 Es ist also nicht so, dass ich der Vier­tel­no­te zum ers­ten Mal im Musik­un­ter­richt begeg­ne, sie übe und sie dann „kann“, son­dern eher so, dass ich irgend­wel­che rhyth­mi­schen Er­fahrungen gemacht haben muss, die durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Vier­tel­no­te im Unter­richt akti­viert und in Fol­ge aus­ge­baut, dif­fe­ren­ziert und ver­än­dert wer­den kön­nen. Nur dann mache ich eine nach­hal­tig wir­ken­de Lern­er­fah­rung.
Wann hin­ter­lässt also der JeKits-Unter­richt blei­ben­de Ein­drü­cke? Wenn er nicht eine ein­sa­me Insel im Meer des Musik­le­bens der JeKits-Schü­le­rin­nen und -schü­ler ist, son­dern an ihre musi­ka­li­schen Erfah­run­gen anknüpft und Mög­lich­kei­ten bie­tet, sie aus­zu­bau­en, zu dif­fe­ren­zie­ren und zu ver­än­dern, das heißt: wenn er emp­fäng­lich für und anschluss­fä­hig an das musi­ka­li­sche Leben von Kin­dern ist.
Wie macht man das? Mei­nes Erach­tens wäre es hier am wich­tigs­ten, Kin­dern im Unter­richt gro­ße Gestal­tungs­spiel­räu­me zu eröff­nen, die sie mit eige­nen Erfah­run­gen und Ide­en fül­len kön­nen. Ein schö­nes Bei­spiel dafür bie­tet das Kon­zept zur Ver­to­nung des Bil­der­buchs Wo die wil­den Ker­le woh­nen von der Musik­schul­leh­re­rin Sig­run Fischer-Rogall.16 Hier wird anschau­lich dar­ge­stellt, wie Lehr­kräf­te im Unter­richt Pha­sen mit mehr oder weni­ger Vor­ga­ben gestal­ten, Grup­pen­ar­beit ermög­li­chen und Ent­schei­dungs­pro­zes­se beglei­ten kön­nen. Öff­nung kann aber natür­lich auch radi­ka­le­re Züge anneh­men. Ein bei JeKits mitt­ler­wei­le viel beach­te­ter und in die­sem Zusam­men­hang erwäh­nens­wer­ter Ansatz ist das „Impro­vi­sa­ti­ons­or­ches­ter“: eine Form diri­gier­ter Impro­vi­sa­ti­on, die den Ensemb­lemitgliedern gro­ße musi­ka­li­sche Gestal­tungs­räu­me öffnet.17 Denk­bar wäre auch, dass JeKits-Lehr­kräf­te nicht nur gemein­sam mit ihren Tand­em­part­ne­rin­nen und -part­nern, son­dern auch mit ihren Schü­le­rin­nen und Schü­lern den Unter­richt planen.18
Kurz: Das infor­mel­le Musik­ler­nen wird so oder so blei­ben. Und wenn der JeKits-Unter­richt nach­hal­ti­ge Wir­kung erzie­len will, dann muss er Wege fin­den, dem­ge­gen­über emp­fäng­lich und anschluss­fä­hig zu sein.

Fort­set­zung in der kom­men­den Aus­ga­be.

1 Die­ser Bei­trag ist die über­ar­bei­te­te Fas­sung ei­nes Vor­trags, den ich am 8. März 2018 im Rah­men des JeKits-Pra­xis­tags in der Köl­ner Musik­hoch­schu­le gehal­ten habe. Der zwei­te Teil erscheint in der kom­men­den Aus­ga­be von musik­schu­le )) DIREKT. Ein Tran­skript des Vor­trags ist im JeKits-Mate­ri­al­pool zu fin­den, https://materialpool.jekits.de/category/inhaltliche-impulse (Stand: 12.7.2018).
2 s. Jens Knig­ge: Intel­li­genz­stei­ge­rung und gute Schul­leis­tun­gen durch Musik­erzie­hung. Die Bas­­ti­an-Stu­die im öffent­li­chen Dis­kurs, VDM-Ver­lag Dr. Mül­ler, Saar­brü­cken 2007.
3 vgl. Heinz von Foerster/Bernhard Pörk­sen: Wahr­heit ist die Erfin­dung eines Lüg­ners. Gesprä­che für Skep­ti­ker, Carl-Auer-Sys­te­me Ver­lag, Hei­del­berg 72006, S. 54–59 und 65–67.
4 „Vom Lau­ern auf den Moment“ war das Mot­to des Pra­xis­tags im Jahr 2017 und der Titel der vor Kur­zem erschie­ne­nen Publi­ka­ti­on der JeKits-Aka­de­mie. JeKits-Stif­tung (Hg.): Vom Lau­ern auf den Moment. Pra­xis­im­pul­se, Refle­xio­nen und Schlüs­sel­fra­gen aus der Arbeit der JeKits-Aka­de­mie, Bochum 2017.
5 Anja Bossen/Rüdiger Beh­schnitt: „Ich bin äußerst pes­si­mis­tisch. Rüdi­ger Beh­schnitt im Gespräch mit Anja Bos­sen über Sprach­för­de­rung mit Musik, JeKi und die Zukunft des Berufs ,Instrumentallehrer/in‘“, in: üben & musi­zie­ren 5/2012, S. 45 f.
6 Zita­te von JeKits-Tanz­schü­le­rin­nen aus dem Infor­mationsfilm zum Jekits-Pro­gramm, www.jekits.de/ infor­ma­ti­ons­film (Stand: 25.6.2018).
7 Heinz-Elmar Tenorth/Thomas Ker­stan: „,Bil­dung ist, was übrig bleibt‘. Der Erziehungswissenschaft­ler Heinz-Elmar Ten­orth über Schu­le als Welt­zu­gang und Kopf­gym­nas­tik“, in: Die Zeit vom 11. August 2011, www.zeit.de/2011/33/Interview-Tenorth (Stand: 27.2.2018).
8 Die Vor­stel­lung der Modi der Welt­be­geg­nung geht auf den Erzie­hungs­wis­sen­schaft­ler Jür­gen Baum­ert zurück. Baum­ert nennt hier etwa den kogni­tiv-instru­men­tel­len Modus der Natur­wis­sen­schaf­ten, den eva­lua­tiv-nor­ma­ti­ven Modus der Geschich­te, den ratio­nal-kon­sti­tu­ti­ven Modus der Phi­lo­so­phie und den ästhe­tisch-expres­si­ven Mo­dus der Küns­te und des Sports. Jür­gen Baum­ert: Deutsch­land im inter­na­tio­na­len Bil­dungs­ver­gleich. Vor­trag von Prof. Dr. Jür­gen Baum­ert anläss­lich des drit­ten Werk­statt­ge­sprä­ches der Initia­ti­ve „McK­in­sey bil­det“, im Muse­um für ost­asia­ti­sche Kunst, Köln, 2001, S. 7–8; http://gaebler.info/pisa/baumert.pdf (Stand: 27.2.2018).
9 Tenorth/Kerstan 2011.
10 Georg Picht, zitiert nach Ulrich Mah­lert: Wege zum Musi­zie­ren. Metho­den im Instru­men­tal- und Vokal­un­ter­richt, Schott, Mainz 2011, S. 15.
11 JeKits-Stif­tung: Rat­schlä­ge für ange­hen­de JeKits-Orches­ter­lei­te­rIn­nen, 2015, https://materialpool.jekits.de/ratschlaege-fuer-angehende-jekits-orchesterleiterinnen (Stand: 28.2.2018).
12 vgl. Nata­lia Ardi­la-Man­til­la/­Pe­ter Röb­ke (Hg.): Vom wil­den Ler­nen. Musi­zie­ren ler­nen – auch außer­halb von Schu­le und Unter­richt, Schott, Mainz 2009.
13 Ver­band deut­scher Musik­schu­len (Hg.): Musi­kalische Früh­erzie­hung „Tina und Tobi“. Schü­ler­lern­mit­tel 1. Halb­jahr. Musik­fi­bel 1, Bos­se, Kas­sel 2003, S. 8b.
14 Peter Röb­ke: „Lösung aller Pro­ble­me? Die ,Ent­deckung‘ des infor­mel­len Ler­nens in der Instru­men­tal­päd­ago­gik“, in: Ardi­la-Man­til­la/Röb­ke, a. a. O., S. 25.
15 Rolf Arnold: Wie man lehrt, ohne zu beleh­ren. 29 Regeln für eine klu­ge Leh­re. Das LENA-Modell, Carl-Auer-Sys­te­me Ver­lag, Hei­del­berg 32015, S. 36.
16 s. Sig­run Fischer-Rogall: Wo die wil­den Ker­le woh­nen. Kon­zept und Erfah­rungs­be­richt einer Bil­der­buch­ver­to­nung. Idee für die Pra­xis aus dem JeKits-Mate­ri­al­pool, 2017, https://materialpool. jekits.de/wo-die-wilden-kerle-wohnen (Stand: 28.2.2018).
17 s. Clau­dia Meyer/Angelika She­ri­dan: „Improvisa­tionsorchester – Ele­men­ta­re Musik­pra­xis. Zusam­men­spiel indi­vi­du­el­ler Ent­schei­dun­gen und kol­lektiver Qua­li­tät“, in: Mari­an­ne Stef­fen-Wit­te­k/ Micha­el Dartsch (Hg.): Impro­vi­sa­ti­on. Refle­xio­nen und Pra­xis­mo­del­le aus Ele­men­ta­rer Musikpäda­gogik und Rhyth­mik, Con­Brio, Regens­burg 2014, S. 207–220; s. auch: Peter Knodt: Ein­bli­cke – Per­spektiven. Video­re­fle­xi­on von Instru­men­tal- und Gesangs­un­ter­richt. Ein Leit­fa­den, Breit­kopf & Här­tel, Wies­ba­den 2017, S. 33–38.
18 Anne Stein­bach (frü­her: Weber-Krü­ger) hat in ihrer Dis­ser­ta­ti­ons­schrift kon­kre­te Vor­schlä­ge für die Inte­gra­ti­on der kind­li­chen Per­spek­ti­ve in den musi­ka­li­schen Früh­erzie­hungs­un­ter­richt vor­ge­legt, die bei JeKits rezi­piert und wei­ter­ent­wi­ckelt wer­den könn­ten. Anne Weber-Krü­ger: Bedeu­tungs­zu­wei­sun­gen in der musi­ka­li­schen Früh­erzie­hung. Inte­gra­ti­on der kind­li­chen Per­spek­ti­ve in musi­ka­li­sche Bil­dungs­pro­zes­se, Wax­mann, Müns­ter 2014, S. 305–359.