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Ahner, Philipp

Blen­ded Lear­ning

Ein Blick auf neue Unterrichtsformen für die digital-traditionelle Musikschule

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 4/2018 , musikschule )) DIREKT, Seite 06

Wird es in zehn Jahren noch Musikunterricht geben, zu dem die Schülerinnen und Schüler in die Musikschule kommen? Oder werden Kinder und Jugendliche zu Hause sitzen und über eine digitale Verbindung mit einer realen oder virtuellen Lehrkraft ihre Fähigkeiten weiter­entwickeln?

Dies sind natür­lich pro­vo­kan­te Fra­gen, die in ers­ter Linie die Sor­gen und Ängs­te rund um die Digi­ta­li­sie­rung wider­spie­geln. Tech­no­lo­gi­en, und dazu zäh­len auch digi­ta­le Tech­no­lo­gi­en, erset­zen nicht den rea­len zwi­schen­mensch­li­chen Kon­takt. Dies betrifft beson­ders das Musi­zie­ren bzw. das Erler­nen eines Instru­ments oder des Gesangs. Tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen wie bei­spiels­wei­se die Ven­ti­le bei Blechblas­instrumenten, eine ver­bes­ser­te Akus­tik in Kon­zert­häu­sern oder eine aus­ge­feil­te Mecha­nik bei Kla­vie­ren haben unse­re Musik­pra­xis berei­chert und teil­wei­se erst ermög­licht. Vie­le Neue­run­gen haben ihre Zeit ge­braucht, bis sie Ein­zug in die musi­ka­li­sche Bil­dung gefun­den haben. So ist es auch mit der Digi­ta­li­sie­rung.
Digi­ta­li­sie­rung und Umgangs­wei­sen mit Musik sind ins­be­son­de­re bei Jugend­li­chen eng mit­ein­an­der ver­bun­den. Dabei führt die Digi­ta­li­sie­rung zu einer immer stär­ke­ren Ver­schrän­kung von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en und Gesell­schaft. Die zuneh­men­de digi­ta­le Dau­er­ver­net­zung und per­ma­nen­te Kon­nek­ti­vi­tät ver­än­dern Umgangs­wei­sen mit und ästhe­ti­sche Wer­tig­kei­ten von Musik. Die­se Ent­wick­lun­gen und die damit ver­bun­de­nen Unsi­cher­hei­ten und offe­nen Fra­gen sind ver­mut­lich tra­gen­de Grün­de für eine ins­ge­samt sehr vor­sich­ti­ge und teils ableh­nen­de Hal­tung von Musik­lehr­kräf­ten gegen­über digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en.
Die­se Ableh­nung hat eine lan­ge Tra­di­ti­on: „Kul­tur“ und „Tech­nik“ sind im Sprach­ge­brauch der ver­gan­ge­nen 200 Jah­re zu Leit­be­grif­fen gewor­den, die immer wie­der in poli­tisch-kämp­fe­ri­scher Absicht ein­ge­setzt bzw. ein­an­der ent­ge­gen­ge­setzt wor­den sind.1 Publi­ka­tio­nen, die die unterschied­lichen Facet­ten eines tech­no­lo­gi­schen Determinismus2 wider­spie­geln, prä­gen musik­bezogene Dis­kur­se, in denen auf der einen Sei­te das Musi­ka­lisch-Tra­di­tio­nel­le und auf der ande­ren Sei­te digi­ta­le Medi­en bzw. Tech­no­lo­gi­en ste­hen. In der Fol­ge ver­har­ren Musik und Digi­ta­li­sie­rung in die­sen Dis­kur­sen als Pole, die mal posi­tiv, mal nega­tiv auf­ein­an­der wir­ken, indem Musik als „Gegen­welt zur Welt der digi­ta­len Medien“3 oder digi­ta­le Tech­no­lo­gi­en als her­aus­ra­gen­de Chan­ce zur Ent­fal­tung von Krea­ti­vi­tät und Musi­ka­li­tät bei Heranwachsenden4 beschwo­ren wer­den.

All­mäh­li­che Trans­for­ma­tio­nen

Es geht aber auch anders: Anstel­le einer ge­genstandsbezogenen Unter­schei­dung von Tech­nik und Kul­tur und einer damit ver­bun­de­nen Tren­nung in Mit­tel (Tech­nik) und Wer­te (Kultur)5 bie­ten sozio­lo­gi­sche Theo­ri­en der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te Her­an­ge­hens­wei­sen, in denen „tech­nik­in­du­zier­ter Wan­del als ite­ra­ti­ves Zusam­men­spiel von tech­no­lo­gi­schen Dyna­mi­ken und damit zusam­men­hän­gen­den sozio­öko­no­mi­schen und insti­tu­tio­nel­len Restrukturierungen“6 gese­hen wird. Alle musikbezo­genen Wand­lun­gen sind dem­nach mit Restruk­tu­rie­run­gen ver­bun­den, die sich auch in wan­deln­den musi­ka­lisch-ästhe­ti­schen Wer­tig­kei­ten und Wirk­lich­kei­ten wider­spie­geln. Die­se voll­zie­hen sich nicht radi­kal von heu­te auf mor­gen, son­dern in vie­len klei­nen Trans­for­ma­tio­nen. Dabei blei­ben Tech­no­lo­gi­en – auch in einem fort­ge­schrit­te­nen Ent­wick­lungs­sta­di­um – über eine lan­ge Zeit in ihrer kul­tu­rel­len und gesell­schaft­li­chen Bedeu­tung und Ver­wen­dung form­bar. Mit die­ser Per­spek­ti­ve wer­den Musik­schu­len, Musik­schul­lehr­kräf­te und Ler­nen­de gemein­sam zu Kon­struk­teu­ren einer künf­ti­gen musi­ka­lisch-ästhe­ti­schen Pra­xis in einer zuneh­mend digi­ta­li­sier­ten Welt.

Auf den Mix kommt es an

In die­sem Bei­trag geht es um die Fra­ge, wie Musik­schu­len und Lehr­kräf­te Mög­lich­kei­ten hybri­den Ler­nens in sinn­vol­ler Kom­bi­na­ti­on von Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen und Ein­satz digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en nut­zen kön­nen. Eine sol­che Misch­form, in der nicht nur face-to-face oder nur online gelernt wird, wird als Blen­ded Lear­ning bezeich­net.
Hybri­des Ler­nen voll­zieht sich in vie­len Lern­pro­zes­sen auch ohne, dass hier­für die Über­schrift „Blen­ded Lear­ning“ ver­wen­det wird – oft auch ohne, dass dies von der Lehr­kraft beab­sich­tigt wur­de. Wenn bei­spiels­wei­se eine Schü­le­rin oder ein Schü­ler sich das Instru­men­tal­stück aus der Musik­stun­de zu Hau­se auf You­Tube anhört oder Infor­ma­tio­nen über den Kom­po­nis­ten online recher­chiert, haben wir es mit einer Form von Blen­ded Lear­ning zu tun. Die­ses „Selbst­ler­nen“ der Jugend­li­chen mit digi­ta­len Medi­en wie auch der Umgang im Peer-to-peer mit die­sen Gerä­ten sind Inter­ak­tio­nen, die wich­ti­ge Ele­men­te ihrer Iden­ti­täts­bil­dung umfassen.7
Wie kön­nen Musik­schu­len und Musik­lehr­kräf­te Stra­te­gi­en und Kon­zep­te ent­wi­ckeln, um die all­ge­gen­wär­tig vor­han­de­nen Mög­lich­kei­ten der Digi­ta­li­sie­rung und Media­ti­sie­rung für Lern­pro­zes­se in und außer­halb der Musik­schu­le zu nut­zen? Vie­le An­sätze und Kon­zep­tio­nen des Blen­ded Lear­ning rich­ten den Blick auf die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­ge und Orte, an denen Bil­der, Spra­che oder Tex­te von Ler­nen­den er- oder bear­bei­tet wer­den. Ergän­zend zu Prä­senz­ver­an­stal­tun­gen geht es um ver­tie­fen­des Mate­ri­al, wel­ches an einem vom Ler­nen­den gewähl­ten Ort zu einem ande­ren Zeit­punkt gele­sen, gehört, betrach­tet oder erstellt wer­den kann. Die Ler­nen­den kön­nen dabei auch Tem­po und zeit­liche Inter­val­le selbst fest­le­gen. Auch für das Ler­nen in der Musik­schu­le eig­nen sich sol­che viel­fäl­tig erprob­ten und doku­men­tier­ten For­men des Blen­ded Learning.8

Digi­ta­le Musik­lern­an­ge­bo­te

Für Musik­schu­len eröff­nen sich jedoch zahl­reiche wei­te­re For­men des Blen­ded Lear­ning. Neben den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­platt­for­men, Audio- und Video­por­ta­len oder web­ba­sier­ten Platt­for­men wer­den auf dem Markt meh­re­re tau­send Apps ange­bo­ten, die Mög­lich­kei­ten der digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en im Umgang mit Klang nut­zen. Genau­er betrach­tet bie­ten sol­che Apps vier Dimen­sio­nen im Umgang mit Klang bzw. Schall (sie­he Abbil­dung) und wer­den im Fol­gen­den als Klang­APPs bezeichnet.9

Pro­du­cing
Apps ermög­li­chen die Auf­nah­me, Bear­bei­tung oder Wie­der­ga­be von Klän­gen. Für die Klang­be­ar­bei­tung nut­zen sie ein­ge­bau­te und ange­steck­te Mikro­fo­ne, den Import von Klän­gen aus ande­ren Apps sowie digi­ta­le Schnitt­stel­len wie USB, WLAN oder Blue­tooth.

Making
Das Spek­trum an Klän­gen und Spiel­wei­sen, die Apps anbie­ten und damit ein mobi­les End­ge­rät in ein digi­ta­les Musik­in­stru­ment ver­wan­deln, ist groß. Apps sind in der Regel auf Gerä­ten instal­liert, in denen zehn oder mehr Sen­so­ren ein­ge­baut sind: Mit Mikro­fon, Touch­screen, Bewe­gungs­sen­so­ren, Ther­mo­me­ter, GPS-Ortungs­sys­tem etc. besit­zen die­se Gerä­te zahl­rei­che Wahr­neh­mungs­funk­tio­nen. Die Apps nut­zen die Sen­so­ren für eine Klang­er­zeu­gung, indem durch Berüh­ren des Touch­screens, durch Bewe­gun­gen und Beschleu­ni­gun­gen oder Abstand­mes­sun­gen Klän­ge kre­iert, imi­tiert oder kom­bi­niert wer­den.

Sys­tem
Musik­leh­re, Nota­ti­on, Griff­ta­bel­len, Musik­ge­schich­te: In Apps kön­nen Quin­ten­zir­kel nach­ge­schla­gen, Inter­val­le, Drei- und Vier­klän­ge bestimmt oder Noten geschrie­ben wer­den. Zahl­rei­che Apps set­zen dabei einen beson­de­ren Schwer­punkt bei der Ent­wicklung von Hör- und Nota­ti­ons­fer­tig­kei­ten der Nut­zer (Gehör- und Rhythmus­training, Ton­satz­trai­ning etc.).

Sen­so­ric
Die in den Gerä­ten ein­ge­bau­ten Sen­so­ren (ins­be­son­de­re das Mikro­fon) kön­nen von Apps auch dazu genutzt wer­den, unter­schied­li­che Mess­ergeb­nis­se in geeig­ne­ter Form zu visua­li­sie­ren. Grund­sätz­lich kön­nen für alle ein­ge­bau­ten Sen­so­ren sol­che Apps genutzt wer­den. Hin­sicht­lich musik­be­zo­ge­ner Ver­wen­dun­gen erschei­nen bis­her nur die Mess­ergeb­nis­se des Mikro­fons rele­vant, die sich auf Laut­stär­ke (Schall­druck), Ton­hö­he (Fre­quenz), Klangspekt­rum oder Klang­cha­rak­te­ris­tik bezie­hen.

Die durch die­se Klang­APPs gewon­ne­nen Daten oder Erkennt­nis­se müs­sen nicht auf dem ein­zel­nen Gerät bzw. beim ein­zel­nen Ler­ner ver­blei­ben. In der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ande­ren Nut­zern (Leh­ren­de oder Ler­nen­de) kön­nen (Zwischen-)Ergebnisse oder wei­te­re Auf­ga­ben geteilt und ver­sen­det wer­den. Zahl­rei­che Apps bie­ten dafür Zusatz­funk­tio­nen, und eine gan­ze Fül­le von Apps ist spe­zi­ell für eine sol­che Kom­mu­ni­ka­ti­on unter Nut­zern aus­ge­rich­tet. Die ver­schie­de­nen Dimen­sio­nen von Klang­APPs kön­nen im Sin­ne des Blen­ded Lear­ning ein Selbst­ler­nen mit digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en und tra­di­tio­nel­len Prä­senz­un­ter­richt mit­ein­an­der ver­bin­den.

Zur Aus­gangs­la­ge für Blen­ded Lear­ning in Musik­schu­len

) Schü­le­rin­nen und Schü­ler kom­men in der Regel ein­mal in der Woche zum Unter­richt in die Musik­schu­le.
) Kin­der und Jugend­li­che ver­fü­gen in den meis­ten Fäl­len über mobi­le digi­ta­le End­ge­rä­te mit Mikro­fon, Laut­spre­cher, Touch­screen, Inter­net­an­bin­dung und diver­sen Sen­soren.
) Das Inter­net bie­tet eine gro­ße Fül­le an Infor­ma­tio­nen, Audio­da­tei­en und Vide­os. Ange­bo­te zu Instru­men­ten, Inter­pre­ten, Wer­ken, Kom­po­nis­ten oder Stil­rich­tun­gen sind in unter­schied­lichs­ten qua­li­ta­ti­ven Aus­prägungen jeder­zeit online ver­füg­bar.
) Diver­se Apps bie­ten unter­schied­li­che Hand­lungsoptionen:
– musik­be­zo­ge­ne Dimen­sio­nen (Klang­APPs): Auf­neh­men, Bear­bei­ten, Wie­der­ge­ben, Mes­sen, Notie­ren, Nach­schla­gen, Erzeu­gen, Imi­tie­ren, Kom­bi­nie­ren oder Sor­tie­ren von Klän­gen.
– Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ande­ren Nut­zern über Platt­for­men wie Face­book, Mes­sen­ger-Diens­te wie Whats­App oder die tra­di­tio­nel­le Tele­fon­funk­ti­on. Dabei kön­nen alle For­men und For­ma­te von Daten wie Spra­che, Text oder Klän­ge kom­mu­ni­ziert oder geteilt wer­den.
– Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung durch das Abru­fen von online ver­füg­ba­ren Inhal­ten.
– Siche­rung, Wei­ter­ga­be oder Publi­ka­ti­on von Daten durch einen ent­spre­chen­den Upload auf eine geschütz­te oder öffent­lich zugäng­li­che Platt­form.

Pla­nungs­mo­dell für Blen­ded Lear­ning in Musik­schu­len

Für die Kon­zep­ti­on und Durch­füh­rung von Blen­ded Lear­ning in Musik­schu­len wer­den neben päd­ago­gi­schen und künst­le­ri­schen Kom­pe­ten­zen für den Prä­senz­un­ter­richt auch Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten bezüg­lich digi­ta­ler musik­be­zo­ge­ner Tech­no­lo­gi­en und bezüg­lich des Selbst­ler­nens von Jugend­lichen mit digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en gefor­dert. Die­se Not­wen­dig­keit und deren Bedeu­tung für die Pla­nung von Lern­pro­zes­sen mit Tech­nologien greift das TPACK-Modell (sie­he Abbil­dung) auf.10

Das TPACK-Modell (Tech­no­lo­gi­cal Pedago­gi­cal And Con­tent Know­ledge) ermög­licht eine dif­fe­ren­zier­te Betrach­tung des kom­ple­xen Zusam­men­spiels von tech­no­lo­gi­schen, päd­ago­gi­schen und fach­be­zo­ge­nen Anfor­de­run­gen einer Lehr­kraft und bezieht sich all­ge­mein auf Lehr-Lern-Pro­zes­se mit Tech­no­lo­gi­en in allen Fach­ge­bie­ten. Es ist im eng­lisch­spra­chi­gen Raum weit ver­brei­tet. In der Musik­päd­ago­gik wur­de auch im deutsch­spra­chi­gen Raum bereits mit die­sem Modell in der Wei­ter­bil­dung im Bereich der Musik­ver­mitt­lungs­ar­beit gearbeitet,11 fin­det ansons­ten jedoch bis­her eher wenig Anwen­dung. Für musik­bezogenes Ler­nen unter Ein­be­zie­hung der musi­ka­li­schen Lebens­wel­ten Jugend­li­cher modi­fi­zier­te Mari­na Gall das Modell in zwei zen­tra­len Aspekten:12
) Die zen­tra­len Dimen­sio­nen tech­no­lo­gi­sches und päd­ago­gi­sches Wis­sen wer­den in all­ge­mei­ne und musik­be­zo­ge­ne Berei­che unter­teilt.
) Im Schnitt­feld von tech­no­lo­gi­schem, päd­ago­gi­schem und inhalt­li­chem Wis­sen erschei­nen tech­no­lo­gi­sche und musik­be­zo­ge­ne tech­no­lo­gi­sche Kennt­nis­se und musi­ka­li­sche Prä­fe­ren­zen der Schü­le­rin­nen und Schü­ler als zen­tra­le Dimen­sio­nen.
Durch die­se Dif­fe­ren­zie­rung und die Ein­be­zie­hung der musik­be­zo­ge­nen Vor­aus­set­zun­gen der Ler­nen­den in den Pla­nungs­pro­zess ver­deut­licht Gall die beson­de­ren Her­aus­for­de­run­gen von Blen­ded Lear­ning in Musik­schu­len.

Her­aus­for­de­run­gen für ­Musik­schu­len und Lehr­kräf­te

Blen­ded Lear­ning und der Ein­satz digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in Mu­sikschulen ist nicht tri­vi­al. Sowohl im struk­tu­rell-admi­nis­tra­­ti­ven wie im indi­vi­du­ell-unter­richt­li­chen Bereich sind für eine erfolg­rei­che Imple­men­tie­rung von Kon­zep­ten hybri­den Ler­nens in Musik­schu­len eini­ge Anstren­gun­gen nötig. Umfang und Auf­wand hän­gen von den jewei­li­gen Vor­aus­set­zun­gen ab.
Den neu­en digi­ta­len Mög­lich­kei­ten wird ger­ne die Rol­le zuge­schrie­ben, beson­ders die Krea­ti­vi­tät und Moti­va­ti­on der Schü­ler för­dern zu können.13 Diver­se For­schungs­pro­jek­te und Pra­xis­be­rich­te haben jedoch gezeigt, dass dies nur ein­ge­schränkt zutrifft und die Ver­wen­dung digi­ta­ler Tech­no­lo­gi­en in Lern­pro­zes­sen gera­de unter dem Aspekt der Lern- und Lebens­wel­ten der Kin­der und Jugend­li­chen zwar erfolg­reich sein kann, aber von vie­len Fak­to­ren abhängt. Bei­spiels­wei­se haben Jugend­li­che gegen­über einer Ver­wen­dung ihrer Smart­phones und Tablets in Lern­pro­zes­sen mehr­heitlich eine kri­tisch-refle­xi­ve Hal­tung und den Wunsch, dass sich der Ein­satz digi­ta­ler Medi­en auf ein­zel­ne Lern­pha­sen beschränkt.14
Blen­ded Lear­ning und die damit ver­bun­de­nen Anfor­de­run­gen an das Ver­knüp­fen von Prä­senz­un­ter­richt und Selbst­ler­nen mit digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en bau­en auf all­ge­mei­ne Kennt­nis­se der päd­ago­gi­schen Psycholo­gie und Sozio­lo­gie sowie der all­ge­mei­nen (Fach-)Didaktik. Die­se Wis­sens­ge­bie­te bedür­fen einer stär­ke­ren Ein­bin­dung in ins­t­ru­men­tal- und gesangs­päd­ago­gi­sche Berufs­bilder und Stu­di­en­gän­ge.

All­ge­mei­ne und musik­bezogene Tech­no­lo­gi­en

Die tech­no­lo­gi­schen Ent­wick­lun­gen sind geprägt von drei markt­be­herr­schen­den Betriebs­sys­te­men: Aktu­ell sind über 80 Pro­zent der Gerä­te mit dem Betriebs­sys­tem Win­dows (sta­tio­nä­re Gerä­te) bzw. Andro­id (mobi­le Gerä­te) aus­ge­stat­tet. Die Soft­ware von Apple (Mac OSX bzw. iOS) fin­det sich nur auf knapp 15 Pro­zent der Gerä­te. Die Betriebs­sys­te­me wei­sen unter­einander nur sehr begrenz­te Kom­pa­ti­bi­li­tät auf. Bezo­gen auf die Ver­ar­bei­tung von Klang bie­ten Betriebs­sys­te­me von Apple eine deut­lich höhe­re Qua­li­tät und eine deut­lich höhe­re Kom­pa­ti­bi­li­tät von sta­tio­nä­ren und mobi­len Gerä­ten. Ange­bo­te und For­ma­te von Blen­ded Lear­ning in Musik­schu­len bedür­fen vor die­sem Hin­ter­grund einer sorg­fäl­ti­gen Kon­zep­ti­on und Ein­bet­tung in die unter­schied­li­chen Betriebs­sys­te­me. Dies­be­züg­lich sind gemein­sa­me Anstren­gun­gen der Musik­schu­len ins­ge­samt erfor­der­lich.

Mit Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen zusam­men­ar­bei­ten

Allei­ne erschei­nen die Her­aus­for­de­run­gen kaum leist­bar zu sein. Vor die­sem Pro­blem ste­hen jedoch fast alle Lehr­kräf­te. Ein mög­li­cher Aus­weg besteht des­halb in der Bil­dung einer soge­nann­ten „Com­mu­ni­ty of Practice“.15 Damit sind pra­xis­be­zo­ge­ne (Arbeits-)Gemeinschaften gemeint, in denen die Mit­glie­der infor­mell mit­ein­an­der ver­bun­den sind, ähn­li­che Auf­ga­ben zu bewäl­ti­gen haben und die durch Inter­ak­ti­on von­ein­an­der ler­nen wol­len. Für den Ein­zel­nen bil­det eine sol­che Com­mu­ni­ty of Prac­tice einen kol­le­gia­len Stütz- und Anker­punkt, in dem das Wis­sen in einem Wech­sel­spiel von indi­vi­du­el­lem, kol­lek­ti­vem und orga­ni­sa­tio­na­lem Ler­nen einen Ort und eine Form des Tei­lens fin­det.
Musik­schu­len kön­nen die Bil­dung sol­cher Com­mu­nities of Prac­tice för­dern, indem Räu­me, Res­sour­cen und orga­ni­sa­to­ri­sche Hil­fen ange­bo­ten wer­den. Wich­tig ist jedoch, dass die­se Gemein­schaf­ten in der Schwe­be zwi­schen for­mell und infor­mell blei­ben, sich selbst im Feld von Regeln und Frei­heit posi­tio­nie­ren kön­nen und kein Druck im Sin­ne eines Top-Down-Den­kens von über­ge­ord­ne­ten Stel­len aus­ge­übt wird. Denn im Fokus bleibt der Ver­such, das Ler­nen für die Teil­neh­men­den selbst zu orga­ni­sie­ren, das Struk­tu­rie­ren des Fach­gebiets gemein­sam in Angriff zu neh­men und an den klei­nen Trans­for­ma­tio­nen im Wech­sel­spiel von musi­ka­li­scher Pra­xis und tech­no­lo­gi­scher Inno­va­ti­on gemein­sam zu arbei­ten.
Blen­ded Lear­ning beginnt im Unter­richt der ein­zel­nen Lehr­kraft. Klei­ne Gesprä­che zwi­schen Leh­ren­den und Ler­nen­den über eine mög­li­che Ver­tie­fung des Prä­senz­un­ter­richts durch eine geziel­te Ver­wen­dung des Smart­pho­nes oder Tablets zu Hau­se, der Ein­satz von musik­be­zo­ge­nen Apps (Klang­APPs) wäh­rend des Unter­richts und für die häus­li­chen Übe­pha­sen, das gegen­sei­ti­ge Sich-ver­traut-Machen mit media­len Umgangs­wei­sen oder ergän­zen­de Arbeits­ma­te­ria­li­en, die von den Schü­le­rin­nen und Schü­lern außer­halb des Prä­senz­un­ter­richts mit­hil­fe von Smart­pho­nes oder Tablets bear­bei­tet wer­den kön­nen, sind wich­ti­ge Schrit­te für einen Beginn mit Blen­ded Lear­ning. Die aktu­ell gro­ßen und not­wen­di­gen Schrit­te der Musik­schu­len ins­ge­samt wer­den dadurch nicht obso­let, son­dern erst wir­kungs­voll.

1 Chris­toph Hubig: „Kul­tur oder Tech­nik? Über das Tech­ni­sche in der Kul­tur und das Kul­tu­rel­le in der Tech­nik“, in: The­men­heft For­schung. Kul­tur und Tech­nik, Uni­ver­si­tät Stutt­gart, 2008, S. 14–23, hier: S. 14; www.uni-stuttgart.de/presse/archiv/ themenheft/04/kultur_oder_technik.pdf (Stand: 28.4.2018).
2 Bruce Bim­ber: „Three Faces of Tech­no­lo­gi­cal De­terminism“, in: Mer­rit Roe Smith/Leo Marx (Hg.): Does Tech­no­lo­gy Dri­ve Histo­ry? The Dilem­ma of Tech­no­lo­gi­cal Deter­mi­nism, MIT Press, Cam­bridge 1994, S. 79–100.
3 Wolf­gang Mar­tin Stroh/Christoph Trap­pe: „Medi­en­kom­pe­tenz durch Musik­un­ter­richt? Zehn Jah­re danach: Moving Sounds“, in: Arne Bense/ Mar­tin Gieseking/Bernhard Müssgens/Bernd End­ers (Hg.): Musik im Spek­trum tech­no­lo­gi­scher Ent­wick­lun­gen und Neu­er Medi­en. Fest­schrift für Bernd End­ers (= Bei­trä­ge zur Medi­en­äs­the­tik der Musik, Band 15), Uni­ver­si­tät Osna­brück, Osna­brück 2015, S. 389–408, hier: S. 395.
4 Scott Wat­son: Using Tech­no­lo­gy to Unlock Musi­cal Crea­ti­vi­ty, Oxford Uni­ver­si­ty Press 2011.
5 Hubig, S. 22.
6 Ulrich Dola­ta: Wan­del durch Tech­nik. Eine Theo­rie sozio­tech­ni­scher Trans­for­ma­ti­on, Cam­pus, Frank­furt am Main 2011, S. 123.
7 Phil­ipp Ahner: „Media­ti­sie­rung, Lebens­welt und Musik­un­ter­richt“, in: Con­stan­ze Rora/Katharina Schil­ling-Sand­voss (Hg.): Musik­kul­tu­ren und Lebens­welt (= Musik im Dis­kurs, Bd. 3), Shaker, Aachen 2018, 293–310.
8 Leib­niz-Insti­tut für Wis­sens­me­di­en: Blen­ded Lear­ning – e-teaching.org, 2017; www.e-teaching.org/lehrszenarien/blended_learning (Stand: 12.4.2018).
9 Phil­ipp Ahner: „Musik­päd­ago­gik und Musik­didaktik im Kon­text digi­ta­ler Medi­en“, in: Staat­liche Hoch­schu­le für Musik Tros­sin­gen (Hg.): Lese­werk. Schrift zur Ein­wei­hung des Lan­des­zen­trums MUSIKDESIGNPERFORMANCE, Tros­sin­gen 2017, S. 22–29.
10 Mat­thew J. Koehler/Punya Mishra: „What Is Tech­no­lo­gi­cal Pedago­gi­cal Con­tent Know­ledge?“, in: Con­tem­pora­ry Issu­es in Tech­no­lo­gy and Tea­cher Edu­ca­ti­on 9 (1); https://citejournal.s3.amazonaws.com/wp-content/uploads/2016/04/v9i1general1.pdf (Stand: 12.9.2017).
11 Marc Godau: Theo­rie der Pra­xis – Planungs­modell TPACK, For­schungs­stel­le App­mu­sik, 2014; http://forschungsstelle.appmusik.de/theorie-der-praxis-planungsmodell-tpack (Stand: 13.4.2018).
12 Mari­na Gall: „TPACK and Music tea­cher Edu­ca­ti­on“, in Andrew King/Evangelos Himonides/Alex Ruth­mann (Hg.): The Rout­ledge com­panion to music, tech­no­lo­gy, and edu­ca­ti­on, Rout­ledge, New York 2017, S. 305–318.
13 vgl. Wat­son.
14 Hen­ri­ke Fried­richs-Lie­sen­köt­ter/­Phil­ip Karsch: „Smart­pho­nes im Unter­richt – Wol­len das Schü­le­rin­nen und Schü­ler über­haupt?! Eine explo­ra­ti­ve Stu­die zum Smart­pho­ne-Ein­satz an wei­ter­füh­ren­den Schu­len aus der Sicht von Schü­le­rin­nen und Schü­lern“, in: Medi­en­Päd­ago­gik. Zeit­schrift für Theo­rie und Pra­xis der Medi­en­bil­dung 31 (0), 2018, S. 107–124, hier: S. 107; doi:10.21240/mpaed/31/2018.03.30.X
15 Eti­en­ne Wenger/William Sny­der: Com­mu­nities of prac­tice: The orga­ni­za­tio­nal fron­tier, Har­vard Bu­siness Review (Janu­a­ry-Febru­a­ry), 2000, S. 139–145.